Phantasievolle, rückblickende
Aufdeckung brutal-homophober Ereignisse in einem jugendlichen Dreiecksverhältnis,
das auf Liebe, Verrat & Rache basiert.
1952:
Bischof Bilodeau soll die letzte Beichte des hoffnunfslos erkrankten Gefängnisinsassen
Simon Doucet abnehmen. Durch die Bestechung einiger Wärter und die
Mithilfe des Kaplans verschließen rund ein Dutzend Mitinsassen die
Gefängniskapelle und wandeln sie in eine Theaterbühne um. Der
Bischof wird gezwungen, sich die Inszenierung der Ereignisse seines und
Doucets Leben von 1912 anzusehen, die zur Inhaftierung des jetzt todkranken
Mannes geführt hatten. Aus den Aufführungsszenen, in denen die
Häftlinge sowohl die Männer- als auch die Frauencharaktere übernehmen,
werden geschickt reale Erinnerungen, allerdings immer noch mit den Häftlingen
in den jeweiligen Rollen. Langsam wird die Liebesgeschichte zwischen den
Jugendlichen Simon Doucet und Graf Vallier de Tilly aufgerollt, in die
drei Störfaktoren einbrechen: der sich seiner Homosexualität
unsichere Jean Bilodeau, die Französin Lydie-Anne de Rozier und eine
Gesellschaft voll Unverständnis für schwule Liebe. Keiner der
Beteiligten kennt die ganze Wahrheit des tragischen Ausgangs und während
sie ans Licht geholt wird, ist es der Bischof, der eine Beichte ablegt
und um seine Unversehrtheit fürchten muss...
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John Greyson ist ein politischer Filmemacher,
der bereits seit 16 Jahren Aufsehen mit seinen teils fiktiven, gefälschten
oder musikalisierten Dokumentationen zu den Themen Lesben & Schwule,
ArbeiterInnen, Rassismus und Aids (Zero Patience) für
Aufsehen sorgt. Jetzt, in der zweiten Hälfte der 90er, in denen der
rechte anti-lesbisch-schwule Sturm christlicher FundamentalistInnen über
den nordamerikanischen Kontinent fegt, schlägt er mit Lilies
zurück, greift die Liebe verkennende und ignorierende Intoleranz
an. Als Grundlage dafür suchte er sich Michel Marc Bouchards
gleichnamiges Bühnenstück aus dem Jahre 1987 aus (im französischen
Original Les Feluettes). Auch wenn die Bühnenatmosphäre
immer wieder bewusst zurückgeholt wird, ist Lilies alles
andere als ein Kammerspiel. Mit der verspielten Innovation des Phantasiereichen
entführt uns Greyson in die Welt der Bilder und der Vorstellungskraft,
überrascht uns der Film mit der selbstverständlichen vorbehaltlosen
Bereitschaft der Gefängnisinsassen, der hintergangenen homosexuellen
Liebe mitzufühlen und in Frauen- und Schwulenrollen zu schlüpfen.
Lilies bietet ein Filmkunstwerk, in dem die Visualisierung
einer Badewanne als Setting eines Liebesgeständnisses in einer Gefängniskapelle,
respektive im tiefen Wald ebenso sein Publikum einfängt, wie durch
die Intensität seiner zwischenmenschlichen Gefühle und der Tragik
seiner Geschehnisse. Das New
Queer Cinema wird
durch den quebecoisen Einschlag Lilies' um eine neue Perspektive
bereichert.
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Lilies verbindet die uralten Themen
schwuler Filme – Homoerotik (incl. masochistisches Element des Heiligen
Sebastian), Gefängnis, Kirche, drag, Vielecksbeziehung, verleugnete
Liebe und Gesellschaftliche Verurteilung – und verbindet sie zu etwas Neuem,
ganz im Rahmen des künstlerisch anspruchsvollen
New Queer Cinema.
Womit sich Lilies schon jetzt international zu den wichtigsten
Schwulenfilmen der kommenden Saison katapultiert hat und im Jahre 1997
mehr Bereiche eines heterosexuellen Publikums abgreifen wird, als sonst
üblich in diesem Genre.
ki, Mailand-Berlin
US: 10. Oktober '97
GB: Dezember '98
Frankreich: ?
Gesehen während der:
63. MIFED 1996
Außerdem gelaufen während des:
Sundance Film Festival 1997
Verzaubert – Internationales Schwullesbisches
Filmfestival 1997
English
version
Filmdaten:
Offizieller Link: http://www.anya.com/
copyright:
Queer View
1996