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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

"Wir heben die Welt aus den Angeln"
Wie die Berliner Firma Kontext mit psychischem Druck Seminarteilnehmer zu Kreditbetrügern machte - und bis heute unbehelligt blieb

von Liane von Billerbeck

Die einen nennen es Verbindlichkeiten, die anderen einfach Schulden. Von 30 000 bis zu 870 000 Mark reichen die Summen, mit denen ehemalige Kursteilnehmer der Firma Kontext in der Kreide stehen. Nicht nur bei Freunden und Verwandten, sondern auch bei Banken wie der Commerzbank Berlin. Bitter daran: Sie selbst hatten von dem Geld fast nichts, sie gaben es - oft unmittelbar nach Kreditaufnahme - an die Kontext-Chefs, Reinhild und Ekkehard Drögsler, oder deren Mitarbeiter weiter. Für die Kredite interessierte sich auch die Justiz, denn sie wurden mit gefälschten Gehaltsbescheinigungen erlangt. Nachdem Strafbefehle wegen Kreditbetruges ergingen, meldet sich jetzt die Bank und fordert ihr Geld zurück.

Hinter der Betrugsgeschichte steckt eine andere Geschichte. Wer wissen will, warum erwachsene, vernünftig wirkende Menschen zum Vorteil anderer Kredite aufnehmen und sich dafür sogar strafbar machen, der muss fragen: Wer oder was ist Kontext? Und was ist mit den Leuten dort geschehen?

Birgit S. kam auf Empfehlung einer Freundin zu Kontext. Angefangen hat es ganz harmlos, mit einem Seminar "für alle, die Beziehungsprobleme haben". Reinhild und Ekkehard Drögsler hatten es auch im Berliner Stadtmagazin zitty inseriert. Der erste Kurs kostete nur 300 Mark. Die Atmosphäre war entspannt, Birgit S. fühlte sich wohl bei Reinhild Drögsler. Die üppige, mütterlich wirkende Frau, die sich gern mal Psychologin nannte, obwohl sie ohne Abschluss ist, hatte für jedes Problem eine Antwort. Jeder Mensch, so ihre eigentümliche Lehre, habe zu Beginn seiner Existenz ein "Versprechen" abgegeben, das aber kein herkömmliches Versprechen sei, sondern im Grunde genommen eine Last. Um sich davon zu befreien, müsse man Lebensziele gleich mit Datum formulieren und dann quasi aus dem Ei der Vergangenheit kriechen. Reinhild Drögsler fragte nach den Träumen ihrer Seminarteilnehmer. Die eine machte sie glauben, sie könne mir nichts, dir nichts Fotografin werden; eine andere bestärkte sie in der Idee, Kinderbücher illustrieren zu können, mühelos. Alles nur eine Willensfrage. Grundlage jedes Erfolges, so ihr Credo, sei eine Beziehung, wie ihre eigene Ehe mit vier Kindern. "Heiraten und Kinder kriegen, darum ging es", erinnert sich Angela N. "Wir müssten es einfach gebacken kriegen, sagte uns Reinhild." Oft gingen die Kurse bis spät in die Nacht. Immer teurere Kurse sollten sie belegen. "Es war im Grunde genommen eine Gedankenkontrolle", sagt Angela N. Wie in einer Sekte ließen sich die Teilnehmer einwickeln und entmündigen. Das wichtigste Instrument war eine Art "Selbstdarstellung". In der Manier des "heißen Stuhls" musste jemand seine Probleme bloßlegen. Diese Psychositzungen dauerten bis zu 15 Stunden - genügend Zeit für Reinhild Drögsler, den Betreffenden zu sezieren. Völlig erschöpft akzeptieren die Teilnehmer am Ende alles, was Reinhild Drögsler ihnen verordnete. "Es war ein schleichender Prozess der Selbstaufgabe", beschreibt es Dora P. Bald hatten die meisten kein Leben mehr außerhalb der Gruppe.

Wer Widerspruch wagte, kam ins Psycho-Meeting. "Man wurde dann in die Mitte des Stuhlkreises gerufen", erzählt Angela N. "Oft vergingen Stunden, die fanatischen Anhänger brüllten einen an, und in der Mitte stand man wie ein Sonderling." Man wurde so lange erniedrigt, bis Frau Drögsler eine Entschuldigung akzeptierte. "Irgendwann war ich so weit zu glauben, diese Reinhild hätte immer Recht."

