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Wenn Prophetie versagt - Ein soziologischer Ausblick auf fehlgeschlagene Erwartungen

...Der folgende (gekürzte) Artikel ist dem Internet entnommen und behandelt die Frage, warum und wie Menschen trotz nicht eingetretener Erfüllung von Prophezeiungen (oder auch Wünschen und Erwartungen) an einer Lehre, Gruppe oder Glaubensansicht festhalten und wie sie mit diesem "Problem" umgehen. Wenn wir diesen Artikel abdrucken, geht es uns nicht darum, Gruppen oder Glaubensformen zu verurteilen. Es geht auch nicht darum, den Glauben und die Hoffnung auf noch nicht realisierte Erwartungen und Verheißungen zu dikreditieren, ist doch "der Glaube eine feste Zuversicht und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht ...". Vielmehr wollen wir uns zuerst in einem allgemeinen Rahmen mit dieser Problematik beschäftigen und anschließend versuchen zu unterscheiden zwischen Hoffnung und Glauben auf der einen und "ungesunder" Realitätsverleugnung und Verdrängung auf der anderen Seite.


" ... Seit der Zeit Christi konnte man sich viele Endzeitszenarien näher ansehen. Bereits im zweiten Jahrhundert scharte der charismatische Führer Montanus Anhänger mit dem Glauben um sich, daß die Wiederkehr Christi nahe bevorstände und daß dies gemäß seiner "Neuen Prophetie" an einem bestimmten Ort geschähe. Harold O.J. Brown sagt dazu:

Die Überzeugung von Montanus, daß das Ende des Zeitalters bevorstände, führte ihn dazu, Christen aufzurufen, nicht mehr zu heiraten, bestehende Ehebündnisse aufzulösen und sich an dem entsprechenden Ort zu versammeln, um das Herabkommen der himmlischen Stadt zu erwarten. Doch die himmlische Stadt kam nicht wie erwartet herab; so mußten Montanus und seine Anhänger sich auf einen Grund für die Verzögerung einigen, da die gesamte Kirche lernen mußte, mit dem Ausbleiben der Wiederkehr Christi fertigzuwerden .1
Das Interessante dabei ist jedoch, daß die Montanisten nicht gleich ausstarben, sondern noch mehrere Jahrhunderte als kleine Sekte in Phrygien in Kleinasien weiterbestanden.

Leon Festingers Theorie

Wer dieses Phänomen näher betrachtet, muß dabei Leon Festingers "Theorie der kognitiven Dissonanz" Anerkennung zollen 2, entwickelt in seinem Buch When Prophecy Fails (Wenn Prophetie versagt), erstmals herausgegeben 1956 von Festinger und den Koautoren Henry W. Riecken und Stanley Schachter. Die Autoren bestanden aus einem Forschungsteam, das eine Studie über eine kleine Sekte in der Nachfolge einer Marian Keech durchführte, einer Hausfrau, die behauptete, sie habe Botschaften von Außerirdischen per automatischem Schreiben erhalten. Die Botschaft der Außerirdischen besagte, daß eine Weltkatastrophe bevorstehe, doch die Hoffnung bestände, daß Auserwählte, die durch Keech und andere erwählte Medien auf sie hörten, sie überleben könnten. Was Festinger und seine Mitarbeiter am Ende demonstrierten, war, daß der Fehlschlag einer Vorhersage oft den gegenteiligen Effekt von dem hat, was der Durchschnittsmensch erwarten würde; die Sekte wird oft noch stärker und die Mitglieder noch mehr überzeugt von der Wahrhaftigkeit ihrer Handlungen und Glaubenssätze! Dieses einmalige Paradox steht im Mittelpunkt seines Artikels ... Festinger bemerkt:

Jemanden mit einer Überzeugung kann man schwer ändern. Wenn man ihm sagt, man sei anderer Meinung, wird er sich von einem abwenden. Wenn man ihm Fakten oder Zahlen nennt, wird er die Quelle anzweifeln. Wenn man an die Logik appelliert, wird er den entscheidenden Punkt nicht sehen. Wir haben alle schon erlebt, wie fruchtlos es ist, jemandem eine starke Überzeugung auszureden, besonders wenn der so Überzeugte einiges in seine Überzeugung investiert hat. (z.B. Geld, Zeit, Beruf, Familie aufgegeben; Anm. der Red.) Wir sind mit der Vielfalt der einfallsreichen Abwehrmechanismen vertraut, mit denen Leute ihre Überzeugungen schützen und sie unbeschädigt durch die verheerendsten Angriffe herüberretten.

