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VS-BOX, Mailbox des Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen
Düsseldorf, 0211 135294
15. Januar 1995

Diese Datei enthält das :

G U T A C H T E N

Auswirkungen der Anwendung
scientologischen Gedankenguts
auf eine pluralistische Gesellschaft oder Teile von ihr
in einem freiheitlich demokratisch verfaßten Rechtsstaat

im Auftrag des
Innenministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen

erstellt von

Dr. Hans-Gerd Jaschke,
Privatdozent für Politikwissenschaft
am FB Gesellschaftswissenschaften
an der Universität Frankfurt/Main

Dezember 1995


Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung
  2. Zur wissenschaftlichen, publizistischen und politischen Diskussion über Scientology
    1. Erfahrungsberichte
    2. Die Debatte um Psychokulte, religiöse Sekten und den modernen Fundamentalismus
    3. Zum politischen und wirtschaftlichen Einfluß von SC
    4. Hinweise zur Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates
    5. Fazit: Entwicklungslinien, Kenntnisstand und Defizite in der Diskussion über SC
  3. Fundamentalismus, Extremismus, Totalitarismus
  4. Totalitäre Grundzüge der SC
  5. Freund-Feind-Denken und Militanz bei der SC
  6. Die Figur des Führers bei der SC
  7. Zur Funktion der SC-Sprache
  8. Demokratiekritik und Utopie bei der SC
  9. Zusammenfassung
Literaturverzeichnis


1. Einleitung

Nach neueren eigenen Angaben werden die Dienste der sogenannten Scientology Kirche (im Folgenden: SC) in 2475 Kirchen, Missionen und Organisationen in 107 Ländern der Welt angeboten, hauptsächlich in den USA, Kanada und Europa. Damit hat die von dem ehemaligen Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard durch sein Standardwerk "Dianetik" (zuerst erschienen 1950) begründete Lehre, die angeblich "ein neues Zeitalter der Hoffnung für die Menschheit einläutete" (Was ist Scientology, S. 130), einen bemerkenswerten weltweiten Aufschwung erlebt. Als in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik eine Vielzahl der sogenannten "neuen Jugendreligionen" entstanden, wurde zunächst auch SC in dieses Umfeld eingeordnet (Mildenberger, 1979). In den Jahren 1970 bis 1974 wurden - ausgehend von den USA - die ersten SC-Niederlassungen in der Bundesrepublik gegründet, in München (1970), Heilbronn (1973), Hamburg (1973) und Frankfurt (1974). In der Bundesrepublik Deutschland verfügt SC nach eigenen Angaben über einen Mitgliederbestand von 30 000 Personen. Gegenwärtig ist die Einschätzung von SC als einer "neuen Jugendreligion" zurückgedrängt zugunsten anderer Sichtweisen und Bewertungen. Seit Mitte der achtziger Jahre wird SC in der Fachliteratur wahrgenommen als eine Organisation, die unter dem Deckmantel der Religion bestrebt ist, expansiv in die Führungszirkel der Wirtschaft vorzudringen. Dem ehemaligen Scientologen Norbert Potthoff zufolge hat sich die Kampagne "Clear Germany" "zum Ziel gesetzt, Deutschland vollständig unter die Kontrolle von Scientology zu bringen. Deutschland wird als 'Schlüsselposition' für den Erfolg weltweit gewertet. Man muß daher mit einer weiteren Expansion rechnen, wobei man sich ganz besonders auf die Wirtschaft und auf soziale Bereiche, Schulen und Polizei konzentriert" (Potthoff, 1993, S. 109). Die durch den Fall der Mauer 1989 eröffneten neuen Expansionschancen nach Mittel- und Osteuropa machen Deutschland - so ein anderer ausgestiegener, ehemals hochrangiger SC-Funktionär - zu einem wichtigen Stützpunkt für den Zugang nach Osten (Young, 1995). Die These einer wirtschaftlich, ideologisch und politisch motivierten, strategisch angelegten Unterwanderung entscheidungsrelevanter Schlüsselstellen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zieht sich, wie wir weiter unten sehen werden (vgl. Kap. 2) wie ein roter Faden durch die neuere kritische Literatur über SC. Zu dieser veränderten Wahrnehmung beigetragen haben Entwicklungen in der SC-Organisation selbst, aber auch ein gestiegenes politisches, publizistisch es und staatliches Interesse an der Theorie und der Praxis von SC.

Staatliche Stellen haben sich vielfach kritisch über SC geäußert. Der InnenministerKonferenz zufolge stellt sich die SC-Organisation "gegenwärtig den für Gefahrenabwehr und Strafverfolgung zuständigen Behörden der inneren Verwaltung als eine Organisation dar, die unter dem Deckmantel einer Religionsgemeinschaft Elemente der Wirtschafts-Kriminalität und des Psychoterrors gegenüber ihren Mitgliedern mit wirtschaftlichen Betätigungen und sektiererischen Einschlägen vereint. Der Schwerpunkt ihrer Aktivitäten scheint im Bereich der Wirtschaftskriminalität zu liegen". Nach Ansicht der nordrhein-westfälischen Landesregierung "ist die 'Scientology-Kirche' in Wahrheit ein Wirtschaftskonzer n, der sich mit einem weltanschaulichen Mantel umgeben hat, in erster Linie jedoch handfeste wirtschaftliche Ziele verfolgt; Hauptzweck der Vereinigung ist die Erzielung von möglichst viel Gewinn. Es handelt sich zudem um eine ideologisch ausgerichtete, zentral gesteuerte und auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam beruhende Organisation, deren Menschenbild und Rechtsbewußtsein ausschlieŠlich von den Gedanken Hubbards geprägt ist".

Die Bayerische Staatsregierung hat im Oktober 1995 einschneidende Maßnahmen angekündigt. Nach einem 12-Punkte-Katalog sollen u.a. der Verkauf von Büchern usw. als Gewerbe angemeldet, die Straßenwerbung untersagt und SC-Organisationen steuerlich genauer überprüft werden. Desweiteren soll die Einhaltung von Arbeits-, Arbeitsschutz und gesundheitsrecht liche Bestimmungen ebenso überprüft werden wie die korrekte AbfĀhrung von Sozialversicherungsbeiträgen. Gesetzliche Maßnahmen, verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und die Beobachtung durch den Verfassungsschutz sieht Bayern als weitere denkbare Möglichkeiten, um gegen SC vorzugehen.

Die mittlerweile verbreitete These eines profitorientierten Konzerns, der die Kunden ausbeutet und mißbraucht, zielt mit guten Gründen auf die moralische und ethische Delegitimation von SC. Doch sie läßt die Frage der Verfassungsfeindlichkeit offen, weil sie SC nicht als politische Organisation betrachtet. Gemessen an der Rechtsprechung des Bundesverfassungsger ichts in den Urteilen zur SRP (1952) und zur KPD (1956) und im Hinblick auf die Extremismus-Forschung in der Bundesrepublik kann die mögliche Verfassungsfeindlichkeit von Organisationen erst dann ins Auge gefaßt werden, wenn es sich um eine Organisation handelt, die politische Zielsetzungen verfolgt.

SC selbst versteht sich nicht als politische Organisation, legt bei diesem Selbstverständnis allerdings einen sehr engen Politikbegriff zugrunde. "Scientology ist unpolitisch", heißt es in einem Flugblatt. Doch im selben Text wird bekräftigt, "daß die Scientologen das Ziel haben, diese Erde von Wahnsinn, Krieg und Verbrechen zu befreien und eine bessere Welt zu erschaffen, in der Vernunft und Frieden vorherrschen" (ebda.). Eine offenere politische Zielsetzung wie diese ist schwer vorstellbar. SC verfolgt expressis verbis politische Zielsetzungen, ohne daß die Organisation die konventionellen Wege der Teilnahme am politischen Wettbewerb beschreitet. Eine Ursache dafür läßt sich hier andeuten: SC ist aus Gründen der Refinanzierung auf die Marktgesetze, auf die Angebots- und Nachfragestrukturen der neuen Religionen und Psychokulte angewiesen. Ein erklärter und direkter Wechsel in den "politischen Markt" könnte die Einnahmequellen des Psychomarktes gefährden und damit die Existenz von SC bedrohen.

Die Probleme einer wissenschaftlichen Annäherung an SC beginnen bereits mit sehr grundsätzlichen Fragen. Würde man versuchen, "Scientology" zu definieren, so könnte man eine ideologische, eine organisatorische und eine politische Ebene unterscheiden. Auf dem ideologischen Feld versteht sich SC selbst als Religionsgemeinschaft, auf der organisatorischen als Kirche und politisch eher indifferent. Politische Absichten sind, wie wir weiter unten sehen werden, verstreut über eine Vielzahl von Schriften. SC beansprucht als "angewandte religiöse Philosophie" "wirksame Lösungen für die dringlichsten Probleme der Gesellschaft, wie Drogenmißbrauch, Kriminalität, Schul- und Bildungsnotstand und den Verfall moralischer Wertvorstellungen" (Was ist Scientology, S. XI). Zahlreiche ernstzunehmende Kritiker haben in der nun gut zwanzigjährigen, an Kenntnissen und Intensität zunehmenden Debatte über SC mit guten Gründen ganz andere Einschätzungen vorgetragen. Von "Psychosekte" ist die Rede, von SC als "Wirtschaftskonzern", der die Anhänger ausbeutet und Teile der Institutionen aus politischen Gründen unterwandert, von "Milliardenumsätzen mit einem Kult um Macht und Geld" (Augstein, 1995). Renate Hartwig, einer der hartnäckigsten Kritikerinnen zufolge ist SC "staatlich geduldeter, von der Justiz nicht verfolgter, von Prominenten, Künstlern und Medien verharmloster Terror" (Hartwig, 1994, S. 15). Norbert J. Potthoff, ein reflektiert argumentierender ehemaliger Scientologe, hat diese Zusammenhänge differenzierter vorgetragen. Ihm zufolge hat sich seit dem Tod des Gründers L. Ron Hubbard (1986) eine grundlegende Wandlung der SC vollzogen "von einer lose geführten Gruppe von Idealisten und Laien hin zu einer straff und autoritär geführten Polit-Sekte". Der Hubbard-Nachfolger Miscavige verfolge ein "totalitär politisches Konzept", das Potthoff in die historische Nachfolge der großen totalitären Bewegungen dieses Jahrhunderts stellt: "Nach Bolschewismus (Proletarier aller Länder vereinigt euch) und Nationalsozialismus (Vormachtstell ung der arischen Rasse) erleben wir im Hubbardismus eine erneute politische Bewegung des Elitemenschen (Übermenschen unter uns), in der nur das Recht des Stärkeren gilt" (Potthoff, 1993, S. 44). An anderer Stelle hat Potthoff die politische Zielsetzung von SC nachdrücklich hervorgehoben:

"Scientology hat in den letzten dreißig Jahren ein weltweites Netzwerk aufgebaut. Das geht über Australien, Asien, Südamerika, Mittelamerika, Nordamerika, Europa, und dieses Netzwerk wird systematisch weiter ausgebaut, um auch politische Macht anzustreben. Scientology hat um 1980 herum eine Umwandlung erfahren. Hubbard wurde entmachtet und das neue Management bemüht sich seither, mit einem totalitären System, wie es Scientology darstellt, auch politische Macht zu erlangen. David Miscavige in der Führungsspitze träumt von der Weltherrschaft. Das Ziel, das Menschen auf dieser Ebene vor Augen haben, ist mit den Zielen der Leute wie Hitler oder Hussein oder Stalin vergleichbar. Sie sind einfach besessen von der Idee, Macht über Menschen und deren Leben zu haben. Geld spielt da nur noch eine sekundäre, mittelbare Rolle" (Potthoff, 1994a, S. 5).

Die Fragestellung des vorliegenden Gutachtens kreist in Anknüpfung und Fortsetzung des neueren, erst rudimentär entwikelten Diskussionsstandes um die politische Charakteristik der SC, um die Problematik der Auswirkungen der SC-Ideologie auf Teile der Gesellschaft und um die politischen Ziele der SC, insoweit sie im Sinne einer "streitbaren Demokratie" Teile der Verfassung mißachten, sich gegen sie richten oder sie unterminieren. Zu klären ist folglich, ob Teile der so vom Bundesverfassungsgericht bezeichneten "freiheitlichen demokratischen Grundordnung" von den Aktivitäten der SC beeinträchtigt, gestört, intentional oder real außer Kraft gesetzt werden. Eine solche Betrachtungsweise setzt den Nachweis voraus, daß SC als eine Organisation mit langfristigen politischen Zielsetzungen aufzufassen ist. Die Fragestellung wird im Folgenden nicht aus einer verfassungsrechtlichen, sondern aus einer primär politikwissenschaftlichen Perspektive diskutiert, die freilich verfassungsrechtliche Überlegungen einschließt. Aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive wäre anzuknüpfen an die Tradition der neueren Forschungen über politischen Extremismus, um so eine dem Gegenstand angemessene Untersuchungsmethodik zu gewinnen. Ein sozialwissenschaftlicher Ansatz unterscheidet sich von den vorherrschenden juristischen, medizinisch-psychoanalytischen, geistesgeschichtlichen und journalistischen Zugängen vor allem dadurch, daß der politische und gesellschaftliche Rahmen mehr Berücksichtigung findet, daß Primärtexte nicht für sich selbst stehen, sondern als Teil eines umfassenderen politisch gesellschaftlichen Kontext gesehen werden und nicht zuletzt durch den Rückgriff auf sozialwissenschaftliche Forschungs- und Diskussionszusammenhänge.

In der neueren Extremismusforschung überwiegen organisations- und parteiensoziologische Ansätze, die zur Klärung von politischen Positionierungen und von Fragen der Verfassungsfeindlichkeit folgende methodisch durchdachte Aspekte hervorheben und aufeinander beziehen: Die Entwicklung des programmatischen Selbstverständnis, der innerorganisatorischen Willensbildung und der politische Ziele, Zugehörigkeit zu einer "politischen Familie", innerorganisatorisches Demokratieverständnis bzw. Ausgestaltung von Hierarchie-Ebenen, Strategien und Verhaltensmuster gegenüber der sozialen und politischen Umwelt, Mitglieder- und Wählersoziologie sowie Bündnispotentiale mit anderen politischen oder gesellschaftlichen Strömungen. Dazu gehören auch Positionierung en in der politischen Öffentlichkeit und ihren Wirkungsweisen.

Das vorliegende Gutachten wird sich an diese methodischen Schritte einer extremismustheoretischen Organisationsuntersuchung anlehnen, wobei allerdings die Besonderheit von SC zu berücksichtigen ist. Die herkömmlichen, für extremistische Organisationen maßgeblichen typologischen Formationsprinzipie n - Theoriezirkel, Traditionsvereine, politische Sekten, Terrorgruppen, Sammlungsbewegungen, Kaderparteien (Backes, 1989, S. 266ff.) - reichen nicht aus, um SC angemessen zu charakterisieren. Zudem ist über die Anhänger, Sympathisanten und Interessenten ebensowenig bekannt wie über die Dynamik der personellen Fluktuation. Die politischen Ziele sind eher verdeckt und verstreut über eine Vielzahl von Schriften und die Geschichte der SC ist noch nicht geschrieben. Im Hinblick auf die methodischen Standards und Ansätze der Extremismusforschung sind das Fehlen einer kritischen Geschichte der SC, die erst die Entwicklungsdynamik von SC im Zeitverlauf aufzeigen könnte und das Manko geringer Kenntnisse über die soziodemographische Struktur der Anhängerschaft und deren Verweildauer nicht zu unterschätzende forschungsperspektivische Desiderata. Dennoch kann und muß eine Organisation, deren erklärtes Ziel es ist, einen "geklärten Planeten" zu schaffen und die diese Herausforderung "mit Entschlossenheit und Hingabe in Angriff" nehmen will (Was ist Scientology, S. 360), als eine politische Organisation verstanden werden. Dies nötigt zu einer flexibleren, dem Gegenstand SC angemessenen methodischen Verfahrensweise, die ebenso zu beachten hat, daß die bisherige Diskussion überwiegend im Kontext der Diskussion über Jugendreligionen, Psycho-Sekten und fundamentalistische Heilslehren geführt worden ist, nicht aber unter den Prämissen einer extremismustheoretischen Methodik.

In einem ersten Schritt wird der Stand der Debatte über SC zusammenfassend und kritisch dargestellt, um die Fragestellung des Gutachtens auf den Stand der Diskussion beziehen zu können (Kap. 2). Dabei werden autobiographische Materialien ehemaliger Scientologen, die Debatte um Psychokulte, religiöse Sekten und den modernen Fundamentalismus, die bisherigen Befunde über den politischen und wirtschaftlichen Einfluß von SC sowie Hinweise zur Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates sekundäranalytisch daraufhin befragt, was diese Debatten für unsere Fragestellung beitragen können. Eines ihrer wichtigsten Defizite sei hier angesprochen: Gerade die neuere deutsche Geschichte vor 1933 hat gezeigt, daß vielfältige Gruppierungen der Völkischen, der Lebensreformer, der Landkommunen und der deutschen Jugendbewegung, die man heute als "Sekte" bezeichnen würde, durchaus politische Zielsetzungen verfolgten und Funktionen übernahmen, die sie letztlich zu Vorläufern und Wegbereitern des Nationalsozialismus gemacht haben. Insoweit wäre es grundsätzlich verfehlt, "Sekten" als unpolitische Vereinigungen zu betrachten und vielmehr geboten, die politischen Qualitäten von vornherein mitzubedenken. Daher erscheint es folgerichtig, wenn die Debatte über SC als Jugendsekte sich fortentwickelt hin zur Diskussion über SC als politischer Organisation.

Nach der sekundäranalytischen Aufbereitung folgt ein theoretisch angelegtes Kapitel über die Begriffe Fundamentalismus, Extremismus und Totalitarismus (Kapitel 3). Es dient dazu, SC begrifflich angemessen einzuschätzen jenseits des unpolitischen Begriffs der "Sekte". Diese Begriffe erscheinen als der angemessene theoretische Rahmen, in dem SC zu verorten ist. Kapitel 4 zeigt, daß es sich bei SC um eine totalitäre Organisation handelt, die mannigfache Bezüge zum politischen Extremismus aufweist. Dies gilt zunächst für den heilsgewissen Alleinvertretungsanspruch und die Hermetik der SC-Weltanschauung. Dieser Überlegung wird in den nachfolgenden Kapiteln weiter nachgegangen. Freund-Feind-Denken und Gewaltbereitschaft (Kapitel 5), das Führer-Gefolgschaftsverhältnis und die innerorganisatorische Willensbildung (Kapitel 6), die Funktion der spezifischen SC-Sprache (Kapitel 7), die Kind zu Recht ein "wichtiges Instrument der Indoktrination" genannt hat (Kind, 1994, S. 21), und die Demokratiekritik der SC (Kapitel 8) erhärten die Bezüge zum politischen Extremismus. Dabei zeigt es sich jedoch, daß SC nicht in die geläufigen Traditionszusammenhänge des organisierten Links- und Rechtsextremismus hineingestellt werden kann. Es spricht vielmehr einiges dafür, daß es sich um einen politischen Extremismus neuen Typs handelt. Ein zusammenfassender Schlußteil (Kapitel 9) wird die Ergebnisse bilanzieren und auf die Fragestellung des Gutachtens rückbeziehen. Berücksichtigt wurden Selbstdarstellungen der SC, biographische Schriften von SC-Aussteigern, Primärmaterialien wie Landtagsdrucksachen und Gerichtsurteile und sekundäranalytische Beiträge.

