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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Die Gewissheit, dass das Leben einen Sinn hat
Warum Menschen gesund bleiben / Richtiger Umgang mit Stress kann Krankheit verhüten

von ROSEMARIE STEIN

Wodurch bleibt man eigentlich gesund? Von der Medizin darf man da keine Antwort erwarten. Ihr Revier ist die Krankheit. Die medizinische Forschung fragt nach den Bedingungen ihrer Entstehung, nach der ,,Pathogenese". In Analogie hierzu prägte der amerikanisch-israelische Stressforscher Aaron Antonovsky den Begriff "Salutogenese": Entstehung von Gesundheit (salus).

Aber Gesundheit entsteht doch nicht erst, gesund ist man doch, und dann wird man eventuell krank? Eben nicht. Nach Antonovsky ist es falsch, davon auszugehen, dass Gesundheit der von vornherein gegebene Normalzustand ist, der erst durch krankmachende (pathogene) Einflüsse ins Gegenteil umschlägt. Er sieht Gesundsein vielmehr als dynamischen Prozess und den Organismus als ein System, das sich in einem sehr labilen, ständig neu herzustellenden Gleichgewicht befindet. Krankmachende Faktoren - Keime, Risikofaktoren, psychische Belastungen - sind so allgegenwärtig, dass man zu fragen hat, warum viele von uns trotzdem gesund bleiben.

Gesundheit und Krankheit sind in diesem Denkmodell keine absoluten Gegensätze, sondern bilden die beiden Endpunkte eines Kontinuums. Das heißt, das "völlig physische, psychische und soziale Wohlbefinden, als welches einst die WHO Gesundheit definierte, ist eine Utopie. Umgekehrt haben selbst Schwerkranke noch gesunde Züge, die es zu stärken gilt, damit sie ihre Krankheit besser bewältigen.

Die Präventivmedizin fahndet nach Risikofaktoren für bestimmte Krankheiten, denkt also pathogenetisch wie die kurative Medizin. Beim salutogenetischen Denkansatz sucht man umgekehrt nach Schutzfaktoren, die trotz der Krankheitsgefährdung die Gesundheit erhalten. Solche Faktoren befähigen einen Menschen, mit stressreichen Umständen so gut fertig zu werden, dass er im Kontinuum von Krankheit und Gesundheit dem gesunden Pol nahe bleibt.

Wie Antonovsky zu seiner Theorie kam, wie fruchtbar sie sich bereits in der Praxis auswirkt und welches - nach dem heutigen Forschungsstand - die wichtigsten Schutzfaktoren sind, das ist jetzt in einem für Fachkreise geschriebenen dickleibigen Band mit Beiträgen von fast fünfzig Autoren nachzulesen: Wolfram Schüffel (Hrsg,), "Handbuch der Salutogenese - Konzept und Praxis", UIIstein Medical.

Vor etwa 20 Jahren untersuchte Antonovskys israelische Arbeitsgruppe die Frage, wie Frauen sich der neuen Lebensphase nach den Wechseljahren anpassen. Eine von fünf in die Studie einbezogenen ethnischen Gruppen war aus Mitteleuropa zum Teil bald nach 1933 ins damalige Palästina emigriert, zum Teil erst nach 1945 nach Israel. Diese Frauen hatten also den Holocaust erlebt und überlebt. Den Forschern kam der Gedanke, den Grad der Anpassung dieser beiden Teil-Gruppen an die Menopause zu vergleichen. Erfahrungsgemäß reduzieren einschneidende Ereignisse in der Vergangenheit die Fähigkeit, sich später neuen Belastungen anzupassen.

Die Hypothese bestätigte sich, dass die frühzeitig emigrierten Frauen besser mit den Wechseljahren fertig wurden als die Holocaust-Überlebenden. Von ihnen gehörten erstaunlicherweise dennoch 29 Prozent zu den gut Angepaßten, berichtet in dem Handbuch Benyamin Maoz, ein Mitglied von Antonovskys damaligem Forscherteam. Ihm stellte sich die Frage: "Woher haben diese Frauen, die soviel Schlimmes erlebt haben, die Kraft genommen, sich positiv auf die neue Lebensphase einzustellen?"

Die von ihm herausgefundenen Merkmale für Resistenz wurden durch spätere empirische Untersuchungen bestätigt. Die Hauptressource oder Kraftquelle, die widerstandsfähig gegen psychische Belastungen und Gesundheitsstörungen macht, ist eine Grundeinstellung, die Antonovsky ,,sense of coherence" nannte. Dieses Kohärenzgefühl (also eine Art fragloser Gewissheit eines sinnvollen Zusammenhangs) ist eine Persönlichkeitskonstante mit drei Facetten:
1. Das Leben erscheint als überschaubar, alle Ereignisse lassen sich in einen Zusammenhang einordnen und verstehen.
2. Die Umstände lassen sich beeinflussen, Schwierigkeiten aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer bewältigen.
3. Das Leben ist sinnvoll, es lohnt also, sich zu engagieren.

Wie Martin Sack und Friedhelm Lamprecht in dem Salutogenese-Handbuch ausführen, entstand dieses Konzept keineswegs aus dem Nichts. Antonovsky baute unter anderem auf der Stressforschung von Selye und Cannon auf. Sie stellten fest, dass verschiedene Individuen die gleichen Stressoren ganz unterschiedlich verarbeiten. Die Schutzfaktoren, die manche vor Überlastung bewahren können, teilten sie ein in externe Ressourcen wie Sozialstatus, Besitz und Familienstand einerseits, interne Ressourcen wie Selbstvertrauen, Ich-Stärke und aktives Problemlösungsverhalten andererseits.

In Antonovskys Salutogenese-Modell flossen aber auch Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie ein, eine Disziplin, die seine Frau und Mitarbeiterin vertrat. Maoz erwähnt neben anderen Erik Erikson, der den Begriff Urvertrauen prägte. Eine Eigenschaft, die ein Kind braucht, um sich normal und gesund zu entwickeln. Dieses Urvertrauen kommt vielleicht dem ,,sense of coherence" am nächsten.

Obgleich Antonovsky, ähnlich wie die Entwicklungspsychologen, überzeugt davon war, dass sich dieser Persönlichkeitszug in den ersten zehn Lebensjahren herausbildet, sah er doch die Chance, mit dem Salutogenese-Ansatz diese Grundhaltung zu stärken und damit die Ergebnisse der Prävention, kurativen Medizin, Rehabilitation und Psychotherapie zu verbessern. Wie das Handbuch zeigt, ist dies in der Tat nicht nur beim posttraumatischen Belastungssyndrom möglich, von dem Antonovsky ausging.

Die psychischen Abwehrkräfte der Patienten zu erschließen und zu stärken, statt sich immer nur auf die Symptome zu konzentrieren, das verlangt vom Arzt allerdings die Erweiterung des konventionellen medizinischen Denkens und das Eingehen auf die Person der Patienten samt ihren Ressourcen. Von den Patienten aber erfordert es mehr Verantwortung für die eigene Gesundheit.