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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

SATANISMUS IST POP
(von Frank Nordhausen)

Es klingt wie aus einer fremden Welt, was Manuela Ruda vor Gericht zu erzählen hat. Von jenem Vampirclub in London, der nur von Mitternacht bis zur Morgendämmerung geöffnet war. Von den "untoten" Gästen, deren "genetische Veränderung" sie an ihrer Empfindlichkeit für Licht erkannte. Von den Vampiren im Ruhrgebiet, mit denen sie Blutrituale auf Friedhöfen zelebrierte. Wie dann allmählich ihre Verbindung zu "Satan" wuchs, bis sie in einer der bizarrsten Bluttaten der deutschen Kriminalgeschichte gipfelte: dem "Satansmord von Witten" im Juli des vergangenen Jahres - angeblich auf Befehl des Teufels.

Seit Manuela und Daniel Ruda in Bochum der Prozess gemacht wird, erhält die Republik Einblicke in das Denken und Leben von Satanisten, wie es so authentisch nur selten zu hören ist. Bis zu 10 000 radikale Anhänger des Teufelskultes leben in Deutschland, schätzt der protestantische Satanismus-Experte Ingolf Christiansen aus Göttingen, Autor mehrerer Bücher zum Thema. "Das sind die Hardcore-Satanisten, die theoretisch auch über Tieropfer hinausgehen." Er schränkt zwar ein, die genaue Zahl der Okkultisten kenne in Wahrheit niemand. Okkult heißt ja geheim. Aber das macht die Sache nur umso interessanter.

Schwarze Kleidung, Sado-Maso-Posen, Särge, Satan. Der Wittener Mordfall hat eine Schattenseite jener Jugendkultur beleuchtet, der Manuela und Daniel Ruda angehören - der "schwarzen Szene". So bezeichnen sich Grufties und Gothics, Black- und Death-Metaller, junge Leute, die sich durch ihr schwarzes Styling und düstere Musik von anderen abheben. Für die meisten ist es ein Freizeitspaß am Wochenende. Einige aber interessieren sich außer für die Musik auch für magisch-okkulte Traditionen und den Satanismus.

Auch der 17-jährige Gymnasiast Michael aus Dortmund gehört zur Szene. Mit seinen Schulfreunden, einem Jungen und vier Mädchen, ist er nach Bochum gekommen, um den Prozess zu beobachten. Michael bekennt sich, was selten ist, offen als Satanist. Was das bedeutet? Er lächelt. "Die satanische Bibel lesen, Rituale feiern, auf dem Friedhof rumhängen." Was man eben so macht. Aber die Rudas, die seien zu weit gegangen, finden er und seine Freunde. Ganz klar. "Unschuldige Menschen zerstückeln ist Scheiße, aber Satanismus muss nicht falsch sein", sagt Michael. "Auch in der Bibel steht, dass Tiere geopfert werden." Er sagt das lakonisch. Die anderen nicken.

Kurz nach der Tat zeigte "Spiegel TV" tanzende Grufties in Manuela Rudas Bochumer Stammdisco "Matrix" und kommentierte die Bilder mit den Worten: "Bleibt zu hoffen, dass Luzifer nicht weitere Aufträge erteilt. Gehör würde er mit tödlicher Sicherheit finden." Daraufhin ging ein Aufschrei durch die schwarze Szene. Auf ihrem September-Titel druckte die Gothic-Zeitschrift "Zillo" die Konterfeis von 36 Jugendlichen mit der Schlagzeile: "Wir sind keine Mörder". Der Chefredakteur distanzierte sich von dem Mord und warnte: "Hier soll eine ganze Jugendkultur kriminalisiert werden." Nur die wenigsten Grufties seien überzeugte Satanisten. Und der "Matrix"-DJ, ein verwegener Bursche mit Ringen durch Nase und Ohr, erklärte: "Die Szene zeichnet sich durch extreme Friedlichkeit aus. Es ist ein Lifestyle wie jeder andere."