Aber der Einfallsreichtum von Menschen geht über das bloße Schützen einer Überzeugung hinaus. Angenommen, jemand glaubt etwas ganzherzig; angenommen weiter, er geht in dieser Überzeugung ganz auf und hat deshalb unwiderrufliche Schritte unternommen; schließlich noch angenommen, man legt ihm Beweise vor, eindeutige und unleugbare Beweise, daß seine Überzeugung, sein Glaube falsch ist: Was wird passieren? Die Person wird häufig daraus nicht nur unerschütterlich, sondern noch mehr überzeugt von der Wahrheit seines Glaubens als je zuvor hervorgehen. Tatsächlich wird er vielleicht noch leidenschaftlicher als vorher Leute von seinen Ansichten zu überzeugen und sie zu bekehren suchen. 3

When Prophecy Fails beschäftigt sich hauptsächlich mit nicht eingetroffenen Vorhersagen, mit von Festinger so bezeichneten Nichtbestätigungen und der damit verbundenen Erneuerung an Kraft und Glauben in die Quelle der "göttlichen Führung". Seine Theorie setzt voraus, daß die Sekte durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet ist:

(a) Der Glaube wurzelt in einer tiefen Überzeugtheit; ihr entsprechend wird gehandelt.

(b) Die Überzeugung oder Vorhersage muß spezifisch genug sein, um Nichtbestätigung zu erfahren (d.h. sie erfüllte sich nicht).

(c) Der Gläubige gehört zu einer Gruppe Gleichgesinnter, die einander unterstützen und sogar noch nach weiteren Anhängern suchen.

Alle diese Merkmale trafen auf die Fliegende-Untertassen-Sekte zu.

Von besonderem Interesse in Festingers Buch ist, wie die Anhänger von Frau Keech auf jede Nichtbestätigung (fehlgeschlagenes Datum) reagierten. Man machte sich kaum Mühe, den Fehlschlag zu leugnen. Daß die Gruppe fortbestand, lag großenteils nicht an Rationalisierungen, sondern an der Kraft der Gruppe selbst und ihrer Hingabe an die Sache. Das erklärt, warum das Jüngermachen die Gruppe später so erfolgreich zusammenhielt. Festinger sagt:

Welche Erklärung man auch findet, sie selbst genügt als solche nicht. Die Dissonanz ist zu wichtig, und obwohl sie sie sogar vor sich selbst zu verbergen suchen, wissen die Anhänger doch, daß die Vorhersage falsch war und alle Vorbereitungen vergeblich. Man kann die Dissonanz nicht dadurch vollkommen beseitigen, daß man den Fehlschlag leugnet oder rationalisiert. Doch es gibt einen Weg, die verbleibende Dissonanz zu reduzieren. Wenn man immer mehr Leute von diesem Glaubensgebäude überzeugen kann, dann muß es doch wohl richtig sein. Im Extremfall heißt das: Würden alle Menschen etwas Bestimmtes glauben, gäbe es überhaupt keine Zweifel an der Gültigkeit des Glaubens.

Aus diesem Grunde beobachtet man nach Fehlschlägen vermehrtes Jüngermachen. Wenn sich das Jüngermachen als erfolgreich erweist, dann reduziert der Gläubige die Dissonanz, indem er Jünger macht und sich mit Unterstützern umgibt, bis zu dem Punkt, wo er damit leben kann. 4

Am Ende gaben die Anhänger der Fliegende-Untertassen-Sekte nicht ihren Glauben an die Wächter aus dem Weltraum mit ihrer Verheißung einer neuen Welt auf. Trotz zahlreicher Vorhersagen und den damit aufkommenden Enttäuschungen, noch vertieft aufgrund vieler persönlicher Opfer, blieb die Gruppe stark. Zusammenfassend sagte Festinger über die letzten Phasen der Fliegende-Untertassen-Sekte:

