- INTERIM -
Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Der Fall Chamberlain

Die Tragödie der Chamberlains begann in Australien an einem idyllischen Augusttag des Jahres 1980. Lindy und Michael Chamberlain unternahmen mit ihren beiden Söhnen Aidan und Reagan und dem kleinen Töchterchen Azaria einen Ausflug zum Ayers Rock. Beim abendlichen Barbecue hörte Lindy plötzlich einen Schrei aus dem Zelt, in dem Azaria schlief. Sie sah gerade noch, wie ein Dingo, ein australischer Wildhund, vom Zelt weglief und fand Azarias Bettchen leer. Eine sofort eingeleitete Suchaktion, an der sich auch andere Campingplatzgäste beteiligten, blieb erfolglos. Auch eine ausgedehnte Fahndung der Polizei brachte keine Spur des verschwundenen Babys.

Doch überall im Land stieß Lindys Aussage auf Zweifel. Ist ein Dingo überhaupt in der Lage, ein Kind fortzuschleppen? Das Urteil der Bevölkerung stand schnell fest: Lindy - ebenso wie ihr Ehemann Mitglied in der religiösen Gruppe "Siebenten Tags Adventisten“ - hat ihre Tochter in einer Art religiösem Wahn getötet und die Geschichte mit dem Dingo erfunden.

Nachdem die eingeleitete Untersuchung mit einem Freispruch endete, kannte der Volkszorn keine Grenzen. Lindy und ihre Familie waren einem unermesslichen Terror ausgesetzt. Als Gerichtsmediziner ebenfalls zu der Ansicht gelangten, dass Lindys Geschichte unglaubwürdig ist, wuchs die Empörung über den Freispruch noch mehr. Zudem missverstand man Lindys zornige Gelassenheit als stillschweigendes Geständnis.

Es kam erneut zum Prozess, in dem die mittlerweile im siebten Monat schwangere Lindy von den Geschworenen schuldig gesprochen und zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Ihr Mann Michael wurde als angeblicher Mitwisser zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Erst nach Jahren im Gefängnis fand sich ein Beweis für Lindy Chamberlains Unschuld.

Die Geschichte der Chamberlains wurde verfilmt (Ein Schrei in der Dunkelheit [Orig. A cry in the Dark]; Australien 1988, mit Sam Neill und Maryl Streep) und somit weit über die Grenzen des australischen Kontinents hinaus vielen Menschen ein Zeugnis dafür, welches menschliche Leid aus religiösen Vor(ver)urteilen erwachsen kann.