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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

An dieser Stelle möchte ich auf kognitive Dissonanzen eingehen, die sich aufgrund von Aussagen der Bibel bzw. verschiedener Lehraussagen und der erlebten Alltagserfahrung ergeben können. Ist der christliche Glaube, das "Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht" nicht auch eine Art der "Verdrängung", wie wir sie eben kennengelernt haben?

Zwei Bemerkungen möchte ich voranstellen:

1. Das Anliegen des Folgenden liegt nicht in missionarischen Bemühungen. Vielmehr richtet sich der Artikel an Menschen mit einer christlichen Überzeugung, die sich aufgrund des Artikels "Wenn Prophetie versagt" fragen, wie sie selbst mit der Spannung zwischen der Hoffnung und den verschiedenen Erwartungen an den Glauben (z.B. der körperlichen und psychische Heilung, Wohlergehen) auf der einen und der Alltagserfahrung auf der anderen Seite umgehen können, ohne ihren Glauben aufzugeben oder die Realität zu verleugnen. Auch Christen leben ja noch in der Welt mit all ihrem Leid und der Not, werden von Schicksalsschlägen getroffen, werden oder bleiben vielleicht körperlich oder psychisch krank, und das trotz vieler inständiger Gebete und verschiedenster "Rituale".

2. Das Beispiel, anhand dessen wir der Frage nach dem Umgang mit kognitiven Dissonanzen bei Christen nachgehen, ist willkürlich gewählt. Es geht nicht darum, eine Glaubensform oder Gemeinde zu dikreditieren. Ebensogut hätte man ein anderes Ereignis mit anderem Frömmigkeitshintergrund (z.B. Heiligungsbewegungen) wählen können. Es geht lediglich um die Darstellung einer bestimmten Form des Umgangs mit kognitiven Dissonanzen.

Im nächsten Abschnitt setzen wir uns also mit dem Thema: Glaube und Erfahrung auseinander.


Wort – Gefühl – Erfahrung

Die Situation unserer Zeit in theologischer Sicht

Prof. Dr. Rainer Mayer
Aus: Theologische Auseinandersetzung mit dem Denken unserer Zeit (Band 4)
Herausgegeben von W. Veeser

"Menschen haben Erfahrungen, weil sie Sinnenwesen sind. Gehen wir (als Denkhilfe – nicht, um den Menschen in Bezirke zu teilen) vom dreigliedrigen Menschen aus, so kann man auf dreierlei Weise auch von Erfahrung sprechen.

Die leiblich-körperliche Erfahrung ist durch die fünf Sinne bestimmt: Geruch, Geschmack, Gehör, Gesicht, Gefühl. Charakteristisch für die Erfahrungen in diesem Zusammenhang sind die Kategorien des Angenehmen und Unangenehmen. Praktisch geht es um das Nützliche und Unnütze.

Die seelische Erfahrung ist durch innere Empfindungen charakterisiert: Hier schwingen die Kategorien des Erotischen, des Schönen und Häßlichen, des Edlen und Gemeinen mit.

Die geistige Erfahrung steht im engsten Zusammenhang mit der Personalität des Menschen. Sie bezieht sich auf Recht und Unrecht, auf das Vollkommene und Heilige. Es klingt die Frage nach dem, was ewig bleibt, an.

Diese Erfahrungsbereiche wirken stets miteinander und ineinander. Wer etwa einen Sonnenuntergang betrachtet, dessen Sinnesorgane nehmen das Licht, die Wärme, die Luft, den Geruch wahr (körperliche Erfahrungsebene), er empfindet dieses Naturereignis als schön (seelische Erfahrungsebene) und denkt vielleicht an das Werden und Vergehen auf dieser Welt oder gar an Gott, den Schöpfer (geistige Erfahrungsebene).

Lassen sich die Erfahrungsebenen nicht gegeneinander ausspielen, so gibt es doch Akzente. Es gibt die Möglichkeit einer Konzentrierung auf sinnlich-körperliche Erfahrungen (nach dem Krieg sprach man von einer "Freßwelle" in Deutschland, es folgte die "Sexwelle"). Es gibt die Möglichkeit einer Konzentrierung auf seelische Erfahrung (ästhetische Existenz, Kunst- und Kulturgenuß) und schließlich die Möglichkeit einer Konzentrierung auf geistige Erfahrungen (denkerische Bemühungen, Askese).