An dieser Stelle soll freilich auch auf die Begrenzungen dieses Gutachtens hingewiesen werden. Die ideologischen Grundlagen von SC, vor allem in Hubbards "Dianetik", wurden nur insoweit berücksichtigt, als sie für die Fragestellung des Gutachtens von Bedeutung sind. Literatur zur praktischen Durchführung von Kursen, zur Funktionsweise von Techniken und Gruppendynamiken beispielsweise sind hier deshalb ausgespart, obwohl die Kritik aus seriöser medizinischer und psychotherapeutischer Sicht an der SC für unsere Fragestellung nicht ohne Bedeutung ist. Die Praxis des "Auditing" in den SC-Kursen macht, so scheint es, Patienten gefügig und abhängig. So etwa hält der Direktor der Psychiatrischen Poliklinik im Universitätsspital Zürich, Professor H. Kind, in einem jüngst vorgelegten Gutachten das dianetische "Auditing" für eine "unmenschliche Prozedur". Die SC-Psychotechniken bergen ihm zufolge "ein erhebliches Risiko" für den Patienten, weil seine Realitätskontrolle geschwächt und die Abhängigkeit und Indoktrinationsbereitschaft verst¨rkt werde. "Der Anspruch der Dianetik", fährt Kind fort, "alle Neurosen, psychosomatische Leiden und auch funktionelle Psychosen heilen zu können, widerspricht vollständig dem, was aus seriöser Forschung über die Wirksamkeit der Psychotherapie bekannt ist" (Kind, 1994, S. 24). "Nicht Autonomie des Patienten", so Kind, "sondern Unterwerfung unter das System ist Ziel der Dianetik" (Kind, 1994a, S. 9).

Neben der nicht unbedeutenden medizinischen und psychotherapeutischen Kritikebene konnten einige weitere Aspekte nicht oder nicht zureichend berücksichtigt werden. Die Mitglieder- und Sympathisanten-Ebene findet aufgrund kaum vorliegender empirischer Daten nur in Form von publizierten autobiographischen Skizzen ehemaliger SC-Funktionäre Eingang, direkte Befragungen von SC-Funktionären wurden aus pragmatischen Gründen - vor allem wegen des begrenzten Zeithaushaltes - nicht vorgenommen. Weitgehend unberücksichtigt bleiben weitere Gesichtspunkte, die für unsere spezifische Fragestellung von geringer Bedeutung sind bzw. aus ebenfalls pragmatischen Gründen nicht einbezogen wurden. Dazu gehören der internationale Aufbau von SC, die innerorganisatorische internationale Binnendifferenzierung, die Finanzierung, Refinanzierung und Gewinnverwendung und der schon lange andauernde, internationale Streit über die Rechtsform der SC. Veröffentlichte Zahlenangaben machen deutlich, daß die Organisation weiterhin im "Psycho-Markt" fest verankert ist. In den USA ist SC nach langen juristischen Auseinandersetzungen im Jahr 1993 von den Steuerbehörden als gemeinnützig anerkannt worden. Im Zuge dessen mußte SC die Finanzen offenlegen. Demnach verbucht SC in den USA bei einem Vermögen von 400 Millionen Dollar Einnahmen von rund 300 Millionen Dollar aus dem Verkauf von Büchern und Kursen (Gralla, 1994, S. 92). Die Angebots- und Nachfragestrukturen des "Psycho-Marktes", in dem sich SC auch in Deutschland bewegt, können im Rahmen dieses Gutachtens keine Rolle spielen, obwohl die finanzielle Schlagkraft und damit auch die Macht von SC insgesamt nicht zuletzt vom Erfolg oder Mißerfolg in diesem Marktsegment abhängt.

2. Zur wissenschaftlichen, publizistischen und politischen Diskussion über Scientology

In den fünfundzwanzig Jahren ihres Bestehens in Deutschland hat sich unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine breiter gewordene öffentliche Auseinandersetzung mit der SC entwickelt. Sie findet statt auf den Ebenen des Journalismus (Presse und Sachbücher), der Erfahrungsberichte von Aussteigern und Beratungsstellen, parlamentarischer Anfragen, der Rechtsprechung, verschiedener internationaler veröffentlichter und unveröffentlichter Gutachten und - vergleichsweise spät - auf der Ebene philosophischer und religionswissenschaftlicher Essayistik. Schwerpunkte waren und sind weiterhin vor allem der Aspekt "Jugendreligion"/Psychokult, die Praxis des "Auditing" unter medizinischen, psychotherapeutischen und psychoanalytischen Gesichtspunkten, aber auch - verstärkt seit Beginn der neunziger Jahre - die wirtschaftlichen Verflechtungen, die Frage der strategisch angelegten Infiltration entscheidungsrelevanter gesellschaftlich er Teilbereiche, die innerorganisatorische Ausdifferenzierung, Netzwerkbildung und die damit verbundenen Strategien und verschiedene ideologiekritische Aspekte. Fragen nach den politischen Zielen der SC spielen erst seit wenigen Jahren eine zunehmend bedeutsamere Rolle. Gerade dies verweist auf einen empfindlichen Mangel: Sozial- und politikwissenschaftliche Analysen, die SC als politische Organisation analysieren, liegen praktisch nicht vor. Sowohl unter normativ-verfassungstheoretischen Aspekten im Hinblick auf die Verfassungskonformität als auch unter empirischen Gesichtspunkt en im Hinblick etwa auf Mitgliedersoziologie und gruppeninterne Dynamiken erweist sich dies als ein empfindlicher Mangel. Der Überblick über den Literatur- und Forschungsstand dient dem Zweck, Kenntnisse und Kenntnis Defizite über SC zusammenzufassen.

2.1. Erfahrungsberichte

Die erst seit wenigen Jahren verstärkt veröffentlichten Berichte von ehemaligen Scientologen sind, wie es Ursula Caberta, Leiterin der "Arbeitsgruppe Scientology" bei der Hamburger Innenbehörde, zu Recht formuliert hat, "eine der Hauptinformationsquellen über Scientology und deren unterschiedliche Gruppen" (Caberta, 1994, S. 22). Aufgrund ihrer Authentizität versprechen die vorliegenden Erfahrungsberichte ehemaliger Scientologen vertiefte Einblicke in die Struktur der SC, ihre alltägliche Praxis und die möglichen Folgen für die Betroffenen. Vor allem den Informationen ehemals hochrangiger, langgedienter SC-Aussteiger, die verstärkt seit Beginn der neunziger Jahre an die Öffentlichkeit gehen, lassen sich bemerkenswerte Aufschlüsse entnehmen. Ihre Glaubwürdigkeit ist schon deshalb weitreichend, weil sie in zentralen Punkten übereinstimmen. Alle vier hier ausgewerteten autobiographischen Berichte (Anm. 8) betonen die totalitären Strukturen von SC und den als eminent politisch zu bewertenden Weltherrschaftsanspruch. Ihre Erfahrungen und Deutungen sind durchaus unterschiedlich, doch ein Vergleich verweist auf ein biographisches Verlaufsmuster, das in vier Phasen unterteilt werden kann.

Die erste ist gekennzeichnet durch das Bewußtsein einer individuellen Lebenskrise und durch das Bedürfnis nach Lebenshilfe, nach Gesprächspartnern, nach der Verbesserung der eigenen Situation, zumindest aber von der Offenheit für entsprechende Angebote. Offen für SC sind vor allem jüngere, an Fortbildung grundsätzlich interessierte Menschen, deren Unzufriedenheit mit ihren persönlichen und den allgemeinen Verhältnissen ein gewisses Ausmaß an Verunsicherung und Orientierungslosigkeit hervorgebracht hat, woran Organisationen wie SC anknüpfen können. Nach allen zur Verfügung stehenden Materialien stehen religiöse Motive nicht im Mittelpunkt des Entschlusses, SC-Kurse zu belegen. Potthoff berichtet von Unzufriedenheit "mit mir selbst, mit meiner Frau, mit meiner Position im Leben" (1994, S. 21). Voltz begründet seine interessierte Offenheit für SC mit seiner generellen Bereitschaft zum kulturellen und religiösen Experimentieren im Zuge der Jugendbewegung Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre (1995, S. 17ff.). Ihn prägen idealistische Motive, das Interesse an persönlicher Entwicklung, der Wunsch nach Geborgenheit und nach einer Philosophie, die Antworten auf Sinnfragen bereitstellt. Nicht nur ein dynamischer jugendlicher Idealismus oder eine Lebenskrise öffnen Zugänge zur SC, sondern auch eine eher undramatische Aufgeschlossenheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. So berichtet eine 23-jährige Psychologie-Studentin lapidar, ihr sei nach dem "Persönlichkeitstest" klar geworden, "daß ich bei Scientology mein Leben verbessern (kann), um familiär und im Studium besser dazustehen" (Valentin/Knaup, 1992, S. 12). Der Kontakt zu SC erfolgt entweder über persönliche Bekanntschaften zu SC-Mitgliedern, von denen man geworben wird, über Zeitungsinserate oder über SC-Werber auf der Straße, die zu einem "Persönlichkeitstest" einladen, der dann in der Regel angebliche Defizite im Verhaltens- und Kommunikationsbereich aufzeigt, die man durch Belegen von Kursen beheben könne.

In der zweiten Phase erfolgt die Anbindung an das System Scientology, indem die Geworbenen teure Kurse belegen, deren Erfolg vom Besuch weiterer Kurse abhängt. "Die Brücke zur völligen Freiheit" nennt SC das stufenweise aufeinander aufgebaute Kurssystem, das mit Zertifikaten abgeschlossen wird, ergänzt durch eine Fülle von Heimkursen, Videocassetten usw. Obwohl genauere Daten nicht vorliegen, kann davon ausgegangen werden, daß in dieser zweiten Phase die Entscheidung fällt über den Ausstieg aus der "SC-Karriere" oder ob der Weg nun fest angebunden an die SC weiterverläuft. "Im Prinzip", erinnert sich Potthoff (1994, S. 33), "kann man den Hubbard Kult nur in den ersten Wochen wieder verlassen. Hat man erst einmal das harte Kommunikationstraining absolviert, hat man gelernt, in dieser neuen Sprache zu denken und zu fühlen, dann ist der Weg nach draußen so hart und beschwerlich, daß man lieber drinnen bleibt". Geradezu euphorische Phasen begleiten den weiteren Weg in die SC, es habe Spaß gemacht, so Potthoff, "am Projekt einer 'neuen Zivilisation' mitzuarbeiten" (Potthoff, 1994, S. 28).

Die dritte Phase ist geprägt von einer sich entwickelnden Identifizierung mit den Methoden und Zielen der SC einerseits und einer relativen Abschottung und Isolierung von der bisherigen sozialen Umwelt andererseits. Alle vorliegenden Biographien schildern übereinstimmend die sukzessive Vereinnahmung durch das Kurssystem, gruppeninternen Anpassungsdruck, Ködern durch Aufgabenzuweisung durch SC bis hin zu einer Festanstellung als Mitarbeiter. Das Sich-Einfügen in totalitäre Strukturen mit dem Anspruch, sie allein seien der richtige und der einzig denkbare Weg, bedeutet das Ausschalten von Kritik und Zweifeln und gleichzeitig eine erhöhte Distanz zur bisherigen sozialen Umwelt. Berichte über Scheidungen und Kontakt-Abbrüche im bisherigen Freundeskreis belegen die Tendenz zur Selbst-Isolierung. Dadurch wird ein Zirkel in Gang gesetzt: Höhere Bindung an die Organisation bedeutet Kommunikationsabbrüche im bisherigen personalen Umfeld. Die dadurch bewirkte Isolation erhöht nun wiederum das Bedürfnis nach SC als "Ersatzfamilie". "Mehr und mehr wurde ich", so Potthoff (1994, S. 23), "zum Mittelpunkt meiner eigenen Vorstellungen, die sich dem scientologischen Weltbild annäherten, bis am Ende dann meine Persönlichkeit voll dem Hubbardschen System angepaßt war".

In den biographischen Aufzeichnungen ehemaliger Scientologen wird die vierte, die Ausstiegsphase als die schwierigste und widersprüchlichste geschildert. Der nach eigenen Angaben eher abrupte, spontane Austritt, wie ihn Träger für seinen Fall schildert, scheint eher die Ausnahme (Träger, 1993). Der Bruch mit der SC als Organisation und als Ideologie vollzieht sich in aller Regel allmählich, voller Selbstzweifel und mit Phasen einer Hin- und Hergerissenheit. Einige Fälle des versuchten und des vollendeten Suizids sind Endpunkte eines komplexen Lösungsprozesses (vgl. Herrmann, 1994, S. 35ff.). Die Ausstiegsmotive sind durchaus verschieden. Zu ihnen gehören äußere Motive wie z.B. Einflüsse SC-kritischer Personen oder SC-kritischer Literatur, überwiegend jedoch sind es interne, auf die SC-Praxis bezogene Gründe. Für Potthoff waren es schwer lösbare Konflikte am Arbeitsplatz in der SC, das unabweisbare Gefühl, mißbraucht zu werden, die den Ausstieg einleiten (Potthoff, 1994, S. 28ff.). Für Voltz sind es interne Mißstände, der Absolutheitsanspruch der totalitären SCIdeologie, der SC-intern von Hubbard angewiesene Psychoterror gegenüber Kritikern und Abweichlern und mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik in den Reihen der SC, die ihn zu einem schmerzhaften Abnabelungsprozeß veranlassen (Voltz, 1995, S. 29ff.).

Betrachtet man die Stationen von SC-Aussteigern unter einem systematischen Gesichtspunkt, so fällt ihre geringe Originalität auf. Zwar ist SC eine originäre Ideologie, doch die biographischen Muster der Dissidenten ähneln jenen, die aus Karrieren in extremistischen Organisationen bekannt sind. Biographische Analysen jugendlicher Neonazis haben die Dynamik von idealistischer Einstiegsmotivation im Umfeld persönlicher und allgemeiner Unzufriedenheit, Anbindung und Verfestigung an die Organisation bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Isolierung und einen schwierigen Ablöseprozeß weitgehend ohne soziale Auffangnetze deutlich aufzeigen können. Ähnliche biographische Verlaufsmuster zeigen sich bei den sogenannten K-Gruppen und bei terroristischen Karrieren. Selbst bei öffentlich weniger stigmatisierten und ausgegrenzten Polit-Sekten sind diese Merkmale prägend für die politische Sozialisation. Ein ehemaliges ICLC-Mitglied (EAP, Patrioten für Deutschland usw.) bilanziert sechzehn Jahre Engagement für diese Gruppe mit den Stichworten Realitätsverlust in einer autarken Welt mit eigenen Regeln, Überhandnehmen von Verschwörungstheorien und Denken in Freund-Feind-Kategorien, Personenkult und spezifischer Parteijargon und einer gruppendynamischen totalitären Selbstüberhöhung, die an die Gruppe bindet und den Ausstieg erschwert (Beyes-Corleis, 1994).

Der gravierendste Unterschied dieser Vergleichsgruppen liegt darin, daß ehemalige Neonazis wie auch ehemalige Linksextremisten und die Anhänger anderer Polit-Sekten sich selbst vor, während und nach ihrer aktiven Zeit in den jeweiligen Organisationen als politische Subjekte verstehen, SC-Dissidenten jedoch allenfalls in einem eher indirekten Sinn. Umgekehrt muß diese Differenz jedoch relativiert werden, denn auch bei den extremistischen Gruppen spielen persönliche Motive für die Aktivisten eine bedeutende Rolle, so daß persönliche und politische Motive schwer zu trennen sind. Im Hinblick auf die Auswirkungen zeitweiliger Aktivitäten bei SC auf der einen und extremistischen Gruppen auf der anderen Seite für die weitere Sozialisation der Betroffenen kann jedoch ein vergleichbares Ergebnis festgestellt werden: Sie erleben ihre Zeit bei den jeweiligen Organisationen als Lebensphase der Ent-Demokratisierung, der Beherrschung und Zurichtung durch totalitäre Strukturen, als eine radikale Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit und sie erleben die Organisationen selbst rückblickend als demokratiefeindliche, gefährliche, und auf sie selbst bezogen durchaus "nachtragende", sie noch im nachhinein verfolgende Akteure. Ein bezeichnendes Licht auf die totalitären, gewalttätigen Praktiken von SC wirft der publizistische Umgang mit Aussteigern. SC wirft einem von ihnen "wahnhafte Vorstellungen" vor, einem anderen in aggressiver und herabwürdigender Weise finanziellen, moralischen und geistigen Bankrott und korrupte Gesinnung.

2.2. Die Debatte um Psychokulte, religiöse Sekten und den modernen Fundamentalismus

In den siebziger Jahren entstand in der Bundesrepublik eine Fülle neuartiger religiöser Sekten und sektenähnlicher Zusammenschlüsse. "Vereinigungskirche", "Hare Krishna", "Transzendentale Meditation" und die Baghwan-Bewegung zählen zu den bekanntesten. Recht frühzeitig wird in der Literatur auch SC in diesen Zusammenhang gebracht. Der Begriff der "Jugendsekten" verweist auf den gesellschaftlichen Hintergrund der zu Beginn der siebziger Jahre sich in vielfältigste Gruppierungen auflösenden Studentenbewegung und die in diesem Kontext verbreitete Position eines Hintanstellens der Gesellschaftsveränderung zugunsten einer Veränderung des eigenen Subjekts. Die in den siebziger Jahren anlaufende Debatte über einen "neuen Lebensstil" verzahnt noch die politischen Erfahrungen des Scheiterns der Studentenbewegung mit dem Bewußtsein einer ökologischen Krise der Gesellschaft und versucht auf diese Weise, Politik und Alltagsverhalten aufeinander zu beziehen (Wenke/Zilleßen, 1978). Diverse Psychokulte und religiöse Bewegungen treten jedoch ohne politischen Anspruch auf, sie konzentrieren sich auf eine Veränderung des Subjekts und bilden den organisatorischen Hintergrund für das neue Paradigma der "Selbsterfahrung". Die gesellschaftlichen Bedingungen für eine breite Akzeptanz von Organisationen wie SC sind in den siebziger Jahren gegeben. "Totale Freiheit von jeglicher Beschränkung, Unsterblichkeit, Beherrschung von Raum, Zeit und Materie - das sind faszinierende Ziele" (Mildenberger, 1979, S. 183). Das gesellschaftliche Krisenszenario, das dem neuen Individualismus und später den neuen sozialen Bewegungen zugrundelag, beschrieben Brand/Büsser/Rucht als modernitätskritische "eschatologische Endzeiterwartungen, 'no-future' Stimmungen einer neuen 'lost generation', rückwärtsgewandte politische Romantik sowie mystischen Eskapismus" (Brand/Büsser/Rucht, 1983, S. 19).

Das Bedürfnis nach Selbsterfahrung und nach einem "neuen Lebensstil" waren Motivbündel und gesellschaftlicher Hintergrund der Psycho-Kulte und der neuen Religionen in den siebziger Jahren. Sie waren verbunden mit den nur kurz zurückliegenden Erfahrungen mit der Jugend- und Studentenbewegung und erschienen als eine historische Konsequenz aus diesen Erfahrungen. Die Anhänger der neuen Sekten und Psycho-Kulte hatten großteils die Phase der studentischen Protestbewegung biographisch durchlaufen und betrachteten die Suche nach der eigenen Identität als folgerichtige Konsequenz. Dieser Zusammenhang ist heute zerbrochen. Träger schätzt, daß 40 bis 50 Prozent der Aktivisten zu Beginn der siebziger Jahre heute nicht mehr dabei sind (Träger, 1993, S. 92). SC rekrutiert ihre Anhänger heute nicht mehr in Kreisen jugendlicher Protestströmungen, sondern vorzugsweise in den Chefetagen und bei jenen "Erfolgreichen", die noch erfolgreicher sein wollen, idealerweise die besonders "dynamischen" Funktionseliten in den wirtschaftlichen Wachstumsbranchen des tertiären Sektors.

