Mein Name ist Tria, zuerst wurde ich zwar "Rille" gerufen, aber das klingt doof. "Tria" soll griechisch sein und "Die Dritte" heissen, heißt aber eigentlich "Das Dritte", was auch, ehrlich gesagt, bei mir nicht ganz falsch ist, aber darübe rede ich nicht so gerne. Deshalb bitte keine weiteren Fragen dazu, ja?
Geboren bin ich Anfang 1988, irgendwo in Berlin. Wie ich dann in das Tierheim Berlin, damals noch in Lankwitz, gekommen bin irgendwann im Juli, das weiß ich nicht. Meine Mutter, meine Geschwister, meine Büchsenöffner waren plötzlich weg, nur fremde Leute, die mich zwar fütterten, aber immer keine Zeit hatten, sich richtig um mich zu kümmern, und so taten, als wollten sie mich wieder loswerden. Das traf sich gut, ich wollte das eigentlich auch. Jedem Gesicht am Zaun des Käfigs habe ich das gesagt. Und zwei haben mich dann auch mitgenommen.
Dunkel kann ich mich dann noch an das dann Folgende erinnern. Da war so ein schöner, weicher Bauch, auf dem ich liegen konnte, während unten eine große, erwachsene Katze brummte und fauchte. Der mußte ich am Anfang aus dem Weg gehen, und so bin ich zuerst an jedem Vorhang hochgeflüchtet, aber das Haus, in dem ich jetzt wohnte, war ja groß genug. Auch die Kollegin kam aus dem Tierheim, war aber schon zehn Jahre dort weg; Gandhi hieß sie, war aber eher so frech wie Indira, nicht so friedfertig wie Mahatma, jedenfalls mir gegenüber. Nun ja, wir haben uns gut aneinander gewöhnt, sie war ja auch viel älter als ich und hatte ganz andere Interesssen. Nach sechs Jahren, da war sie wirklich schon alt, verschwand sie plötzlich... Schade!
Merkwürdig waren auch die Essensgewohnheiten meiner neuen Büchsenöffner: warum wollten sie mich nicht von ihrer Stulle mit abbeißen lassen? Und was spricht dagegen, wenn man das köstliche Naß aus dem Becken trinkt, das sie Klo nennen? Aber wenn sie so etepetete sind, so tut man ihnen eben den Gefallen und läßt sich nicht erwischen, doch ein aufrichtiger Katzencharakter läßt sich nicht verbiegen. Immerhin konnte ich sie dazu erziehen, daß sie mir den Blumenuntersetzer im Blumenfenster, aus dem ich am liebsten trank, immer brav gefüllt haben. Den Blumen hat das bestimmt geholfen, fast immer genug Wasser!
Und dann waren da lange Zeit Hunde um mich. Erst ein großer, so eine Art Schäferhund, etwas dämlich, aber gutmütig, der hat mich immer über den Haufen gerannt. Dann so ein kleinerer grauer Wolfsspitz, schrecklich aufdringlich, der wollte mich immer ablecken - eklig! Aber eigentlich auch wieder lieb. Na ja, das erste Stockwerk gehörte mir, unten war er, und da musste ich eben schneller sein als dieser kleine Tolpatsch.
Mein Freiheitswille und Neugierde waren schon immer ausgeprägt. Die Welt war doch größer als nur das Haus, so schön groß es auch war! Ich wollte hinaus, aber meine Büchsenöffner wollten dies einfach nicht begreifen. Ich habe ihnen, um die Dringlichkeit meines Anliegens zu verdeutlichen, sogar in mein geliebtes Bett gepinkelt, aber verstanden haben sie das nicht, was verdeutlicht, wie beschränkt und schwererziehbar Büchsenöffner sind, obwohl sie sonst auch liebenswürdige Eigenschaften haben. Irgendwann entdeckte ich ein offenes Dachfenster, an das ich herankam, hinaus auf die Dachschräge, dann ein Sprung, und ich saß im Gras. Das war spannend! Zuerst habe ich gar nicht wieder nach Hause gefunden, wildfremde Menschen haben mich zu sich genommen, aber da war etwas um meinen Hals, das haben sie sich genau angesehen, und dann kamen plötzlich vertraute Gesichter und trugen mich wieder nach Hause. Trotzdem, es gab so viel zu entdecken, und ich habe gelernt, daß es nicht nur hinaus, sondern auch wieder zurück in das Haus einen Weg gab, einfach über einen Lebensbaum aufwärts oder einen Nussbaum, die vor dem Haus standen, dann ein Sprung auf das Dach, danach über den First und zum Dachfenster hinein - ein herrliches Leben. Und abends wartete schon der warme Arm meiner Lieblingsbauches im Bett auf mich.
Meistens riefen sie mich aber schon nachmittags. Da hatte ich schon entdeckt, wie spannend die Garage und das alte Büro auf dem Nachbargrundstück waren. Dort konnte ich so schön schlafen... Leider wurde ich dort manchmal vom Besitzer eingeschlossen, Dann hörte ich zwar die Rufe meines Lieblingsbauches, konnte aber nicht hin - trotz lautem Antworten! Manchmal musste ich über Nacht bleiben, oft ging die Tür wenig später aber doch noch auf, da hatte mein Lieblingsbauch die Eigentümer zu Hause oder sogar in einer Kneipe aufgetrieben und den Schlüssel organisiert. Das hat bestimmt zur guten Nachbarschaft beigetragen! Und ich konnte, an den Hals und die Schulter geschmiegt, mich nach Hause tragen lassen. Da kamen vor Freude schon mal die Krallen heraus, das ist nun mal bei Katzen so, und warum tragen die Menschen auch so wenig stabile Hemden!