Entsprechend können Vereinseitigungen auch im Bereich religiöser Erfahrung auf-treten. Religiöses 1 läßt sich erfahren im körperlich-sinnlichen Rausch (Fruchtbarkeitsreligionen; Drogenrausch als religiöses Erlebnis, wie es z.B. der LSD - "Prophet" Timothy Leary verkündigte 2). Es läßt sich erfahren im seelischen Bereich als schöner Kult und seelische Erschütterung, als seelischer Genuß bis hin zur körperlosen Ekstase (von der hochkirchlichen Liturgie über östliche Meditationstechniken bis hin zu manchen Praktiken der Jugendreligionen reicht die Spanne). Schließlich läßt es sich erfahren im Geistigen als mystische Gottesschau, als religiöse Überzeugung und Lehre.

Da der Mensch ein ganzheitliches Wesen ist, kommen Gefühl und Erfahrung um so stärker auf anderer Ebene zum Durchbruch, sobald eine Ebene unterbetont oder vernachlässigt wird. Entsprechend kann man darauf schließen, daß einem Menschen, der sich ganz dem Sinnengenuß hingegeben hat, eine geistige Orientierung fehlt, während umgekehrt z.B. körperlich Behinderte ungeahnte geistige und seelische Kräfte entwickeln können. So oder so wird Fehlendes kompensiert.

Wir müssen uns davor hüten, die menschlichen Erfahrungsebenen gegeneinander auszuspielen oder etwa die leibliche gegenüber der geistlichen abzuwerten. Ganzheitlichkeit ist nötig! Wenn wir unter theologischen Gesichtspunkten nach Gefühl und Erfahrung heute fragen, sollten wir auf die Ebene achten, die speziell hervorgehoben wird, falls wir auf einem Gebiet besonders dichte Erfahrung entdecken. Wir sollten kritisch prüfen, ob mit der Betonung dieser Erfahrung nicht bloß ein Mangel an Erfahrung auf anderer Ebene kompensiert wird. ..."


 

Kognitive Dissonanzen sind als solche erst einmal wertneutral und relativ "ungefährlich". Es handelt sich dabei lediglich um Spannungen, die sich aus der Erkenntnis ergeben, daß sich (mindestens) zwei Aussagen, Erfahrungen, Lehrmeinungen oder Ansichten widersprechen bzw. nicht zueinander passen. Bei der "Untertassensekte", welche Festinger beschrieb, waren es die Lehrmeinung über das kommende Weltende (mit Datum angegeben) und die Erfahrung, daß der Termin verstrich, alles seinen gewohnten Gang ging und die Erde nicht zerstört wurde. Aufgrund dieser Dissonanz hätten sich die Anhänger und Leiter dieser Gruppe eigentlich nur eingestehen brauchen, daß sie sich irrten und diesen Lehrpunkt ändern bzw. korrigieren können. 3

Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit. Im Juni 1998 gab ein Prediger auf einem christlich-charismatischen Kongreß die Prophetie eines anderen Mannes an die Teilnehmer mit den Worten weiter: "Ich glaube, daß diese Worte von Gott sind." Inhalt der Prophetie war, daß die japanische Hauptstadt Tokio Ende September 1998 durch Erdbeben vollkommen zerstört sein wird. Wie wir heute wissen und es damals ahnten, steht Tokio im Januar 1999 immer noch.

Bezugnehmend auf Festingers Theorie der kognitiven Dissonanz und die These, daß mangelnde Erfahrungen auf der einen Ebene mit der Überbetonung von Erfahrungen auf anderen Ebenen kompensiert werden, wollen wir folgender Frage nachgehen: Wie gehen die Anhänger bzw. Zuhörer dieses Predigers mit der Dissonanz um zwischen dem Glauben an den Mann als "Mann Gottes", inklusive seines Anspruchs, dieses prophetische Wort (und all die anderen Lehraussagen zu Themen wie Heilung, geistliche Kriegsführung ...) sei von Gott (also wahr und glaubwürdig) und der Erfahrung, daß Tokio nicht zerstört wurde, sich der Mann also im besten Fall irrte und im schlimmsten ein sogenannter falscher Prophet ist (5.Mo.18.20-22)?

