- INTERIM -
Hilfe und Selbsthilfe e.V.

Gedanken zum Hintergrundbild der Eingangsseite

Wenn Menschen Bilder betrachten, lösen diese Bilder ganz verschiedene Gedanken und Gefühle aus. Jeder Mensch ist ICH, soll heißen: Jeder ist Mittelpunkt seines eigenen Universums, dass nur er so sieht, wie er es sieht. Kein Mensch gleicht dem anderen, weder in Bezug auf das äußere Erscheinungsbild, noch in Bezug auf die innere Welt seiner Gedanken und Gefühle. So sind wir Menschen eben. Jeder lebt in seinem eigenen kleinen Universum, hat seine ganz eigene Sicht der Welt, die begründet ist in seinem ganz eigenen Lebensweg, in seinen individuellen Erfahrungen, seinen Enttäuschungen, seinen Ängsten, seinen Hoffnungen, seinen aktuellen Umständen und seinen Möglichkeiten.

Alle Eindrücke der uns umgebenden Welt, und dazu gehören z.B. Begegnungen mit anderen Menschen, Natureindrücke, Musik und auch Bilder, treffen durch unsere Sinnesorgane auf unser inneres Universum. Und je nach dem, in welchem Zustand sich dieses innere Universum befindet und wie es geformt wurde und entstanden ist, werden die Eindrücke der äußeren Welt von diesem verarbeitet und letztendlich in dieses integriert. Diesen Verarbeitungs- und Integrationsprozeß erleben wir dann als Gedanken und Gefühle. Gedanken und Gefühle sind dabei etwas sehr Reales und doch gleichzeitig außerordentlich Subjektives und hängen sehr eng mit der Sicht, die wir über unsere Vergangenheit, über unsere Gegenwart und unsere Zukunft haben, zusammen. Und diese Sicht ist Ausdruck unseres inneren Universums.

Welche Gedanken und Gefühle löst das Bild auf der Eingangsseite in Ihnen aus? Auf welches innere Universum trifft es bei Ihnen? Ich meine, abgesehen von der farblichen Gestaltung, diese ist reine Geschmackssache. Was sehen Sie in diesem Bild?

Ich sehe einen erschöpften Menschen. Vielleicht erschöpft von den äußeren oder inneren Anstrengungen der vergangenen Wochen und Monate. Dabei sehe ich in seiner Körperhaltung trotz der Erschöpfung nicht unbedingt Passivität. Resignation, im Sinne von: "So wie bisher, kann es nicht weiter gehen." vielleicht, aber nicht Hoffnungslosigkeit. Vielleicht denkt dieser Mensch nach, reflektiert die Vergangenheit und versucht, diese irgendwie zu verstehen. Was ist gelaufen? Wie fing das alles an? Und vor allem, wie geht es weiter? Was wird aus mir? Innerlich ist dieser Mensch aktiv, versucht die Eindrücke der äußeren Welt in Einklang zu bringen mit seinem inneren Universum, versucht seine Gedanken und Gefühle zu ordnen.

Die Körperhaltung drückt für mich aber auch etwas Entspanntes aus. Die Lasten und Anspannungen sind abgefallen oder abgelegt, vielleicht auch abgeworfen. Vielleicht waren es diese ja sowieso nicht wert, weiter mit herum getragen zu werden und unter ihnen zu leiden und alle Kraft für diese aufzuwenden? Weil die äußeren und inneren Lasten im Moment nicht drücken, darum läßt es sich in dieser Haltung gut nachdenken.

Vielleicht ist diese Haltung aber auch Ausdruck einer Ohnmacht, eines Aufgebens. Aber ist ohnmächtig sein und etwas aufgeben immer schlecht? Ich denke, nein. Das Erkennen, dass man ohnmächtig, also ohne Macht ist, kann in die Verzweiflung, aber auch in die Hoffnung führen. Wenn ich sowie keine Macht, keinen Einfluß habe, dann muß ich auch nicht weiter darum kämpfen, dann kann ich loslassen. Ich kann alle Maskeraden und Rollenspiele der Macht, des So-sein-als-Ob, des Um-jeden-preis-weitermachen-Müssen, auch die frommen oder religiösen/ spirituellen, aufgeben und anfangen, ich selbst zu sein. Auch wenn dieses Loslassen anfangs schwerfällt, weil die alten Rollen und Verhaltensweisen so vertraut sind, so lassen mich gerade dieses Ohne-macht-Sein und das Loslassen zur Ruhe kommen. So kann ich darüber nachdenken, wer ich wirklich bin und was wirklich wichtig ist, jenseits der aufgesetzten und angelernten Maskeraden, die mir so vertraut geworden sind, die mich zwar vor Verletzungen schützen sollten, mich aber letztendlich nur immer einsamer werden ließen.

Und wenn die äußere Welt es mir nicht gesattet, ich selbst zu werden? Wenn die äußere Welt mich nicht zur Ruhe kommen läßt, wenn meine Ohnmacht begründet ist in der Macht anderer, die es nicht gut mit mir meinen? Dann sind das Aufgeben und Ehrlich-Sein sicher besonders schwierig. Aber denken Sie mal darüber nach, ob sich diese Sie erdrückende äußere Welt nicht wechseln läßt. Glauben Sie mir, ausbrechen ist besser als zerbrechen. Und wenn es dann noch Menschen gibt, die Ihnen dabei helfen, dann finden Sie möglicherweise die Gelegenheit und den Mut, Altes aufzugeben und Sie selbst zu werden. Am Ende dieses möglicherweise langen und schmerzhaften Weges des Loslassens finden Sie wieder neue Kraft. Kraft für das Leben, Kraft für andere, neue Dinge, Kraft, die es Ihnen ermöglicht, sich anderen Aufgaben zu widmen und neue Menschen kennenzulernen. Vielleicht öffnen sich auch neue Horizonte und werden neue, bisher unendeckte Wege sichtbar.

Das alles sehe ich in dem Menschen, der in diesem Bild auf der Eingangsseite zu sehen ist. Was sehen Sie?

Mathias Krase