Wie der Sockennasenelch zu seiner Nasensocke kam
(oder: Wie der Polarkreis einen Knick bekam)
von Ekkehard Buß
Ach-Mäuschen-Elch wohnte zusammen mit Mama Elch und Papa Elch
in einem Birkenwäldchen an einem Fjord in Norwegen. Dort gab es genug
zarte Birkensprösslinge, saftige Blaubeeren und leckere Rentierflechten,
so dass sie immer gut zu essen hatten. Sie konnten ohne Sorgen ihre Muffel
in die Mitternachtssonne halten und das Leben genießen.
Ach-Mäuschen-Elch hatte die merkwürdige Idee, dass alles
was schön ist, eigentlich ihm gehört.
"Meine Keks" sagte Ach-Mäuschen-Elch, als Papa Elch einen
einzigen der vielen Kekse essen wollte, die Oma Elch ihnen zum Midsommerfest
gebacken hatte.
"Ach Mäuschen" seufzten Mama Elch und Papa Elch.
"Meine Sofa" meckerte Ach-Mäuschen-Elch, als Papa Elch sich
erschöpft vom tagelangen Blaubeerensammeln auf der Lichtung niederließ,
die das Wohnzimmer von Mama Elch, Papa Elch und Ach-Mäuschen-Elch
war.
"Ach Mäuschen" seufzten Mama Elch und Papa Elch.
"Meine Küsschen" zeterte Ach-Mäuschen-Elch, als Mama
Elch Papa Elch zum Trost einen Kuss gab.
"Ach Mäuschen" seufzten Mama Elch und Papa Elch.
Jetzt wisst Ihr auch, wie Ach-Mäuschen-Elch zu seinem Namen
kam
.
Eines Tages bekam Ach-Mäuschen-Elch einen historischen Anfall.
Ach-Mäuschen-Elch badete mit Mama Elch und Papa Elch im Fjord, wie
sie es gerne taten. Da kam eine Gänsefamilie vorbeigeschwommen. Gänsemutter,
Gänsevater und fünf kleine quietschende Gänsebengelchen.
"Meine Badeenten!" freute sich Ach-Mäuschen-Elch, als er die
süßen Gänseküken sah, und wollte gleich mit ihnen
spielen und plantschen und toben. Die Gänsemutter war sehr besorgt
um ihre Kinder und keineswegs der Meinung, dass ihre Süßen Spielzeug
von Ach-Mäuschen-Elch seien; daher biss sie Ach-Mäuschen-Elch
mitten in den großen Muffel, wie man die Nase der Elche nennt, und
schwamm mit ihrer Familie schleunigst davon.
"MEINE MEINE MEINE" schrie Ach-Mäuschen-Elch und wurde wütend
und wütend und wütend, und rannte los, in den Wald und rannte
und schrie und wollte niemanden mehr sehen.
"Aber Ach, Mäuschen" sagten Mama Elch und Papa Elch. Aber
Ach-Mäuschen-Elch konnte es nicht mehr hören, denn er rannte
und rannte und rannte.
Dieser Anfall war so historisch, dass Elchgenerationen später
noch darüber gesprochen wird.
Ach-Mäuschen-Elch war in seiner Wut so schnell losgerannt,
dass er garnicht darauf geachtet hatte, wohin er denn eigentlich gelaufen
war. Sein Muffel blutete etwas, und da es gerade Sommer war in Norwegen,
und es im Sommer in Norwegen im Wald von blutrünstigen Mücken
nur so wimmelt, litt Ach-Mäuschen-Elch ganz fürchterlich. Richtig
schlimm war, dass er wirklich nicht genau wusste (genaugenommen hatte er
nicht den Hauch einer Ahnung), wie er zu Mama Elch und Papa Elch in das
Birkenwäldchen am Fjord zurückfinden sollte.
Ach-Mäuschen-Elch beschloss, einfach sauer zu sein, auf alles
und auf jeden, und rannte einfach weiter.
