[Freitag (Wochenzeitung) - Wissen ]

12. 01. 2007, S. 18

Gewaltiger unkontrollierter Freilandversuch

Von Ute Sprenger ©

Mythos Biosicherheit: Chile und Costa Rica sind wichtige Produzenten von transgenem Saatgut weit ab von behördlicher und zivilgesellschaftlicher Kontrolle

Auf Einladung des Gen-ethischen Netzwerks unternahmen kürzlich drei Aktivisten aus Costa Rica und Chile eine Rundreise durch Deutschland und die Schweiz, wo sie unter dem Stichwort »Mythos Biosicherheit« von ihren Erfahrungen mit dem Anbau transgener Kulturen, über den Einfluss der Agro-Gentechnikkonzerne und über den behördlichen Umgang mit der Biosicherheit berichteten.

Das Team beim VERN e.V. in Greiffenberg
Ana Julia Arana stopft die Hände in die Taschen ihrer Windjacke und zieht sich den Schal noch einmal bis über die Nase hoch. Fröstelnd durchstreift die Bürgerrechtlerin aus dem tropischen Costa Rica gemeinsam mit zwei weiteren lateinamerikanischen Kollegen den Garten im brandenburgischen Greiffenberg, der mit besonderen Kulturpflanzen und altem Saatgut aufwartet. Es ist kalt an diesem Oktobertag. Ins Haus will dennoch niemand zurück. Im Kaltgewächshaus locken letzte Tomaten, die Giftpflanzenecke will noch besichtigt werden und ebenso die Saatgutreinigung. Besonders begeistert sind die Gäste über die Sämereien, die man hier seit zehn Jahren bewahrt und nutzt. Alte Kultursorten von Getreide oder Tomaten, für deren Erhalt sich inzwischen nicht mehr nur Hobbygärtner erwärmen.

Ein großer Schatz

»Bei uns steht die Bewahrung von altem einheimischem Saatgut auch auf der Tagesordnung«, sagt María Isabel Manzur, die das Netz für ein gentechnikfreies Chile koordiniert. »Wir verfügen über einen großen Schatz. In den Andenregionen liegen die Ursprungzentren der Kartoffel und im Norden Chiles haben wir einheimische Tomatensorten.« Den Mais wiederum hat die Welt den Bauern und Bäuerinnen Mittelamerikas zu verdanken. Allerdings wären in den Ländern Hispano-Amerikas viele der alten Sorten bereits verloren gegangen, so Ana Julia Arana, weil seit den siebziger Jahren ein wachsender Anteil der Böden für Agrarexporte genutzt würde. Dadurch gebe es immer weniger Kleinbauern, die eher eine große Sortenvielfalt anpflanzen, und die Plantagenwirtschaft mit ihrem monokulturellen Anbau übernehme deren Flächen.

Im Falle Costa Ricas expandierten seither die Bananen- und Ananasplantagen und auch der Rinderzucht wurde viel Land geopfert. Chiles Wirtschaft stellte auf die Einfuhr von Nahrungsmitteln um. Die Böden des Landes versorgen nun den Weltmarkt mit Äpfeln und Wein. »Problematisch bei diesem Entwicklungsweg ist, dass damit auch massiv solche Agrarkulturen genutzt werden, die einen höheren Chemieeinsatz nach sich ziehen«, sagt Fernando Ramírez. Der Agraringenieur weiß, wovon er spricht. Er ist Fachmann für die Auswirkungen synthetischer Pestizide und arbeitet im Regionalinstitut für Toxische Substanzen an der Nationaluniversität von Costa Rica (IRET-UNA). »Wir haben in Costa Rica in den letzten Jahren gesehen, dass der Verbrauch von Pestiziden enorm angestiegen ist. Gleichzeitig verzeichnen wir eine hohe Zahl von Vergiftungen bei Menschen und Amphibien, wie die Goldkröte, sterben bei uns aus.«

Erfahrungsvorsprung

Was Fernando Ramírez mit wachsender Sorge betrachtet, ist, »dass unsere Länder als Experimentierfelder für gefährliche transgene Kulturen genutzt werden, deren Auswirkungen nicht genügend erforscht sind. Und dass dies ohne die entsprechenden Regularien oder Kapazitäten zur Überwachung geschieht.« In Costa Rica wird seit gut 15 Jahren gentechnisch angebaut. Der costaricanische Agronom beobachtet dabei, welch großer Druck zur Deregulierung der Gentech-Kulturen ausgeübt wird.

