15 jahre | 03.10.05

'Leben in Bewegungen', schreibt der Filmemacher Edgar Reitz, '... indem man einfach losrennt etc., das alles im Kontrast zu den Zeitereignissen, zu denen die Menschen eigentlich keine Beziehungen aufnehmen können.' Am 3. Oktober 1990 bin ich auch einfach losgelaufen. Ich hatte mir die Spiegelreflexkamera meines Vaters geborgt und fotografierte die Berliner Mitte. Auf dem Alex streckte eine große Menschentraube die Hände in die Luft und fing zugeworfene Coca-Cola-Dosen. Welche Schmach! Überall standen Demonstranten mit Plakaten. Der Hauch der Anarchie des letzten Jahres wehte noch einmal über den Platz. Die Fotos, heute lange verblasst, zeigen meinen Weg durch die Stadt, die so voll war, dass man kaum gehen konnte. Tausende Menschen vor dem Reichstag und am Brandenburger Tor. Am Abend gab es Ausschreitungen auf dem Alex mit vielen Verletzten. 'Man verhält sich allen diesen Zeitereignissen gegenüber nie angemessen', schreibt Reitz und meint genau das. Aus den Schnappschüssen sind Zeitmaschinen geworden. Nach 15 Jahren zeigt sich, dass die Fotos nicht nur Geschichten abbilden, sondern auch die Geschichte, die damals im Eiltempo vorbeirauschte. Die Momente werden zu historischen Fixpunkten, die Ausschnitte zu Denkmälern, weil die Stadt heute ganz anders aussieht. Es dauert Jahre, bis sich dieser Blick auf die Vergangenheit einstellt, bis klar wird, dass es immer so kommt wie es kommt und dass das wahrscheinlich gut so ist.