Die neuere Diskussion über die religiösen Sekten sucht daher nach Erklärungen, die dem veränderten gesellschaftlichen Resonanzfeld Rechnung tragen. Das theoretische Modell der Individualisierung scheint dabei geeignet, die Bereitschaft zum Engagement in unkonventionellen Organisationen zu erklären (vgl. Eiben, 1993). Demnach ist die moderne Gesellschaft gekennzeichnet von einer Pluralisierung der Orientierungen und der Lebensstile auf der einen und von einer nachlassenden Bindekraft der Institutionen, auch der Kirchen, auf der anderen Seite. Der Einzelne ist gleichsam "freigesetzt" aus den Zwängen der traditionellen Bindungen und heute in einer Situation umfassender Wahlmöglichkeiten in allen Lebensbereichen. Auch die religiösen - oder als religiös auftretenden - Deutungsangebote sind von dem Prozeß der Pluralisierung und Individualisierung betroffen. Einerseits verlieren sie zunehmend ihre Stamm-Klientel, andererseits erfreuen sie sich aber auch des Zulaufs deshalb, weil sie in einer unklaren, unüberschaubaren Situation pluralisierter Meinungsbilder eindeutige und klare Orientierung versprechen. Die christlichen Kirchen verlieren dabei zusehends an Boden - ablesbar an den seit Jahren ansteigenden Zahlen der Kirchen-Austritte , während neuartige Angebote zunehmend getestet werden oder auch dauerhaft neue Anhänger finden können.

Der neben der Individualisierungstheorie überzeugendste Erklärungsansatz findet sich in den Debatten über den modernen Fundamentalismus. Absolut gesetzte Prinzipien, Erkenntnisgewißheit und geschlossene Weltbilder erscheinen als weltweite Antworten auf die Ungewißheiten und Risiken der modernen Welt. Zweifel, Erkenntnisvorbehalte, diskursive Infragestel lung eigener Positionen sind dem Fundamentalismus fremd, er pocht in hermetisch abgeriegelten weltanschaulichen Gemeinschaften auf der Ausschließlich keit und Alleingültigkeit der eigenen Werte und des eigenen Weges. Meyer spricht für die Bundesrepublik von der Existenz eines lebensweltlichen, eines kulturellen (z.B. "New Age") und eines politischen Fundamentalismus (z.B. die "Öko-Fundis", vgl. Meyer, 1989, S. 263). Jugendsekten ordnet Meyer in den Bereich des lebensweltlichen Fundamentalismus. Dennoch könne man, so Meyer zu Recht, diese Trennungen nicht eigentlich aufrechterhalten, denn

"All diese Gruppen verfügen über ein rettendes Prinzip, das das Heil für die Menschheit birgt. Wer Mitglied einer Gruppe wird, schließt sich einer geretteten Familie an, die von einem rettenden Meister gelenkt und geleitet wird. Alle Gruppen verfügen über ein in sich geschlossenes Weltbild oder ein fest abgeschlossenes Glaubenssystem. Es deutet und erklärt die Welt insgesamt und die Bedeutung des Lebens des einzelnen in ihr. Diese Deutung enthält stets auch ein Heilsversprechen, das Rettung und Erlösung allen verheißt, die diese Weltanschauung annehmen und nach ihren Geboten handeln. Jede dieser Weltanschauungen beansprucht jeweils gegen alle übrigen Ausschließlichkeit. Sie reduziert die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt samt all ihren konkurrierenden Deutungen auf einen manichäischen Dualismus von Heil und Unheil, Gut und Böse, Freund und Feind. Widersprüche in der eigenen Position oder der der anderen werden geleugnet oder verdrängt. So bleibt jede Auseinandersetzung mit den Spannungen, Konflikten und Unebenheiten der Realität den Anhängern erspart. Die Gruppen sind immer in höchstem Maße hierarchisch aufgebaut, mit dem über alle erhabenen Führer an der Spitze. Abhängigkeitshaltung und strikte Unterordnung, die immer verlangt werden, verschaffen aber gleichzeitig die Teilhabe am Auserwähltheitsbewußtsein der Gruppen" (Meyer, 1989, S. 266).

Folgt man dieser Definition, so lassen sich daraus zwei Thesen ableiten: Zum einen gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten, ja mehr noch - einen absolutistischen Kern aller fundamentalistischen Strömungen, zu denen Gruppen wie SC zu rechnen sind. Zum anderen wird durch diese theoretischen Gemeinsamkeiten eine weitere Schnittmenge deutlich. Aus den Diskussionen über den politischen Extremismus sind Definitionen, wie sie Meyer für den Fundamentalismus vornimmt, nicht unbekannt. Kennzeichnungen des modernen politischen Extremismus könnten von einer Reihe der Merkmale für den Fundamentalismus profitieren - im Hinblick auf die Hermetik der Weltanschauung, das Führerprinzip und die Heilsgewißheiten. Auf diesen Zusammenhang wird weiter unten näher eingegangen.

Gerade weil die neuen Psycho- und Religionskulte der siebziger Jahre das Postulat einer radikalen Veränderung der Gesellschaft umdrehen in das Programm der Selbstbefreiung des Einzelnen erscheinen sie seinerzeit häufig als unpolitisch, obwohl die FundamentalismusDebatte nachdrücklich auf den politischen Kern der "Jugendsekten" verweist. Das Versagen der Integrationskraft der Institutionen, zumal der christlichen Kirchen, wird weiterhin häufig als Ursache der Attraktivität der Sekten ausgemacht, ebenso wie ein gescheiterter Identitätsfindungsprozeß von Jugendlichen und ein eher allgemeines "Unbehagen an der Moderne" und am Fortschritts- und Leistungsdenken der Gesellschaft. Zahlreiche Elterninitiativen in den siebziger Jahren bemühen sich - häufig in Zusammenarbeit mit den Kirchen - um Wege, ihre Söhne und Töchter aus den Sekten herauszuholen und sie in ein normales Leben zu reintegrieren (Mildenberger, 1979, S. 238ff.). Heute sind diese Initiativen politischer geworden, indem sie nicht mehr nur die individuelle Befreiung ihrer Kinder aus den Fängen der Sekten betreiben, sondern dafür plädieren, Organisationen wie SC als politisch gefährlich zu begreifen. SC sei, so bilanziert Müller die neueren gesellschaftlichen Reaktionen auf SC, "ein soziales, ein politisches System, das aufgrund seiner antidemokratischen Intentionen mit den Grundwerten unserer Gesellschaft unvereinbar ist" (Müller, 1994, S. 177). Protestbewegungen gegen SC heute beziehen sich auf diese Ausgangsthese und agieren nicht mehr nur in Kooperation mit kirchlichen Stellen unter der Leitidee der Rückgewinnung verlorengegangener Kinder, sondern mit den modernen Mitteln von Bürgerinitiativen und Aktionsbündnissen gegen eine als politisch gefährlich eingeschätzte Sekte.

Einige Beispiele vermögen die Veränderungen im Umgang mit Sekten wie SC zu illustrieren. Das 1990 entstandene Hamburger Aktionsbündnis gegen SC versammelt alle demokratischen Parteien und weitere Gruppen, betreibt Vernetzungen und Öffentlichkeitsarbeit im Interesse einer "entschlossenen Abwehr von aggressiven Systemen", um die gemeinsamen Werte der Gesellschaft zu verteidigen. Das Beispiel des Dorfes Hoisdorf nahe Hamburg zeigt, wie Bürgerinitiativen in politisch-präventiver Weise Projekte der SC bereits im Ansatz verhindern. Ein dort geplantes SC-Internat für Kinder wurde aufgrund von Bürgerprotesten nach Informationsabenden, Unterschriftensamm lungen und Öffentlichkeitsarbeit verhindert. Nach mehr als einjährigen Auseinandersetzungen nahm SC von dem Vorhaben des Internats in Hoisdorf Abstand (Birnstein, 1994). Zu Beginn der neunziger Jahre bilden sich in Hamburg und Berlin Mieterinitiativen, die öffentlichkeitswirksam gegen die von SC-Firmen betriebene Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen protestieren. Ein drittes Beispiel beleuchtet die mittlerweile zahlreichen Aktivitäten gegen SC aus den demokratischen Parteien heraus. Im November 1993 veranstaltete die Junge Union Deutschlands (JU) das "1. Wormser Scientology Tribunal". Neben Analysen und Empfehlungen verabschiedet es ein Thesenpapier. Es zeigt in aller Deutlichkeit, daß SC heute immer weniger als "Psychokult" oder religiöse Sekte wahrgenommen wird und immer deutlicher als politische Organisation. Zur allgemeinen Einschätzung von SC heißt es in den Thesen, SC sei "eine totalitäre, antidemokratische Bewegung mit staatsfeindlichen Zielen. Sie ist eine neue Form organisier ter Kriminalität. Diese Sprachregelung wird für alle Arten von Veröffentlichunge n empfohlen" (Junge Union, 1993).

Diese neuen Debatten und Aktionen gegen SC gehen von einer theoretisch wie auch politisch sehr bedeutsamen Annahme aus: SC versucht, durch die Strategie der Infiltration Teile von Wirtschaft und Gesellschaft systematisch zu unterwandern und für eigene politische Zwecke umzufunktionieren. Die neuere Literatur gibt dazu einige bemerkenswerte Aufschlüsse.

2.3. Zum politischen und wirtschaftlichen Einfluß von SC

In der jüngsten Literatur über SC spielt die Frage des Einflusses dieser Organisation und Ideologie in der Wirtschaft eine zunehmend bedeutsamere Rolle. Hermann berichtet von einem SC-internen Plan zur "Übernahme der deutschen Wirtschaft", der auf vier strategischen Punkten basiert: Gezielte Auswahl des Unternehmens, Werbung des oder der höchsten Repräsentanten, Ausschaltung von Gegnern und Einführung in die SC-Praxis des Auditierens. v. Billerbeck/Nordhausen berichten von zahlreichen Weltfirmen, die SC-Angaben zufolge - bereits Kurse von SC bezogen haben, darunter Honeywell, Motorola, General Motors, Ford, Renault, Volkswagen und Shell (v. Billerbeck/Nor dhausen, 1994, S. 150). Wichtiger scheint allerdings das gezielte Infiltrieren von mittelständischen Unternehmen. In den Bereichen Bauunternehmen, Computer, Werbeagenturen, Unternehmens- und Personalberatung und Immobilien hat - folgt man den vorliegenden detaillierten Schilderungen - SC zweifellos Fuß gefaßt. Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland 150 Unternehmen nach scientologischen Prinzipien, überwiegend in den Wirtschaftsräumen Hamburg, Stuttgart und München (Knaup, 1992, S. 84). Auch aus Politik und Verwaltung werden Fälle öffentlich: Die Leiterin der Akademie des Handwerks bei der Handwerkskammer Hamburg wurde als Scientologin "geoutet" (Knaup, 1992, S. 89), zwei FDP-Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft standen in engen geschäftlichen Beziehungen zu SC (Hermann, 1994, S. 107).

Branchenspezifisch scheint der SC-Einfluß im Bereich des Immobilienhandels und hier vor allem im Markt der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen zu wachsen. Gemessen an den Wirtschaftsräumen Hamburg und Berlin hat der Einfluß von SC in diesem Sektor beträchtliche Ausmaße angenommen. Einem Zeitungsbericht zufolge werden - nach Auskunft des Berliner Mietervereins - mittlerweile rund ein Drittel aller in Berlin angebotenen Eigentumswohnungen von SC-nahen Firmen zum Verkauf angeboten (Nordhausen, 1995). Die Hamburger "Arbeitsgruppe Scientology" hat über ähnliche Vorgänge in Hamburg ebenso berichtet wie über entsprechende Gegenaktionen von Makler- und Mietervereinigungen und der Handelskammer.

Die Attraktivität der SC-Ideologie bei Meinungsführern und höherrangigen Managern im Bereich der Wirtschaft liegt auf der Hand. SC offeriert letztlich kapitalistische, rücksichtslose Durchsetzungsstrategien, die das Geld-Machen vereinfachen und angeblich Wege aufzeigen, alle dabei möglicherweise auftretenden Störfaktoren auszuschalten. Das SC-Kurssystem "verknüpft spirituelles Wohlergehen mit krass-kapitalistischem Profitstreben" (Augstein, 1995). Insofern spricht SC besonders jene wirtschaftlichen Eliten an, die expansiv orientiert sind, aber gleichzeitig ein Orientierungssystem und eine Rechtfertigung benötigen, um ihr Expansionsstreben ungehindert von jeglichen sozialen Zugeständnissen durchzuführen. Aus Angst vor einem möglichen Imageschaden einzelner betroffener Unternehmen gelangten Versuche der Infiltration selten an die Öffentlichkeit, heißt es in einer wirtschaftsnahen Publikation (Branahl/Christ, 1994). Die möglichen Folgen werden dort wie folgt beschrieben:

"- Psychische Deformation der Mitarbeiter
- bis zum Ruin verschuldete Mitarbeiter
- erpressbare Mitarbeiter
- Wirtschaftsspionage und Veruntreuung
- Illoyalität, Begünstigung im Amt, unlauterer Wettbewerb
- Verstöße gegen die Verschwiegenheitspflicht"
(Branahl/Christ, 1994).

Gerade in den engagierten, journalistischen, faktenreichen Darstellungen (v.Billerbeck/ Nordhausen, 1994, Hartwig, 1994) wird eine für unseren Zusammenhang bedeutsame Frage immer häufiger aufgeworfen: Folgen die Beziehungen in den Bereich von Wirtschaft und Verwaltung den Regeln marktkonformer betriebswirtschaftlicher Expansion mit dem Ziel der Profitmaximierung oder folgen sie einer politisch motivierten Strategie der Unterwanderung und der Infiltration, sind sie Selbstzweck oder nur Mittel zum Zweck? Hartwig betont, die Wirtschaft sei "Hauptangriffsziel der Organisation, die über die wirtschaftliche Potenz an die Schaltstellen der Macht gelangen will". Geld sei kein Selbstzweck, "vielmehr soll die wirtschaftliche Macht den Weg zu einem höheren Ziel ebnen: der politischen Macht. Mit deren Hilfe will Scientology einen totalitären Überwachungsstaat errichten" (Hartwig, 1994, S. 9f.). In der Tat hat SC die Beziehungsstruktur zur Wirtschaft institutionell neu geordnet.

Hinweise dazu finden sich in der Debatte über das 1979 von SC gegründete World Institute of Scientology Enterprises (WISE). WISE verkauft Franchise Verträge an Unternehmens- und Personalberatungen, die das SC-Konzept anwenden. Potthoff zufolge leitet diese Entwicklung "den Übergang von Scientology (Religion) zum Hubbardismus (Politik) ein" (Potthoff, 1993, S. 101). In einer SC-Selbstdarstellung lesen wir im Kapitel über WISE:

"Wenn die heutige Geschäftswelt und Regierungen die grundlegenden Prinzipien der Organisation und Verwaltung verstehen würden und kompetent nutzen könnten, wären sie in der Lage, etwas gegen das wirtschaftliche Chaos zu unternehmen, anstatt es aufrechtzuerhalten. ... Geschäfte können wachsen, Regierungen weise regieren, und die Bevölkerung kann ohne wirtschaftlichen Druck leben. Mit der Verwaltungstechnologie von L. Ron Hubbard sind die Ziele, die der Gesellschaft so lange vorenthalten waren, erreichbar geworden" (Was ist Scientology, a.a.O., S. 449).

In dieser Eigenwerbung wird die Expansion des SC-Programms ausdrücklich nicht auf den Bereich der Wirtschaft beschränkt, sondern die Regierungen und damit die politischen Machtzentren werden in die Strategie einbezogen. Es geht folglich nicht nur um eine unpolitische, betriebsbezogene Steigerung der Effizienz mit allen Mitteln, sondern um ein Programm, das im Prinzip auch gesellschaftliche und politische Bereiche anvisiert. Wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Expansion gehen Hand in Hand.

Die Beratungstätigkeit der Schutzgemeinschaft "Robin Direkt e.V." in der Wirtschaft ist ein Hinweis auf die Infiltrationsversuche von SC und den steigenden Beratungsbedarf, um sich der SC angemessen zu erwehren (Hartwig, 1994). Inzwischen werden Unternehmen und Verbände auch präventiv tätig und versuchen, bereits im Vorfeld Geschäftsbeziehungen zu SC zu verhindern. So empfiehlt beispielsweise die Koblenzer Handwerkskammer ihren Mitgliedsbetrieben, besonders bei Weiterbildungsangeboten, Unternehmensber atungen und Kursangeboten von den Anbietern eine schriftliche Versicherung zu fordern, daß diese keine Beziehungen zu SC pflegen.

2.4. Hinweise zur Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates

SC ist seit ihrer Gründung in Deutschland im Jahr 1970 öffentlich wahrgenommen und eingeordnet worden in den Umkreis religiös inspirierter Jugendsekten, die im Gefolge des Jugendprotests Ende der sechziger Jahre nun nicht mehr primär die Gesellschaft verändern wollten, sondern erst einmal die Person und das Ich. In den siebziger und achtziger Jahren kreiste die Diskussion über SC vor dem Hintergrund des breiteren Themas "Jugendsekten" vor allem um die Frage, ob es sich bei SC um eine Religion handele und in welchen religionsgeschichtlichen Traditionen sie stehe oder vielmehr um einen primär oder gar ausschließlich profitorientierten Wirtschaftsbetrieb. Problemstellungen, die von einer Verfassungsfeindlichkeit der SC ausgehen, werden erst in der Literatur der neunziger Jahre vereinzelt aufgegriffen. Die neueren Diskussionen in den Sozialwissenschaften über Erosionstendenzen des Parteiensystems, über eine neue bzw. alternative Politik und über politischen Einfluß unterhalb und neben den klassischen Wegen über Parteien und Parlamente erhöht die Sensibilität für alternative, ehedem eher als unpolitisch oder vorpolitisch betrachtete Politikformen. So wird man heute wie selbstverständlich beispielsweise eine ehedem als kulturkämpferisch eingeschätzte Bewegung wie die "Neue Rechte" als politisch motiviert auffassen müssen, weil sie die klassischen Wege des Politik-Machens meidet und Gramsci's Credo folgt, der Eroberung der politischen Macht müsse die Eroberung der kulturellen Sphäre vorausgehen. Und eines der Hauptwerke ihres französischen Vordenkers Alain de Benoist, das Plädoyer für ein neues Heidentum als europäische Religion wird man selbstverständlich als ein politisches Werk verstehen müssen.

