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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Psychokult
Auf dem Lebenshilfemarkt

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragwürdiger Sinnstifter. Ein ZEIT-Gespräch mit der Berliner Sektenbeauftragten Anne Rühle

Von Liane von Billerbeck (Gesprächsführung)

die zeit: Berlin war schon immer Vorreiter, wenn es um die Aufklärung über "konfliktträchtige Anbieter auf dem Lebenshilfemarkt" ging. Zum fünften Mal seit 1983 wird in dieser Woche der so genannte Sektenbericht des Berliner Senats veröffentlicht. Der aktuelle Bericht unterscheidet sich deutlich von seinen Vorgängern. Worin?

Anne Rühle: In früheren Berichten haben wir einige Gruppen exemplarisch für den gesamten Markt beschrieben und dabei ihre eigenen Materialien mit Informationen ergänzt, die die Gruppen selbst gern verschweigen. Jetzt sind wir einen anderen Weg gegangen, denn die Rezeptionsgewohnheiten haben sich ebenso verändert wie der Markt der Sinnanbieter. Es gibt wohl kaum ein Feld, in dem es von interessegeleiteten Gerüchten nur so wimmelt, die Dramatisierer wie Verharmloser verbreiten. An gültigen Daten mangelte es. Mit der Analyse der jährlich etwa zirka 2000 Anfragen von interessierten Bürgern, Betroffenen und deren Familienangehörigen hier in der Behörde konnten wir diesem Mangel abhelfen, zumindest für das Land Berlin. Die Statistik ermöglicht uns auch, mit unserer Arbeit flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Ein weiterer Schwerpunkt im neuen Bericht sind die anonymisierten Erfahrungsberichte. Damit kommt Leben in den analytischen Teil; der Leser kann sein eben erworbenes Wissen gleich anwenden. In diesen Berichten haben Betroffene ihre Geschichten aufgeschrieben. Das liest sich leichter und bleibt besser im Gedächtnis.

zeit: Anders als früher listen Sie in diesem aktuellen Sektenbericht nicht mehr einige der als gefährlich eingestuften Gruppen namentlich auf. Warum?

Rühle: Das stimmt, es wäre einfach nicht mehr zeitgemäß. Denn dadurch wurden diese 15 bis 25 Gruppen quasi vom Staat "geadelt". Wer nicht im Sektenbericht des Senats auftaucht, der ist ungefährlich, hieß umgekehrt der Trugschluss. Heute drängen ständig neue konfliktträchtige Anbieter auf den Markt; Namen helfen da kaum weiter. Man muss deren Merkmale kennen, die richtigen Fragen stellen können, wenn man die Spreu vom Weizen trennen will. Ein Paradigmenwechsel in unserer Arbeit war also überfällig. Wir wollten nicht mehr nur über einzelne problematische Anbieter und ihre Aktivitäten aufklären, sondern zeigen, wie die Mechanismen funktionieren, über die ein Mensch in Abhängigkeit geraten kann. Das ist ein schleichender Prozess. Da wird deutlich, was in der Fachwelt schon lange diskutiert wird: Zwei Zahnräder müssen ineinander passen: die Lebenssituation des Angeworbenen und das Angebot, das ihm eine konfliktträchtige Gruppe macht. Ist keine solche "Passung" vorhanden, hat selbst die cleverste Anwerbung keinen Erfolg.

zeit: Jeder Mensch kann also eine Affinität zu Sekten haben, wenn ihm zur richtigen (Lebens-)Zeit, auf die richtige Weise das passende Angebot gemacht wird?

Rühle: Genau. Das hört sich zuerst erschreckend an, hat doch aber auch ein entlastendes Moment. Denn auf das eigene "Zahnrad" hat man immerhin Einfluss! Ich kann versuchen, an meinem Lebensthema, meinen unbefriedigten Bedürfnissen zu arbeiten, und mir auch professionelle Hilfe holen, damit ich weder die Gruppe noch eine solche Abhängigkeit brauche. Seinen eigenen Anteil an diesem Prozess zu erkennen ist oft der erste Schritt zum nachhaltigen Ausstieg: Arbeit an der Ursache, nicht am Symptom.

zeit: Andererseits machen Sie es den Leuten auch etwas schwerer. Sie müssen nicht mehr einfach Schwarz und Weiß, Gut und Böse unterscheiden. Scientology, Mun, Universelles Leben et cetera, die kannte man inzwischen. Und jetzt?