Interessanterweise läßt sich Folgendes feststellen: Statt aufgrund dieser geistigen (kognitiven) Erfahrung, die niemand leugnen kann, sich auch andere Lehraussagen dieses Mannes etwas näher anzuschauen und festzustellen, daß vieles, was er als Wort Gottes und damit für seine Anhänger als nicht hinterfragbare Wahrheiten verkündigt, nur seine Meinungen und teilweise nichtbiblische oder vielleicht sogar unheilvolle Lehren sind (Versprechen der körperlichen Heilung und des materiellen Wohlstands; Schuld der Vorfahren, Dämonen und persönliche Sünde als Ursachen für nicht eingetretene Heilung und Krankheiten, geistliche Verunreinigung durch Speisen,...), minimieren viele diese Dissonanz, indem sie sich mehr auf ihre sinnlich-körperlichen Erfahrungen während dieses Kongresses konzentrieren und sich diese vergegenwärtigen ("Gott war zu spüren.") sowie darauf, daß dieser Mann "aber auch gute Seiten habe und anderen Menschen schon viel geholfen hätte." (seelische Erfahrung).

Weiterhin war in Gesprächen mit Teilnehmern dieses Kongresses feststellen, daß, je mehr jemand in diesen Kongreß und diese Glaubensansichten investiert hatte (z.B. durch Werbung, Identifikation, weite Anreise, Mitglied der veranstaltenden Gemeinde), umso mehr verteidigte er diesen Prediger und wies Kritik ab.

Für (mindestens) einen Teilnehmer war die Dissonanz in Bezug auf das Hauptthema des Kongresses, Heilung von Krankheiten, jedoch so groß, daß er kurz nach diesem Kongreß einen Nervenzusammenbruch erlitt und starke Depressionen hatte. Die nicht eingetretene Heilung von seiner Krankheit trotz der Gebete, der Hoffnung und seines Glaubens, ließen diesen Mann an den Menschen und Gott verzweifeln. Erst als er sich einige Zeit später wieder einem Facharzt anvertraute, nachdem er den Gedanken ablegen konnte, daß eine "normale" OP ein Zeichen von Unglauben und damit Sünde sei, war er wieder in der Lage sich seines Lebens und seines Gottes freuen.

Im Nachhinein betrachtet, löste er seinen Konflikt dadurch, daß er seinen Glauben an Gott behielt, jedoch seine Meinung über diesen Mann (und verschiedene seiner Lehraussagen) korrigierte.

An den genannten Beispielen läßt sich einiges verdeutlichen:

1. das Denken, Fühlen und Wollen eines Menschen müssen im Einklang sein, will er sich wohl fühlen; ist das nicht der Fall, erlebt er eine Dissonanz
2. das Bestehen kognitiver Dissonanzen wird als Konflikt erlebt und es wird versucht, die Dissonanzen (den Konflikt) aufzulösen oder zu minimieren
3. kognitive Dissonanzen führen nicht automatisch zu einer anderen Sichtweise
4. kognitive Dissonanzen können auf der sinnlich-körperlichen und/oder seelischen Erfahrungsebene kompensiert und minimiert werden
5. kognitive Dissonanzen können, wenn sie nicht aufgelöst oder minimiert werden können, in psychische oder depressive Krisen führen
6. die Überbetonung einer Erfahrungsebene läßt vermuten, daß es Defizite auf den anderen Erfahrungsebenen geben könnte

 

Kognitive Dissonanzen werden im christlichen Kontext als "Anfechtung" beschrieben. In unserem Beispiel handelte es sich um Widersprüche zwischen der geistigen Erfahrungsebene (Glaubensüberzeugung / Lehre: Wenn du richtig glaubst und mit Gott richtig stehst, wirst du nicht krank bzw. wieder gesund), der sinnlich-körperlichen ("Ich bin immer noch krank"), der seelischen ("Aber ich hatte doch ein gutes Gefühl.") und wieder der geistigen Erfahrungsebene ("Das ist nicht gerecht." "Und ich dachte, Gott liebt mich."), wobei es für das subjektive Erleben und Beschreiben unerheblich ist, ob die zugrundeliegenden Ansichten (Überzeugungen / Lehre) richtig sind oder falsch.

Diesen letzte Punkt möchte ich nun noch ein wenig näher beleuchten.