Auch in Chile, wo 1992 der kommerzielle Gentech-Anbau begann, spüre man diesen politischen Druck, berichtet María Isabel Manzur. Dahinter stünden Kreise, die der sogenannten Miami Group angehören, einem informellen Club der Gentech-Anbauländer Kanada, USA, Argentinien, Uruguay und Chile, die während der Verhandlungen zum Cartagena-Protokoll (1) auf schwache Reglements zur biologischen Sicherheit gedrängt hatten.

Dieser »Erfahrungsvorsprung« im gentechnischen Anbau bildete dann auch einen der Bezugspunkte für die Reise des Trios aus Mittel- und Südamerika ins spätherbstliche Deutschland. Denn hierzulande geht es zwar mit selbigem Anbau nicht so zügig voran wie es Industrie und Forschung gerne sähen. Doch wird inzwischen bereits auf etwa 1.000 Hektar offiziell transgener Mais erzeugt. Auch der Anbau von transgenem Saatgut war ein Thema, hierzulande bringen Gentech-Landwirte die insektenresistente Bt-Sorte MON810 des Agrokonzerns Monsanto aus. Wenig bekannt aber ist, dass das MON810-Saatgut für Deutschland in Chile erzeugt wird. Zudem entsteht dort transgenes Saatgut von Soja und Raps.

Auf Costa Ricas Gentech-Feldern wiederum wird die herbizidresistente Sojasaat Monsantos (Handelsname RoundupReady) ebenso vermehrt wie die Sojasaat des Bayer-Konzerns mit einer Resistenz gegen dessen Herbizid Basta (Handelsname LibertyLink). Die Saatgutwirtschaft nutzt in beiden Ländern die Tatsache, dass das Klima mehrere Ernten pro Jahr erlaubt und dort auch das Saatgut für die Frühjahrssaat in Westeuropa und Nordamerika vorbereitet werden kann.

Chile: Bedrohung der Nahrungskette

Bis heute verfügen weder Costa Rica noch Chile über eine spezielle Gesetzgebung zur Handhabung der modernen Biotechnologien. Import, Zulassung und Anbau sowohl der kommerziellen Gentech-Kulturen als auch deren experimenteller Einsatz erfolgen gegenwärtig unter lediglich rudimentären Sicherheitsmaßnahmen.

Die heutige chilenische Präsidentin Michelle Bachelet versprach noch in ihrem Wahlkampf im Herbst 2005, den Anbau kommerzieller Gentech-Kulturen im Land zu bremsen. So sollten ökologische Folgeabschätzungen für den transgenen Vermehrungssektor Standard werden. Ein Jahr später beurteilen Umweltgruppen den Wandel jedoch skeptisch: »In Chile gibt es bei politischen Entscheidungen über die Gentechnik allgemein oder bei Genehmigungen über Freisetzungsanträge keine öffentliche Beteiligung«, berichtet María Isabel Manzur. »Wir wissen nicht einmal, wo genau die Standorte liegen. Damit ist den Landwirten in der Nachbarschaft solcher Felder verwehrt, Maßnahmen zum Schutz gegen gentechnische Kontamination zu ergreifen.« Gegenwärtig ist in Chile der Gentech-Anbau allein zur Saatgutvermehrung und für Experimente zugelassen. Die Gesamtfläche betrug im Jahr 2005 nach offiziellen Angaben rund 13.000 Hektar. Über die Jahre wurden 18 verschiedene transgene Kulturen freigesetzt, davon hauptsächlich Mais, Soja und Raps.

