fehlende monate | 20.10.05

Manchmal gibt es vielmehr Wetter als Monate. Das wusste am Anfang des 20. Jahrhunderts schon der ungarische Dichter Béla Balász. In seiner 'Geschichte von der Logogygasse' heißt es: 'Wenn es im Januar schneit und kalt ist, spiegelt sich plötzlich in einem Fenster die Sonne. Was ist los? Ein Juliabend hat sich hereingeschmuggelt. Übrigens gibt es viel mehr Monate als zwölf, nur dass die andern keine Namen haben.'

In Berlin ist das mit dem Wetter auch so eine Sache. Eigentlich gibt es nur zwei Jahreszeiten: Sommer und dann mit schöner Regelmäßigkeit einen achtmonatigen, zermürbenden Herbst. Doch das Fehlen von Jahreszeiten ist im Kleinen von erstaunlicher Wettervielfalt geprägt. Hier relativiert sich die Eintönigkeit: Sommergewitter im Winter, Herbststürme im Frühling, bisweilen blühende Bäume im Herbst und der Geruch nach einem lauen Sommerabend im Februar. Überhaupt wird das Wetterempfinden ja eigentlich durch Gerüche bestimmt. Zur Zeit ist wieder so ein namenloses Wetter. Seit Wochen scheint die Sonne. Die Bäume verlieren zwar ihre Blätter und die Temperaturen sinken stetig, doch wenn ich am Morgen vom Küchenfenster aus die Sonne aufgehen sehe, dann könnte es genauso gut ein heißer Sommertag werden, und wenn ich dann einige Stunden später das Haus verlasse, dann riecht die kühle und klare Luft wie Winter. Zwischenwetter eben, ein Name muss noch gefunden werden.