Fast wie jeder andere. Vor dem Bochumer Gerichtssaal steht die 19-jährige Ines aus Düsseldorf, ein Gothic Girl, die ihre rot gefärbten Haare zum schwarzen Kleid und ein Kettchen mit umgedrehtem Kreuz trägt. Auf die Frage, ob die Rudas für sie Idole seien, antwortet sie: "Na klar. Ich wäre froh, wenn es mehr so 'ne Leute geben würde, die sich gegen die Trendsetter auflehnen." Es ist ja auch gar nicht mehr so leicht aufzufallen. Reichte vor 15 Jahren noch ein Schlitz in den Jeans, um Erwachsene zu schockieren, so müssen es heute schon implantierte "Fangzähne" sein, wie sie Manuela Ruda trug. Ines jedenfalls besucht den "Satans"-Prozess, um dort "das Feeling aufzunehmen". Als ob sie in ein Pop-Konzert ginge.

Und Manuela und Daniel Ruda sind Pop. Im Nachhinein wirkt auch die Vorgeschichte ihrer Tat wie eine Inszenierung für die Medien. Ihre Wohnung in Witten hatten sie ausstaffiert mit Insignien des populären Satanismus wie umgedrehten Kreuzen, der SS-Rune und der Zahl 666, die gemäß der Bibel für "das große Tier", den Teufel steht. Manuela Ruda schnitt ihrem toten Opfer sogar noch ein Pentagramm als Teufelszeichen in den Bauch. An ihrer Wohnungstür stand: "Verwertungsanstalt Bunkertor 7 Dachau", und ans Fenster hatte sie geschrieben: "When Satan lives" (Wenn Satan lebt) - Chiffren, die jeder Szenegänger sofort wiedererkennt.

"When Satan lives" ist der Titel einer CD der amerikanischen Black-Metal-Band Deicide, und "Bunkertor 7" heißt ein Lied des bayrischen Blut-und-Horror-Elektronikers Wumpscut alias Rudy Ratzinger (der sich für die Werbung durch das Mörderpaar unlängst mit einem Song namens "Ruda" revanchierte). Wumpscut singt Lieder, die sich so anhören: "Tot, tot, tot, ich mache dich tot/ tot, tot, tot, von Blut alles rot." Extreme Ausnahmen auf dem Musikmarkt? Indizierte Gewaltverherrlichung? "Keinesfalls. Beide Bands sind längst Mainstream, nichts Besonderes", winkt Wolf-Rüdiger Mühlmann aus Hamburg ab, ein junger Produzent von harten Metal-Bands.

Satanismus ist ein fester Bestandteil der Jugend- und Popkultur geworden. Und seine Dynamik bezieht er aus der Musik. Alles begann Anfang der 70er-Jahre. Als Stammvater der Satansrocker gilt der exaltierte John "Ozzy" Osbourne mit seiner Kult-Band Black Sabbath, der damals in brüllender Lautstärke "Mein Name ist Luzifer, nimm meine Hand!" kreischte. Osbourne, der die Beschwörung des Teufels als provokantes Spiel auffasste, wurde von christlichen Fundamentalisten verbissen als "Antichrist" bekämpft, was seinen rebellischen Ruf und den Plattenverkauf stark beförderte.

"Satanism sells", Satanismus verkauft sich gut, erkannten clevere Nachfolger, die zehn Jahre später mit einer schnellen, rüden Spielart des Heavy Metal Gewalt verherrlichten, das Christentum schmähten und den Satan priesen. Der "Black Metal" war geboren, benannt nach der zweiten Platte der britischen Gruppe Venom (Gift) von 1982. Auf ihren Plattencovern feierten Venom und andere Bands wie Judas Priest oder Iron Maiden ein Festival der Totenschädel, Zombies und Folterbänke. Ihre Texte handelten von Triebmord, Vampirismus oder Friedhofsritualen. "Bring den einzigen Sohn des Priesters um, schau zu, wie das Baby stirbt, trinke das reine Blut", jaulten etwa die Macho-Rocker der Metal-Band Slayer (Totschläger).

Zwar ging es den allermeisten Musikern damals wie heute weniger um "echte" Blutorgien und Teufelsrituale als um die Provokation als Imagefaktor. Doch jede Provokation erschöpft sich irgendwann, was dann die pop-satanische Radikalisierungsspirale in Gang bringt. Anfang der 90er-Jahre traten plötzlich Black-Metal-Bands aus Skandinavien auf den Plan mit dem Motto: "Die alten Bands haben nur darüber gesungen - wir tun es!" Sie gründeten satanistische Zirkel und hetzten gegen die Christen, die das "Nordland" mit ihrer Nächstenliebe schwach und lahm gemacht hätten.