Die Folgen des gentechnischen Anbaus in Chile für den konventionellen Anbau werden bereits sichtbar, sagt María Isabel Manzur. In jüngster Vergangenheit sind zwei Fälle von kontaminiertem Vermehrungsaatgut bekannt geworden. So hatte die North Dakota State University im Jahr 2001 konventionelle Sojasaat zur Vermehrung nach Chile geschickt. Diese Saat wurde dort durch herbizidresistente Soja verunreinigt, weshalb man die Dienste Chiles nicht weiter in Anspruch nahm. Im Jahr 2005 fand man in Frankreich in einer Lieferung von konventionellem Maissaatgut aus Chile Spuren von DNA, die den transgenen Sorten NK603 und MON810 enstammten.

Schlupfloch Südamerika

Seit 1996 ist in Chile zudem der Anbau sogenannter Pharmapflanzen, denen mittels Gentechnik beispielsweise menschliche und tierische Proteine oder andere, industrielle Inhaltsstoffe eingeschleust werden, gestattet. An derartigen Experimenten mit Mais, Reis, Raps, Leinen und Färberdistel sind die Unternehmen Limagrain, Pioneer, Agrosearch und Ventria Bioscience beteiligt. Wie die engagierte Chilenin berichtet, kam das Unternehmen Ventria Bioscience nach Südamerika, um Akzeptanzprobleme in den USA zu umgehen. Denn dort sah sich Ventria mit Protesten seitens Verbrauchern, Landwirten und der Nahrungsmittelindustrie konfrontiert und strebte in einigen US-Bundesstaaten vergebens nach einer Genehmigung auf Freisetzung von Pharmareis.

Welche Maßnahmen zur Biosicherheit beim Anbau transgener Pflanzen angewendet werden, ist unbekannt, erklärt María Isabel Manzur. Sicher sei aber, dass chilenische Behörden nach wie vor keine Untersuchungen über die Wirkung dieser Kulturen auf die heimische Umwelt oder auf die menschliche Gesundheit fordern. Insgesamt existiere eine schwache Gesetzgebung und nur wenige Kapazitäten zur Kontrolle und wirksamen Handhabung der Biosicherheit. Der Mangel an Informationen bedrohe daher die konventionelle und die organische Landwirtschaft gleichermaßen, und damit auch die Nahrungsmittelversorgung im Land. Dies gelte besonders für die Pharmapflanzen, von deren Standorten selbst die anliegenden Bauern keinerlei Kenntnis erhielten.

Unkontrollierter Wildwuchs

Auch in Costa Rica sind transgene Kulturen für den einheimischen Markt bislang offiziell nicht zugelassen. Und wie in Chile hat sich der experimentelle Anbau und die Vermehrung für den Re-Export unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu einem attraktiven, weil weitgehend ungeregelten Sektor für zahlreiche Saatgutkonzerne und forschende Institute aus Nordamerika und Westeuropa ausgeweitet. Daneben gibt es einen konventionellen Vermehrungssektor, der Zierpflanzen in alle Welt liefert. Das Land ist spezialisiert auf die Vermehrung transgener Saaten von Sojabohne und auch Baumwolle. Den konventionellen Baumwollanbau hatte Costa Rica vor Jahren schon aufgegeben. Die genveränderten Kulturen sind überwiegend mit Resistenzen gegen Insekten und Herbizide ausgestattet. Bis zum Jahr 2005 stieg die gesamte transgene Vermehrungsfläche in dem Land, das mit 50.000 Quadratkilometern ungefähr die Größe Niedersachsens hat, auf mehr als 1.440 Hektar an. Wobei inzwischen auf über 90 Prozent dieser Fläche transgene Baumwollsaat wächst. Zudem wird mit Mais, Reis, Banane und Ananas experimentiert.