Irgendwann - mit heftig schmerzender, blutender, zerstochener Nase
- kam Ach-Mäuschen-Elch tief im Wald an den Polarkreis. Dort traf
Ach-Mäuschen-Elch Herrn Torkel.
Herr Torkel ist der wichtigste Mann Norwegens, denn er macht die
schwierigste Arbeit des Landes: Herr Torkel ist oberster - und einziger
- königlich-norwegischer Polarkreisverwalter.
Jeden Frühling, wenn Eis und Schnee geschmolzen sind, nimmt
Herr Torkel den großen Eimer weiße Farbe und zieht quer durch
das Land - vom Meer im Westen bis zur schwedischen Grenze im Osten - eine
dicke weiße Linie, damit auch jedermann sieht, wo der Polarkreis
verläuft. Und jeden Spätherbst, wenn der erste Schnee gefallen
ist, nimmt Herr Torkel den großen Kanister schwarze Farbe und zieht
eine dicke schwarze Linie vom Meer im Westen bis zur schwedischen Grenze
im Osten, damit über den Winter die Lage des Polarkreises nicht vergessen
wird, denn unter dem Schnee sieht man die weiße Linie ja nicht.
"Hallo" sagte Ach-Mäuschen-Elch."Ach, ähm, hallo" sagte
Herr Torkel.
"Nicht 8-M-Hallo heiße" sagte Ach-Mäuschen-Elch "Ach-Mäuschen-Elch
heiße! Mein Muffel tut weh. Ich traurig bin. Ich möchte Hause
Mama gehen gerne!"
Nun ist es so, dass Herr Torkel nicht nur der wichtigste, sondern
auch der klügste Mann Norwegens ist. ("Was jedoch nicht viel heißen
will," wie Frau Torkel gerne betont "auch wenn er für einen Mann wirklich
nicht dumm ist.")
Herr Torkel ist ein kluger und umsichtiger Mensch, der immer eine
Socke bei sicht trägt, um auf alle Eventualitäten des Lebens
vorbereitet zu sein. Herr Torkel verstaut jeden Morgen, wenn er sein Haus
am Polarkreis verlässt, eine frische Socke in seinem Rucksack, um
so für alle außergewöhnlichen Situationen gewappnet zu
sein.
"Laß mich erstmal Deinen Muffel schützen." sagte Herr
Torkel, nahm die Socke und zog sie Ach-Mäuschen-Elch über die
Nase.
"Jetzt haben die Mücken schlechte Karten" sagte Herr Torkel.
"Und weißt Du was, Ach-Mäuschen-Elch?" sagte Herr Torkel "Die
Linienführung des Polarkreises muss dringend überprüft werden!
Ab sofort verläuft der Polarkreis durch das Birkenwäldchen am
Fjord! Ich bringe Dich nach Hause."
So kam es, dass der Polarkreis einen Knick bekam. Herr Torkel malte
die weiße Linie bis zum Birkenwäldchen am Fjord. Ach-Mäuschen-Elch
trug den ganzen Weg über die Socke auf der Nase, so dass ihn keine
Gänsemutter beißen und keine Mücke stechen konnte, und
als sie am Fjord ankamen, sahen sie schon von weitem Mama Elch und Papa
Elch, die sehr traurig waren, weil Ach-Mäuschen-Elch schon so lange
fort war.
Doch als sie den kleinen Elch mit der großen Socke auf der
Nase erkannten, da war die Freude groß!
"Unser lieber Ach-Mäuschen-Elch ist wieder da!" freute sich
Mama Elch und herzte Ach-Mäuschen-Elch, dass es eine wahre Freude
war.
"Weißt Du eigentlich, wie lieb wir dich haben?" fragte Papa
Elch.
"MEINE Socke!" sagte Ach-Mäuschen-Elch, und alle waren froh
und glücklich, dass sie sich wieder gefunden hatten.
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Ende
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(c) 2000 Ekkehard Buß
/ www.sockennasenelch.de
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Voigt, Buß und Buß