Abriss | 15.02.06
Als ich sechs Jahre alt war, sind wir aus der schönen Wohnung an der Spree, deren einziger Fehler darin bestand, nicht unsere zu sein, nach Marzahn gezogen. Der Winter 1978/79 war einer der kältesten und schneereichsten seit langem. Auf den baustellenbedingten Sandbergen ließ es sich hervorragend rodeln. Marzahn war eine Baustelle und damit ein großes Abenteuerland. Ich eroberte mir meine Welt zwischen den halbfertigen Plattenbauten. Man konnte zugucken, wie sie wuchsen. Jeden Tag eine Etage, nach elf Tagen war ein neues Haus fertig. Nun, keine 25 Jahre später, hat sich gezeigt, dass es viel länger dauert, das ganze Zeug wieder loszuwerden. 10 Monate haben sie gebraucht, um das erste Marzahner Hochhaus loszuwerden. Es hatte 21 Etagen und meine halbe Klasse hat dort gewohnt. Wo die jetzt wohl alle hingezogen sind? Das mit den Abrissen scheint ja die Geschichte meines Lebens zu sein. Das betrifft nicht nur das Hochhaus, den großen roten Granitlenin und den Palast der Republik, mit dem sie jetzt wirklich ernst machen, sondern viele andere Gebäude. Meinen alten Kindergarten gibt es nicht mehr, weil es in Marzahn kaum noch Kinder gibt. Genauso ist es der Schule ergangen, wo ich 10 Jahre lang versucht habe, sowas wie Allgemeinbildung zu erwerben. Eines der Häuser, in dem ich Anfang der 90er Jahre gewohnt habe, steht auch nicht mehr. Das ist schon manchmal bedenklich, wie wenig das Berlin meiner Kindheit mit der Stadt zu tun hat, in der ich heute lebe.
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