So absurd es klingt: Für viele wurde Kontext zum Albtraum - und zum Traum zugleich. Denn die Drögslers schienen im Erfolg zu schwimmen. Sie konnten von ihrer Erdgeschosswohnung in ein Einfamilienhaus ziehen und stiegen auf einen Jaguar um. Das beeindruckte. Wenn Zweifel aufkamen, wurden "Geld-Seminare" veranstaltet. "Wir sollten aufhören, in kleinen Dimensionen zu denken", erinnert sich Birgit S. Wer die Kurse trotzdem zu teuer fand, den ließ die Kontext-Chefin Geldscheine in die Luft werfen, damit er lerne, sich leichter vom Geld zu trennen.

Reinhild Drögsler hingegen hielt das Geld fest. Doch sie und ihr Mann wollten mehr. Inzwischen kosteten ihre Seminare sehr viel Geld: Fun and commitment 6000 Mark, das so genannte Trainerseminar 30 000 Mark. Der 1999 aufgelegte Liebe und Erfolg Jahreskurs, der nur einmal stattfand, 23 000 Mark. Die Drögslers waren unersättlich. Hatte die Firma nichts mehr auf den Konten, wurden die Anhänger gedrängt, sich woanders Geld zu beschaffen. Die einen erlangten es durch vorzeitige Auszahlungen aus Erbschaften, andere nahmen Existenzgründerkredite auf, kündigten und gaben die Abfindungen weg. "Wir halten zusammen", lautete das Motto.

Im Herbst 1998 erfuhren die Seminaristen, dass die Drögslers noch mehr Geld brauchten. Es ging wohl auch um den geplanten Kauf eines Hauses in der Nähe von Saint-Tropez. Eine Drögsler-Adeptin empfahl einen ihr bekannten Mitarbeiter der Commerzbank, Herrn L., über den die Kontext-Jünger leicht Kredite bekommen könnten. "Es sei ja auch nur für vier Wochen, sagte Reinhild zu mir", erinnert sich Dora P. "Als ich wegen des Betruges Zweifel hatte, meinte sie nur: Vertraust du mir nicht?" Zwei Tage später erhielt Dora P. eine gefälschte Arbeitsbescheinigung der "Montessori Kinderhäuser e. V". - als Beleg für ihre angebliche Bonität. Die legte sie Herrn L. vor. "Als ich kam, war der Vertrag schon fertig, ohne dass ich vorher Kontakt zu ihm hatte", erzählt Dora P. "Er könne mir 40 000 Mark geben. Ich müsse nur ein Konto eröffnen und einmal Gehalt bekommen. So könne er den Computer überlisten." Dora P. erinnert sich noch heute an ihr Herzklopfen, als Herr L. mit dem Vertrag zu seinem Filialleiter ging. Aber alles ging glatt. Sie erhielt den Kredit. 20 000 Mark sofort und in bar. Sie brachte das Geld umgehend zum Haus von Drögslers. Die andere Hälfte wurde zwei Tage später ausgehändigt. Ein Kontextler holte Dora P. ab und fuhr sie zu einem Café am Schöneberger Winterfeldtplatz. Dort saßen die Drögslers und nahmen das Geld entgegen. Ungerührt. "Ich habe keine Quittung bekommen, kein Danke, gar nichts."

Bemerkenswert war, dass Dora P. in der Commerzbank einen Anruf von der Drögsler-Mitarbeiterin erhielt, die die Kredite angeregt hatte - über den Telefonapparat des Herrn L., der das ganz normal zu finden schien. Er wurde auch in einem anderen Fall nicht stutzig, als ein Kreditnehmer die Telefonnummer an seinem angeblichen Arbeitsplatz nicht kannte. Das Geld bekam er trotzdem.