Die Verschiebungen bei der Frage nach dem Politischen in den zurückliegenden Jahren zeigen sich auch in der Auseinandersetzung mit SC. Die Frage nach ihren politischen Zielen und nach einer politisch motivierten Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates durch die SC wird in der neueren Literatur zunehmend häufiger, aber inhaltlich doch sehr plakativ und unsystematisch aufgeworfen. Folgt man der Sektenbeauftragten des Hamburger Senats, Caberta, so ist das "System Scientology" insgesamt antidemokratisch (Vorwort in: Volz, 1995, S. 11). Im Bericht des Hamburger Senats an die Bürgerschaft vom September 1995 werden die Gefahren für das politische System durch SC nachdrücklich hervorgehoben: "Das endgültige Ziel der SC ist die Scientologisierung der Gesellschaft. Würde die Strategie aufgehen und von staatlicher Seite nicht eingegriffen werden, käme dies schleichend einer Unterwanderung unseres politischen Systems gleich". Herrmann zufolge stellen die Aktivitäten der SC insgesamt die Gesellschaft vor ein politisches Problem, denn "die systematischen Unterwanderungsaktivitäten in Politik, Wirtschaft und Kultur sind als durchaus ernst zu nehmender Angriff auf die demokratische Kultur einzustufen" (Herrmann, 1994, S. 12). In ganz ähnlicher Weise befürchtet Hartwig in ihrer Analyse des SC-Einflusses in Wirtschaftsunternehmen, die wirtschaftliche Macht solle den "Weg zu einem höheren Ziel ebnen: der politischen Macht. Mit deren Hilfe will Scientology einen totalitären Über wachungsstaat errichten" (Hartwig, 1994, S. 9f.). Abel betont vor dem Hintergrund des Verfassungsrechts, die Grundanschauung der SC "widerspricht eklatant den Vorstellungen des Grundgesetzes von Menschenwürde, Demokratie und Pluralität" (1994, S. 152), verfassungsfremde Ansätze fänden sich in den veröffentlichten SC-Materialien an vielen Stellen. "Neu ist im Hinblick auf Organisationen wie Scientology nur der Umstand, daß Macht und wohl auch eine Veränderung des Denkens nicht auf dem klassischen Weg über politische Parteien angestrebt werden, sondern sich die kommerziellen Kulte eines religiösen Gewandes und wirtschaftlichen Einflusses bedienen" (Ebda., S. 145). Hartmann vertritt die These, das langfristige Ziel von SC sei die Erlangung der Weltherrschaft auf legalem Wege über Wahlen (Hartmann, 1994, S. 296). Auch bei den staatlichen Stellen kreist die Debatte nicht mehr nur um die Frage der Rückgewinnung von Sektenmitgliedern, sondern um Probleme der Verfassungsfeindlichkeit. Einem Gutachten des Bundesamts für Verfassungsschutz vom November 1992 zufolge gibt es Anhaltspunkte für verfassungsfeindliche Bestrebungen. Das Gutachten kommt zu dem Schluß, SC erfülle die Voraussetzungen für eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

Bekräftigt werden solche Einschätzungen durch eine Reihe von Insidern. Träger zufolge hat der Verfassungsschutz SC "mit Sicherheit" zu Recht im Visier, denn "was Scientology will, läuft auf den totalitären Staat hinaus" (Träger, 1993). Der frühere SC-Manager Potthoff geht davon aus, innerhalb der SC sei die Macht organisiert nach dem Muster einer Militärdiktatur: "Dieses Muster soll auf die Gesellschaft übertragen werden, wobei eine neue Form der Diktatur Länder und Kontinente übergreifend entsteht" (Potthoff, 1993, S. 92). Potthoff verweist auf den "Hubbardismus", der um 1980 aus der SC heraus entwickelt worden sei:

"Der Hubbardismus ist eine Art fundamentalistischer Staatsreligion, die einheitliche (totalitäre) Führung der Menschheit nach den Prinzipien der Scientology Ethik (alles was dem Überleben von Scientology und Scientologen nutzt ist ethisch) fordert, anstrebt, und in der jeweils zur Verfügung stehenden Machtsphäre bedingungslos durchsetzt. Diese Machtsphäre erstreckt sich längst nicht mehr nur auf die CHURCH, sondern auch über WISE (World Institute of Scientology Enterprises) in die Wirtschaft und über ABLE (Association for Better Living and Education) bereits in viele gesellschaftspoli tische Bereiche und in die Politik hinein" (Potthoff, 1993, S. 93).

"Für mich stand vom ersten Tag völlig außer Frage", resümiert Potthoff seine Erfahrungen als Scientologe (o.J., S. 15), "daß Scientology eine politische Bewegung darstellt". Die grundlegende Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen SC und "politischem Extremismus" hält er ausdrücklich für gegeben und in der SC-Geschichte von Beginn an angelegt. Voltz, wie Potthoff Ex-Manager bei SC, führt, ebenfalls gestützt auf eigene Erfahrungen und bisher unbekannte Dokumente, weitere Argumente ins Feld. Die SC-Organisation sei nicht nur selbst höchst undemokratisch strukturiert, sondern es sei das politische Ziel der SC, die internen Verhältnisse auf die Gesellschaft zu übertragen: "Wenn Scientology Einfluß nehmen könnte, wie sie wollte, dann würden, so meine Befürchtung, letztlich Exekutive, Legislative und Judikative an einem Ort zentral gesteuert werden. Hubbardsche Richtlinien würden den Status von Gesetzen erhalten" (Voltz, 1995, S. 154).

2.5. Fazit: Entwicklungslinien, Kenntnisstand und Defizite in der Diskussion über SC

Die 25-jährige Geschichte der SC in Deutschland ist begleitet von einer Vielzahl wissenschaftlicher, journalistischer, politischer und administrativer Interventionen. Sie sind jedoch nicht gleichgeblieben, sondern sie entwickeln sich weg von einer individualistischen Betrachtung des einzelnen "religiös Verführten" hin zu einer Debatte über die politischen und antidemokratischen Qualitäten der SC. Die dominierenden Trends in der gegenwärtigen Auseinandersetzung können am Ende dieses Abschnitts in vier Überlegungen zusammengefaßt werden.

  1. Betrachtet man den Gesamtzeitraum der Diskussionen seit Beginn der siebziger Jahre, so entwickelt sie sich von einer Kritik der Psychokulte und "neuen religiösen Bewegungen" in der Anfangsphase hin zu einer noch keineswegs abgeschlossenen konzeptionellen Kritik der SC als politischer Organisation. Folgt man den neueren Debatten, so bewegt sich der Komplex SC von einem Lebenshilfeangebot im Kontext von Ideologien der Selbsterfahrung und Selbstbefreiung in den Anfangsjahren hin zu einer verdeckt operierenden, strategisch angelegten totalitären, antidemokratischen politischen Organisation mit erheblichen wirtschaftlichen, wirtschaftskriminellen und finanziellen Ressourcen, wobei die Positionierung im "Psycho-Markt" und die damit gegebenen Verhaltensanforderungen an den Anbieter SC erhalten bleiben. Die vorliegenden empirischen Belege und Dokumente liefern kein vollständiges Bild über das Innenleben der SC-Organisation, aber sie sind ausreichend, um diese These zu belegen.
  2. Wichtigste Grundlage und empirischer Hintergrund für diese Entwicklung der Diskussion sind zahlreiche, seit Beginn der neunziger Jahre veröffentlichte Erfahrungsberichte von teils hochrangigen ehemaligen SC-Mitgliedern und -Funktionären. Sie belegen die expansiven Infiltrationsstrategien mit letztlich politischen Absichten. Sie zeigen aber auch Grundzüge der totalitären Struktur des Apparats mitsamt ihren Folgen für den Einzelnen, dessen "Karriere"-Verlauf innerhalb von SC sehr wohl den Karriere-Mustern von Mitgliedern extremistischer Organisationen vergleichbar ist, obwohl der soziale Status und die Reintegrationschancen in die Gesellschaft sehr verschiedenartig sind. Weiter beachtenswerte Grundlagen sind journalistische Recherchen, die Analysen der Hamburger "Arbeitsgruppe Scientology" sowie Gerichtsurteile und parlamentarische Berichte.
  3. Die Diskussion über SC ist seit Beginn der neunziger Jahre politischer geworden. Die Spannbreite reicht von den um ihre Kinder besorgten Elterninitiativen der Anfangszeit bis hin zu den neueren Bürgerinitiativen, parlamentarischen Anhörungen, dem Unvereinbarkeitsbeschluß der CDU auf ihrem Parteitag 1991 und einem entsprechenden Absatz der STATT-Partei in ihrer Satzung, Maßnahmen der Justiz- und Innenministerkonferenzen und kommunalen Aktionen vor Ort. SC wird heute vielfach - und wie die vorliegenden Materialien zeigen, zu Recht - als Bedrohung für die Grundwerte einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft betrachtet. Nicht mehr nur die Freiheit des Einzelnen, sondern die Freiheit von Gesellschaft und Demokratie steht auf dem Spiel - so ließe sich der Gesamtverlauf der Diskussion über SC stichwortartig zusammenfassen.
  4. Es gibt eine Reihe guter Gründe für die These einer verfassungsfeindlichen Qualität von SC. Erfahrungsberichte von Aussteigern und investigative journalistische Recherchen deuten in diese Richtung. Aus einer theoretischen Perspektive heraus wäre auf die Schnittmengen zu verweisen zwischen dem religiös-lebensweltlichen, auch auf wirtschaftliche und letztlich politische Expansion ausgerichteten modernen Fundamentalismus a la SC und den totalitären Ideologien des politischen Extremismus. Doch die Defizite in der bisherigen Diskussion sind unübersehbar. Sie können in folgenden Punkten zusammengefaßt werden:

Fundamentalismus, Extremismus, Totalitarismus

Der Bonner Philosoph Hans Michael Baumgartner hat eine der bemerkenswertesten Gesamteinschätzungen von SC vorgelegt. Er untersucht deren weltanschauliche Grundlagen und verknüpft sie mit dem Orientierungsmuster des idealtypischen SC-Aktivisten. "Aus der Sicht der Scientologen", schreibt Baumgartner (1992, S. 133), "ist die Welt zum Untergang verurteilt. Ihrem Selbstverständnis nach hat Hubbard als Gründer der Scientology den einzig möglichen Weg zur Rettung der Welt gefunden. Dieser Weg besteht in einem scientologischen Training und Auditing, im Überleben der Scientology als einer geschlossenen Organisation und Kirche sowie in der Herrschaft der Scientology über den ganzen Planeten Erde. Eines der immer wiederkehrenden Stichworte in diesem Zusammenhang heißt 'Clearing the planet', die 'Klärung' und dadurch die Errettung des Planeten Erde".

Weder Baumgartner noch andere Autoren geben eine befriedigende Antwort darauf, wie man eine solche Organisation begrifflich angemessen einordnen könnte. Handelt es sich um eine Kirche, eine extremistische Organisation, eine Sekte wie andere auch? SC, nach eigenem Selbstverständnis eine Religion innerhalb einer Kirche, nach überwiegender Auffassung der kritischen Literatur jedoch ein als Religion getarntes, profitorientiertes Wirtschaftsunter nehmen, das seine expansiven gesellschaftspolitischen Ziele eher verbirgt, läßt sich begrifflich nur schwer fassen. Im Sinne der Fragestellung des Gutachtens, nämlich der Auswirkungen auf den freiheitlich verfaßten demokratischen Rechtsstaat, bietet sich die Begrifflichkeit von Extremismustheorien im Kontext einer "streitbaren Demokratie". SC kann jedoch vor allem aus zwei Gründen nicht umstandslos als "extremistisch" bezeichnet werden:

Dies sind gewichtige Gründe dafür, den Begriff des politischen Extremismus vor einer Betrachtung aus der Perspektive der "streitbaren Demokratie" auf SC nicht anzuwenden. Dennoch vereinigt SC einige Merkmale, die aus der Theorie der streitbaren Demokratie und aus der Extremismusforschung her bekannt sind und auf die ich weiter unten zu sprechen komme.

Der Begriff des Fundamentalismus kann SC gleichfalls nur zum Teil adäquat beschreiben. Er ist häufig stark religiös oder moralisch besetzt und umfaßt die kämpferische Mobilisierung der Anhängerschaft. SC weist fundamentalistische Züge auf, geht aber als organisatorische Einheit nicht auf im Begriff des Fundamentalismus. Weiterführender scheint es, SC - im Sinne eines Arbeitsbegriffs - als eine totalitäre Organisation aufzufassen. Totalitarismus, in der Politikwissenschaft gängig im Kontext der Regimenlehre (Backes/ Jesse, 1985), wird hier als Arbeitsbegriff in der Tradition von Hannah Arendts klassischer Studie über "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" zugrundegelegt. Sie hatte eine umfassende geistige Krise der Gesellschaft, Vereinzelung und Vermassung als Ursachen betrachtet, wobei die "totalitäre Doktrin" die Funktion erfülle, verunsicherten Menschen eine "totale Welterklärung" zu liefern. Die Gefahren für die Demokratie sah Arendt vor allem in der gewaltbereiten Unterwanderung demokratischer Gesellschaften und dem Aufbau totalitärer Staatsformen (Arendt, 1955).

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist von zwei gegenläufigen Prozessen gekennzeichnet. Auf der einen Seite ist die Demokratisierung und Liberalisierung insbesondere der westlichen Gesellschaften weit vorangeschritten. Auf der anderen Seite sind jedoch die Gegenbewegungen, zusammengefaßt in den theoretischen Begriffen Totalitarismus, Extremismus und Fundamentalismus, eine beharrliche Kraft gegen die Demokratie. Sie haben verschiedene gemeinsame Struktureigenschaften, die in sieben Punkten zum Ausdruck kommen.

Totalitäre Bewegungen erheben erstens einen Alleinvertretungsanspruch. Sie verstehen sich als alleinige und ausschließliche Besitzer politischer, religiöser oder sonstiger weltanschaulicher "Wahrheiten". Konkurrierende Bewegungen werden als Verirrungen oder Abweichungen aufgefaßt, die es zu bekämpfen gilt. Damit einher geht die maßlose Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung als einzige und erste Kraft in der Geschichte, die der Menschheit das Heil bringt. Ihr Messianismus ist absolut und unteilbar.

Totalitäre Bewegungen sind, zweitens, hermetisch abgeschlossene "Weltanschauungen". Sie sind, von innen betrachtet, rationaler Kritik nicht zugänglich. Ihre Ideologie entwickelt sich nicht in der permanenten, rationalen, diskussions- und lernbereiten Auseinandersetzung mit der Geistes- und Ideengeschichte, sondern sie beruft sich auf die angeblich "ewige" und unverrückbare Wahrheit bestimmter Lehrsätze. Weltanschauungen werden grundsätzlich nicht reflexiv und für die Diskussion offen fortentwickelt, sondern sie werden als vorgebliche Wahrheiten "geglaubt". Darin zeigt sich der quasi-religiöse Charakter aller totalitärer Glaubenssysteme. Lehrsätze werden nicht diskutiert und selbstkritisch überprüft, Kritik an ihnen gilt als abweichlerisches und sanktionswürdiges Verhalten.

Sie verfügen, drittens, über eine anti-aufklärerische, absolutistische Legitimationsbasis. Nicht die Vernunft des aufgeklärten Subjekts, sondern die prophetischen, charismatischen Gaben des die Weltanschauung in idealer und absoluter Weise verkörpernden Führers gelten als einzige Quelle der Legitimation. Schon von daher sind konkurrierende und relativierende Argumente aus der Tradition anderer Ideengeschichten ausgeschlossen. Der Führer wird verehrt und mystifiziert und gilt als der messianische, charismatische und vom Schicksal ausersehene "leader", der jeder Kritik unzugänglich ist. Interne demokratische Willensbildung im Rahmen eines Primats des besseren Arguments läuft dem Führer-Prinzip zuwider und könnte die Allmacht der Führer-Ideologie relativieren und delegitimieren. Aus diesem Grund kann es keine demokratische Willensbildung in totalitären Bewegungen geben.

Sie sind, viertens, geprägt von der rigiden Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Gut ist die eigene Weltanschauung, mehr oder weniger böse ist alles, was ihr nicht folgen will oder kann. Der moralischen Differenz zwischen Gut und Böse folgt die handlungsorientierte, ebenso radikal vereinfachende Unterscheidung von "richtig" und "falsch". Konsequenterweise entwickelt der Totalitarismus daraus eine beachtliche Aggressivität gegen Abweichler und Feinde, häufig im Rahmen von Verschwörungstheorien. Partielle oder überwiegende Gewaltbereitschaft ist der folgerichtige Schritt, um Gegner und Feinde auszuschalten, die die eigene Weltanschauung bedrohen. Zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, Freund und Feind, den fundamentalen und konstitutiven Unterscheidungen, werden in der Regel kaum Differenzierungen vorgenommen. So erklärt sich der beträchtliche Realitätsverlust bei den Anhängern totalitärer Gruppierungen, den sie freilich erst in der Ausstiegsphase erkennen. Die autobiographischen Materialien von "Ehemaligen" liefern hierfür vielfache Belege.

Totalitäre Bewegungen entwickeln, fünftens, um die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit ihrer Ideologie zu zementieren, eigene Begriffssysteme mit Umdeutungen alltagssprachlicher Begriffe oder originären Bedeutungen. Von den Fachsprachen der Wissenschaften, der Justiz, der Medizin, des Militärs, des Sports oder der Technik unterscheiden sie sich durch ihren suggestiven Charakter. Totalitäre Begriffe beanspruchen das Absolute und Nicht-Hintergehbare, sie sind der kritischen Reflexion und Infragestellung entzogen.

Totalitäre Bewegungen richten sich, sechstens, gegen die Idee der Demokratie als solche, sie wollen den Stand der Demokratisierung und der Liberalität zurückschrauben. Demokratie und Totalitarismus sind gänzlich unvereinbar, weil die liberale Demokratie an den unveräußerlichen Rechten des Staatsbürgers ansetzt, der Totalitarismus hingegen unter Mißachtung der bürgerlichen Freiheitsrechte an den Rechten des Kollektivs. Deshalb reicht die prinzipielle und von innen gesehen auch notwendige Zurückweisung der Demokratie von taktisch geprägter Scheinakzeptanz über zurückhaltende Kritik bis hin zu militanten Versuchen, die Demokratie - etwa durch militante Provokationen - zu zerstören.

Ein besonderes und für die zivile Demokratie gefährliches Problem ist das Gewaltpotential totalitärer Gruppierungen. Die klassischen Beispiele des Totalitarismus - Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus - haben Gewalt nach innen und nach außen defensiv legitimiert: Man sei bedroht und umzingelt von aggressiven Feinden, deshalb sei Gewaltanwendung ein legitimer Akt der Notwehr. Totalitäre Organisationen, die sich selbst unter öffentlichen Druck gesetzt sehen, tendieren, so scheint es, dazu, Gewalt zu akzeptieren unter der Voraussetzung einer (scheinbar notwendigen) Selbstverteidigung. Nach innen hingegen, als Sanktionsmittel gegenüber Mitgliedern, Anhängern und - besonders - Abtrünnigen, scheint Gewalt in vielfältigen Formen ein selbstverständliches Mittel der Auseinandersetzung, ebenso gegenüber Personen und Organisationen, die als feindlich wahrgenommen werden.

Totalitäre Bewegungen vereinigen nicht nur das eine oder andere der genannten Strukturmerkmale, sondern, mehr oder weniger, alle sieben zugleich. Eben dies macht sie zu "totalitären" Gruppierungen. Im Folgenden wird die Ideologie der SC an diesen Merkmalen gemessen. Dabei ist eine spezifische Selektivität der Betrachtung einzuräumen: Das Schrifttum der SC umfaßt viele Thematiken, die hier auŠerhalb der Betrachtung bleiben können, etwa den Aufbau der Kurse, die religiĒsen und philosophischen Aspekte, die Beschreibung der Unterorganisationen und vieles mehr. Doch diese Selektivität erscheint gerechtfertigt hinsichtlich der Ausgangsfragestellung.

4. Totalitäre Grundzüge der SC

Die in Abschnitt 3 vorgestellten Strukturmerkmale totalitärer Gruppierungen werden im Folgenden auf SC übertragen. Dabei ist zu klären, ob, inwieweit und in welchen inhaltlichen Dimensionen SC als eine totalitäre Ideologie und Organisation aufgefaßt werden muß. Im Mittelpunkt stehen die Hermetik im Selbstverständnis, der Alleinvertretungsanspruch, der dekadenztheoretische Krisenbegriff und das Menschenbild. Es wird sich dabei zeigen, daß alle diese Kriterien bei SC eine bedeutende Rolle spielen. Das Führer-Verständnis, die SC-eigene Sprache und die militanten Züge - gleichfalls wichtige Kriterien totalitärer Organisationen - werden in eigenständigen Abschnitten behandelt (vgl. Kap. 6-8).

