Tunnel | 19.08.06

Das alte Fischerdorf Stralau ist ein Kleinod. Hier befinden sich ein altes Glaswerk, eine schiefe Kirche und neudings zahlreiche teure Immobilien. Ferner gibt es das Spreeufer zu drei Seiten, was für eine Halbinsel nun wirklich keine Kunst ist, und einen Straßenbahntunnel, der keiner mehr ist. Das mit dem Tunnel war so: 1899 bis 1930 fuhren von hier unter der Spree hindurch bis nach Treptow Straßenbahnen. Da die Strecke eingleisig war, gab es eine einfache wie geniale Methode, um Unfälle zwischen entgegenkommenden Zügen zu vermeiden: Einen hölzernen Knüppel, gleich einem Staffelstab. Nur der Straßenbahnfahrer, der ihn hatte, durfte den Tunnel passieren. So waren Zusammenstöße quasi ausgeschlossen.

Im Krieg wurde der Tunnel zu einem Luftschutzbunker umfunktioniert. Irgendwann zum Ende des Kriegs erlitt er einen Volltreffer und wurde zerstört. Auf der Stralauer Seite, die etwas höher liegt, blieb er jedoch weitgehend trocken. Als man ihn in den neunziger Jahren öffnete, fand man dort noch die Parkbänke, die für die Schutzsuchenden in den Untergrund geschafft worden waren. Heute ist Gras über die Sache gewachsen, im wahrsten Sinne des Wortes. Nur die im Nichts endende Straße mit dem begrünten Mittelstreifen, die den (für Nichteingeweihte) unerklärlichen Namen 'Tunnelstraße' trägt, erinnert noch an den Tunnel, den Bunker und an die Knüppelbahn.