Oberbaumbrücke | 09.05.06

Im November 1989 bin ich über die Oberbaumbrücke gegangen, um den ersten Schritt in Richtung Westen zu tun. Das ist fast ein halbes Leben her. Ob und wann ich angekommen bin, weiß ich nicht genau. Zwischen 1991 und 1994 tat ich dann, falls man das so sagen kann, den zweiten Schritt. Mein Schulweg führte über die Brücke, in Kreuzberg habe ich mein Abitur nachgeholt. Die merkwürdigste Erinnerung stammt jedoch aus dem Jahr 1991. Da stand ich zusammen mit meiner Mutter auf dem linken Turm der Brücke. Damals zierten weder Bär noch Adler die Türme. Sie hatten nicht einmal Spitzen und waren das, was man nur 'vergammelt' nennen kann. Es war sicher Zufall, dass die kleine Tür am Fuße des Turmes offen stand, und es liegt in der Familie, eine solche Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Nun standen wir also da oben, über der ehemaligen Staatsgrenze und guckten auf das Niemandsland mit der Stadt drumherum. Die zugewuchten Schienen auf der Brücke endeten im Nichts. Obwohl die Gelegenheit mehr als aufregend war, bot sich uns ein ganz und gar trostloses Bild. Heute erstrahlt die Brücke im alten Glanz. Sie stellt die einzige Verbindung zwischen Friedrichshain und Kreuzberg dar. An kaum einer Stelle wird einem deutlicher, wie sehr das Verbindende das Trennende braucht. Ohne Fluss keine Brücke. Man kann doch gar nichts vereinigen, was vorher nicht zerschnitten, distinktiv, irgendwie anders gewesen ist. Komisch, dass das so leicht vergessen wird.