Wie oben schon einmal ausgeführt, ist eine Dissonanz an und für sich wertfrei. Entscheidend ist die Frage, wie man mit dieser Dissonanz umgeht.
In den oben angeführten Beispielen wurde berichtet, daß man Dissonanzen durch starke missionarische Aktivitäten ("Untertassensekte") und / oder durch Kompensierung (charismatischer Kongreß) minimieren kann, jedoch ohne sie vollständig aufheben zu können. Das Beispiel des Mannes, der sich nach seiner Krise einer OP unterzog, zeigt dagegen eine gelungene und vollständige Auflösung der Dissonanz. Diese Auflösung war für ihn mit der Einsicht und dem Eingestehen des Irrtums und einer Neuorientierung verbunden. Er eignete sich neue Glaubensansichten an, erkannte, daß Gesundheit und Krankheit nicht unbedingt etwas mit dem persönlichen Glauben zu tun haben müssen ("Der Herr läßt es regnen auf Gerechte und Ungerechte"), daß Kranksein nicht persönliche Schuld bedeuten muß, daß Gott in der Bibel nicht versprochen hat, daß wir schon hier und jetzt das Paradies auf Erden erleben werden und er freundete sich mit dem Gedanken an, daß Gott ihn vielleicht durch einen "normalen" Arzt heilen möchte.

Er paßte also seine Erwartungen , Erfahrungen und sein Handeln einander an und gestand sich und anderen ein, in einem Punkt des Glauben geirrt zu haben.
Gerade das Eingeständnis eines Irrtums scheint jedoch für viele Menschen zu sein wie ein unüberwindbarer Berg. Zu viel haben sie dafür bezahlt, auf die eine Seite des Berges zu gelangen, zu groß ist die Scham und die Angst vor dem Verlust der Selbst- und Fremdachtung. Dabei sollte doch gerade jeder Christ, der sich mit seinem Gewissen an die Bibel gebunden fühlt wissen, daß ein "Eingeständnis" sehr befreiend sein kann und eine Umkehr immer möglich ist.

Viele (aber nicht alle) kognitive Dissonanzen könnten sich, wie eben gezeigt, bei einer näheren Prüfung der biblischen Texte auflösen.

Ein weiteres Beispiel:
Eine junge Frau leidet unter dem vermeintlichen Anspruch Gottes, daß sie sich täglich zu verleugnen und andere höher zu achten habe als sich selbst und nichts für sich wollen zu dürfen. Sie glaubt, daß Gott, so sie gehorsam ist, ihr die Kraft und den Glauben schenkt, dieses selbstlose Leben zu führen. Als biblische Belege und Unterstützung ihrer Glaubensansicht steht ihr der Vers vor Augen: Auch Christus kam nicht, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen. In ihrer Gemeinde hört sie häufig Predigten, in denen die Rede davon ist, sich mehr auszustrecken nach Gott, noch gehorsamer zu sein, noch mehr anderen zu dienen, nicht immer so egoistisch an sich selbst zu denken, bestimmte Regeln einzuhalten, sich noch mehr selbst zu verleugnen und aufzupassen, nicht vielleicht doch verborgen, tief im Herzen, ungläubige und selbstsüchtige Gedanken zu haben.
Nichtsdestoweniger läßt sie jedoch ihre Alltagserfahrung immer wieder an sich selbst und an Gott verzweifeln. Sie erwischt sich dabei, wie sie die Ansprüche und Regeln verflucht, weil sie unter der Last der Gebote und Verbote und der Verdrängung eigener Bedürfnisse schier zusammenbricht. Die Dissonanz zwischen dem, was diese Frau glaubt ("Ich habe nur für andere da zu sein.") und dem, was ihr die Erfahrung zeigt ("Ich habe auch Bedürfnisse. Ich kann nicht mehr."), führt sie in Schuldgefühle, Selbsthass, leise Anklagen gegen Gott und berauben sie der Freude am Glauben und eines dankbaren Herzens.

Solche destruktiven Auswirkungen von unnötigen Dissonanzen auf der geistigen, seelischen oder sinnlich-körperlichen Ebene führen nicht selten unter Christen zu unsäglichem Leid. Hier gilt es a) sensible und fachlich kompetente Hilfe anzubieten (inklusive eventuell notwendiger therapeutischer Maßnahmen und / oder seelsorgerlicher Begleitung) und b) (vorbeugend) zu lernen, wie z.B. Bibeltexte zu lesen bzw. auszulegen sind.

Es ist z.B. wichtig, unterscheiden zu lernen zwischen biblischen Lehraussagen, Beschreibungen, Kommentaren, historischen und nicht wiederholbaren Ereignissen, konkreten (an bestimmte Personen gerichtete) und allgemeingültigen Anweisungen, konkreter und bildhafter Sprache u.v.m.. Weiterhin gilt es eben auch, den historischen Kontext und den Gesamtrahmen biblischer Sprache und Lehre zu berücksichtigen. Bibelauslegung bedeutet nicht, einfach Verse aus dem Alten und dem Neuen Testament nach Belieben zu verbinden und eine Lehre daraus zu machen. Ein Beispiel:

Altes Testament: Kain erschlug seinen Bruder Abel, David brach die Ehe mit der Frau eines andere Mannes und ließ diesen später umbringen. Neues Testament: "Jesus sprach: So geh nun hin und tu dasselbe" und "Was du tun mußt, das tue gleich".

