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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Milgram II.

Jedermann ein Folterknecht

Mit einem fingierten Experiment lässt sich nachweisen, dass fast alle Menschen auf Geheiß von oben andere quälen

(Artikel von Rolf Degen; aus dem Berliner Tagesspiegel vom 8.September 1999)

Niemand, der auch nur einen Anflug von humanistischer Gesinnung in sich verspürt, vermag sich selbst als Handlanger von Folter und Menschenvernichtung vorzustellen. Dabei hatte der amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram bereits Anfang der 60er Jahre mit einer Serie von erschütternden Experimenten den Beweis erbracht, dass auch der Anständigste unter geeigneten Umständen zum Vollstrecker barbarischer Gräueltaten werden kann.

Wie jetzt eine aktuelle wissenschaftliche Analyse zeigt, ist die Bereitschaft zum "destruktiven Gehorsam" in den vergangenen Dekaden keinen Deut zurückgegangen. Mit einem genial einfachen Versuchsaufbau, der die dunkelsten Seiten der menschlichen Seele zum Vorschein brachte, hatte der Yale-Psychologe Milgram damals den Anstoß für diverse dramatische Bearbeitungen und eine ganze Reihe von internationalen Folgestudien gegeben. Unter dem trügerischen Vorwand, sie nähmen an einer Untersuchung zur Wirkung von Strafe auf das Lernvermögen teil, forderte Milgram die männlichen Versuchspersonen auf, einem "Schüler" mit Elektroschocks wachsender Intensität beim Lernen von Wortlisten auf die Sprünge zu helfen.

In der Standardvariante des Experimentes verpassten 65 Prozent der Teilnehmer dem (in Wirklichkeit schauspielernden) Schüler Stromstöße bis hin zur Obergrenze von 450 Volt, selbst wenn das Opfer sich schreiend in Schmerzen wand, plötzlich einen angeblichen "Herzfehler" geltend machte oder durch sein Verstummen die schrecklichsten Vermutungen aufkommen ließ.

Man könnte denken, der Schwund der "Pflichtwerte" und des Vertrauens in Autoritäten, der aus dem aufmüpfigen Geist der 60er Jahre erwachsen ist, hätte eine Abnahme des destruktiven Gehorsams mit sich gebracht. Diese Annahme ist jedoch unzutreffend, weist nun der Psychologe Thomas Blass von der Universität von Maryland nach (veröffentlicht in "Journal of Applied Social Psychology", Band 29, Seite 955).

Blass hat alle Folgeuntersuchungen zum Milgram-Experiment unter die Lupe genommen und getestet, ob sich die Reaktionen der Probanden im Verlauf der Jahre geändert haben. Sein Fazit: Die Bereitschaft, sich dem grausamen Diktat des Versuchsleiters zu unterwerfen, ist über die Zeit und in allen Ländern gleich geblieben. Davon zeugen auch die Erfahrungen der österreichischen Zeitschrift "Wiener", die das Original-Experiment zu Beginn dieses Jahres ein weiteres Mal anstellen ließ. Die Ergebnisse waren wieder erschütternd ähnlich: Neun von zehn Versuchspersonen gehorchten, jeder Zweite hätte das Opfer schwer verletzt oder umgebracht. Einer Versuchsperson fuhr bei 450 Volt plötzlich der Schreck in die Glieder: "Der sagt ja gar nix mehr." Ein anderer meinte besorgt: "Sagen's, Herr Doktor, ist der Typ jetzt g'storben?"

Zur Enttäuschung des Psychologen beugt auch das Wissen über destruktiven Gehorsam nicht gegen diesen vor. Studenten, die in einem Seminar die Ergebnisse des Milgram-Experimentes durchgenommen hatten, legten dennoch den gleichen Grad an Unterwerfungsbereitschaft an den Tag. In einem anderen Versuch wurden die Teilnehmer zunächst über alle Aspekte des Milgram-Experimentes aufgeklärt. Dann erhielten sie die Aufgabe, in einem ähnlichen Experiment als Versuchsleiter zu dienen, der den "Lehrer" zur Bestrafung des "Schülers" animieren sollte. Mit gnadenloser Härte trieben sie den (schauspielernden) Lehrer zur Abgabe der Stromschläge an, auch wenn der Schüler sich unter Schmerzen wand.

Die Zweifel wachsen, ob man Menschen durch "emanzipatorisches" Wissen gegen unmenschliches Verhalten "impfen" kann. In der Wissenschaft wird manchmal gemunkelt, dass Frauen eine spezifisch weibliche Moral besitzen. Wenn diese überhaupt existiert, wirkt sie sich nach den neuen Erkenntnissen nicht auf den destruktiven Gehorsam aus. Im Milgram-Experiment gehen weibliche Versuchspersonen mit den Stromschlägen genauso weit wie Männer.

Mit den der Wissenschaft zur Verfügung stehenden Mitteln lässt sich auch keine soziale Gruppenzugehörigkeit, keine Charaktereigenschaft und keine weltanschauliche Richtung fassen, die ihre Vertreter gegen die destruktive Gehorsamsbereitschaft feit. Hautfarbe, Glaube, Bildungsniveau, Beruf, Alter, Einkommen, "moralische Reife", politische Einstellung und die durch Tests bestimmbaren Persönlichkeitszüge - einschließlich der Dimension "Autoritätshörigkeit" - haben keinerlei Einfluss auf das Verhalten in der Testsituation.

Die Irrelevanz der Persönlichkeitszüge ist für den britischen Psychologen Gilbert Harman ein klarer Beweis dafür, dass die Bedeutung des "Charakters" in seinem Fach bisher massiv überschätzt wurde. Menschen handeln nicht, wie es ihrem Charakter entspricht, sondern, wie es die Situation verlangt. Soll man, fragt Harman, allen Versuchspersonen Milgrams einen Charakterdefekt zuschreiben? Plausibler scheint ihm, die Ursachen des unerwarteten Verhaltens in der Versuchssituation zu lokalisieren: Das schrittweise Vorgehen etwa mache es für die Versuchspersonen schwierig, "auszusteigen". Selbst wenn das stimmt, bleibt die Frage offen, ob der Mensch sich nicht durch seinen Charakter immer wieder in ähnliche Situationen manövriert.