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Reisebilder: Seebad Bansin


Ein Haus am Meer
Hans Werner Richters Lebensspuren im Ostseebad Bansin

von Michael Bienert

Die Häuser im Seebad Bansin heißen Frieda, Ute, Margot, Elsbeth oder Inge-Lotte. Ihre Türmchen, Loggien und Balkone sind in den letzten Jahren frisch renoviert worden und sehen wieder aus wie vor hundert Jahren, als das Baden am feinen, weißen Ostseestrand in Mode kam. Damals verwandelten sich die armen Fischer, Bauern und Handwerker aus den Dörfern der Insel Usedom in findige Tourismusunternehmer. Sie bauten Villen für die Sommergäste ans Meer, schufteten für deren leibliches Wohl und retteten die Ertrinkenden aus den kühlen Ostseewogen.

In diese Gründerzeit des Bädertourismus auf Usedom wurde der Schriftsteller Hans Werner Richter am 12. November 1908 hineingeboren. Zwei Jahre später zog seine Familie aus Neu-Sallenthin, einem winzigen Dorf am fischreichen Krebssee, ins aufstrebende Seebad Bansin. Der Vater arbeitete dort auf dem Bau, als Fischer, als Aufseher in einer Badeanstalt und brachte es als erster Tankstellenbesitzer der Ortschaft zu bescheidenem Wohlstand.

Das Elternhaus des Schriftstellers liegt an der Hauptstraße, die auf kürzestem Wege vom Bahnhof zum Sandstrand führt. Die zweistöckige Villa springt durch ihr fröhliches Aussehen ins Auge. Kitschige Wandmalereien mit Strandmotiven zieren die weiß und hellblau gestrichenen Veranden. Im schmalen Vorgarten blühen Rosen und Sonnenblumen. "Villa" und "Paula" steht in blauen Buchstaben auf den zwei Straßengiebeln, darunter der Spruch: "Ob Ost, ob West, to Hus is best".

Die Inschrift könnte als Motto auch über dem literarischen Werk Hans Werner Richters stehen. Wie andere Schriftsteller schöpfte er lebenslang aus seinen vorpommerschen Kindheits- und Jugenderinnerungen: von dem an der Ostsee angesiedelten Zeitroman Spuren im Sand (1953) über die Bansiner Geschichten (1970) und den amüsanten Essayband Deutschland, deine Pommern (1970) bis zum abschließenden Erinnerungsbuch Reisen durch meine Zeit (1989). Zehn Jahre nach Richters Tod ist sein belletristisches Werk freilich so gut wie vergessen, während der Einfluß der von ihm geleiteten Gruppe 47 auf die jüngere Literaturgeschichte noch immer für Feuilletondebatten sorgt - zuletzt nach Vorwürfen des angesehenen Literaturwissenschaftlers Klaus Briegleb, es habe eine antisemitische Unterströmung in der mächtigen Autorenvereinigung gegeben.

Hier an der Ostsee schlägt diese Kontroverse keine hohen Wellen. Statt dessen entdeckt man in den Bücherregalen der Ferienhäuser unerwartet Richters höchst lebendige Schilderungen des Bansiner Alltags und freut sich der intelligenten Strandkorblektüre. Man liest, wie sich die Einheimischen hinter dem Rücken der Badegäste über diese lustig machten, mit welchen Tricks sie ihnen das Geld aus der Tasche zogen und wie sie nach den Herbststürmen zum Strand rannten, um die aus dem Sand geschwemmten Kostbarkeiten einzusammeln, die wohlhabende Leute während der Saison dort verloren hatten.

Der politische Autor Hans Werner Richter erzählt davon, wie sich die Nationalgeschichte ins Leben der kleinen Leute seiner Heimatprovinz übersetzte. Als er mit der Familie nach Bansin zog, jubelten die Männer noch dem Kaiser zu, der sich die Seeluft gern um den Zwirbelbart wehen ließ. In den Zwanzigerjahren betonten die großen Pensionen ihren "christlichen" Charakter, um jüdische Badegäste aus Bansin fernzuhalten. Nach den Nazigrößen quartierten sich Rotarmisten in den Strandhotels mit Namen wie Germania und Kaiser Wilhelm ein. Später wurde Bansin von organisierten Mitgliedern des DDR-Gewerkschaftsbundes überschwemmt. Nach der Lektüre in Richters Büchern sieht man das Ferienparadies neu, als vielfach umgebrochene politische Landschaft.

Zwar lebte er nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft im München und reüssierte als führender Kopf des bundesdeutschen Literaturbetriebs, doch fast alle Angehörigen der vielköpfigen Familie blieben im Osten zurück. Der Schriftsteller besuchte Bansin alle zwei bis drei Jahre, wo ihm die Verwandten von den Bedrückungen im real existierenden Sozialismus erzählten. Nach dem Mauerbau, den er auf Besuch in der DDR miterlebte, wurde ihm die Einreise einige Jahre verweigert. Diese Erfahrungen blieben nicht ohne Einfluß auf die politische Positionierung der Gruppe 47. In den Sechzigern öffnete sie Richter für Autoren aus der DDR. So sehr er das SED-Regime verachtete, so leidenschaftlich unterstützte Richter die Entspannungspolitik Willy Brandts, die darauf abzielte, durch pragmatische Zugeständnisse an die DDR-Oberen menschliche Begegnungen zwischen Ost und West zu ermöglichen.

Dass er den Fall der Mauer noch erlebte, empfand Richter als großes Glück: "Nun habe ich meine Heimat wieder". Als er am 23. März 1993 starb, wurde er nicht in München beigesetzt und auch nicht in Berlin, wo die Akademie der Künste seinen Nachlaß verwahrt, darunter 15.000 Briefe des nimmermüden Kommunikators. Den schlichten grauen Grabstein mit Namen und Lebendaten findet man nach einigem Suchen auf dem kleinen Friedhof von Bansin.

Eine Schwester wohnt noch in der Villa Paula, weitere Verwandte des Clans leben in der Nachbarschaft. Freunde des Verstorbenen haben sich dafür eingesetzt, dass vor zweieinhalb Jahren das hübsch renovierte ehemaligen Spritzenhaus der Bansiner Feuerwehr zum Hans-Werner-Richter-Haus umgewidmet wurde. Seine Witwe stiftete das Münchner Arbeitszimmer samt Möbeln und Büchern, außerdem Erinnerungsstücke wie das Messingglöckchen, mit dem Richter die Sitzungen der Gruppe 47 einläutete. In einer kleinen Galerie hängen Gaben befreundeter Autoren: darunter ein seltenes Ölbild von Wolfgang Hildesheimer, Zeichnungen von Wolfdietrich Schnurre und Christoph Meckel, zahlreiche Grafiken von Günter Grass. Im Erdgeschoß sorgt die kleine Gemeindebibliothek für Publikumsverkehr. Dort kann man in gemütlichen Korbsesseln in Richters Geschichten aus Bansin schmökern oder sie auch mit an den Strand nehmen, der nur einen Steinwurf entfernt hinter den Dünen liegt. Dem Schriftsteller, den es zu Lebzeiten immer wieder aus dem Alpenvorland zurück an die heimatliche Ostsee zog, hätte diese posthume Adresse sicher gefallen.

Adresse: Hans-Werner-Richter-Haus, Waldstraße 1, 17429 Seebad Bansin, Tel. 038378 / 4 78 01.

Erstdruck in der STUTTGARTER ZEITUNG vom 21. August 2003

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