Wenn man die Beweise zur Wirkung, die ein Fehlschlag auf die Überzeugung der Gruppenmitglieder hat, zusammenfaßt, sehen wir, daß von den elf Mitgliedern der Lake City-Gruppe, die vor diesem eindeutigen Fehlschlag standen, nur zwei, Kurt Freund und Arthur Bergen, die sich nur oberflächlich auf die Sache eingelassen hatten, völlig ihren Glauben an die Schriften der Frau Keech aufgaben. Fünf Mitglieder der Gruppe, die Posts, die Armstrongs und Frau Keech, die alle in der Zeit vor der Weltenkatastrophe eine sehr starke Überzeugung hatten und sich völlig auf die Sache einließen, gingen durch die Zeit des Fehlschlags und der Nachwirkungen mit einem starken, unerschütterlichen und bleibenden Glauben hindurch. Cleo Armstrong und Bob Eastman, die schon mit fester Hingabe nach Lake City gekommen waren, deren Glauben aber durch Ella Lowell erschüttert wurde, gingen aus dem Fehlschlag am 21. Dezember mit stärkerer Überzeugung als zuvor heraus...5... "

Quelle: Internet - http://www.sewolf.com/infolink


Fußnoten:

1) Harold O.J. Brown, Heresies(New York: Doubleday, 1984), Seite 67.
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2) In aller Kürze: Festinger erklärt die Theorie der kognitiven Dissonanz so: "Dissonanz und Konsonanz hängen mit Wahrnehmung und Auffassung zusammen - also mit Meinungen, Überzeugungen, der Kenntnis der Umgebung und der Kenntnis der eigenen Handlungen und Empfindungen. Zwei Meinungen oder Überzeugungen oder Erkenntnisse sind dissonant, wenn sie nicht zueinander passen - d.h., wenn sie widersprüchlich sind oder, wenn man sich auf zwei Punkte beschränkt, der eine nicht aus dem anderen folgt. So hat beispielsweise ein Zigarettenraucher, der glaubt, das Rauchen schade seiner Gesundheit, eine Meinung, die dissonant zu dem Wissen steht, daß er weiterhin raucht. Er hegt vielleicht andere Meinungen, Überzeugungen oder Erkenntnisse, die mit dem Fortsetzen des Rauchens konsonant sind, doch trotzdem gibt es da diese eine Dissonanz ... Dissonanz schafft Mißbehagen und damit den Druck, diese Dissonanz aufzulösen. Versuche, diese Dissonanz zu verringern, stehen für die beobachtbaren Anzeichen, daß eine solche Dissonanz besteht. Solche Versuche nehmen eine oder alle drei von Formen an: Die Person versucht vielleicht, eine oder mehrere Überzeugungen, Meinungen oder Verhaltensweisen, die an dieser Dissonanz beteiligt sind, zu ändern; sie mag sich neue Fakten oder Überzeugungen aneignen, die die bestehende Konsonanz vergrößern; und auf diese Weise die totale Dissonanz verkleinern, oder sie vergißt oder reduziert die Bedeutung dieser Wahrnehmungen, die zueinander dissonant sind." (Seite 25-26) "... Die Dissonanz wird aber auch reduziert oder beseitigt, wenn der Angehörige einer Bewegung seine Augen vor der Tatsache verschließt, daß die Vorhersage nicht eingetroffen ist. Doch die meisten Menschen einschließlich der Angehörigen einer Bewegung stehen fest in der Realität und können solche eindeutigen und unleugbaren Tatsachen nicht aus ihrer Wahrnehmung ausradieren. Sie können jedoch versuchen, sie zu ignorieren, und das tun sie gewöhnlich auch. Sie reden sich vielleicht selbst ein, daß der Zeitpunkt verkehrt war, die Vorhersage aber schließlich doch eintrifft; oder sie mögen wie die Milleriten einen neuen Zeitpunkt festsetzen.... Rationalisierung kann die Dissonanz etwas verringern. Damit sie aber wirksam wird, wird die Unterstützung anderer benötigt, um die Erklärung oder Revision als richtig erscheinen zu lassen. Zum Glück kann der enttäschte Gläubige sich an andere in derselben Bewegung wenden, bei denen die gleiche Dissonanz sowie der Druck besteht, sie zu beseitigen. Damit wird die neue Erklärung unterstützt und die Angehörigen der Bewegung können sich vom Schock des Fehlschlags etwas erholen." --Leon Festinger, Henry W. Riecken und Stanley Schachter, When Prophecy Fails, (New York: Harper and Row, 1956), Seiten 27, 28.
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3) Ibid. Seite 3.
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4) Ibid. Seite 28.
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5) Ibid. Seite 208.
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