Schwuler Ethno-Rassismus (Teil I)
ACHTUNG: Dies ist die Besprechung des Rohschnitts.
Latin Boys Go to Hell
20-jähriger Latino in Brooklyn findet zu sich selbst und seiner Sexualität, in einem Leben, das seiner Lieblings-Seifenoper verblüffend gleicht.
Justin Vega jobt als Assistent für die Fotografin Monica, die an einer Foto-Serie arbeitet, in der sie die Klischees auf die männliche Latino-Kultur hocherotisch auszuwerten gedenkt. Justins gemächliches Leben, das noch tief mit der Kindheit verwurzelt ist, wird aus der Bahn geworfen, als der eigentlich unerwünschte Cousin Angel auftaucht, in den er sich spontan verliebt. Der allerdings ist mehr an Andrea interessiert, die seinetwegen ihren platonischen, doch höchst eifersüchtigen Freund Braulio vernachlässigt. Als dessen Lover Carlos dann auch noch mit Justin ins Bett geht, sieht Braulio rot und die Lebensdauer vieler Charaktere beginnt drastisch zu schrumpfen...
Wenn
die ZuschauerIn anfangs sich noch in einem seriösen Coming-of-Age
Drama wägt, so wird schnell klar, dass es sich bei Latin Boys
Go to Hell um einen Filmspaß handelt, der sich der lebensfernen
Struktur von Seifenopern bedient, genauer gesagt, mexikanischen Seifenopern,
in denen ist alles noch ein wenig melodramatischer. Der Film will mit kulturellen
Klischees spielen und gleichzeitig sexuell verspielt sein – und bleibt
mit beidem auf halber Strecke stehen. Die Klischees wurden nicht mit einer
besonderen Behandlung herausgestellt, gelegentlich unterliefen sie der
Regisseurin auch unfreiwillig. Die Latina Mami steht nur am Kochtopf (mmh,
das gute mexikanische Essen), obwohl die Mutter der kubastämmigen
Regisseurin selbst nie kochte, und einen Sombrero trägt der Barmann
in dem real-existierenden Nachtclub auch nur als Gag während einer
speziellen "mexikanischen Nacht". Bei der sich entwickelnden
Seifenoper-Geschichte wurde nicht dick genug aufgetragen, als dass die
ZuschauerIn wirklich ihren Spaß daran haben könnte. Die persönliche
Identitätsfindung Justins wurde dafür zu ernst genommen. So funktioniert
Latin Boys Go to Hell weder als Drama, noch als Persiflage.Viel problematischer als diese filmtechnischen Unzulänglichkeiten stellen für Queer View der Gesamtzusammenhang und die Botschaften des Films dar, die wir in unserem Trend-Artikel Küss mich oder geh zur Hölle! darstellen.
ki, Berlin
foto ©: Jürgen Brüning Filmproduktion
Gesehen während der:
47. Internationalen Filmfestspiele Berlin
Kino-Start in Deutschland: 9. Oktober 1997 im Verleih von GM films.
Küss
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copyright: Queer View, 14. Mai 1997