Auch die Liebe ist politisch
Mystiker, Romantiker, Einzelgänger: Das Kino Arsenal widmet dem Berliner Regisseur Rudolf Thome eine Retrospektive

Im Jahr 1969 hat Rudolf Thome "Rote Sonne" gemacht einen Film über eine Frauen-WG, die ihre zahlreichen Liebhaber nach jeweils fünf Nächten umbringt. Die Hauptrolle spielte Uschi Obermeier. 1980 kam "Berlin Chamissoplatz" heraus: ein älterer Architekt soll ein besetztes Kreuzberger Haus sanieren, er verliebt sich in eine der Hausbesetzerinnen. 1991 drehte Thome "Liebe auf den ersten Blick", eine deutsche Annäherung zwischen einem alleinerziehenden Vater aus Ost-Berlin und einer West-Berlinerin. In seinem neuesten Film, "Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan", kommt ein Zeitreisender aus dem Jahre 4000 ins Berlin von heute. Er hat sich in eine Frau verliebt, die er auf einem Foto gesehen hat. In der Zukunft sind die Frauen ausgestorben, die Männer leben ewig. Ein unsterblich verliebter Unsterblicher. Er wirkt wie eine Mischung aus Gott und Kind, und er verliert sein Leben um der Liebe willen. Eine Menschwerdung, eine Erlösungsgeschichte, mit christlichen Untertönen möglicherweise.

In allen Filmen von Rudolf Thome geht es um Liebe. Das ist ungewöhnlich für einen deutschen Regisseur. Die Liebe ist Thomes Utopie, an ihr scheidet sich das gelungene vom mißlungenen Leben. Gelungene Filme dagegen sind fast immer Balanceakte, ohne Risiko entsteht nur das Mittelmaß. Deshalb riskiert Thome gelegentlich den Absturz in den Kitsch oder ins esoterische Traktat, aber es ist seine Ironie, die ihn immer wieder rettet. Unsentimentale Emotionalität: diese Tonlage trifft in Deutschland nur er, in Frankreich ist die Auswahl größer.

Thome-Filme sind irrational und romantisch, auch diese Haltung gibt es im heutigen Deutschland selten. Meistens ist der Plot eine Versuchsanordnung - zwei oder drei Frauen lieben den gleichen Mann, ein zufälliger Moment des Glücks entsteht, dann zerbricht alles wieder. Die Protagonisten bewegen sich wie unter Trance. Wenn sie zu dritt ins Bett gehen, dann in aller Unschuld, auf der Suche nach dem Paradies. Thome-Filme laufen auf keine Pointe, keine These und keine Erkenntnis hinaus, sie sind offen, mythisch, sie gehen nie ganz auf. Es bleibt immer ein Rätsel, wie im Leben. Und wie in guten französischen Filmen.

Rudolf Thomes Arbeiten spiegeln den Geist ihrer Entstehungszeit besser wider als viele Werke, die unverblümt politisch sein wollen. "Rote Sonne" gilt heute als einer der drei, vier Filmklassiker der deutschen 68er Zeit, "Berlin Chamissoplatz" ist die schönste Hommage ans West-Berlin der 70er Jahre, die es im Kino gibt, und die deutsche Wiedervereinigungseuphorie könnte kein teurer Monumentalfilm so genau beschreiben wie "Liebe auf den ersten Blick". Thome beweist: Liebe ist politisch.

