Arme Linden | 26.01.06

Berlins schönster (und wohl letzter) Boulevard verkommt zum Bauloch. Seit Monaten wird gebuddelt, was das Zeug hält. Nicht nur ganz hinten am Brandenburger Tor, wo mit der so genannten Kanzler-U-Bahn eines der überflüssigsten Verkehrsvorhaben des Jahrhunderts realisiert wird, sondern auch vorne an der Staatsoper und Humboldt-Universität. Der schöne Mittelstreifen ist nicht mehr passierbar, stattdessen sieht man Zäune und Bagger. Spätestens, wenn sie die U-Bahn bis zum Alex verlängern (womit sie dann wenigstens sowas wie eine Funktion erhielte), müssen auch die Linden dran glauben. Das ist eigentlich zum Heulen. Das, was sich Unter den Linden abspielt, passiert in der ganzen Stadt. Überall Baustellen, überall werden mehr oder weniger motiviert Berge aufgeschüttet und wieder plattgemacht. Das, was sonst nur in den großen Ferien passiert, ist zum Dauerzustand geworden. Hintergrund des Ganzen: die Fußball-WM im Juni. Erst dann - endlich - werden wir von den Baustellen erlöst sein, denn bis dahin soll unbedingt alles fertig werden. In die Baugruben, die bis zu diesem Termin nicht geschlossen sind, werden wir wahrscheinlich noch in zehn Jahren fallen, weil das Geld dann endgültig alle ist. Somit kann man nur hoffen, dass sie rechtzeitig mit allem fertig werden. Deutschland wird sicher nicht Weltmeister (denn wir sind ja schon Papst und Kanzlerin), aber Gewinner werden wir trotzdem sein, weil wir dann endlich unsere Straßen wieder benutzen können.