Varg Vikernes, der Chef der Osloer Band Burzum, beschloss damals, die "Mission Luzifers" in die Tat umzusetzen: Feuer für die Christenheit. Er rief dazu auf, Kirchen anzuzünden; seine Fans brannten daraufhin rund zwanzig Gotteshäuser nieder. Vikernes stieg weltweit zur Kultfigur der Black-Metal-Szene auf, als er 1993 einen Rivalen brutal ermordete. Vor Gericht gab er außerdem zu, vier Kirchen angezündet zu haben. Sein Kommentar: "Nicht jene, die Kirchen niederbrennen, sind die Verbrecher, sondern jene, die die Kirchen errichten." Er wurde zu 21 Jahren Haft verurteilt.

Die "Norweger" sind ein Sonderfall. Die weitaus meisten Satansrocker erklären nach wie vor, ihre Hasstiraden seien nichts als eine Show. "Die machen das augenzwinkernd. Sie werden nur manchmal falsch verstanden", sagt der Musikproduzent Wolf-Rüdiger Mühlmann. "Aber die jungen Leute nehmen das ernst!", entgegnet Sektenexperte Ingolf Christiansen. Weil der Satanismus die christlichen Werte umdreht, erscheint er einigen Jugendlichen als eine extrem wirksame Form der Rebellion. Als ein ultimativer Kick. Eine Möglichkeit, sich gefährlich und mysteriös aufzuführen. Als eine neue, "krasse" Religion.

Das rief auch die Polizisten einer Sonderkommission auf den Plan, die 1996 im südlichen Brandenburg eine Gruppe Grab- und Kirchenschänder verfolgten. Im November des Jahres nahmen sie auf dem Friedhof der Kleinstadt Finsterwalde um Mitternacht zwei Mädchen und drei Jungen zwischen 16 und 18 Jahren fest, die mit einem Rucksack voll menschlicher Knochen unterwegs waren. Die Jugendlichen hatten einen satanistischen Zirkel gegründet und schwarze Messen gefeiert. Der Polizei erzählten sie, sie hätten nur "ihre Gefühle ausleben" wollen.

Bundesweit haben solche "Gefühlsausbrüche" seit Anfang der 90er-Jahre stark zugenommen. Priester wurden bedroht, Grabkreuze beschmiert und umgestürzt, tote Hühner an Kruzifixe gebunden, auch einige Kirchen angezündet. "Solche Taten sind inzwischen gang und gäbe", erklärt der protestantische Sektenbeauftragte Thomas Gandow aus Berlin. Er hat nach fundamentalistischen Christen und Scientology am meisten mit dem Satanismus zu tun. Er sagt: "Musik und Medien kommt eine zentrale Rolle zu. Wenn die Bravo über schwarze Messen berichtet, spielen die Kids das umgehend nach."

Die Jugendlichen praktizieren, was Fachleute als "modernen Privatsatanismus" bezeichnen. Sie basteln sich ihren eigenen Kult. Detaillierte Anweisungen für Blutopfer, "Ekeltraining" und schwarze Messen finden sie vor allem bei dem 1947 gestorbenen "Magier" Aleister Crowley aus England. Crowley gilt als geistiger Ahnherr der modernen Satansjünger. Der wütende Gegner des Christentums betete den Teufel aber nicht als Person an, sondern betrachtete ihn als Symbol für das rücksichtslose Ego: "Es gibt keinen Gott außer dem Menschen." Und kein Gesetz außer dem, das der Einzelne sich selber schafft: "Tretet nieder die Jämmerlichen und die Schwachen, dies ist das Gesetz der Starken."

Diese Macht-Ideologie gibt Schwachen die Chance, sich stark zu fühlen, denn die Rituale sollen sie mit den "Mächten des Bösen" verbinden. "Magische Power" tankt dabei vor allem, wer viel Blut konsumiert - wie es Manuela und Daniel Ruda taten. Die Praktiken von Jugendlichen wie den beiden Wittenern haben die Experten lange Zeit als "Mickymaus-Satanismus" missachtet, weil sie nur Traditionsvereine wie den "Ordo Templi Orientis" oder die "Fraternitas Saturni" für gefährlich hielten, in denen meist Familienväter am Wochenende zu schwarzen Messen schreiten. "Jetzt aber ist Satanismus unter Jugendlichen eine Tatsache", sagt Experte Christiansen. "Ob es uns passt oder nicht." Doch aktuelle wissenschaftliche Studien über die Szene gibt es nicht.