In der deutschen Filmgeschichte gibt es immer nur Brüche, so wird oft gesagt, kein Gefühl für Tradition wie in Frankreich oder England. jede neue Regisseursgeneration ruft eine Stunde Null aus. Thome ist beinahe der einzige, der im vatermörderischen deutschen Film die Brücke schlägt von 1968 nach 1998, einer, der unter veränderten historischen Bedingungen immer wieder die gleiche Frage stellt: die Frage nach dem Glück. Rudolf Thome gehört zur Wim-Wenders-Generation. Er geht auf die sechzig zu und hat in dreißig Jahren 18 Spielfilme gemacht. Einen großen Hit hat er nie gelandet, im günstigsten Fall schauen sich 80 000 Deutsche einen neuen Film von Rudolf Thome an. Die meisten Filmförderer zucken mit den Achseln, wenn er kommt: ein Künstler. Ein Autor. Und noch dazu ein Einzelgänger. Obwohl kaum ein Kritiker Thomes Rang bestreitet, obwohl es eine Gemeinde gibt, die süchtig ist nach seinen Bildern, hat er immer größere Schwierigkeiten damit, seine kleinen, billigen Filme zu machen, die er nicht nur schreibt und inszeniert, sondern auch produziert und verleiht. 1998 ist ihm dieser Akrobatenakt sogar zweimal gelungen. "Just married", der zweite Film, erzählt die Geschichte einer Ehe. Der Mann steht im Verdacht, die Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet zu haben, schon auf der Hochzeitsreise wird von Scheidung gesprochen. Er hat eine Geliebte, sie setzt einen Detektiv auf ihn an, zwei Kinder werden geboren, der Schwiegervater stirbt. Am Ende sieht man das Paar bei einem Spaziergang, halbwegs zufrieden, und daß sie es bis dahin geschafft haben, ist ein Wunder der Liebe. Etwas, wofür sich in Deutschland nur Rudolf Thome interessiert.

Das Kino Arsenal zeigt im September eine Rudolf-Thome-Retrospektive. Heute, 21 Uhr, wird die Reihe mit "Just Married" eröffnet. "Rote Sonne" läuft am 4. September, 21 Uhr – "Berlin Chamissoplatz" am 16. September, "Liebe auf den ersten Blick” am 22. September jeweils 19 Uhr."Tigerstreifenbaby" läuft unter anderem im Kino Klick.

Harald Martenstein in Der Tagesspiegel 2.9.98

 

Weiblicher Wein
Wenige Männer, viele Frauen, ein Tigerstreifenbaby. Eine Rudolf-Thome-Retrospektive im Arsenal

"Zur Arbeit, ihr müßt zur Arbeit?” Marquard Bohm in "Rote Sonne" faßt es nicht - jetzt wollen die Frauen auch noch arbeiten. "Was tust du überhaupt hier, niemand hat dich gebeten hierzubleiben", sagt Uschi Obermaier zu Bohm. Sie sitzt auf der Bettkante. Wird sie ihn jetzt verführen? Hochdramatische Geigenmusik setzt ein. Bohm wird in dieser Geschichte nur noch selten allein sein. Gleich mehrere Mädchen erkennen, daß dieser Mann viel Zuwendung braucht.

Rudolf Thome, Regisseur, drehte "Rote Sonne" 1969. Und wahrscheinlich - sind die Thomeschen Essentials hier schon alle vorhanden. Es geht immer um einen einzelnen Mann, der tapsig durch die Gegend stapft, meist ein paar Millimeter über dem Boden schwebend. Thomes Männer sind Traumtänzer, die ohne das weibliche Element heillos verloren sind in der Welt. Deshalb brauchen sie bedingungslose Liebe. Doch die Frauen verfallen einem solchen Mann nicht, sie wählen ihn bei Thome bewußt aus. In "Der Philosoph" eröffnen "seine" drei Frauen extra ein Modegeschäft, weil sie wissen, das "ihr Mann" irgendwann einen Anzug brauchen wird. "Ihr habt mich also in eine Falle gelockt? Tja ... wir werden den Laden jedenfalls schließen, wir brauchen ihn nicht mehr." Diese Männer begreifen ihr Glück natürlich gar nicht, die Frauen müssen ihre Love-Traps aufstellen, aber natürlich nicht, um sich zu bereichern oder den Mann auszubeuten. Nein, nur um ihm Liebe zu schenken, morgens Kaffee ans Bett zu bringen,bei Fieber Wadenwickel zu machen. Die letzte große Utopie! Einige halten das wohl für Machoträume, doch die haben Thome nicht verstanden.