SC vertritt einen entschiedenen, durch nichts relativierten, elitären Absolutheits- und Alleinvertretungsanspruch:

"Der Mensch ist in einem riesigen und komplexen Labyrinth gefangen. Um da herauszukommen, muß er dem exakt markierten Weg der Scientology folgen. Die Scientology wird ihn aus dem Labyrinth herausführen; aber nur, wenn er den exakten Markierungen in den Tunneln folgt. ... Es ist erwiesen, daß die Bemühungen des Menschen, andere Wege zu finden, zu nichts geführt haben. Es ist ebenso eine klare Tatsache, daß der Weg, der Scientology genannt wird, tatsächlich aus dem Labyrinth herausführt... Die Scientology ist eine neue Sache - sie ist ein Weg hinaus. Es hat vorher keinen gegeben. Keine Verkaufskunst der Welt kann einen schlechten Weg zu einem richtigen Weg machen. Und zur Zeit wird eine schreckliche Anzahl schlechter Wege verkauft. Ihr Endprodukt ist weitere Sklaverei, mehr Dunkelheit, mehr Elend. Die Scientology ist das einzige funktionierende System, das der Mensch hat".

"Wir sind die einzigen Menschen und die einzige Religion auf der Erde, die die Technologie und den Ehrgeiz haben, eine Klärung von Situationen zu versuchen, die in den Händen anderer als völlig aus der Kontrolle geraten angesehen werden, nämlich die Atombombe und der Verfall und die Verwirrung der Gesellschaften" (Hubbard, 1983, S. 695).

Hubbard postuliert hier, wie auch in vielen anderen Schriften, ein Erkenntnis und Handlungsmonopol für SC, demzufolge niemand sonst in der Lage ist, das Verständnis des Lebens und die Lebenspraxis angemessen zu bewältigen:

"Angefangen von der höchsten Stufe eines Staatsoberhauptes bis hinunter zu dem untersten Tagelöhner mit Ausnahme allein der Scientologen in den USA, in Großbritannien, Europa, Australien, Afrika, Asien, Lateinamerika, Südafrika, Kanada, Mexiko, Neuseeland oder der übrigen Welt - gibt es kein genaues Verstehen des Lebens selbst; daher hat die Lebensführung selbst den automatischen Charakter einer Maschine angenommen" (Hubbard, 1983, S. 698).

Damit sind alle anderen Theorien, Religionen und Weltauffassungen vom ernsthaften Dialog ausgeschlossen, denn allein SC wähnt sich im Besitz der Wahrheit. Totalitäre Systeme gründen häufig auf ein als Wissenschaft bezeichnetes Denksystem, das als alleingültige Weltanschauung betrachtet wird. So wie der Marxismus-Leninismus die kommunistischen Systeme und die völkisch-nationale Ideologie den Nationalsozialismus als alleingültige "wissenschaftliche" Weltanschauungen geprägt und legitimiert haben, so wie die Schriften des Ayatollah Chomeini die alleinige Legitimation des iranischen totalitären Gottesstaates sind, so verfügt auch SC über eine als absolut geltende "wissenschaftliche" Weltanschauung. Der apodiktische, bisweilen grotesk anmutende Alleinvertretungsanspruch von SC gründet sich auf die Dianetik als angeblich alleingültiger Wissenschaft, die Hubbard "entdeckt" habe. "Dianetik stellte", heißt es (Was ist Scientology?, 1993, S. 4), "L. Ron Hubbards ersten Durchbruch dar, und diese ursprünglichen Entdeckungen setzten weitere Forschungen in Gang und führten zur exakten Isolierung der Quelle des Lebens". Die Dianetik sei "eine Wissenschaft, die funktioniert und die von nur kurzfristig ausgebildeten Personen erfolgreich angewandt werden kann. Dieses Ziel hat man nie zuvor erreicht, man war ihm nicht einmal nahegekommen" (Hubbard, 1984, S. 484). Die Dianetik umfasse "eine therapeutische Technik, mit der alle nichtorganischen Geistesstörungen und alle organischen psychosomatischen Leiden mit der Gewißheit völliger Heilung in beliebigen Fällen behandelt werden können" (Ebda., S. 19).

Selbst wenn man die Inhalte der Dianetik außer acht läßt, verweisen die jeder wissenschaftlichen Rationalität Hohn sprechenden Heilsgewißheiten und Superlative auf eine Ausschließlichkeit und Absolutheit, die eindeutig totalitäre Züge aufweist. Wissenschaftlich ernstzunehmen sind Behauptungen wie die, SC habe die Grundlagen für die Biophysik gelegt, ja Biophysik sei überhaupt erst durchführbar mithilfe der "Entdeckungen" von SC (Hubbard, 1981, S. 74) nur in dem Sinne, als man das Denksystem von SC als eine totalitäre Ideologie verstehen muß. Theorie und Praxis zusammengenommen ist SC nach eigenem Selbstverständnis der einzige Ausweg aus den Gefahren des Lebens - es hat vor SC keinen Weg gegeben, alle anderen führen ins Elend, "die Scientology ist das einzige funktionierende System, das der Mensch hat" (Hubbard, 1986, S. 117).

Von den Superlativen und den dreisten Übertreibungen etwa in der Sprache der Werbung oder in der Wahlkampfrhetorik der Parteien unterscheidet sich die Hermetik der SC-Ideologie dadurch, daß sie nicht ein Detail, ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Sachfrage für sich reklamiert, sondern sich für die Gesamtheit des Lebens unter striktem Ausschluß anderer Deutungsangebote als alleinzuständig erklärt. Das schließt andere, konkurrierende Denkansätze und Lösungsvorstellungen kategorisch aus und begründet implizit den strengen Ausschluß aller Nicht-Scientologen aus der Gemeinschaft vernünftiger Menschen. Alle Weltanschauungen außerhalb von SC gelten als schlecht und unzeitgemäß:

"Vorgetäuschte Ideologien und Geisteswissenschaften sind nicht gut genug für dieses Zeitalter der Atomspaltung und der Düsenflugzeuge. Diese beiden allein, werden sie nicht mit vollem Bewußtsein gelenkt, können dazu führen, daß die Menschen der modernen Zeit ausgelöscht werden" (Hubbard, 1983, S. 698).

Gesellschaftspolitischer Hintergrund der SC-Ideologie ist eine Krisendiagnose, die in - für extremistische und totalitäre Positionen typischen - Bildern der Dekadenz und des Verfalls gipfelt:

"Schauen wir, wie diese Begriffe von Recht und Unrecht in unsere heutige Gesellschaft passen. Dies ist eine sterbende Gesellschaft. Ethik ist in einem solchen Maße verschwunden und wird so wenig verstanden, daŠ diese Kultur gefährlich schnell dem Untergang entgegengeht. Ein Mensch wird nicht lebendig werden und diese Gesellschaft wird nicht überleben, wenn die Technologie der Ethik nicht genommen und angewendet wird. Wenn wir Vietnam, Inflation, die Ölkrise, die Korruption der Regierung, Krieg, Verbrechen, Geisteskrankheit, Drogen, sexuelle Promiskuität usw. betrachten, sehen wir eine Kultur, die im Verschwinden begriffen ist. Dies ist ein unmittelbares Ergebnis davon, daß die Menschen darin versagt haben, Ethik auf ihre Dynamiken anzuwenden".

"Aberration" lautet der SC-eigene Begriff für das, was man Dekadenz, Verfall oder auch Fehlentwicklung nennen könnte, bezogen auf Personen definiert die "Dianetik" "Aberration" als "gestörtes Verhalten" (Hubbard, 1984, S. 58). Hubbards Ausführungen darüber belegen ein organisch-mechanistische s Gesellschaftsbild, seine Bemerkungen über die unzivilisierten Naturvölker sind nicht frei von rassistischen Untertönen. Die Aberration wandert, Hubbard zufolge, wie eine ansteckende Krankheit durch die Gesellschaft, er redet von der Möglichkeit der "Ansteckung", man könne "mit Sicherheit feststellen, daß Naturvölker sehr viel stärker aberriert sind als zivilisierte Völker" (Hubbard, 1984, S. 175).

Ein wichtiges Kennzeichen totalitärer Organisationen ist ein in Gut und Böse unterteiltes, simples Menschenbild, das die eigene Gruppe radikal überhöht und die übrigen herabwürdigt. Ein solches Menschenbild widerspricht dem Gleichheitsideal demokratischer Verfassungen und es liefert die Grundlage einer Rechtfertigung von Gewalt (vgl. Kapitel 6). Bei SC findet man ein Menschenbild, das in geradezu grotesker, herablassender und verachtender Weise eine gefährliche Trennung zwischen Gut und Böse vornimmt.

"Clears", also Scientologen, sind von "Aberrationen" freie, vernünftige Menschen, die übrigen gelten als "Aberrierte", "von Aberration freie Vernunft kann man nur bei einem Clear studieren" (Hubbard, 1984, S. 30). Ein "Clear", eine Person, die "als Ergebnis der dianetischen Therapie weder aktiv noch potentiell vorhandene psychosomatische Krankheiten oder Aberrationen hat" (Hubbard, 1984, S. 215), verhält sich "zu einem heutigen Durchschnittsmenschen etwa so wie ein heutiger Durchschnittsmensch zu einem heutigen Anstaltsfall. Der Abstand ist groß, und es wäre schwer, ihn zu übertreiben" (Hubbard, 1984, S. 216).

Ein solches Menschenbild schließt immanent eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Scientologen und den Übrigen praktisch aus. Mehr noch: Nicht-Scientologen müssen, folgt man immanent der SC-Theorie, als Gegner oder gar Feinde gelten, die dementsprechend zu behandeln sind.

5. Freund-Feind-Denken und Militanz bei der SC

"Man kann eine echte suppressive Person gewaltsam beseitigen um sicherzustellen, daß die Nachfrage dann entsteht, sofern man nicht versucht, das Produkt der suppressiven Person oder ihrer Umgebung aufzuzwingen. Die suppressive Person als Individuum kann gewaltsam beseitigt werden, weil sie ein Faktor ist, der der Nachfrage entgegensteht und durch Falschheit und Lügen versucht, Nachfrage nicht entstehen zu lassen. Bei der Beseitigung der suppressiven Person muß man jedoch sicher sein, daŠ das eigene Produkt und dessen Erbringung noch in Ordnung ist und nichts anderes als die Suppressiven unterdrückt".

"Und als Letztes und Wichtigstes - denn wir stehen nicht alle auf der Bühne, und unsere Namen erscheinen nicht alle in Leuchtbuchstaben -, schieben Sie immer Macht in die Richtung eines jeden, von dessen Macht Sie abhängen, sei es in Form von mehr Geld für die Machtperson oder größeren Erleichterungen oder einer flammenden Verteidigung der Machtperson gegenüber einem Kritiker. Es kann auch darin bestehen, daß einer seiner Feinde in der Dunkelheit beseitigt wird oder daß das ganze feindliche Lager als Geburtstagsüberraschung in riesigen Flammen aufgeht" (Hubbard, 1986, S. 70, Hervorhebung von mir).

Die Möglichkeit der Beseitigung von Feinden in der Dunkelheit und das Abbrennen des "ganzen feindlichen Lagers" gehören zu den eher seltenen direkten Anspielungen auf - in den Augen von Hubbard - rechtmäßig ausgeübte Gewalt gegen die Gegner der SC. Dennoch ist das Gewaltpotential ein bedeutsamer Faktor, der im ideologischen System der SC fest verankert ist. Verfolgt man die Schriften der SC und vergleicht man sie mit Berichten von ehemaligen Scientologen, so stößt man auf das, was man den Gewaltdiskurs in der SC nennen könnte. Er basiert auf einer Zweiteilung der Welt in Gut und Böse, in die, wie Hubbard Scientologen nennt, "Gruppe befreiter Wesen", die "Freiheit und Vernunft erreichen", auf der einen Seite und auf der anderen "die aberrierte Gruppe, der Mob", die nur destruktiv sein könne. Die Rechtfertigung des Vorgehens gegen Gegner, des "Isolierens" und Abstrafens, folgt aus einer absurden anthropologischen Grundannahme, die Hubbard in der "Einführung in die Ethik der Scientology" im Kapitel über die "antisoziale Persönlichkeit" ausgeführt hat. Es erscheint für den Fortgang unserer Argumentation zwingend geboten, einige längere Passagen daraus zu zitieren (alle Zitate aus Hubbard, 1986):

"Es gibt gewisse Merkmale und geistige Einstellungen, die etwa 20 % einer Rasse dazu bewegen, sich jeder Unternehmung oder Gruppe, die etwas verbessern will, heftig zu widersetzen. Solche Leute haben bekanntermaßen antisoziale Tendenzen. Wenn die rechtlichen oder politischen Strukturen eines Landes sich dahin entwickeln, daß sie das Vordringen solcher Persönlichkeiten in Vertrauenspositionen begünstigen, dann werden alle zivilisatorischen Organisationen des Landes unterdrückt, und eine Barbarenherrschaft von Verbrechen und wirtschaftlichen Zwängen folgt. Antisoziale Persönlichkeiten verewigen Kriminalität und verbrecherische Handlungen. Der Zustand von Anstaltsinsassen läßt sich gewöhnlich auf den Umgang mit solchen Persönlichkeiten zurückführen.

Wir sehen also, daß es für Regierungen, für polizeiliche Tätigkeiten und auf dem Gebiet der geistigen Gesundheit - um nur einige zu nennen - wichtig ist, diesen Persönlichkeitstyp erkennen und isolieren zu können, um die Gesellschaft und das Individuum vor den destruktiven Folgen zu schützen, die entstehen, wenn man solchen Personen freie Hand darin läßt, den anderen zu schaden... (S. 3)

Eine solche Person verbreitet hauptsächlich schlechte Nachrichten, kritische oder feindselige Bemerkungen, Abwertungen und allgemeine Unterdrückung. 'Klatschbase', 'Unheilverkünder' oder 'Gerüchteschürer' waren einmal Bezeichnungen für solche Personen... (S.5)

Die antisoziale Persönlichkeit unterstützt ausschließlich destruktive Gruppen und wütet gegen jegliche Gruppe, die konstruktiv ist oder verbessern will, und greift sie an... (S. 7)

Ebenso könnte sowohl soziale als auch wirtschaftliche Erholung eintreten, wenn die Gesellschaft diesen Persönlichkeitstyp als ein krankes Wesen erkennen und ihn isolieren würde, so wie sie jetzt Leute mit Pocken in Quarantäne steckt.

Die Dinge werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht viel besser werden, solange 20 % der Bevölkerung gestattet wird, das Leben und die Unternehmungen der restlichen 80 % zu beherrschen und zu schädigen.

Da das Mehrheitsprinzip der politische Brauch der heutigen Zeit ist, sollte die geistige Gesundheit der Mehrheit in unserem täglichen Leben ohne das zerstörerische Einmischen der sozial Gestörten zum Ausdruck kommen können" (S. 9f.).

Zwanzig Prozent einer "Rasse" bzw. der Bevölkerung werden pauschal zu Feinden des Gemeinwesens erklärt - im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten waren das "Volksschädlinge" - , sie sollen als "krank" gelten, die es zu isolieren und auszuschalten gilt. Dies ist die Lobpreisung einer bedeutenden Herrschaftstechnik totalitärer Diktaturen, die mit demokratischen Grundsätzen unvereinbar ist. Die Unterscheidung von "sozialer" und "antisozialer Persönlichkeit" folgt einer simplen, das gesamte Denken von Hubbard und SC prägenden Schwarz-Weiß-Sicht der Gesellschaft, in der es nur Gut und Böse, richtig und falsch gibt, in der alle Grautöne in die vorgegebenen Schablonen gepreßt werden. Auch die "Potential trouble source" (PTS), eine Variante der "antisozialen Persönlichkeit", gehört zu den Gegnern von SC. Zu den PTS zählen jene Mitglieder, die Kontakte zu Personen aufrechterhalten, die SC gegenüber kritisch eingestellt sind (z.B. Eltern, Geschwister, Freunde, Verwandte).

Praktische, auf SC selbst bezogene Anwendung findet das Modell der "antisozialen Persönlichkeit" im Konzept der "unterdrückerischen Person":

"Eine unterdrückerische Person oder Gruppe ist eine, die aktiv durch Handlungen oder Äußerungen danach strebt, die Scientology oder einen Scientologen durch unterdrückerische Handlungen zu unterdrücken oder zu schädigen. Unterdrückerische Handlungen sind Handlungen, die darauf berechnet sind, Scientology zu behindern oder zu zerstören oder einen Scientologen in seinen Studien oder seiner geistigen Beratung zu behindern oder zugrunde zu richten oder sein Wohlergehen negativ zu beeinflussen. ... Unterdrückerische Handlungen sind klar und eindeutig diejenigen versteckten oder offenen Handlungen, die wissentlich darauf berechnet sind, eine Scientology Kirche zu verkleinern, einzuschränken oder zu zerstören oder die individuelle Verbesserung eines Scientologen zu verhindern" (Hubbard, 1986, S. 96f.).

Zu den sanktionswürdigen Angriffen gegen SC gehören u.a.: Staatliche Maßnahmen (Gesetzgebung und Verordnungen, Untersuchungen), öffentliche Äußerungen, einen Zivilprozeß gegen SC führen, die "Bekanntmachung der Abkehr von Scientology" (Hubbard, 1986, S. 100) und sogar das Abbrechen von Kursen bzw. das Verlassen der Organisation. An anderer Stelle werden pauschal bestimmte Berufsgruppen zu den "suppressive persons" gerechnet: Sozialwissenschaftler, Psychologen und Psychiater seien "vorwiegend selbst SPs", die "keine andere Technologie als den Knüppel besitzen" (Hubbard, 1983, S. 377). Zu den problematischen Gruppen zählen Hubbard zufolge auch "Politiker, Polizisten, Zeitungsleute und Leichenbestatter" (Hubbard, 1983, S. 190). Gemäß der "Freiwild-These" sind jene, die von SC zur "unterdrückerischen Person" erklärt werden, "Freiwild", sie sind im scientologischen Sinn rechtlos und somit Objekt von Angriffen seitens SC.

Die gruppeninterne Bedeutung der Figuren der "antisozialen Persönlichkeit" und der "unterdrückerischen Personen" liegen in der Herstellung und Aufrechterhaltung von Gruppenidentität und im Ausschluß jeder Kritik - beides fundamentale Prinzipien totalitärer Organisationen. Das Schwarz Weiß-Muster von Gut und Böse, richtig und falsch trennt die Welt in Schafe und Böcke, leistet der eigenen Überhöhung Vorschub und schürt Abneigung und Abwehr alles Außenstehenden. Die Konzeption der "unterdrückerische n Persönlichkeit" erlaubt die Verschiebung von Organisationsdefiziten und das Versagen von Funktionären auf angeblich Schuldige und verunmöglicht jegliche Kritik an SC. Sie kann durch das Raster der "antisozialen Persönlichkeit" abgefangen und kanalisiert werden und darüberhinaus rechtfertigt und fordert diese Interpretationsfigur Maßnahmen gegen den angeblichen Feind. Der Ausschluß jeder Kritik steht im übrigen im durchaus folgerichtigen Einklang mit dem Anspruch auf Ausschließlichkeit und Unfehlbarkeit.

