| Murks
mit Majonäse Statements zur Rechtschreibreform von Walter Kempowski, Martin Walser, Siegfried Lenz, Marcel Reich-Ranicki und Hans Magnus Enzensberger |
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Die Ausgabe Nr. 42/1996 des
Nachrichtenmagazins Der Spiegel widmet
sich ausführlich der vom oberbayerischen Lehrer Friedrich Denk losgetretenen Kampagne
gegen die unlängst beschlossene Reform der Rechtschreibung. Der Tagesspiegel weiß zwar in Nr.
15780/20. Oktober 1996 allerlei Eigentümlichkeiten zur Person Denk zu berichten. Den
lesenswerten Gedanken der befragten Schriftsteller und Publizisten (geäußert haben sich
bemerkenswerterweise nur Männer) tut dies jedoch keinen Abbruch. |
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| Walter Kempowski Ich bin dagegegen, die Schüler unnütz zu quälen, aber diese Rechtschreibreform, die sich unsere Kultusminister ausgedacht haben, ist keine Hilfe, sie ist einfach nur Murks ... wenn sich die Bürokraten schon daran vergreifen, dann bitte gleich viel radikaler mit der gemäßigten Kleinschreibung. Damit hätte man jedenfalls an Europa gedacht und sich anderen Schriftsprachen angeglichen. Jetzt herrscht Chaos. ... Ich hab´ den Eindruck, das ist so ein Professoren-Mulm, beschlossen von praxisfernen Gestalten, die nicht wissen, wo der Kellerschlüssel liegt, aber klug daherquasseln. Im übrigen lernt man Rechtschreibung nicht nur nach Regeln, Orthographie prägt sich auch durch das Erscheinungsbild ein. ... Die Schreibweise eines Wortes zu ändern ist brutal. Stellen Sie sich mal vor, wie demnächst ein Gedicht von Sarah Kirsch aussieht. ... Die vertraute Gestalt eines Wortes erinnert einen doch sofort an eine Wortfamilie: Hinter jedem steht ein Schwarm anderer Worte. Sprache ist für mich Heimat. ... Kinder mit Schreibschwierigkeiten gibt es immer. Laßt uns doch die Sache gelassener betrachten. Ich kriege häufig Briefe von gebildeten Greisen, und plötzlich, butsch, ist da ein Fehler drin. Das ist doch hübsch. Man ist froh, wenn heutzutage Leute überhaupt noch schreiben. |
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| Martin Walser Rechtschreibnormen sind Zentralismusblüten, Haupteffekt: Fehlerproduktion. Soll doch jeder, auf eigenes Risiko, schreiben, wie er will. Er will verstanden werden, soll er´s versuchen auf seine Art. ... Komisch, daß Schriftsteller für und gegen Normen streiten, an die sie sich sowieso nicht halten. |
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| Siegfried Lenz Erstens: Welch eine Notwendigkeit besteht zu solchen Veränderungen? Zweitens: Wer hat ein Interesse daran? Drittens: Wer besitzt die Legitimation, diese Veränderungen als Regel einzuführen? ... Ich halte sie für einen kostspieligen Unsinn. ... Ich vermute ..., es handelt sich um das Bedürfnis von Kulturpolitikern und Lektoren, uns die Mühen differenzierten Sprachgebrauchs zu ersparen. |
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| Marcel Reich-Ranicki Der Buchstabe »ß« ist überflüssig, ich werde, ähnlich wie das Volk der Hirten und Bankiers, künftig »ss« schreiben. Das Komma vor dem erweiterten Infinitiv sollte bleiben, also: »Der junge Mann hat beschlossen Komma das üppige Mädchen unzüchtig zu berühren.« Hier ist das Komma schön und nötig, weil es auch andeutet, daß es zwischen Absicht und Verwirklichung noch einen Augenblick des Zögerns gab. ... Wie wäre es mit einem Kompromiß? |
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| Hans Magnus Enzensberger Eine Clique von selbsternannten Experten will sich wichtig machen, zwei Großverlage schnappen nach dem Monopolgewinn, und die Politik übt sich wie gewöhnlich im Etikettenschwindel. Dabei geht es überhaupt nicht um die Sprache, sondern um die Rechtschreibung, die von jeher das Steckenpferd aller Besserwisser war. ... Eine solche »Reform« ist natürlich so überflüssig wie ein Kropf. Nur Zwangsneurotiker können wegen solcher Bagatellen jahrzehntelang Steuergelder in Ausschüssen und Kommissionen verdauen. ... Wer ist überhaupt dieser Herr Konrad Duden? Irgendein Sesselfurzer! Ich halte mich lieber an Lessing, Lichtenberg, Kleist und Kafka ... im Zweifelsfall würde ich einem, der schreiben kann, eher trauen als Ministerialdirigenten und Schulbuchverlegern, die oft ihrer eigenen Sprache nicht mächtig sind. ... Die Orthographie war in Deutschland seit dem Wilhelminismus ein reiner Amtsfetisch. Die Regierungen sollten die Finger von Dingen lassen, von denen sie nichts verstehen und für die sie nicht kompetent sind. Die sogenannten Regelwerke sind Ersatzhandlungen, mit denen die kulturpolitische Impotenz kaschiert werden soll. ... Ich wünsche, daß mich der Staat beim Schreiben in Ruhe läßt. ... Allen Lehrern der Republik würde ich raten, den Schwachsinn der neuen »amtlichen Regelung« stillschweigend zu ignorieren. ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß maßgebende Verlage ... so dumm sein werden, ihre Bücher einzustampfen. Auch die großen Zeitungen täten gut daran, sich taub zu stellen. Gegen diese Form der zivilen Sabotage ist kein Kraut gewachsen. |
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