Denn daß diese Frauen keine Dummchen sind, versteht sich von selbst. Für einige muß man es aber immer dazusagen. Superselbstbewußt, in sich ruhend, anmutig statt sexy sind sie. Kein vernünftiger Mann kann ihnen widerstehen.

Ganz vorsichtig behandeln sie das rohe Ei Mann, ganz vorsichtig wollen sie ihm zu ihrem und seinem Glück verhelfen. "Der Philosoph" zieht bei drei Frauen ein - immer wohnen die Männer, wie auch im neuen "Tigerstreifenbaby", mit mehreren Frauen zusammen -, und eine der Frauen besorgt ihm einen Computer. Sie erklärt ihm, wie einfach man damit schreiben kann. Der Philosoph beginnt zu schreiben, kann aber nicht, solange "Sie" hinter ihm steht. Willst du mich verführen? fragt er.

Die Frauen sind keine Musen mehr, sie nehmen Männerrollen ein. Alles wird weiblich. Das ist kein bißchen ironisch gemeint bei Thome. Sein Feminisierungsprojekt geht so weit, daß der Wein, den die Frauen für den Philosophen kaufen, vom Händler als weiblich im Bouquet charakterisiert wird. Sogar die Landschaft ist weiblich. Ja, wenn man ganz genau hinschaut, sind auch Thomes Autos, mit denen die Frauen am Steuer mit den Männern zum See fahren, weiblich. Haben runde Formen wie der Käfer in "Rote Sonne" oder sind kugelig wie der Peugeot 205 in "Der Philosoph". Phalluswagen gibt's nur für absolute Machos, wie einen Ford Mustang in "Rote Sonne", und dessen Fahrer wird nach dem Sex von den Drohnen-Frauen natürlich getötet.

Und Orte, die in der Realität häßliche Hundestrände sind, werden bei Thome zum Platz der ersten Liebe. In einer WDR-Dokumentation über die Dreharbeiten zu den aktuellen Thome-Filmen "Tigerstreifenbaby" und "Just Married" versucht das Team eine Sexszene am Strand zu drehen. Herbert Fritsch weiß nicht, wie er das machen soll, wie man das spielen soll. Ihr könnt das doch so machen, daß sie auf dir drauf sitzt, sagt Thome und deutet an, daß sie "es" so nicht unbedingt machen müssen, es aber schon echt aussehen sollte. Man spürt die Unsicherheit von Fritsch und seiner Partnerin. Werden sie gleich zusammen schlafen, oder werden sie nur so tun? So schafft Thome Spannung zwischen den Schauspielern, die sich als eine Art Hyperrealismus in den Filmen manifestiert. An diesen Figuren kommen wir als Zuschauer nicht so einfach vorbei, die haben zu viel von uns selbst.

Andreas Becker in TAZ 3. 9. 98


 

Mit "Rote Sonne" hat RUDOLF THOME deutsche Filmgeschichte geschrieben. Seine neuen Filme "Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan" und "Just Married" laufen im Kino. Der Berliner Schriftsteller Bodo Morshäuser unterhielt sich für den TIP mit Rudolf Thome über die Männer, die Frauen, Eric Rohmer und das Filmemachen.

Bodo Morshäuser: Herr Thome, Sie haben mit "Just Married” einen frauenfeindlichen Film gedreht, das finde ich klasse. Wie gehen Sie mit meinem Lob um?

Rudolf Thome: Das gefällt mir natürlich überhaupt nicht. Über all die Jahre ist eigentlich der Tenor gewesen, ich sei ein frauenfreundlicher Regisseur. Bei "Just Married" nehme ich eine objektive Position ein gegenüber beiden Geschlechtern. Ich zeige in diesem Film, wie Frauen einen Mann sozusagen auseinandernehmen und fertigmachen können, aber meine Sympathie liegt bei beiden. Wenn die Frau ihm am Meer sein Lieblingsspielzeug, den Taschencomputer, wegnimmt und ins Meer schmeißt, dann zeige ich nicht, wie er leidet, sondern wie sie leidet.