Anders als in Chile sind in Costa Rica allerdings gewisse Kenntnisse über die Standorte der Vermehrungsflächen vorhanden. Wenngleich auch hier die Nachbarn und anliegende Bäuerinnen und Bauern nicht informiert werden, berichtet die Bürgerrechtlerin Ana Julia Arana. So steht die Mehrzahl der Vermehrungssaaten im Nordwesten des Landes, und zwar überwiegend auf gepachteten Flächen. Diese befinden sich mehrheitlich im Besitz von finanzschwachen Kleinbauern, die mit der Verpachtung an die Gentech-Vermehrer ein Vielfaches dessen einnehmen, was sie mit Reis, Bohnen oder Zuckerrohr verdienten.

Die Einschätzung des Pestizidfachmanns Fernando Ramírez, dass es nicht nur um die Regelung, sondern auch um die Überwachung der transgenen Kulturen schlecht bestellt sei, kann Ana Julia Arana nur bestätigen. Die Bürgerrechtlerin kommt aus der Provinz Guanacaste, jener ländlichen Region im Norden, in der viele der Gentech-Pflanzen wachsen. Bei ihnen würden die Behörden eine besorgniserregend lasche Haltung bei der Überwachung der Betriebe an den Tag legen, sagt Arana, die als Mathematiklehrerin arbeitet und ansonsten ihre MitbürgerInnen im kantonalen Comité Cívico de Cañas ehrenamtlich in Rechtsfragen berät. Überall im Kanton stoße ihre Bürgerinitiative mittlerweile auf verschleppte Baumwolle. So wachsen Samen aus den Ernteresten unbehelligt nach und würden selbst die Vorgärten der Anwohner verunreinigen. In einem Garten in der Nachbarschaft habe man wiederholt erfolglos versucht, eine eingeschleppte Pflanze mit der Giftspritze zu zerstören. »Die anderen Pflanzen im Umfeld der Baumwolle sind zwar vernichtet, aber die Pflanze selbst schlägt immer wieder aus«.

Wie Fernando Ramírez annimmt, haben sich viele der herbizidresistenten Pflanzen aus den Feldern durch den erhöhten Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat in Unkräuter verwandelt. In diesem Fall sei ihnen nur noch mit härtesten Giftcocktails auf der Basis von Paraquat beizukommen, wie auch das Unternehmen Syngenta sie bei Glyphosatresistenz anbietet. »Wir sind Zeugen davon, wie die multinationalen Unternehmen und das Landwirtschaftsministerium die Region Guanacaste in ein riesiges Feld für einen unkontrollierten Freilandversuch verwandelt haben«, sagt Ana Julia Arana.

Wenngleich Chile und Costa Rica als politisch stabil und als relativ demokratisch unter den Staaten Lateinamerikas gelten, die Quintessenz des Gentech-Einsatzes in ihren Ländern ist für die Gäste die gleiche: Die von den gentechnischen Kulturen ausgehende Unsicherheit und die Unfähigkeit der Behörden, sie kontrollieren zu können, sei offenkundig. »Für uns ist deshalb beispielsweise die Kampagne gegen gentechnische Produkte in Europa wichtig«, wandte sich die Chilenin María Isabel Manzur an hiesige KritikerInnen. »Denn die verhindert gewissermaßen eine noch stärkere Expansion der Transgene auch in unseren Ländern. Deshalb möchten wir Sie ermuntern, damit weiterzumachen.«

Fußnoten
(1) Das Cartagena-Protokoll ist ein im Jahr 2000 verabschiedetes internationales Abkommen zum internationalen Handel mit gentechnisch veränderten Organismen, das Mindeststandards zur biologischen Sicherheit setzt. Es ist eines der Protokolle von Rio (1992). Costa Rica ist derzeit dabei, das Protokoll zu ratifizieren. Chile hat das Abkommen bislang lediglich unterzeichnet.

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