Als Treffpunkte der jungen Okkultisten, meist Gymnasiasten, fungieren die einschlägigen "schwarzen" Discos, die Accessoire- und Tattoo-Läden wie der "666"-Shop in Essen oder das "Near Dark" in Dortmund. Der Markt für okkultes Zubehör wie Pentagramm-Anhänger, Plastik-Totenköpfe, Ritualmesser oder schwarze Roben wächst ständig. Informationen werden über das Internet und über Fan-Magazine wie "Legacy" oder "Gothic" ausgetauscht, Bekanntschaften über die Kleinanzeigen geknüpft: "Pechschwarzer Vampir sucht Prinzessin der Finsternis..." Wer sich im Internet bei einer Satanisten-Adresse einklinkt, landet auch schnell bei harter Pornografie, Sado-Maso-Sex und Mord-Seiten, auf denen echte Tötungen zu sehen sind.

Als neueste Entwicklung beobachtet der Satanismus-Experte Christiansen eine zunehmende "Versektung" der Szene. So empfehlen einige Gothic- und Metal-Musiker ihren Fans inzwischen den Eintritt bei der kalifornischen "Church of Satan" des 1997 verstorbenen Exzentrikers Anton Szandor LaVey, eines erklärten Crowley-Jüngers. Und die Fans folgen. Die "Church" spielt in der schwarzen Szene in Deutschland inzwischen eine Rolle wie die NPD bei den Rechtsradikalen.

Auch die 17-jährige Anja aus Recklinghausen, die vor dem Landgericht Bochum auf den Einlass zum Prozess wartet, fiebert schon ihrer Aufnahme entgegen. "Wenn ich 18 bin, trete ich bei der Church ein", sagt sie. Anja hat bereits LaVeys weiß auf schwarz gedruckte "Satanische Bibel" und seine "Satanischen Rituale" verschlungen. Seit die beiden Bücher 1999 auf Deutsch auf den Markt kamen, sind sie die Renner in der Szene. Auch Manuela und Daniel Ruda bezogen ihr Wissen über den Teufel vor allem von Anton Szandor LaVey.

"Die ständige Beschäftigung mit diesem Gedankengut hat die Hemmschwelle vor einer Tötung deutlich herabgesetzt." Dieser Satz, der auch auf die Wittener Mörder passen würde, stammt aus einem anderen "Satansmord"-Prozess. 1993 hatten drei Jugendliche, die sich "Kinder des Satans" nannten, im thüringischen Sondershausen einen Mitschüler getötet. Hendrik Möbus, einer der Täter, ist in der schwarzen Szene inzwischen zur Kultfigur aufgestiegen. "Für mich ist der Nationalsozialismus die vollkommenste Synthese aus satanischem luziferischem Willen zur Macht, verbunden mit arisch-germanischem Heidentum", verkündet Möbus, der seit letztem Jahr wegen rechtsradikaler Propaganda wieder im Gefängnis sitzt. Er ist zum Protagonisten einer neuen, gewalttätigen Szene geworden, die Satanismus und Rechtsextremismus verschmilzt und unter dem Label "NS Black Metal" firmiert. Er wurde zum Idol der Härtesten der Harten.

Auch Manuela und Daniel Ruda wollten stark sein. Sie bewunderten Hendrik Möbus, Varg Vikernes und den amerikanischen "Satansmörder" Charles Manson. Manuela reiste nach Norwegen, um sich dort abgebrannte Kirchen anzuschauen. Direkt nach dem Mord fuhren beide nach Sondershausen, um das Grab des ermordeten Jungen zu schänden. "Daniel fühlte sich wie Gott", sagt ein früherer Kumpel vor Gericht. "Und er wollte immer so berühmt werden wie Charles Manson."

Es ist nicht leicht gewesen, berühmt zu werden. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauert, jemanden umzubringen", hat Manuela Ruda im Verhör angegeben. Aber jetzt stehen sie und ihr Ehemann im Scheinwerferlicht. Wie Hendrik Möbus. Nur anders. Manuela und Daniel Ruda haben die Radikalisierung der Satansszene wieder ein Stück weitergedreht. Vor der Tür des Gerichtssaals in Bochum wartet ein junges Mädchen, ganz in Schwarz. Warum ist sie gekommen? "Rudas sind Kult", sagt sie.

(Quelle: Berliner Zeitung; Samstag, 26. Januar 2002)