Dafür habe ich auch angefangen, Mäuse und Ratten zu jagen, auch im Keller des Nebenhauses. Und da war ich wirklich Spitze! Das gefiel auch dem Nachbarn, dafür ließ er sich gelegentlich herausklingeln. Und ich konnte mit den toten Leckerbissen über das Dach nach Hause gehen, kein Problem. Manchmal war es auch ein Vogel; diese Biester stellten sich aber tot und flogen dann, wenn ich in Ruhe im Zimmer mit ihnen spielen wollte, einfach auf die unerreichbare Gardinenstange. Und statt sie mir zurückzubringen, ließ mein Lieblingsbauch sie dann durch das Fenster frei - empörend!
Manchmal tat er das auch mit den leckeren Mäusen, wenn sie mir beim Spielen entwischt waren. Das hat sich aber einmal gerächt - so ein Leckerbissen hat ihn böse in die Hand gebissen, so daß er sich doch lieber gleich eine Schutzimpfung im Krankenhaus geholt hat. Das kommt eben davon. Und die dreiviertel Ratte, die ich nicht mehr geschafft habe zu fressen, hat er einfach versucht, in der Toilette herunterzuspülen - die Beseitigung der Verstopfung war mühsam, aber ist das mein Problem?
Apropos Impfen: da kam regelmäßig jemand, um mich zu pieken. Eigentlich ein netter Typ, immer fröhlich, immer freundlich, hat mir auch mal, als ich mich sehr unwohl fühlte, damit fein geholfen, aber trotzdem mochte ich das gar nicht. Das muß doch anders gehen!
Schlimm war, daß meine Büchsenöffner regelmäßig ziemlich lange verschwanden. Zum Glück waren stattdessen immer andere sehr nette Menschen da - aber irgendwie ist das doch nicht ganz so toll. Mit der Zeit habe ich gelernt, daß meine Büchsenöffner auch immer wieder zurückkamen, wie sich das gehört. So konnte ich diese Trennungen verkraften und konnte auch nie allzu lange böse bleiben.
Nachts durfte ich immer im Bett mitschlafen. Na ja, fast immer, denn manchmal wurde es abends noch irgendwie schrecklich unruhig. Da half nur eins, ganz an den Rand legen und unsichtbar machen, oder eine Weile weggehen. Irgendwann kehrte Ruhe ein, dann konnte ich kommen, brauchte nur ein wenig zu schnurren, und schon war da so ein schöner weicher Arm und eine warme Decke über mir, sogar noch ein paar Streicheleinheiten - zum Schnurren!
Neben Mäusen und Ratten bekam ich immer genug zu futtern - ja, ja, Katzen würden Whiskas kaufen, ich jedenfalls auch. Whiskas Maus hatten sie nie, aber die Abwechlung habe ich mir ja verschafft. Und dann gab es diese Sahnesoßen. Die konnte meine Lieblingsköchin so toll machen! Leider mußte ich immer schrecklich lange warten, bis alle ihre Spaghetti Carbonara oder das Jägerschnitzel gegessen hatten, aber dann durfte ich mich über die Teller hermachen, und die habe ich als Dank dann immer ganz sauber hinterlassen. Das hat doch bestimmt der Abwaschmaschine geholfen! Und die Sauce hollandaise... Warum konnte es die nicht mal mit einer Maus geben?
Irgendwann ist etwas mit meinem Schwanz passiert, ich weiß nicht mehr genau was. Eine zuschlagende Tür? Ein Fahrrad, die Dinger habe sich sowieso gehaßt, oder sonst was. Ich gebe es ja nicht gerne zu, aber beim Tierarzt habe ich alle vollgepisst und jede genauere Untersuchung verweigert. Seitdem trug ich meinen krummen Schwanz zum Zeichen meiner Identität. Aber das hat mich bei meinen Ausflügen über das Dach nicht behindert, auch beim Jagen nicht. Ebensowenig die Glocke, die ich tragen musste, damit sich die Nachbarn nicht aufregen, da muss man nur einfach schneller als der Schall beim Jagen sein oder einfach die Glocke festhalten. Und alle waren zufrieden, die Nachbarn, weil ich ja warnte, meine Büchsenöffner, weil sie mich schon von weitem kommen hörten, und ich, weil sie mich beim Jagen nicht behinderte.
So hatte ich ein langes, erfülltes und schönes Leben. Oft haben meine Büchsenöffner zwar das Wetter nicht so richtig hinbekommen, aber die sind wohl auch nicht so dolle, wie sie immer tun. Und ich wurde auch älter und ruhiger, statt daß wie früher die anderen Katzen mir auswichen, mußte ich jetzt eher vor ihnen abhauen. Da machte das Herumstreifen draußen nicht mehr so viel Spaß, aber noch mit 15 Jahren habe ich eine Maus gefangen!
Und dann, mit über sechzehn Jahren, an einem heißen Augusttag, nachdem ich gerade noch eine - zugegebenermaßen kleine - Runde durch den Garten gedreht hatte, da fühlte ich mich plötzlich so seltsam und übel, ging auf die Toilette, und dann - ach ja. An die nächsten zwei Tage erinnere ich mich nur schemenhaft, meine traurigen Büchsenöffner, die weiche Unterlage. Ich mochte nicht futtern, nicht trinken, nur schlafen, schlafen... Dann ein ganz leichter Pieks, eine warme Hand meines Lieblingsbauchs, und dann...
Ja, und dann bin ich im Paradies aufgewacht. Und hier jage ich nun Schmetterlinge und Mäuse. Für immer!
Liebe Tria,
hebst du uns den einen oder anderen Schmetterling auf? Schließlich werden auch wir irgendwann (hoffentlich) im Paradies aufwachen und gemeinsam mit dir und vielen anderen die Freude teilen.
Deine Lieblingsköchin Dein Lieblingsbauch