Rühle: So einfach wie früher ist es eben nicht mehr. Früher geriet das Thema "Sekten" oder "Psychokulte" immer dann in die Medien, wenn irgendein spektakulärer Todesfall vorgekommen war - erinnert sei an die Massenmorde und Selbstmorde von Jonestown/Guayana oder bei der Heaven`s-Gate-Sekte. Heute ist das komplizierter. Der Aum-Anschlag in der Tokyoter U-Bahn oder auch der 11. September haben gezeigt, wohin religiöser Fanatismus führen kann. Konfliktträchtige Anbieter am Lebenshilfemarkt existieren nicht außerhalb, sondern mitten in der Gesellschaft. Ganz subtil sickern deren Verhaltenscodizes in viele Bereiche ein. Dadurch findet auch ein Wandel in den Köpfen statt. Viele dieser Gruppen erscheinen heute einfach als Teil der Erfolgsgesellschaft oder einer verbreiteten Gleich-Wertigkeit, die unversehens zu einer Gleich-Gültigkeit wird. Doch was nicht mehr laut und anders und fremd daherkommt, muss deshalb für den Einzelnen und für unsere Gesellschaft noch lange nicht ungefährlich sein. Es gibt immer wieder konfliktträchtige Gruppen, deren Struktur geeignet ist, Menschen sogar ihrer persönlichen Freiheit zu berauben und psychisch und finanziell auszubeuten. In einem Klima verbreiteter Besinnungslosigkeit merken viele gar nicht mehr, dass sie eigentlich etwas suchen für ihr Leben, geschweige wonach. Auf dieser diffusen Suche nach Sinn fühlen sich viele Menschen übrigens von den klassischen Sinnanbietern, wie zum Beispiel den Kirchen, nicht mehr zeitgemäß und befriedigend angesprochen.

zeit: Und in diese Lücken springen "Sekten"?

Rühle: In diese und in andere Lücken, denn der Erfolg konfliktträchtiger Anbieter ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Mangelphänomene. Habermas hat es "Schleifspuren in der Aufspaltung von Glauben und Wissen" genannt, derer wir uns stärker bewusst sein sollten. Übrigens verwenden wir als staatliche Behörde den Begriff Sekte wegen der von uns in Artikel 4 des Grundgesetzes geforderten Neutralität nicht. Wir sprechen von "konfliktträchtigen Anbietern am Lebenshilfemarkt". Uns geht es um Gefahren für den Bürger, nicht um Wahrheitsfragen. Auch wir müssen allerdings zur Kenntnis nehmen, dass sich das Wort Sekte umgangssprachlich als Signalbegiff etabliert hat. Jeder versteht in etwa, was gemeint ist: eine Gruppe, der unser Wertekanon letztlich gleichgültig ist.

zeit: Wenn Sekten "Werte" vermitteln können und damit offenbar bei vielen Menschen ankommen, dann heißt das doch, es existieren Leerräume, Defizite ...

Rühle: Wir Menschen sind erstaunlich leicht manipulierbar, das führen uns diese Gruppen eindrücklich vor. Prävention muss also sowohl auf Bildung als auch auf Persönlichkeitsentwicklung zielen: Hier liegen wichtige Aufgaben in der Familien- und Schulpolitik. Schützen kann sich nur, wer auf ein stabiles Lebensfundament bauen kann, wer eine stabile Persönlichkeit ausbilden konnte und Sinn- und Existenzfragen für sich zu beantworten weiß. Dazu aber benötigt jeder ein Grundwissen in Philosophie und Religion. Das ist einfach Handwerkszeug. Niemand käme schließlich auf die Idee, einen Maurer ohne Kelle und Mörtel ein Haus bauen zu lassen. Ebenso wenig kann ein Leben nur auf Mathematikkenntnissen beruhen - die tragen nicht unbedingt durch Lebenskrisen oder taugen kaum als einzige Orientierung. An unserem Bericht wird erneut deutlich, wie wichtig ein werteorientierender Unterricht für alle Schüler ist - den wir an Berliner Schulen leider nicht haben. Ob sie dann Ethik/Philosophie oder Religion wählen, ist dabei nebensächlich. Wichtig ist, dass dieser Unterricht verbindlich wird. Schüler sollten Vertreter von Religionen und Weltanschauungen kennen lernen. Dabei geht es um Kunde und Authentizität, und natürlich nicht um Mission durch die Hintertür. Es ist sicher fatal, wenn der erste authentisch religiöse Mensch, der einem Berliner Schüler begegnet, der Werber irgendeiner Ufo-Sekte oder christlichen Extremgruppe in der Fußgängerzone ist.


Den
Bericht steht als Broschüre zur Verfügung und kann gegen 3 Euro unter Tel.: 90 26 55 74 bezogen werden.

(Quelle: DIE ZEIT 22/2002 vom 22.5.02)