Diese totalitäre, Militanz einschließende Struktur der SC umfaßt nahezu folgerichtig eine interne Gerichtsbarkeit und einen nach innen und nach außen wirkenden eigenen Geheimdienst. Nach übereinstimmenden Berichten von Kritikern und Aussteigern führt das "Department für Spezielle Angelegenheiten" (DSA) nach innen Überprüfungen und Sanktionierungen von Mitarbeitern durch, die im Verdacht der Unzuverlässigkeit stehen. Nach außen hin werden unliebsame Kritiker - diesen Berichten zufolge - mit geheimdienstlichen Mitteln ausspioniert und unter Druck gesetzt.

Das eigenständige "Rechtssystem der Scientology" basiert auf der Annahme der Unwirksamkeit des in der Gesellschaft gültigen Rechts. Es gehe darum, innerhalb der SC-Organisation "die Anständigen und Produktiven zu schützen", "die Kodizes schützen die Rechte jedes Scientologen, der mit der Kirche in gutem Verhältnis steht" (Was ist Scientology, S. 245). Das "Rechtssystem der Scientology" formuliert Regeln und Verfahren innerhalb der SC, um nach innen gegenüber den Mitarbeitern "Fehler, Vergehen, Verbrechen und Schwerverbrechen" zu sanktionieren (ebda.). Es dient zur Disziplinierung unliebsamer Mitarbeiter. Vier Gremien sind dafür zuständig: Das "Ethikgericht", der "Untersuchungsausschuß", das "Kaplansgericht" und das "Komitee der Beweisaufnahme" (ebda., S. 246). Zweck solcher Verfahren sei die Wahrheitsfindung. Die in den Verfahren als schuldig Befundenen seien verpflichtet, "allen angerichteten Schaden wiedergut(zu)machen; das heißt, daß sie im Namen derer, denen Unrecht getan wurde, eine Art Gemeindedienst verrichten und andere Aktionen dieser Art unternehmen" (ebda.). In der Praxis bedeutet dies - Berichten von Aussteigern zufolge - unbezahlte Mehrarbeit unter schikanösen Bedingungen. Jede Rechtsaktion ist innerhalb einer Woche und ohne Anwälte abzuschließen (Was ist Scientology, S. 245).

Es sei hier nur am Rande vermerkt, daß das Rechtssystem der SC dem demokratischen Gedanken moderner Betriebsverfassungsgesetze Hohn spricht und eher an die Tradition der Selbstkritik in kommunistischen Kaderparteien erinnert. Bezeichnend für die Art der SC-internen Gerichtsbarkeit ist der unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten mehr als zweifelhafte Charakter dieses internen Rechtssystems. Zwar wird betont, seine grundlegenden Werte stünden im Einklang mit dem Rechtssystem der Gesellschaft. Doch bei der Frage, zu wessen Schutz es etabliert wurde, zeigt sich dessen das Gleichheitsgebot negierender Charakter: "Es gibt Recht zum Schutz anständiger Leute, ... um die Anständigen und Produktiven zu schützen" (Was ist Scientology, S. 245, Hervorhebung von mir). Geschützt wird nicht eine Verfassung, sondern eine Gruppe (die Anständigen und Produktiven) vor denen, die nicht als solche gelten können und offenbar über keinerlei "Rechte" verfügen.

Hannah Arendt hat in ihrer klassischen Studie über den Totalitarismus nicht nur von einer "Verachtung der totalitären Machthaber für positives Recht" gesprochen (Arendt, 1955, S. 728), sondern auch eine charakteristische Struktur totalitärer Rechtsetzung und -anwendung hervorgehoben, der die SC-Rechtsauffassung weitgehend entspricht: "Es läuft in jedem Fall auf ein Gesetz der Ausscheidung von 'Schädlichem' oder Überflüssigem zugunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung hinaus, aus der schließlich gleich dem Phönix aus der Asche eine Art Menschheit entstehen soll" (Arendt, 1955, S. 730).

6. Die Figur des Führers bei der SC

In allen totalitären Bewegungen dieses Jahrhunderts, bei allen extremistischen Organisationen in der Bundesrepublik und darüberhinaus spielt der jeweilige Führer eine besondere Rolle. Sie unterscheidet sich deutlich von den Führungsfiguren demokratischer Organisationen, denen Kompetenz, Durchsetzungskraft, Kompromiß- und Integrationsfähigkeit und nicht zuletzt ein Charisma, wie es Max Weber in seiner Schrift "Politik als Beruf" aus dem Jahr 1919 entworfen hat (Weber, 1992), zugeschrieben wird. Der Unterschied besteht nicht nur in der nahezu unumschränkten Machtfülle totalitärer Führer und dem organischen Modell der Zirkulation der Eliten, das dem totalitären und extremistischen Führertum zugrundeliegt und mit demokratischen Grundsätzen unvereinbar ist. Die entscheidende Differenz liegt vielmehr im Verhältnis von Führer und Geführten. Bei demokratischen Organisationen ist es ein demokratisch legitimiertes Vertrauensverhältnis auf Zeit, Führer müssen sich durch ihr Alltagshandeln und in zeitlichen Abständen vor den Geführten rechtfertigen. Der totalitäre Führer hingegen herrscht unumschränkt, weil er sich durch natürliche Autorität aus dem Kreis der Anhänger hervorhebt, weil er sich von ihnen abhebt, indem er sich als Retter und Heilsbringer des Volkes oder der gesamten Menschheit versteht und auch als solcher betrachtet wird.

Es ist bezeichnend für totalitäre Organisationen, daß Führer nach ihrem Ableben als Leitfiguren, Aushängeschilder, ideologische Fixpunkte und "geistige Alleinherrscher", versehen mit einem Heiligenschein, fortleben und in ihrer Überhöhung und Glorifizierung weiterhin eine zentrale Legitimation für die Organisation liefern. Marx, Lenin und Mao tse Tung haben eine solche Funktion für die extreme Linke in Deutschland eingenommen, Hitler ist für diverse Neonazi-Zirkel weiterhin der entscheidende Fixpunkt.

Bei SC ist ein solches totalitäres, antidemokratisches Führertum sehr klar und eindeutig vorzufinden. Der 1986 verstorbene SC-Gründer L. Ron Hubbard fungiert nach wie vor im Schrifttum von SC als großer Entdecker der reinen Lehre, als Leitfigur für die SC-Praxis, als charismatischer Übervater und als Heilsbringer für die ganze Menschheit. Die Schattenseiten seiner Biographie werden ausgeblendet zugunsten einer Ästhetik der Verherrlichun g und des Personenkults. Von daher ist es immanent folgerichtig, daß eine kritische Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Werk des SC Gründers Hubbard innerhalb der SC selbst nicht stattfindet. Verletzungen, Niederlagen, Kränkungen, Fehlgriffe, Scheitern, enttäuschte Hoffnungen und Erwartungen - Dimensionen, die jede menschliche Biographie mehr oder weniger prägen, sind innerhalb der SC-Publizistik kein Thema. Wichtige immanente Fragen bleiben daher unbeantwortet: Etwa die nach dem Zusammenhang von literarischen Welten aus der Science-Fiction, denen sich Hubbard jahrelang gewidmet hat und der Lehre der SC. Die Philosophie der Überwindung von Raum und Zeit etwa ist ein zentrales Motiv von Science-Fiction-Literatur, aber auch in der Lehre der "Dianetik". Auch die Vorgänge um die Entmachtung Hubbards und die Machteinsetzung seines Nachfolgers David Miscavige, denen - folgt man der SC-kritischen Literatur (Köpf, 1995, S. 15ff.) - heftige interne, aber bis heute nicht befriedigend bekannte Machtkämpfe vorausgegangen sind, bleiben unerwähnt, vermutlich schon deshalb, um das Bild und die konstruierte Legende um Hubbard nicht zu beschädigen.

Die offiziellen Informationen über Hubbard zeichnen das Bild eines heldischen Übermenschen, den schon als Jugendlicher nichts anderes als Gelehrsamkeit und Forscherdrang ausgezeichnet hätten (zum Folgenden: Was ist Scientology, S. 83ff.). Ständig auf der Suche nach den Rätseln des Lebens habe er viele Seereisen unternommen, um fremde Kulturen zu studieren. Anderen zu helfen und sie zu unterrichten sei seine vornehmste Lebensaufgabe gewesen. Als Leiter von Expeditionen in alle Welt seien ihm zahllose "Durchbrüche" gelungen. Während des Krieges habe er als Korvettenkapitän "höchstes Ansehen" genossen, bevor er nach dem Krieg in der "Dianetik" die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gelenkt habe. Hubbard habe "das Rätsel des menschlichen Verstandes gelöst" (Was ist Scientology, S. 83). Insgesamt drängt sich für den Leser der SC-offiziellen biographischen Anmerkungen der Eindruck auf, daß Hubbard konkurrenzlos auf dem Feld der Erforscher des menschlichen Lebens dasteht.

1995 erschien eine von SC herausgegebene, in 14 Sprachen veröffentlichte, 130-seitige Broschüre über Hubbard. Sie setzt die Glorifizierung des Helden in den bekannten Tönen fort. Von Hubbard ist die Rede als Menschenfreund, Pädagoge, Manager, Künstler, Philosoph, Schriftsteller, Pilot, Entdecker, Musiker, Ausbilder des Marine Corps, Fotograf und Gartenbaufachmann - auf jedem dieser Gebiete selbstredend erfolgreich und versehen mit "tausenden von Ehrungen und Anerkennungen" Die Strategie der Verherrlichung des Übermenschen wird von SC fortgesetzt - ungeachtet der lauter werdenden Zweifel an den biographischen Konstruktionen der Vita Hubbards.

Voltz hat aufgrund neuer Dokumente auf einige Widersprüche in der Biographie Hubbards hingewiesen (Voltz, 1995, S. 60ff.). Sie belegen eine Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Leben und der Glorifizierung in der SC-Propaganda. Einige Beispiele mögen hier genügen. Die Dokumente zeigen, so Voltz, daß Hubbard entgegen der offiziellen SC-Darstellung keineswegs der interessierte, vom Forscherdrang beseelte Weltreisende war, als der er dargestellt wird und daß die Motive der Beschäftigung mit Religion und Philosophie bei diesen Reisen aufgrund von Tagebuchaufzeichnung en kaum nachzuweisen sind. Dienstzeugnisse von Armee-Vorgesetzten sprechen von Leistungen "unter dem Durchschnitt", er sei nicht als qualifiziert für ein Kommando oder eine Beförderung anzusehen. Ein anderer Vorgesetzter spricht davon, "dieser Offizier genügt den Anforderungen für die unabhängige Erledigung von Aufgaben nicht", er sei schwatzhaft und versuche Eindrücke von seiner Wichtigkeit zu vermitteln (Voltz, 1995, S. 64f.). Recherchen eines amerikanischen Journalisten zufolge war Hubbard im übrigen nicht Korvettenkapitän, sondern Leutnant (Köpf, 1995, S. 12). Folgt man Albers' zusammenfassender Betrachtung der SC-kritischen Literatur, so ist Hubbards akademische Karriere fingiert. Eine Zeitlang habe Hubbard einen gekauften Doktortitel geführt, bis er 1966 offiziell und öffentlich auf das Führen dieses Grades verzichtete (Albers, 1994, S. 59). Hubbard war viele Jahre lang - teilweise unter einem Pseudonym - Autor von Science-Fiction-Romanen und Western-Geschichten, dem "Lexikon der Science-Fiction-Literatur" zufolge ein "eher mittelmäßiger Autor" (Alpers/Fuchs, 1990, S. 566). In der SC-offiziellen Darstellung liest sich diese - dem Bild des genialen Forschers und Entdeckers nicht unbedingt förderliche Episode - so, er sei vor der Veröffentlichung der "Dianetik" "schon lange als Autor, Romanschriftsteller und Forscher gefeiert" worden (Was ist Scientology, S. 83).

Hubbards Bedeutung für SC für die Zeit nach seinem Tod 1986 kann man nur verstehen, wenn man die Funktion des Führers in totalitären Bewegungen und Organisationen berücksichtigt. Der Führer-Mythos ist eine Existenz und Stabilitätsvoraussetzung totalitärer Organisationen. Die aller Kritik entzogene Feier des Übermenschen dient der Stabilität von SC als Organisation und als Programm, Zweifel und Kritik an Hubbard würden zugleich SC selbst in Bedrängnis bringen und zu Delegitimationsprozessen führen. Deshalb benötigt SC eine solche Führungsfigur, ohne die sie als eine totalitäre Organisation ins Wanken geraten könnte. Die Glorifizierung des Führers dient desweiteren praktischen Zwecken der organisationsinternen Hierarchisierung: Die vielfach beschriebenen autoritären Methoden der Unternehmensführung auf streng gegliederten Hierarchie-Ebenen bedürfen einer personalisierten, übergreifenden Legitimation in Form des Allmächtigen und Allwissenden, der mit natürlicher Autorität umgeben ist. Zweifel und Kritik an ihm könnten dysfunktionale Folgen nach sich ziehen, denn wenn Kritik an Hubbard im SC-internen Diskurs erlaubt und geduldet wäre, dann wäre zugleich wohl auch organisationsinterne Kritik an den autoritären Führungsmethoden nicht mehr aufzuhalten.

7. Zur Funktion der SC-Sprache

Zu den wichtigsten Merkmalen totalitärer Bewegungen gehört die sprachlich vermittelte, nach innen zusammenschweißende und nach außen Distanz herstellende und ausgrenzende totalitäre Doktrin. Eigene Begriffsschöpfungen, Umdeutungen vorhandener Begriffe und Sprachfiguren gewinnen eine große Bedeutung, weil sie suggestive Kräfte freisetzen und eine eigene, der Nachprüfung und der Erfahrung unzugängliche Lebenswelt entfalten, die Hannah Arendt als jene "Narrenhölle" beschrieben hat, in der den Menschen "jene Ruhe niemals gegönnt ist, in der sie allein der Wirklichkeit einer erfahrbaren Welt begegnen können" (Arendt, 1955, S. 159).

Wer sich mit Originaltexten von SC beschäftigt, der stößt schnell auf eine Vielzahl von Fachbegriffen. Clear beispielsweise heißt jemand, der SC-Kurse erfolgreich besucht hat, Auditing nennt sich die Beratung von Kunden durch die Auditoren von SC. Ein Operierender Thetan ist "ein Seinszustand oberhalb von Clear, in dem sich der Clear mit seinen ursprünglichen Fähigkeiten erneut vertraut gemacht hat. Ein operierender Thetan ist wissentlich und willentlich Ursache über Leben, Denken, Materie, Energie, Raum und Zeit" (Was ist Scientology, S. 814). PTS ist die Abkürzung für potential trouble source, "jemand, der in irgendeiner Weise mit einer unterdrückerischen Person in Verbindung steht und von ihr nachteilig beeinflußt wird" (Was ist Scientology, S. 815).

Diese Fachbegriffe entziehen sich der internen und externen Kritik, indem sie absolut gesetzt werden. Sie unterliegen nicht einem permanenten Reflexionsprozeß, sondern sie gelten als Bezeichnungen für Einsichten und unumstößliche Wahrheiten. So heißt es beispielsweise, die Logik der "Scientology-Ethik" sei "unanfechtbar" (Was ist Scientology, S. 241). Die "Axiome der Dianetik und der Scientology" gelten als unübertroffene und jeder Kritik entzogene "grundlegende Wahrheiten" und als "Naturgesetze" (Was ist Scientology, S. 593ff.).

Folgt man dem Tenor der Kritik an SC, so handelt es sich bei einer Vielzahl fachsprachlicher Begriffe um ideologische, weil sie in suggestiver Weise Zusammenhänge beschönigen oder verdrehen. Die Gegenüberstellung von Eigen- und Fremddefinitionen in der nachfolgenden Tabelle gibt einen exemplarischen Eindruck über die Problematik der SC-Fachsprache.

Tabelle: Glossar in der SC-Eigendefinition und in der Kritikerdefinition an einigen Beispielen

Begriff: Aberration

SC-DEFINITION

"Ein Abweichen vom vernünftigen Denken oder Verhalten. Im wesentlichen bedeutet es, sich zu irren, Fehler zu machen oder genauer, fixierte Ideen zu haben, die nicht wahr sind. ... Aberration ist geistiger Gesundheit entgegengesetzt, die ihr Gegenteil wäre" (Was ist Scientology, S. 819).

KRITIKER-DEFINITION

"Begriff, der in DIANETIK geprägt wurde. Hubbard bezeichnet damit das Abweichen vom 'Normalen', unvernünftiges Handeln. 2. Damit wird jede Handlung oder Denkungsart bezeichnet, die nicht der scientologischen Vorstellung entspricht. 3. Krankheit, die nur durch Auditing geheilt werden kann. Jeder Nicht Scientologe ist "aberriert", also krank. Dies trifft nach Hubbard auch auf die Gesellschaft zu (Political Dianetics: Die aberrierte Gesellschaft, 1951)" (Potthoff, 1993, S. 116).

Begriff: Clear

SC-DEFINITION

"Ein sehr wünschenswerter Zustand für den einzelnen, der durch Auditing erreicht wird und vor Dianetik nie möglich war. Ein Clear ist jemand, der seinen reaktiven Verstand nicht mehr besitzt und daher unter keiner der nachteiligen Auswirkungen leidet, die vom reaktiven Verstand verursacht werden können. Der Clear hat keine Engramme, die, wenn sie restimuliert werden, die Richtigkeit seiner Berechnungen umstoßen, indem sie versteckte und falsche Daten einführen" (Was ist Scientology, S. 811).

KRITIKER-DEFINITION

"Obwohl angeblich viele Tausende das Clear-Stadium erreicht haben, sind die fulminant angekündigten Veränderungen der Öffentlichkeit natürlich noch nie glaubhaft präsentiert worden. Nicht nur einzelne Menschen sollen clear werden, auch die Welt: So gibt es das Programm 'Clear Europe', in dem 'Clear Germany' eine besondere Rolle spielt. Ein Aussteiger berichtet: das Codewort 'Clear'... bedeutet nichts anderes als Machtergreifung durch Scientology" (Overbeck, 1994, S. 209).

Begriff: Unterdrückerische Person (Suppressive person, sp)

SC-DEFINITION

"Jemand, der eine bestimmte Reihe von Merkmalen und mentalen Einstellungen aufweist, die ihn dazu veranlassen, andere Leute in seiner Umgebung zu unterdrüken. Dies ist die Person, deren Verhalten darauf angelegt ist, katastrophale Folgen herbeizuführen. Wird auch 'antisoziale Persönlichkeit' genannt (Was ist Scientology, S. 816).

KRITIKER-DEFINITION

"Hubbard teilte Menschen in zwei Typen ein: Diejenigen, die Scientology befürworten und sich an deren Machtausweitung beteiligen, gelten als 'konstruktiv', 'sozial' und 'gut'; Kritiker von Scientology als 'katastrophal', 'antisozial', 'böse' und 'unterdrückerisch'. 'Anti-Scientologen' und 'Unterdrüker', nach Hubbard zählen 20 Prozent der Menschheit dazu, 'schaffen für andere Schwierigkeiten'. Menschen, die Scientology offen kritisieren, gelten als gefährlichste Form der suppressive persons" (Overbeck, 1994, S. 215).

Begriff: Ethik

SC-DEFINITION

"Die Logik der Scientology-Ethik ist unanfechtbar und beruht auf zwei wichtigen Begriffen: gut und böse. Wie Ethik und Recht waren gut und böse lange Zeit einer Frage von Anschauung, Unsicherheit und Verwirrung. Aber damit man wirklich zu schätzen weiß, worum es bei Scientology-Ethik geht, muß man verstehen, daß gut eine konstruktive Überlebenshandlung ist... Da wir nun definiert haben, was 'gut' ist, läßt sich 'böse' als das Gegenteil beschreiben. Böse ist alles, das entlang den Dynamiken vergleichsweise mehr zerstört als aufbaut. Etwas, das mehr Zerstörung als Aufbau produziert, ist 'böse' vom Gesichtspunkt des einzelnen, der zukünftigen Generation, der Gruppe, der Gattung, des Lebens an sich oder des materiellen Universums, die es zerstört" (Was ist Scientology, S. 241).