Morshäuser: Die Schikane beginnt damit, daß die Frau das 5000-Mark-Spielzeug ins Meer wirft. Ich hatte den Eindruck, einem fürchterlichen Beziehungsparadox beizuwohnen. Sie läßt ihn, der danach gestürzt ist, verletzt daliegen.

Thome: In der ursprünglichen Drehbuchversion hat sie, nachdem er heruntergestürzt ist, sich auf den Felsen des Ufers gegenüber gesetzt und ein Buch zu Ende gelesen. Das erschien uns dann beim Drehen doch zu hart.

Morshäuser: Würden Sie diese Ehe ab normal bezeichnen?

Thome: Genau! Ich würde diese Ehe als normal bezeichnen.

Morshäuser: Sie meinen, Gleichberechtigung sei eine Fiktion und Liebe oder Ehe bedeuteten Kampf seien ein Hin und Her zwischen den Gewichten?

Thome
: Ja. Und ich zeige eine Ehe mit Kindern. In einer Ehe mit Kindern verschiebt sich das Gleichgewicht, wo es vorher auch immer gewesen sei, auf die Seite der Frau. Die Frauen sind ja keine Monster, sondern sie werden die Möglichkeiten, die ihnen das Kind bietet, nämlich einen Machtzuwachs, ausnützen. Sie sind mehr oder weniger dazu gezwungen. Das wollte ich zeigen, durchaus demonstrativ und als Modell.

Morshäuser: Ich habe gelesen, daß es zum Schluß des Films Probleme mit dem Hauptaarsteller gab, weil er einen negativeren Schluß wollte ab sie.

Thome: Nachdem sie ihm am Schluß auch noch seinen Piepser ins Wasser schmeißt, da wollte er nicht gerade versöhnlich neben ihr und den beiden Kindern weitertrotten. Er sagte, "Ich schlage nie Frauen, aber der würde ich eine in die Fresse hauen". Wir haben die Dreharbeiten unterbrochen. Wir waren dabei, eine Notlösung zu wählen, die meinem gewünschten Schluß nahekommt, und dann hat es doch funktioniert, wie von selbst, dann konnte er das Happy-End spielen. Wie durch ein Wunder machten dann auch die Kinder mit, und alle taten genau das, was wir für die Kamera brauchten.Damit haben die beiden es sogar noch versöhnlicher gespielt als in jeder Probe vorher. Sie schmeißt den Piepser ins Wasser, er lacht und nimmt ihre Hand, das heißt, ihre beiden Hände finden sich, das passiert dann von ganz alleine.

Morshäuser
: Auf der Leinwand sieht man nicht, ob etwas von alleine passiert ist, sondern man sieht den Film. Wenn Sie sagen, dieser Schluß sei ein Happy-End, dann heißt das doch, daß dieser ganz normale Terror weitergeführt wird. Ist das erstrebenswert? Macht das jemanden happy? Warum "befreit” der Mann sich nicht?

Thome: Das ist ein Happy-End, weil sie zusammenbleiben. Die beiden werden zusammen auch noch glückliche Momente mit ihren Kindern erleben. Sie wird so bleiben, wie sie war, aber mit der Zeit wird ihre Macht schwinden, denn je älter die Kinder werden, desto geringer wird ihre Macht über ihn. Ich hätte diese Geschichte auch in einer anderen Umwelt ansiedeln können. Es ging mir wirklich nur um das Modell. Der andere wichtige Punkt, warum ich unbedingt diesen Film machen wollte, war die Art, wie der Film erzählt ist. Er ist ziemlich anders erzählt als meine meisten Filme, weil er mit extremen Ellipsen arbeitet. Das hat mich gereizt.

Morshäuser: Ich finde, das ist Ihnen wunderbar gelungen.