Kaum vorstellbar, dass eine andere Filiale der Commerzbank oder auch nur ein anderer Bankangestellter diese Kredite genehmigt hätte. Pressesprecherin Angelika Held-Flessing bestätigt zwar, dass es bei der Commerzbank Kreditvergaben gegeben habe, "bei denen sich im Nachhinein herausgestellt hat, dass sie mit gefälschten Gehaltsbescheinigungen zustande kamen". Doch, wie immer die internen Konsequenzen aussähen, "wir sagen darüber nichts".

Der Berliner Rechtsanwalt Norman Wirth, der einige Ex-Kontextler vertritt, hat Strafanzeige gegen Herrn L. wegen Beihilfe zum Kreditbetrug erhoben. Seine Mandanten hatten sich nach langem Zögern selbst angezeigt. Die Konsequenz: Strafbefehle über insgesamt mehrere tausend Mark. Ob allerdings Herr L. angeklagt wird und wann, ist nach Auskunft des Pressesprechers der Berliner Staatsanwaltschaft ungewiss: "Es wird noch ermittelt."

Auch die zahlreichen Verfahren gegen das Ehepaar Drögsler "gestalten sich schwierig", heißt es. Ermittelt werden Straftatbestände von Konkursverschleppung über Steuerhinterziehung bis zum Kreditbetrug. Mehrere Abteilungen bearbeiten die kriminellen Aktivitäten der Kontext-Gurus und ihrer wenigen verbliebenen Anhänger. "Je mehr man investiert hat, psychisch wie finanziell, desto schwerer ist es, der Realität ins Auge zu sehen", beschreibt Anne Rühle, die Sektenbeauftragte des Berliner Senats, das Dilemma von Menschen in solchen Gruppen.

Ein dichtes Geflecht aus Zahlungen und Scheinzahlungen für scheinbar oder tatsächlich geleistete Arbeit der Seminaristen muss entwirrt werden. Und die Ermittler müssen mindestens ein Dutzend Konten bei deutschen und französischen Banken überprüfen, über die die Drögslers ihre Immobilienfinanzierungen laufen ließen: Wohnungen, Villen, Grundstücke in Düsseldorf, Eisenberg/Thüringen, Frankfurt am Main, Mannheim und Sainte-Maxime-sur-Mer. Ihr Anwesen in Sainte-Maxime haben sie für immerhin 1,65 Millionen Mark erworben. Jedes der vier Drögsler-Kinder hat dort neben einem Zimmer auch sein eigenes Bad. Den Preis für den Wohlstand zahlen ehemalige Kontextler mit ihren Krediten. Ein Ehepaar nötigten die Drögslers so lange, bis es eine Hypothek auf ihr Haus aufnahm: 870 000 Mark für den Villentraum des Gurupaares.

Doch die ehemaligen Kontextler haben noch immer keinen festen Boden unter den Füßen. Und gerade jetzt will auch noch die Commerzbank ihr Geld zurück. Doch einige von ihnen wehren sich. Ihr Anwalt teilte der Bank mit, es lägen "Anhaltspunkte dafür vor, dass mindestens ein Mitarbeiter der Commerzbank an den nicht korrekt vorgenommenen Kreditvergaben wissentlich beteiligt war. Hingegen waren meine Mandantinnen in einer psychischen Zwangslage beziehungsweise Ausnahmesituation." Den Drögslers scheint es derweil gut zu gehen. Zu sprechen sind sie in ihrem kleinen Paradies in der Nähe von Saint-Tropez allerdings nicht. Selbst der Hamburger Anwalt, der nur ungern zugibt, dass er sie vertritt, kriegt das Ehepaar nicht direkt ans Telefon. "Das läuft über Dritte."

Ihre einstigen Jünger ächzen derweil daheim unter riesigen Schuldenbergen. Auf das im Januar 2002 geänderte Gesetz über die Verbraucherinsolvenzverfahren können sie auch nicht hoffen. Nur "redlichen Schuldnern" wird nach sieben Jahren auf Antrag ihre Restschuld erlassen. Dazu zählen die Ex-Kontextler durch den Kreditbetrug nicht.

"Wir heben die Welt aus den Angeln!", hatte ihnen Reinhild Drögsler einst euphorisch zugerufen. Zumindest die Welt ihrer Anhänger hat sie ausgehebelt.

Quelle: Die Zeit; 11.04.2002