KRITIKER-DEFINITION

"Zweck scientologischer Ethik ist nicht eine philosophisch-wissenschaftliche Theorie über Gut und Böse, sondern 'Gegenabsichten und Fremdabsichten aus der Umwelt zu entfernen'. Bekämpfung von Kritikern und Gegnern ist ebenso Ziel scientologischer Ethik wie das Ausmerzen innerer Kritik. Von Kritikern wird Hubbards Buch 'Einführung in die Ethik der Scientology' als 'mafioses Rezeptbuch' (Abel) gesehen, weil es mehr oder weniger verschlüsselt zu kriminellen Handlungen auffordert, zum Beispiel die Möglichkeit beschreibt, daß ein Kritiker 'in der Dunkelheit dumpf aufs Straßenpflaster klatscht oder das ganze feindliche Lager als Geburtstagsüberrasc hung in riesigen Flammen aufgeht" (Overbeck, 1994, S. 210).

Die Liste SC-spezifischer Fachbegriffe ließe sich leicht fortsetzen. Insgesamt wird dadurch eine eigenständige Weltsicht begründet, die eine Reihe von Funktionen nach sich zieht. Für die Betroffenen bedeutet dies eine mehr oder minder starke ideologische Vereinnahmung ihrer Person und ihrer Persönlichkeit.

"Aus den vielen Lehren wurde nur das herausgenommen, was der Macht der Scientology nützt. Wesentliche Teile wurden weggelassen und durch eigene ersetzt, insbesondere die Schwarzweißtheorie, die die Menschen zwangsläufig in zwei Lager spaltet. In die guten produktiven (die daran erkennbar sind, daß sie Scientology anerkennen) und in den Rest (erkennbar durch Ablehnung der Scientology). Damit wird schon als Basis ein großes Übel angerichtet. Und während der Mitgliedschaft bei Scientology ist es unmöglich, daraus zu entkommen. Durch die permanente Befassung mit den Lehren von Hubbard ist man ständig in diesem perfiden, feinmaschigen Gedankengut drin, und es ist untersagt, sich mit anderen Lehren zu befassen, will man den Fortschritt in Scientology nicht kompromittieren. Somit ist auch der Zugang zu übrigen Lehren völlig verschlossen und auch die Chance, weitergehende Erkenntnisse zu gewinnen. Die Gefangenschaft ist perfekt organisiert. Durch diesen egoistischen Ausschluß von der übrigen geistigen Welt und der Gefangenschaft in der Macht- und Bewußtseinsmaschinerie der Scientology verformt sich auch die persönliche, seelisch-geistige Aura eines Menschen bis hin zur völligen Abhängigkeit und Blindheit" (Voltz, 1995, S. 38).

Potthoff berichtet von der Einstiegsphase als Scientologe, als er mit einer für ihn neuen Fachsprache konfrontiert wurde:

"Begriffe waren mit völlig neuen Denkinhalten und Vorstellungen gefüllt. Die 'soziale Persönlichkeit', die 'antisoziale Persönlichkeit', 'Unterdrücker' und 'Achterbahnfahrer' (oder 'Roller Coaster' - ein Mensch, dem es mal gut-, mal schlechtgeht) - diese Begriffe entstammten einem anderen Programm, einer anderen Lebenssicht. Die war nicht nur neu, sondern auch fremdartig, und ich ahnte, daß ich meine gewohnte Welt würde verlassen müssen, wenn ich mich auf diese Vorstellungen einlassen wollte. ... Der 'neue Mensch' schien zum Greifen nahe, der 'Clear' ist jemand, der sein Leben in Ordnung gebracht hat; der nicht mehr über seinen eigenen 'reaktiven Verstand' verfügt. Nach Hubbards Vorstellungen hat jeder Mensch einen 'analytischen' und einen 'reaktiven Verstand' (vergleichbar dem Unterbewußtsein). Im reaktiven Verstand sind alle negativen Erfahrungen und Lebensvorstellungen gespeichert. Durch Auditing sollen diese Informationen im Unterbewußtsein entdeckt und dann gelöscht werden. Sind alle 'falschen' Informationen gelöscht, so hat man einen 'geklärten' Menschen, der von nun an 'vernünftig' handelt. Auch ich wollte clear werden, um endlich in Frieden leben zu können und um zum Frieden in der Welt beizutragen. ... Hat man erst einmal das harte Kommunikationstraining absolviert, hat man gelernt, in dieser neuen Sprache zu denken und zu fühlen, dann ist der Weg nach draußen so hart und beschwerlich, daß man lieber drinnen bleibt" (Potthoff, 1994, S. 23ff.).

Die Sprache der SC suggeriert nach innen, an die eigene Anhängerschaft gerichtet, die Exaktheit angeblich wissenschaftlicher Verfahren. "E-Meter", "Auditing" oder "Engramme" versprechen ein erprobtes, einzigartiges, erfolgversprechendes Programm und preisen dem Kunden die Verläßlichkeit und Wissenschaftlichkeit bewährter praktischer Instrumente. SC als "Technologie" ist eine recht häufige Sprachfigur. Sie gibt vor, den Prozeß des "Auditing" nach exakten, geplanten, genau gesteuerten Verfahren durchzuführen, ohne Abweichungen und Fehler. Der Anspruch einer "Technologie" nach dem Vorbild technischnaturwissenschaftlicher Verfahren im Zuammenhang kommunikativer Prozesse ist aber insofern ideologisch, als damit die hermeneutische Ebene menschlicher Kommunikation, die immer auch Miß- und Fehldeutungen, Verständnisprobleme und eine Pluralität von Sinnverstehen miteinschließt, unterschlagen wird. "Clear" oder "Thetan" sind visionäre, zielgerichtete Begriffe, die einen menschlichen und politisch-gesellschaftlichen Idealzustand andeuten, den es zu erreichen gelte. Sie sind die eigentlichen legitimatorischen Zentralbegriffe, denn sie umreißen Sinn und Zweck und Daseinsberechtigung von SC.

Nach außen hin gewinnt die Sprache von SC eine politische und demagogische Qualität. "Aberration" ist die vage Umschreibung all dessen, was den Zielen von SC zuwiderläuft, eine "suppressive person" eine ebenso vage Umschreibung von in irgendeiner Weise die SC störenden Personen. Gegen jede Kritik kann SC sich abschotten, indem Personen zu "suppressive persons", Organisationen und Institutionen, aber auch konkurrierende oder kritische Ideen und Gedanken als "aberriert" erklärt werden. Versehen mit einer solchen Deklaration kann jedwede Form von Kritik ausgegrenzt oder ausgeschaltet werden.

Entwicklungen in den zurückliegenden Jahren haben gezeigt, daß auf den stärker tagespolitischen Feldern die Sprache der SC als rhetorische Figur eine aggressive, demagogische Qualität annehmen kann. In den Jahren 1994 und 1995 versuchte SC, in der amerikanischen Öffentlichkeit die Bundesrepublik und die Bundesregierung wegen der angeblichen, NS-Methoden verwandten Verfolgung von Minderheiten - als deren Teil SC sich sieht - zu diskreditieren. Anfang 1995 startete SC eine Anzeigenkampagne in der angesehenen New York Times. Vorausgegangen war eine Anzeigenserie in der Kongreßzeitung "Roll Call" zwischen April und Juni 1994 (SC, 1994). Zwanzig ganzseitige Anzeigen standen unter der Überschrift "Stoppt den Hass in Deutschland - Lasst nicht zu, daß sich die Geschichte wiederholt!" Ziel beider Kampagnen war es, Kritik an und Maßnahmen gegen SC in Deutschland in den Zusammenhang der NS-Judenverfolgung zu stellen, dadurch die Bundesrepubli k und die Bundesregierung an den Pranger zu stellen und SC selbst als verfolgte Minderheit in Deutschland darzustellen. Ein halbes Jahrhundert nach den Nürnberger Rassegesetzen wiederhole sich in Deutschland ein ähnliches Szenario ("a similar scenario is being repeated in modern Germany", New York Times, 4.1.1995). Zielscheibe von Übergriffen - die Lage erinnere an das Vorkriegsdeutschland - seien u.a. Scientologen. In Deutschland gebe es, ähnlich der Agitation gegen die Juden im 3. Reich, massenhaft Übergriffe gegen ethnische und religiöse Minderheiten in einer nicht enden wollenden Kampagne von Intoleranz und Haß. "Mit am meisten leiden darunter die Mitglieder von Scientology" (New York Times, 11.1.1995). Die Diskriminierung deutscher Mitglieder von SC ähnele "in erschreckender Weise denen von vor mehr als fünfzig Jahren, als Hitlers Nazi-Partei an die Macht kam", heißt es eine Woche später (New York Times, 18.1.1995).

Die Kampagnen verweisen nachdrücklich auf SC als politische Organisation. Sie bedient sich durchaus kämpferisch der Sprache der Demagogie und der Propaganda, indem sie versucht, den Gegner - hier die Bundesrepublik Deutschland - an seinem wundesten Punkt zu treffen und zu attackieren und ihn weltöffentlich bloßzustellen und zu diskreditieren. Robert Vaughn Young zufolge, einem der bisher ranghöchsten Aussteiger, folgt diese Kampagne dem schon 1973 von Hubbard entwickelten, geheimgehaltenen "Schneewittch enProgramm", das auf dem Gedanken basiert, von Deutschland gehe - angeführt von Ex-Nazis und Psychiatern - eine Verschwörung gegen SC aus (Young, 1995). Die demagogisch gemeinte Auffassung, die angebliche Verfolgung von Minderheiten in Deutschland ähnelte der Juden-Verfolgung in Nazi Deutschland führt nun aber zu der Frage, wie es SC mit der Demokratie insgesamt hält.

8. Demokratiekritik und Utopie bei der SC

"Ich sehe nicht, daß populäre MaŠnahmen, Selbstverleugnung und Demokratie dem Menschen irgendetwas gebracht haben, außer ihn weiter in den Schlamm zu stoßen" (L. Ron Hubbard, zit. n. Voltz, 1995, S. 147).

"Der Weg mag schwierig sein und infolge des raschen Zerfalls der Zivilisation und der Aushöhlung persönlicher Freiheit, wie wir sie heute beobachten, sogar noch schwieriger werden. Gehen wir unser Ziel aber mit vereinten Kräften und engagiert an, so werden wir schließlich zum Wohle der ganzen Menschheit obsiegen" (Was ist Scientology? S. 673).

Demokratie-Konzeptionen spielen eine erhebliche Rolle bei der Frage, ob und inwiefern eine Organisation oder Vereinigung einen freiheitlich demokratisch verfaßten Rechtsstaat beseitigen will. SC versteht sich nach außen hin nicht als politische Organisation, sondern als "Kirche", die an der Selbstbefreiung der Individuen und damit der Gesellschaft arbeitet. Im Januar 1968 notiert Hubbard:

"1. Ich erkläre hiermit, daß die Scientology nicht politisch und nicht ideologisch ausgerichtet ist.
2. Politik und Ideologie dürfen nicht Teil der Entscheidung sein, Personen auszubilden (train) oder zu behandeln (process) und alle diesbezügliche n Befragungen dürfen nicht mehr Bestandteil eines Antrags auf Ausbildung, Behandlung oder Mitgliedschaft sein.
3. Dies bedeutet keine Änderung der Politik in bezug auf suppressive Personen (suppressive persons). Es bedeutet in allen Formblättern die Streichung aller Worte, die darauf abzielen, Äußerungen über politische Affinitäten oder Antagonismen zu erhalten".

Nach diesem Selbstverständnis ist SC nach außen hin eine nicht-politische Organisation, die gleichwohl nach innen hin durchaus eine eigenständige "Politik in Bezug auf suppressive Personen" (d.h. Gegner) betreibt. Punkt 2 liefert eine bemerkenswerte Begründung: Sympathisanten und Kunden gegenüber, die durchweg nicht aus politischen Gründen, sondern um ihre Persönlichkeit zu schulen SC-Kurse besuchen, erscheint politische Neutralität als conditio sine qua non. Erkennbare politische Motive nach außen hin könnten angesichts dieser Ausgangslage eine geschäftsschädigende Auswirkung haben. Daraus folgt, daß SC politische Motive und Zielsetzungen nach außen hin aus taktischen und kommerziellen Gründen kaschiert, um das individualistische Ziel der Kunden nicht zu gefährden.

Dies scheint der wesentliche Grund dafür zu sein, daß im gesamten Schrifttum Hubbards und der SC dezidiert politische Fragen eher am Rande behandelt werden. Zwar redet Hubbard von einer "politischen Dianetik", doch was dies genau bedeutet, erschöpft sich in wenigen Andeutungen. Die politische Dianetik umfasse, so Hubbard lakonisch, "das Gebiet von Gruppenaktivität und Organisation" (Hubbard, 1984, S. 195). Es gibt kaum längere, ausführliche und begründete politische Schriften im engeren Sinn. Politische Äußerungen finden sich verstreut in vielen verschiedenen Publikationen. Dort sind sie nicht in rationale Argumentationsgäng e eingebunden, sondern sie nehmen die Form von selbstgewissen Behauptungen und Lehrsätzen an. Dennoch sind sie für unseren Zusammenhang aus zwei Gründen von besonderem Gewicht: Zum Einen unterliegt ihre Knappheit dem Primat vorgeblich politisch neutraler Lebenshilfe für die Kursteilnehmer. Deshalb bedeutet der geringe Umfang politischeri Äußerungen keineswegs eine untergeordnete Bedeutung in der SC-Ideologie. Zum anderen sind die politischen Aussagen praktisch nie tagespolitisch und aktuell, sondern von prinzipieller Natur. Dadurch ergibt sich die Chance einer Überprüfung, wie es SC mit den politischen Prinzipien der Demokratie hält. Die vorliegenden SC-Materialien über Politik und Gesellschaft belegen, daß SC sehr wohl politische Ziele verfolgt, von einem bestimmten Politikbegriff ausgeht und eine sehr prinzipielle und ablehnende Kritik an der Demokratie vorträgt.

In der Selbstdarstellung "Was ist Scientology" wird im Hinblick auf WISE, den weltweiten Verband der SC-Unternehmen, ein Anspruch erhoben, der weit über die Geschäftswelt hinausgeht und auch die Politik der Regierungen einbezieht:

"Wenn die heutige Geschäftswelt und Regierungen die grundlegenden Prinzipien der Organisation und Verwaltung verstehen würden und kompetent nutzen könnten, wären sie in der Lage, etwas gegen das wirtschaftliche Chaos zu unternehmen, anstatt es aufrechtzuerhalten. ... WISE-Mitglieder bringen Vernunft und Ordnung in ihre Umgebung. Jedes WISE-Mitglied ist ein Punkt der Stabilität, der die Verwirrungen in dieser unsicheren Welt verringert. Geschäfte können wachsen, Regierungen weise regieren, und die Bevölkerung kann ohne wirtschaftlichen Druck leben. Mit der Verwaltungstechnologie von L. Ron Hubbard sind die Ziele, die der Gesellschaft so lange vorenthalten waren, erreichbar geworden" (Was ist Scientology, S. 449).

Schon im Jahr 1965 hatte sich Hubbard dezidierter über Politik und Demokratie geäußert. Er schließt dabei alle Systeme aus, "die Hexenjagden veranstalten, Möglichkeiten vorenthalten, das Recht auf Vervollkommnung durch ein funktionierendes System beschneiden oder ein funktionierendes System unterdrücken", d.h. alle politischen Systeme, die gegen SC offensiv vorgehen. Weiter heißt es:

"Wenn man sieht, wie die Vereinigten Staaten und Australien die Scientology mit blindem Haß bekämpfen, während sie repressive geistige und religiöse Praktiken unterstützen, beweist dies, daß Demokratie, die auf geistig verirrte Menschen angewandt und von ihnen verwendet wird, weit von einem Idealzustand entfernt ist und nur eine verirrte Demokratie ist. ... Das reaktive Gedächtnis - das Unbewußte oder wie Sie es auch immer nennen wollen - unterdrückt alle guten Impulse und verstärkt die schlechten. Daher ist eine Demokratie ein kollektives Denken des reaktiven Gedächtnisses."

Das "reaktive Gedächtnis" des Menschen unterdrückt Hubbard zufolge die guten und verstärkt die schlechten Impulse. Im Analogieschluß entspricht die Demokratie den "schlechten Impulsen". "Die reaktive Bank", heißt es an anderer Stelle, "der unbewußte Verstand, wie immer Sie es nennen wollen - unterdrückt alle anständigen Impulse und fördert die schlechten. Daher ist eine Demokratie ein Kollektivdenken von reaktiven Banken..." (zit. n. Voltz, 1995, S. 149). Führt man diesen Gedankengang in der Hubbard'schen Logik zu Ende, dann bedeutet dies die Überwindung und Beseitigung der Demokratie, denn: Wenn das Auditing das "reaktive Gedächtnis" zu beseitigen trachtet, um den Weg in die Freiheit zu ermöglichen, dann muß auch die Demokratie beseitigt werden, um den Weg in die neue Zivilisation frei zu machen. Schon in der "Dianetik" hatte Hubbard den Analogieschluß vom Menschen auf die Gesellschaft ausdrücklich befürwortet: "Die gesellschaftlichen Organismen, die wir Staaten und Nationen nennen, reagieren und verhalten sich in jeder Beziehung so, als wären sie individuelle Organismen" (Hubbard, 1984, S. 488). Diese Analogie werde in der "politischen Dianetik" verwendet (ebda.).

Diese Analogie wird in den folgenden Jahrzehnten konsequent eingehalten. Wird auf der Ebene der Individuen die Unterscheidung getroffen zwischen den sich auf dem Weg zur Freiheit befindlichen "clears", d.h. den Anhänger der SC und den zum Untergang verurteilten "Aberrierten" - d.h. den SC nicht angehörigen Menschen - so folgt daraus die Bestimmung einer ganz neuen, scientologischen Demokratie:

"So können wir aufgrund tatsächlicher Beweise zu dem Schluß kommen, daß sich die erste wirkliche Demokratie ergeben wird, wenn wir jeden einzelnen Menschen von den bösen reaktiven Impulsen befreit haben. Solche Menschen können vernünftig denken, sie können sich auf gute und praktische Maßnahmen verständigen und man kann sich bei ihnen darauf verlassen, daß sie positive Maßnahmen entwickeln. Bis wir dies erreicht haben, werden wir fortfahren, die menschliche 'Demokratie' - ebenso wie jede andere politische Philosophie, die der Mensch zur Heilung seiner Übel hervorgebracht hat, zu kritisieren".

Das Endziel der scientologischen Demokratie ist ein klassischer Chiliasmus, wie er so oder ähnlich von allen politischen und religiösen Heilslehren postuliert wird:

"Denn obwohl sich die Scientology in erster Linie darauf konzentriert, den einzelnen zu fördern und ihn auf eine höhere Ebene des geistigen Bewußtseins zu heben, ist das längerfristige Ziel stets das gleiche geblieben: Eine Zivilisation ohne Geisteskrankheit, ohne Verbrecher und ohne Krieg, in der der Fähige erfolgreich sein kann und ehrliche Wesen Rechte haben können, und in der der Mensch die Freiheit hat, zu größeren Höhen aufzusteigen" (Was ist Scientology, 1993, S. 380, ähnlich formuliert auf S. 673).