Thome: Eine Ehe beginnt mit der Hochzeit, dann kommt die Hochzeitsreise, dann gibt es einen Zeitsprung, dann ist das erste Kind da, dann gibt es noch mal einen Zeitsprung, und dann ist das zweite Kind da. Im letzten Abschnitt betrügt er sie, und dann betrügt sie ihn. Das finde ich wunderbar, daß sie ihn auch betrügt, um quitt zu sein. Sie hat zwar nichts davon, sie tut sich selbst weh, aber ich finde es wunderbar, daß sie das tut.

Morshäuser: Die Preview von "Just Married" wurde so angekündigt, daß man nicht sagte, welcher Film gezeigt werde, daß man nur sagte, es sei kein Mainstream-Film. Sind Sie stolz darauf nicht zum Mainstream zu gehören? Oder ist Ihnen das alles egal?

Thome: Nein, egal ist es mir nicht. Ich habe nichts gegen den Mainstream. Da muß man aber unterscheiden zwischen deutschem und Hollywood-Mainstream. Zum deutschen Mainstream tendiere ich nicht, aber Hollywood-Mainstream, wenn er gut ist, das sind genauso tolle Filme wie der beste europäische Autorenfilm. Die sind voller Phantasie und Kinobegabung gemacht. Das ist aufregendes Kino.

Morshäuser: Was haben Sie gegen den deutschen Mainstream?

Thome: Das sind Filme mit meistens historischen Themen, mit meistens literarischen Vorlagen oder Sachen aus der Nazizeit oder aus den zwanziger Jahren, das ist alles so schwer und bedeutungsvoll, und mein Kino ist eigentlich das Gegenteil von bedeutungsvoll. Deswegen ist meine Position in Deutschland auch so schwierig. Im Mainstream sitzen Sie als Zuschauer vor einer Maschinerie, und Sie haben keine Chance. Wenn der Film zu Ende ist, wird man aus dem Kino gespuckt, und das war's. Das mag ich nicht.
Bei mir soll man in seinem Sessel sitzen, sich zurücklehnen und gucken. jeder sucht sich selber aus, was er sehen will, oder was er nicht sehen will, ich stupse ihn nicht mit der Nase darauf, was er sehen sollte. Meine Filme kann man mehrmals sehen, und man wird immer wieder Neues finden, was man vorher übersehen hat.

Morshäuser: Nach meinem Gefühl ist Ihnen das bei "Just Married" gelungen.

Thome: Da bin ich dann glücklich.

Morshäuser: Wie finden Sie die Filme von Eric Rohmer?

Thome: Das ist eine Frage, die ich liebe. Ich kenne Rohmer von Anfang an. Ich muß gestehen, daß ich die Filme, bis auf den ersten, nicht sonderlich mochte. Die waren mir zu intellektuell, und da wurde zuviel geredet. Dann habe ich "Die Frau des Fliegers" Anfang der Achtziger gesehen. Ich bin da rausgekommen und war einfach beflügelt und wollte sofort auch einen Film machen.
Von diesem Moment an habe ich seine Filme aufmerksamer gesehen und mochte jeden zweiten oder dritten Film von denen, die dann folgten, doch sehr. "Vollmondnächte" habe ich total geliebt. "Das grüne Leuchten" fand ich wundervoll. Der letzte, den ich wirklich geliebt habe, das war "Sommer".
Als ich die Trilogie mit "Mikroskop", "Philosoph" und "Sieben Frauen" machte, haben die französischen Filmkritiker gesagt, der Thome macht den Rohmer nach, aber es sei besser, weil bei ihm nicht soviel geredet werde. Dabei habe ich das nur deswegen gemacht, weil die Berliner Filmförderung eine Low-Budget-Förderung einrichtet hat. Der erste Film war erfolgreich, und dann konnte ich weitermachen. So kam es zu meiner Trilogie.
Rohmer ist einer der wichtigsten lebenden Regisseure, und ich bewundere ihn sehr. Mich erinnert er an einen Hochschulprofessor, weil er alles so genau nimmt. Ich bin das Gegenteil, ich bin schlampig, ich arbeite mit dem Zufall und mit Improvisationen.

