Mahnmal | 06.03.06
Das Wort 'Denkmal' kling wie eine Ermunterung: Denk doch mal nach! 'Mahnmal' dagegen ist ein seltsames Wort. Es enthält keine Aufforderung außer die, dass man sich ge- oder ermahnt fühlen und davon abgesehen gar nichts tun soll. So erscheint es mir jedenfalls. Tatsächlich heißt das Stehlenfeld am Tiergarten gar nicht 'Holocaust-Mahnmal', sondern 'Denkmal für die ermordeten Juden Europas'. Und auch der Rest stimmt offenbar nicht, denn nach offiziellen Angaben handelt es sich um eine 'aktive Erinnerungsstätte'. Freilich lässt sich die Anlage aktiv durchwandern und verbotenerweise auch erklimmen. Doch steht man dann selbst inmitten der Betonsäulen, bleibt es dabei: 'Nichts' bezeichnet ziemlich genau das, was einem einfällt. Und das ist nicht gerade wenig: Es lenkt nämlich von all dem ab, was man noch denken könnte: Zum Beispiel, dass es sich über Jahre um ein Politikum gehandelt hat, das immer wieder kurz davor war, zur Provinzposse zu werden. Wohl kaum ein Thema hat mehr Tagungen und Kolloquien generiert - nur ist das eben kein Ort für Witze über Kolloquien. In der Presse produziert das Mahnmal vor allem Statistik: Man liest über die Besucherzahlen und über die 2711 Betonstehlen, zwischen 20 und 470 cm hoch... Und all das verschwindet, wenn man selber vor Ort ist. 'Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen,' schreibt Ludwig Wittgenstein. Gerade (und nur) weil sie mich sprachlos macht, finde ich die Anlage gelungen.
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