So abwegig, wie diese Art der Verbindung biblischer Verse hier erscheint, so häufig wird dies bei manchen Themen von verschiedenen Predigern und Gemeinschaften praktiziert. Aufgrund solcher Auslegungspraktiken (gerade in Bezug auf so sensible Themen wie Sünde, Heilung, Leiden) geraten viele Christen in unnötige Spannungen und Dissonanzen zwischen dem zu Glaubendem und der tatsächlichen Alltagserfahrung, was in große Krisen, zur Realitätsverdrängung und -leugnung und in den Atheismus führen kann.

Zwar sieht der Glaube auf das Unsichtbare, aber er beruht auf einer vertrauenswürdigen Person und einer konkreten Aussage. Hier heißt es, Vorstellungen und Erwartungen in Einklang zu bringen mit den tatsächlichen Aussagen der Bibel und sich von hineingelesenen vermeintlichen Wahrheiten und "Lehren" zu verabschieden. Übrigens ist solches Mißverstehen von Aussagen nichts neues. Selbst die Apostel mißverstanden häufig ihren Herrn (Joh.21.21-23). Entscheidend ist der Umgang mit den Irrtümern und die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen.

Wenn sich Erwartungen und Vorstellungen (oder auch Prophetien) im Nachhinein als falsch, überzogen oder als Wunschvorstellungen erweisen, sollte man den Mut und die Ehrlichkeit besitzen, diese Erwartungen zu korrigieren, Irrtümer eingestehen und daran denken, daß unser aller Wissen nur Stückwerk und irren menschlich ist.

Noch eine letzte Bemerkung: Dissonanzen gehören zum Leben dazu, zum Leben im Allgemeinen sowie zum Leben im Glauben. Viele Spannungen ergeben sich einfach daheraus, daß das Leben oft nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen oder wünschen, weil Dinge und Menschen anders sind, als wir denken, weil wir nicht alles wissen oder auf alles Einfluß nehmen können. Nicht zu vergessen auch deshalb, weil der "Glaube (trotz allem) ein Nichtzweifeln an dem ist, was man nicht sieht". Auch christlicher Glaube bringt Spannungen und Dissonanzen mit sich, weil dieser christliche Glaube ständig zwischen dem "Schon hier" und "Noch nicht da" bestehen muß. "Wir sind schon Kinder Gottes, es ist aber noch nicht offenbar, was wir sein werden." "Wir sind schon gerettet, doch auf Hoffnung hin." Und wahrer Glaube hält diese Spannungen aus, weil die Hoffnung sich nicht auf Aussagen über Gott oder auf Aussagen über sein Wort gründet, sondern auf Ihn selbst und auf sein Wort.

Es gilt unterscheiden zu lernen zwischen Spannungen, die ausgehalten werden müssen und solchen, die aufgelöst werden können, weil sie auf falschen Grundannahmen beruhen. Und nicht zu vergessen, bleibt die Tatsache bestehen, daß Gott ein verborgener Gott ist, ein Gott, den man nicht in der Tasche hat oder unter die Füße bekommt.

Wer jedoch die Interpretation als das Original betrachtet, steht in der Gefahr ein Doppelleben führen zu müssen mit seinem Glauben und verschiedenen Lehrmeinungen auf der einen und der Alltagserfahrung und Realität auf der anderen Seite.

Mathias Krase


Fußnoten:

1) Religiöses meint hier die Allgemeinheit d er Glaubenserfahrungen und ist nicht abwertend gemeint.
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2) Sinnlich-körperliches kann man auch in verschiedenen christlichen Gemeinden erleben. Hier wird viel Wert darauf gelegt, Gottes Nähe zu spüren oder zu schmecken, Visionen und Träume zu haben, Gottes Stimme zu hören oder sich von ihm berühren zu lassen. Dies alles nicht (nur) im bildlichen, sondern im wörtlichen Sinne.
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3) Vergl. dazu die Erwartung der Wiederkunft Christi zu Lebzeiten der ersten Christen und den Umgang mit der Erkenntnis, daß Christen starben, ohne das sich diese Wiederkunft ereignete. (1.Thes.4.13-18)
(zurück zum Text)

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