Morshäuser: Das tut Rohmer auch.

Thome: ja, aber er bereitet die Improvisation besser vor. Er arbeitet mit den Schauspielern ein halbes Jahr. Ich fange wirklich erst in dem Moment an, in dem ich drehe.

Morshäuser: Würden Sie Ihrem Publikum Ihre politische Meinung verkünden, zum Beispiel jetzt vor der Bundestagswahl?

Thome: Nein.

Morshäuser: Weil Sie Künstler sind?

Thome: Ich hab' da keine Hemmungen, ich sage Ihnen, was ich wähle.

Morshäuser: Meine Frage ist, ob Sie es Ihrem Publikum sagen würden.

Thome: Nein. Dann wär' ich ja Politiker. Ich versuche nie, anderen Menschen aufzureden, was ich für richtig halte. Es gibt Filmemacher, die zwingen ihr Team, das zu tun, was es vielleicht gar nicht tun will. Und ich verlange überhaupt nichts von den Leuten, ich frage die Leute: Wie wollt Ihr es machen?

Morshäuser: Passiert es Ihnen da nicht hin und wieder, daß am Ende ein Film rauskommt, den Sie gar nicht drehen wollten?

Thome: Bei diesen beiden neuen Filmen wollte ich etwas völlig anderes machen als vorher, ich habe mit einem neuen Team gearbeitet, ganz junge Leute, ein Kameramann, der noch nie einen Spielfilm gedreht hatte, und was ist rausgekommen? "Tigerstreifenbaby" ist ein Thome-Film par excellence. Obwohl der Kameramann eine unglaubliche Freiheit hatte, er dachte manchmal, er dreht den Film.

Morshäuser: Sind Sie ein demokratischer Regisseur im Gegensatz zu einem autoritären?

Thome: Ich bin ein so extrem demokratischer Regisseur, daß es beim Drehen immer einige Leute gibt, die meinen, da gibt es überhaupt keinen Regisseur.

Morshäuser: Hat Sie das irgendwann einmal richtig gestört? Wollen Sie nicht auch einmal bestimmen, was gemacht wird?

Thome: Ich bestimme es doch. Meine Entscheidung ist, den Leuten ihre Freiheit zu lassen. Einen Film zu drehen ist ein Stück Leben in Hochpotenz, das ist wie eine Liebesgeschichte, man ist total konzentriert für einige Wochen, nichts anderes ist eine Liebesgeschichte im Anfangsstadium. Diese Zeit will ich doch angenehm erleben. Und das schaffe ich, wenn ich den Leuten ihre Freiheit lasse. Darin werden die Filme besser. Der Film wird stärker, wenn die Phantasien von mehreren Leuten zusammenkommen.

TIP 19/98 vom 2.9.98

 

 

Die Gammelei ist vorbei
Das Arsenal zeigt sämtliche Filme des Berliner Regisseurs Rudolf Thome

Schinkenbrötchen mit Marmelade und eiskalter Wodka zum gebratenen Steak sind in den frühen Filmen von Rudolf Thome wichtige Details. Uschi Obermeier, Marquard Bohm, Iris Berben oder Diana Körner leben in "Detektive" (1968) und "Rote Sonne" (1969) einen Traum: Sie frühstücken abends im Bett, lungern tagsüber in Münchner Cafés, tanzen zu zeitgenössischer Musik, rauchen, trinken und quatschen. Die Geschichten erzählen immer von jugendlicher Faulheit, von schönen, starken Frauen und vom vergeblichen Traum, "richtige Filme" machen zu können. Die Männer auf der Leinwand und im Kino müssen oft viel leiden.

