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THEATERKRITIK

Emilia Galotti
von Heinrich von Kleist. Premiere am Deutschen Theater am 27. September 2001. Regie: Michael Thalheimer. Mit Regine Zimmermann, Sven lehmann, Ingo Hülsmann, Peter Pagel, Katrin Klein, Nenning Vogt und Nina Hoss


Destruktive Leidenschaft


von Michael Bienert

Ein bürgerliches Trauerspiel. Wie könnte das heute aussehen? In Lessings Emilia Galotti geht ein braves Bürgerkind an der Korruptheit der untergehenden Adelswelt des 18. Jahrhunderts kaputt. Doch indem der Vater die Tochter ersticht, scheint wenigstens die bürgerliche Moral gerettet. Das letzte Bild von Michael Thalheimers Adaption am Deutschen Theater zeigt etwas anderes: Emilia verschwindet zwischen einem Dutzend Ehepaaren, die sich gemessen im Walzerreigen drehen. Das Opfer wird von der bürgerlichen Welt sozusagen verschluckt und verschwindet hinter ihrer Fassade.

Dieser Schluß ist ein starker Überraschungscoup, so wie der Anfang. Zwei Flammen flackern auf, als Emilia den leeren Bühnenraum (von Olaf Altmann) zwischen zwei hohen Holzwänden betritt und wie auf einem Laufsteg nach vorn an die Rampe schreitet. Im karierten grünen Kleid, mit kurzen Haaren und großen Smaragdaugen erinnert die Schauspielerin Regine Zimmermann sofort an die zerbrechlichen Frauenopfer, die sie in den letzten Jahren am Maxim-Gorki-Theater verkörperte: die Titelrolle in Effi Briest, die Mieze in Berlin Alexanderplatz oder Hedwig in der Wildente. Während sie stumm in den Zuschauerraum schaut, lassen die Theaterfeuerwerker hinter ihr einen Silberregen niedergehen.

Dazu erklingt ein Geigenpizzicato, das den eineinhalbstündigen Theaterabend mit leichten Variationen wie eine musikalische Endlosschleife untermalt. Wortlos dreht Emilia sich um und geht auf ihrem unsichtbaren Laufsteg zurück. Dort kommt ihr ein Mann im Anzug entgegen. Beider Bewegungen verraten einen rätselhaften Magnetismus, der den Lauf der Körper bremst und die Arme nach verborgenen Kraftlinien ausrichtet. In solchen Momenten sieht es so aus, als wären Lessings Figuren aus Goethes Wahlverwandtschaften entsprungen. Nur kurz berührt der Prinz (Sven Lehmann) das Mädchen. Das genügt, um ihn zu einem Verfallenen machen, einem Gierigen, der in krampfhafte Zuckungen verfällt, als ihm der verschlagene Höfling Marinelli die Nachricht überbringt, Emilia werde heute einen anderen heiraten.

Es geht, mit einem Wort, in Thalheimers Inszenierung um die Dynamik einer alles verzehrenden Leidenschaft. Dass er ihr ausgeliefert ist, macht den verstrubbelten Prinzen bei aller Exaltiertheit zu einer ungeheuer sympathischen Figur. Dieser Kraft kann sich auch Emilia nicht entziehen. Ihre letzten Worte klingen wie ein Schuldeingeständnis: "Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut." So spricht ein gefallenes Mädchen, das bereits hinter sich hat, wovor Lessing sie durch das Messer bewahrte.

In der streng choreographierten Bühnenwelt, die Thalheimer arrangiert, kann sich die Leidenschaft nur in destruktiven Gesten entladen. Immer wieder reißen sich die Männer die Jacketts herunter und den Hemdkragen auf, lassen keuchend den emotionalen Überdruck heraus. Sonst bewegen sich die Figuren meist wie menschliche Roboter. Es gibt keine Innigkeit zwischen ihnen, keine Zärtlichkeit. Rasch rattern sie herunter, was nach Streichung von etwa 95 Prozent von Lessings Text übrig geblieben ist. Wenige Sätze heben sich heraus: "Was soll ich denn tun?" sagt eine Figur nach der anderen.

Unerfüllte Sehnsucht lauert in allen. Mama Galotti (Katrin Klein) prallt mit ihrem erotischen Verlangen an Papa Galotti (Peter Pagel) ab. Der verfällt augenblicklich der vom Prinzen weggeworfenen Gräfin Orsina. Sie setzt sich an der Rampe eine Pistole an die Schläfe, schafft es aber nicht abzudrücken. Nina Hoss macht aus der Orsina eine ganz große und kluge Leidensfigur. Virtuos setzt sie ihren Sexappeal ein, um sich Marinelli (Ingo Hülsmann), den Drahtzieher des Prinzen, zu unterwerfen.

Michael Thalheimer inszeniert nicht einfach Lessings Emilia Galotti, er zerreißt das Gewebe der klassischen Dramas und baut das Stück in seiner eigenen Theatersprache völlig neu auf. Die brutale Destruktion läßt sich verschmerzen, weil die Neukonstruktion formal äußerst stringent und überzeugend ausfällt. Am Deutschen Theater, das unter der neuen Intendanz von Bernd Wilms wieder die führende Klassikerbühne in Berlin werden will, wirkt diese Inszenierung nach Jahren künstlerischen Stillstands wie ein geglückter Befreiungsschlag.

Erstdruck in der STUTTGARTER ZEITUNG vom 5. Oktober 2001

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