Das gleichbleibende Ziel der Erschaffung einer neuen Zivilisation ist selbstredend ein hochpolitischer Anspruch. Ihre Beschaffenheit - ohne Geisteskrankheit, ohne Verbrecher und ohne Krieg - mutet utopisch an, entspricht jedoch durchaus den ethischen Grundwerten der Demokratie. Im Hinblick auf die Menschenrechte ist sie jedoch antidemokratisch, zumindest jedoch ambivalent: "Ehrliche Wesen" "können" "Rechte" haben. Hier bleibt unbestimmt, wer und was "ehrliche Wesen sind" und wer darüber befindet. Bereits die Einschränkung auf "ehrliche Wesen" ist antidemokratisch, denn hier wird ein essentieller demokratischer Grundsatz, die Unteilbarkeit der Grund- und Menschenrechte, nicht akzeptiert. Die Gewährung von Grundrechten steht zudem unter einem Vorbehalt: Wenn Rechte gewährt werden "können", dann können sie auch wieder entzogen werden. In seinem Hauptwerk "Dianetik" entfaltet Hubbard eine Vision der künftigen SC-geprägten neuen Gesellschaft. Sie belegt einmal mehr den antidemokratischen, verfassungsfeindlichen Grundsatz einer Teilbarkeit der Grundrechte:

"Vielleicht werden in ferner Zukunft nur dem Nichtaberrierten die Bürgerrechte verliehen. Vielleicht ist das Ziel irgendwann in der Zukunft erreicht, wenn nur der Nichtaberrierte die Staatsbürgerschaft erlangen und davon profitieren kann. Dies sind erstrebenswerte Ziele, deren Erreichung die Überlebensfähigkeit und das Glück der Menschheit erheblich zu steigern vermöchten".

Der dualistische Ansatz der SC, der sich in der simplen Unterscheidung zwischen Menschen mit dem richtigen Bewußtsein (SC-Anhänger) und mit dem falschen zeigt (Nicht-SC-Anhänger) und auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene zwischen dem Reich der Freiheit und den elenden Zuständen auf der irdischen Welt wird bekräftigt durch eine utopisch-undemokratische Demokratie-Konzeption. Der chiliastische Grundzug des totalitären Denkens - die Perzeption eines idealen Endzustands der Gesellschaft, in der nur die Gerechten leben - kommt in der Annahme Hubbards zum Ausdruck, es werde "auf dem Planeten heute nirgendwo Demokratie praktiziert. Und so weit ich weiß, hat es noch nie eine gegeben, und auch im alten Griechenland gab es keine Demokratie" (zit. n. Voltz, 1995, S. 147). SC gebe die "erste Gelegenheit, eine wirkliche Demokratie zu haben", "Demokratie ist nur möglich in einer Nation von 'Clears'" (zit. n. Voltz, 1995, S. 150f.). "Eine ideale Gesellschaft", heißt es in der "Dianetik",

"wäre eine Gesellschaft nichtaberrierter Menschen - Clears -, die in einer nichtaberrierten Kultur leben, denn sowohl der einzelne als auch die ganze Gesellschaft bzw. deren Kultur können aberriert sein. ... Nur in einer Gesellschaft von nichtaberrierten Menschen mit einer Kultur, aus der alle Unvernunft entfernt wurde, kann der Mensch für seine Handlungen wirklich verantwortlich sein, dann und nur dann" (Hubbard, 1984, S. 486).

Die prinzipielle Ablehnung der real existierenden Demokratie basiert auf einer Gesellschaftstheorie der politischen Homogenität, die nur einen einheitlichen Willen vorsieht und den pluralistischen Interessenantagonism us nicht bereit ist, zuzulassen. Der Zusammenbruch der Demokratie ist Hubbard zufolge deshalb abzusehen, weil sie "die Privilegien ihrer Mitgliedschaf t auch denjenigen gegenüber gewährt, die versuchen, sie zu zerstören" (zit. n. Voltz, 1995, S. 143). Wer eine Gruppe verlasse, verliere auch ihren Schutz und deshalb dürfe die Gemeinschaft solchen Personen auch keinen Schutz mehr gewähren. Hubbards Gesellschaftstheorie ist nicht nur von einem groben, simplen Dualismus ohne Differenzierungsvermögen geprägt, sie ist die entscheidende Basis für seine grundsätzliche Ablehnung der Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform.

SC beschränkt sich nicht auf verstreute Äußerungen über Politik und Gesellschaft, sie zielt vielmehr auch darauf ab, über Infiltrationsstrategien Politik in ihrem Sinn zu beeinflussen. Schon im Jahr 1960 wird eine Handlungsanweisung für die Mitglieder bekannt, die auf eine solche Strategie verweist, darin heißt es:

"Eine Nation oder ein Staat funktioniert aufgrund der Fähigkeit seiner ... Führungspersonen. Es ist leicht, in so einem Bereich einen Posten zu erhalten, ... nutzen Sie jegliche Ihnen zur Verfügung stehenden Talente, um eine Stellung in der Nähe solcher Personen zu bekommen und machen Sie sich daran, an der betreffenden Umgebung zu arbeiten und sie besser zum Funktionieren zu bringen".

9. Zusammenfassung

  1. Eine in vielen Texten von SC vorfindliche, eher indifferente Hinnahme demokratischer Inhalte und Verfahren und die Selbststilisierung als Reformkraft im bestehenden Gesellschaftssystem (z.B. in der Drogenfrage) erscheint als strategisches Verfahren, das mit Rücksicht auf die Marktposition von SC angewandt wird. Die Reproduktion der Organisation erfolgt im Markt der Lebenshilfen, der Unternehmens- und Personalberatung, dessen ökonomische Gesetze auch für SC gelten. Als unternehmerischer Akteur und Wettbewerber muß SC die Regeln dieses Marktes beachten, Außendarstellung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit müssen darauf abgestimmt sein. Diese Grundlagen könnten gefährdet werden, wenn SC offen am politischen Markt der Parteien, Verbände und Weltanschauungsgemeinschaften teilnimmt. Die Abwendung der gesellschaftlichen Randständigkeit und die Behauptung der Marktposition sind angewiesen auf den Verbleib im nach außen hin eher unpolitischen "Psycho-Markt". Diese Positionierung im Bereich der intermediären Instanzen erfordert einen strategisch angelegten, nicht offenen Umgang mit politischen Zielsetzungen. Als zweiten Grund für die eher versteckt und verstreut über die Texte ausgebreitete, nach innen und außen nicht diskussionsbereite politische Zielsetzung kann die totalitäre Ausrichtung der Ideologie und der Organisation gelten. Unter Berücksichtigung dieser Hintergründe lassen sich gleichwohl einige Befunde über die politischen Ziele von SC zusammentragen.

  2. SC ist, legt man ein nicht zu enges, d.h. an den Parteienstatus und die Teilnahme an Wahlen orientiertes Politikverständnis zugrunde, eine - ungeachtet der Organisationsform und der Marktpositionierung - politische Organisation. Sie verfolgt langfristige politische Zielsetzungen. Im Zentrum steht die Schaffung einer Gesellschaft nach scientologischen Prinzipien. SC und ihr Begründer Hubbard kritisieren die bestehenden demokratischpluralistischen Verfassungsstaaten in einer fundamentalistisch ablehnenden Weise, die den Schluß nahelegt, daŠ diese bestehenden Systeme mit der angestrebten scientologischen Gesellschaftsform nicht vereinbar sind. Eine Gesellschaft, in der scientologische Prinzipien verwirklicht wären, würde sich zu einer modernen Form totalitärer Herrschaft entwickeln, in der die fundamentalen Prinzipien demokratisch-rechtsstaatlicher Verfassungssy steme keinen Platz fänden. Eine scientologische Gesellschaft läuft hinaus auf einen durch keinerlei rechts- und sozialstaatliche Fesseln gebändigten Kapitalismus in einer totalitären Herrschaftsform. Die von Potthoff so bezeichnete, sich ab 1980 durchsetzende Strategie des "Hubbardismus" (Potthoff, 1993, S. 93) verweist auf die Politisierung der Organisation einerseits und die Weltherrschaftsansprüche andererseits.

    SC äußert sich in zunehmender Weise aber auch tagespolitisch und greift in die politischen Debatten ein. Dies zeigt sich besonders deutlich in den Anzeigenkampagnen 1994/95 in den USA und Deutschland. SC geriert sich als verfolgte religiöse Minderheit eines Staates - der Bundesrepublik Deutschland - der im Hinblick auf die Verfolgungspraxis der NS-Diktatur vergleichbar sei. Hier geht es weniger um die Qualität dieser Strategie der Diffamierung und der Selbstüberhöhung, sondern um den exemplarischen Hinweis, daß und wie SC versucht, auf den politischen Meinungsbildungsprozeß direkt einzuwirken. Daher ist es verfehlt, SC auf ihre Eigenschaft als "Sekte" oder "Kirche" zu begrenzen, SC ist - im Zeitverlauf immer deutlicher - eine Organisation mit langfristigen politischen Zielen.

  3. Theorie und Praxis von SC erfüllen alle Merkmale einer totalitären Organisation und Weltanschauungsgemeinschaft. Sie erhebt einen ideologischen Alleinvertretungsanspruch, sie ist hermetisch abgeschlossen, sie gruppiert sich um eine Führer-Ideologie, folgt einem rigide dualistischen Weltbild, das die Welt undifferenziert in Gut und Böse unterscheidet, eingebettet in eine eigens entwickelte, mit rationalen Maßstäben kaum zugängliche Fachsprache. Auch das für totalitäre und extremistische Ideologien typische kollektivistische Denken findet sich bei SC. Die Überhöhung der "clears" und die Frontstellung gegen alle, die SC nicht folgen, stiftet einen Gemeinschaftszusammenhang, der von elitären Vorstellungen des Übermenschen geprägt ist.

    Das aus dem Menschen- und Gesellschaftsbild - etwa der Konstruktion der "antisozialen Persönlichkeit" - abzuleitende Gewaltpotential ist ein wichtiges Merkmal von SC. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, daß Gewaltanwendung ein integraler Bestandteil der SC-Ideologie ist. Die mittlerweile vielfach von ehemaligen Anhängern geschilderte Praxis der Einschüchterung und Verfolgung von Abtrünnigen und Gegnern ist als systematische und praktische Konsequenz dieser ideologischen Position zu betrachten. Sowohl die totalitäre Gesamtstruktur wie auch die Gewaltkomponenten verstoßen gegen wichtige Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung.

  4. Organisationen, von denen ein Verstoß gegen Prinzipien der freiheitlichen demokratischen Grundordnung anzunehmen ist, fallen im Verfassungsverständnis einer streitbaren Demokratie in den Bereich des politischen Extremismus. Vor diesem Hintergrund ist zu klären, inwieweit SC als eine dem politischen Extremismus zuzurechnende oder ihm nahestehende Organisation anzusehen ist. Eine solche Klärung muß besonders sorgfältig vorgenommen werden, denn die Einordnung in den Bereich des politischen Extremismus tangiert zumindest mittelbar demokratische Bürger- und Freiheitsrechte. Deshalb gilt es zunächst, Argumente zu prüfen, die gegen die These sprechen, bei SC handele es sich um eine neuartige Form des politischen Extremismus.

    Es gibt einige Gründe, die gegen eine extremistische Qualität von SC sprechen. Von den herkömmlichen, in den Jahresberichten der Verfassungsschutzbehörden in Bund und Ländern aufgenommenen Organisationen unterscheidet sich SC grundlegend in einigen wichtigen Punkten: Vom Organisationstypus her ist SC ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen des Dienstleistungsbereichs, den Marktgesetzen der "Psycho"-Branche unterworfen, nicht aber eine ausschließlich oder auch nur überwiegend politisch-weltanschaulichen Zielen verbundene Organisation. Dubiose und zweifelhafte Praktiken ändern an dieser Grundstruktur nichts. Dementsprechend ist die Anhängerschaft - beginnend bei den Kursteilnehmern - mehrheitlich nicht primär politisch motiviert, ihr geht es vielmehr darum, die persönliche Lebenssituation zu verbessern. Während die Sympathisanten extremistischer Organisationen vor allem an der radikalen Veränderung der Gesellschaft bzw. an ihrer Überwindung interessiert sind, konzentriert sich die SC-Anhängerschaft in weiten Teilen zuallererst individualistisch auf sich selbst und die Veränderung der eigenen Lebensperspektive. Es muß davon ausgegangen werden, daß Interessenten und Kursteilnehmer nicht von politischen und somit auch nicht von extremistischen - Absichten und Motiven geleitet sind, sondern von der Annahme, durch den Besuch von Kursen persönliche Probleme besser lösen zu können. Solche Absichten sind auch bei konventionellen Organisationen des politischen Extremisten nicht auszuschließen, aber die politische Motivation steht letztlich doch im Zentrum.

    SC tritt öffentlich als politische Organisation nach dem Muster von Parteien, politischen Verbänden oder Zirkeln nicht in Erscheinung. Die SC-Zeitschrift "Freiheit" trägt zwar politische Züge, doch das für extremistische Organisationen typische öffentliche Werben für verfassungsfeindliche Zielsetzungen steht nicht im Vordergrund der SC-Publizistik. Ein drittes Argument könnte es nahelegen, eine extremistische Qualität von SC zu verneinen: SC läßt sich historisch-politisch und ideengeschichtlich nicht den Traditionen des Links- oder Rechtsextremismus zuordnen. Die genannten Differenzen sprechen dafür, SC nicht als eine den konventionellen Erscheinungsformen folgende extremistische Organisation aufzufassen.

    Auf der anderen Seite ist jedoch an die Schnittmengen zwischen Totalitarismus und Extremismus zu erinnern sowie an das Verhältnis von gewinnorientiertem Wirtschaftsunternehmen und den damit verbundenen Perspektiven einer Veränderung der Gesellschaft im scientologischen Sinne. Die in Kapitel 4 erörterten totalitären Merkmale entsprechen dann einer extremistischen Grundstruktur, wenn sie miteinander verbunden und als Gesamtheit Theorie und Praxis einer Organisation prägen. Dies ist bei SC eindeutig der Fall. Auch nach seinem Tod im Jahr 1986 gelten die Schriften Hubbards als dominante Leitlinien für die SC. Darin finden sich zahlreiche Argumentationsfiguren, die auf politische und gesellschaftsverändernde Zielsetzungen sowie eine grundsätzliche Ablehnung der Demokratie hindeuten. "Die Gesamtstrategie des L. Ron Hubbard zielt darauf", so wäre einem Bericht des Hamburger Senats beizupflichten, "in jedem Land der Welt die dort herrschende Ordnung zugunsten der 'neuen scientologischen Gesellschaft' zu verändern". Die gewinnorientierte Wirtschaftspraxis von SC ist nicht Selbstzweck, sie dient vielmehr dazu, das weltweite Programm eines "geklärten Planeten" ("clear planet") sukzessive umzusetzen durch Infiltration von Wirtschaftsbranchen insbesondere des kommunikationsintensiven tertiären Sektors. Der strategische Vorteil von SC besteht in dieser Hinsicht darin, daß sie aufgrund ihrer Marktpositionierung hier einen viel besseren Zugang findet als solche Organisationen, die eindeutig vom politischen Markt her kommen.

    Wägt man beide Entwicklungslinien gegeneinander ab - zum einen die Funktion als Wirtschaftsunternehmen und die individualistisch orientierte Anhängerschaft und die sich daraus ergebende - unter psychoanalytischen Gesichtspunkten hier nicht zu bewertende - Lebenshilfepraxis, zum anderen die Schnittmengen von Totalitarismus und Extremismus - so könnte eine Einschätzung von SC im extremismustheoretischen Kontext einer streitbaren Demokratie wie folgt vorgenommen werden: SC läßt sich, insgesamt betrachtet, weder linksextremen, den Zielen des Marxismus-Leninismus verbundenen Traditionen unmittelbar zuordnen noch rechtsextremen im Sinne eines ethnisch homogenen, auf Nationalismus, Reichsidee und Führertum gegründeten Staates. Damit paßt SC nicht in die geläufigen Traditionszusammenhänge des politischen Extremismus. Dennoch scheint sich bei Organisationen wie SC eine neuartige Form des politischen Extremismus anzubahnen, orientiert an Ideen des absoluten, heldischen Übermenschen, der die lästigen Fesseln des Liberalismus und der Demokratie abstreift auf dem Weg zu einer Weltherrschaft die auf totalitären und mit einer demokratischen Verfassung unvereinbaren Grundprinzipien basiert. Das Bestehen auf der von Hubbard begründeten "reinen Lehre" und die vielfältigen Kampfansagen gegen jene, die dieser Lehre nicht folgen wollen oder können - etwa in den theoretischen Konstruktionen der "antisozialen Persönlichkeit" bzw. der "unterdrückerischen Persönlichkeit" - ist mit demokratischen Prinzipien nicht vereinbar.

    SC ist als eine politische Organisation im kulturkämpferischen Sinn aufzufassen, die deutliche Berührungspunkte zu Doktrinen des politischen Extremismus aufweist. Der politische Anspruch von SC ergibt sich schon aus dem von Hubbard dargelegten Kodex des Scientologen, wonach dieser Verantwortung dafür zu übernehmen hat, "daß die Scientology in der Welt an spürbarem Einfluß gewinnt" und daß "die Größe und Stärke der Scientology überall in der ganzen Welt zu mehren" ist (Hubbard, 1983, S. 689). Eine allmähliche Veränderung der Gesellschaft im scientologischen Sinn in die Richtung eines "geklärten Planeten" und in die Richtung der "Erschaffung einer neuen Zivilisation" würde zwangsläufig die Außerkraftsetzung wesentlicher Teile einer auf liberalen, rechtsstaatlichen und demokratischen Grundsätzen basierenden Verfassungsordnung bedeuten.

    Denkt man die Konzeption des scientologischen "clear planet" zu Ende, so lassen sich zwar keine direkten Berührungspunkte zu den Traditionen und Organisationsnetzen des politischen Extremismus nachzeichnen, wohl aber scheint die Richtung absehbar, in die sich eine solche Gesellschaft entwickeln würde. Phantasien eines heroischen Übermenschentums, verbunden mit Ideologien der Ungleichheit und Ungleichwertigkeit der Menschen und militant aufgeladenem Freund-Feind-Denken, basierend auf antidemokratischen Ressentiments, deuten nicht auf eine "linke", sondern auf eine "rechte" Richtung, zumal antikapitalistische Strömungen dem SC-Denken gänzlich fremd sind. Potthoffs Befürchtung, es "könnte ein 'rechtes' Sammelbecken entstehen, das die aktuelle Entwicklung noch weit in den Schatten stellen würde" (Potthoff, 1993, S. 42), ist nicht von der Hand zu weisen.

  5. Im Einzelnen können folgende Aspekte benannt werden, die eine verfassungsfeindliche Zielrichtung von SC nahelegen:
Zusammenfassend: Eine ganze Reihe von Indizien spricht dafür, daß SC längerfristig verfassungsfeindliche Zielsetzungen vertritt und als totalitäre Organisation Berührungspunkte mit dem politischen Extremismus aufweist. Allerdings muß diese Einschätzung auf Vorläufigkeit bestehen, denn eine Vielzahl von empirischen Fragen ist beim gegenwärtigen Forschungs- und Diskussionsstand noch zu wenig geklärt. Erst weitergehende Informationen und Analysen der Mitglieder- und Organisationsstruktur, die Hinweise auf die Intensität des verfassungsfeindlichen Denkens bei SC und seine Verbreitung in der Anhängerschaft geben, könnten nähere Aufschlüsse und Klärungen erbringen.


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