Ein halber Koffer | 27.02.06

'Mit unendlicher Tücke und Sprödigkeit versucht die Stadt sich der Unerbittlichkeit meines Objektivs zu entziehen', schreibt Walter Ruttmann 1927. Im Januar des selben Jahres feiert der visionäre Film Metropolis seine Premiere. Im März kommt es auf dem Bahnhof Lichterfelde-Ost zu blutigen Zusammenstößen zwischen Anhängern der KPD und der NSDAP. Im Juni verliert Hertha BSC vor 60 000 Zuschauern das Endspiel um die deutsche Fußbalmeisterschaft den 1. FC Nürnberg. Am 23. September wird der Film 'Berlin. Die Sinfonie der Großstadt' von Ruttmann uraufgeführt.

Ein halber Koffer ist gefüllt. Auf den Tag genau ein halbes Jahr ist um, ein ganzes soll es werden, so jedenfalls der Plan. Von Tücke und Sprödigkeit kann was die Stadt betrifft nicht die Rede sein, von einer Sinfonie allerdings auch nicht. Dennoch denke ich ab und zu an Ruttmanns Film und oft an die 20er Jahre. Manches ist anders als gedacht. Eigentlich wollte ich ein bis zweimal in der Woche einen Gruß in die ca. 900 km weite Ferne schicken. Inzwischen hat sich gezeigt, dass das eine vergleichs-weise geringe Distanz ist. Richtig weit wird es erst. Andererseits ist vieles so wie erwartet: Nicht mal in 10 Jahren würden die Geschichten ausgehen, soviel steht fest. Was mir auch klar geworden ist: Die Vergangenheit wirft ihre Schatten auf die Orte. Viel mehr als ich gedacht hatte. Aber vielleicht macht es das aus, sonst könnte man ja gleich einen Reiseführer lesen ...