Beiläufige Glücks-Utopien
Später wurden in Thomes meisterhafter Goethe-Adaption "Tarot" (1985) oder in der hinreißenden Komödie "Das Mikroskop" (1987) edler Rotwein und Grappa aus der Toskana getrunken. Das "laisserfaire" war verschwunden, die Gammelei längst vorbei, man lebte als Filmregisseur, Computerprogrammierer, Jungphilosoph oder als Kinobesitzer wie in "JustMarried" (Kinostart am 24. September), Thomes jüngstem Film, der praktisch zeitgleich entstand mit "Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan". In 30 Jahren hat Thome alle Zeitgeister in mittlerweile 18 langen und sechs kurzen Filmen festgehalten, für die gemeinsame Erinnerung geformt. Um Glücks-Utopien, meist beiläufig durchgespielt, selten prononciert, geht es noch immer.
Im eigenen Land stand Rudolf Thome lange im Schatten von Kollegen wie Fassbinder und Herzog, gegen die seine Filme erfreulich undeutsch wirken. Womöglich liegt das an ihren lakonischen Erzählweisen, die eher aufs präzise Dokumentieren von Alltagssituationen gerichtet sind als auf ausdrückliche Botschaften. Nach einer Vorführung von "Rote Sonne" war Wim Wenders 1970 verzückt durch die Möglichkeit, 90 Minuten lang nichts als die Oberfläche einer "amerikanischen Haltung" auszubreiten.

Thome war Liebling einer Berliner Kritik, deren Begeisterung sich an "Berlin Chamissoplatz" (1980) und "System ohne Schatten« (1982/83) entzündete. Männliche Kritiker haben Gedichte und Hommagen an Thome geschrieben, die vom "Thome-Bazillus" sprechen und in denen es darum geht, wie jemand den Gang von Marquard Bohm ausprobiert. Von Frauen liest man solche Elogen nach wie vor selten. Ihrer Kritik weicht Thome jedoch nicht aus, wie man auch im Internet nachlesen kann: Unter www.moana.de führen er und Petra Seeger ein aufschlußreiches Gespräch zu "Just Married”.

Handkamera statt Cinemascope
Der Film wurde in langen, ungeschnittenen Plansequenzen mit der Handkamera gedreht - eine Entscheidung des jungen Kameramannes. Thome sieht die Handkamera als guten Ersatz für das früher von ihm mehrfach verwendete Breitwandformat: "Bei CinemaScope ist man auch bei einer Zweiereinstellung nah an den Personen und sieht genau, was in den Gesichtern passiert. Und bei Cinemascope kommt noch dazu, man sieht etwas von der Umgebung, dem Raum, in dem sich die Leute bewegen. Bei der Plansequenz ist es genau das gleiche.”

Thome ist der wunderliche Realist geblieben, der die Wirklichkeit weniger präpariert als präsentiert. Das Zufällige in einem Film, einfache Gesten, sind das eigentlich wichtige. Entscheidend ist, wie die Story erzählt wird. Heute ist Thome dieser Haltung nicht mehr in aller Konsequenz treu, seine Interessen haben sich ein wenig zum psychologischen Erzählen verschoben. Seine ironische Haltung, voller verhaltener Komik, hat sich erhalten.

Die Auseinandersetzung mit dem Publizisten Thome steht noch aus. Schon in seinen frühen Texten lassen sich Spurenelemente jener Haltung finden, die später in den eigenen Filmen wiederkehren. "Jedes Drehbuch enthält von vornherein eine Unzahl allgemein-menschlicher Themen", schrieb er einmal über einen Film von Jean-Pierre Melville. Auch seine eigenen Arbeiten bleiben stets offen für allerlei Perspektiven, bieten gerade keine besondere Interpretation an. Die Filme und ihre Figuren lassen sich nicht unmittelbar an der "Realität" messen, obgleich sie aus unzähligen Alltagsbeobachtungen komponiert sind. "Kunst erfordert nicht notwendig eine nonkonformistische Gesinnung", schrieb Thome einmal über den Regisseur und Autor Buster Keaton. Man könnte das manchmal auch über Thome sagen.

Rolf Aurich in Berliner Zeitung 7.9.98