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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Der Hypnose-Mythos

Kritiker bezweifeln, dass Trance uns zu ungeahnten Fähigkeiten verhilft / Ist sie nur ein soziales Rollenspiel?

(Artikel von Rolf Degen; aus dem Berliner Tagesspiegel vom 29.August 1999)

Während ihr lange Zeit das Odium einer anrüchigen Jahrmarktsattraktion anhaftete, hat die Hypnose in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. In Zahnarztpraxen und bei Psychotherapeuten wird munter "mesmerisiert", um Schmerzen zu lindern, unliebsame Verhaltensweisen abzubauen oder verborgene Seiten der Persönlichkeit ans Licht zu bringen. Aber während die Praktiker ihren vergessenen Segen wiederentdecken, fechten empirisch arbeitende Psychologen immer radikaler den Realitätsgehalt des hypnotischen Entrückheitszustandes an.

Für ihre Befürworter ist die Hypnose ein eigenständiger, veränderter Bewußtseinszustand, der beim "Medium" unterbewußte Fähigkeiten freisetzt. "De facto sind aber nie irgendwelche physiologischen Werte gemessen worden, durch die sich die Trance vom geistigen Normalzustand unterscheidet", so der Psychologe Graham Wagstaff aus Liverpool. Nach seiner Darstellung fehlt auch jeglicher Nachweis, daß die Entrückung verschüttete geistige oder körperliche Talente freisetzen könnte. "Wer in Trance eine Last von 200 Kilo auf seiner Brust erträgt oder besondere Dinge wahrnimmt, kann dies auch im grauen Alltag tun", betont Wagstaff.

Viele Psychologen stellen heute in Abrede, daß Hypnotisierte überhaupt in irgendeiner Form geistig "weggetreten" sind. Nach neuen Theorien sind die "Entrückten" in einem klaren Wachzustand und geben lediglich eine theatralische Vorstellung, die ihren vorgefertigten Erwartungen an das Szenario entspricht. Nach den US-Psychologen William C. Coe und Theodore R. Sarbin beruht "Hypnotisierbarkeit" demnach nicht auf einer besonderen Begabung, sondern nur auf einer positiven Einstellung und der Bereitschaft, sich unter dem Druck der Situation auf ein Rollenspiel einzulassen, dessen Regeln man aufgeschnappt hat.

Schon vor Jahren zeigte sich, daß Versuchspersonen in Hypnose genau die "Symptome" hervorbringen, die ihnen vorher - also ohne Einfluß eines hypnotischen Befehls - als kennzeichnend aufgetischt wurden. In einem Experiment bekam eine Hälfte der Probanden vorgegaukelt, daß eine Lähmung in der Hand kennzeichnend sei. Als die Betreffenden in Trance versetzt wurden, produzierten sie alle "spontan" das vermeintliche Symptom. In der Kontrollgruppe trat die Lähmung dagegen nicht auf.

Auf Außenstehende sehr beeindruckend ist die "posthypnotische Suggestion": Das Medium bekommt in Trance eingetrichtert, immer etwas Bestimmtes zu tun, wenn es ein bestimmtes Signal wahrnimmt - zum Beispiel, sich an die Nase zu fassen, sobald es das Wort "Psychologie" hört. Daß auch dieser "Reflex" in Wirklichkeit nur eine an das Publikum gerichtete Show ist, bewies der amerikanische Psychologe Nicholas Spanos.

Er befahl Hypnotisierten, während einer Woche immer zu husten, wenn das Wort "Psychologie" fiel. Gleich nach der Prozedur begegneten die Probanden auf dem Unigelände dem ihnen unbekannten Komplizen Spanos, der sich scheinheilig nach dem "Institut für Psychologie" erkundigte. An dieser Stelle hustete keiner, während eine Woche später, bei der Nachuntersuchung, alle Betroffenen den erwünschten Reflex produzierten.

"Posthypnotische Amnesie" ist der Auftrag, Dinge zu vergessen, die sich während der Hypnose ereignet haben. Wenn sie wirklich existierte, müßten die Betreffenden auch unter Druck unfähig sein, die kritischen Erinnerungen hervorzukramen, meint Spanos. Es hat sich aber mehrfach gezeigt, daß sich mehr als die Hälfte der Probanden an die "verbotenen" Gedächtnisinhalte erinnern, wenn man ankündigt, sie würden an einen Lügendetektor angeschlossen. Noch größerer Druck bringt am Ende die Mehrheit der "Simulanten" zum Umfallen.

Immerhin lindert hypnotische Trance Schmerzen, heben die Befürworter hervor. Die Frage ist jedoch, ob die Hypnose ihren "Empfängern" größere Unempfindlichkeit beschert, als sie im Wachzustand aufbringen könnten. Die Antwort lautet mit großer Wahrscheinlichkeit nein. Im kritischen Versuch instruierte Spanos eine Hälfte der Probanden, "einfach alles über sich ergehen zu lassen". Die andere Hälfte wurde hypnotisiert und bekam die Suggestion, keine Schmerzen zu empfinden. Dann peinigte der Psychologe beide Gruppen mit (harmlosen) Schmerzreizen. Fazit: Beide Suggestionen erzeugten den gleichen Grad an Widerstandsfähigkeit.

Daß bei der Hypnose alles mit den Erwartungen steht und fällt, zeigen noch viele andere Studien. Die Hypnotisierbarkeit stieg in einer Studie beispielsweise alleine dadurch, daß man die Betreffenden mit Propaganda für Hypnose berieselte und so deren "Image" verbesserte. Schon die Erwartung, von einem "sehr erfahrenen" Hypnotiseur eingelullt zu werden, vertiefte die Trance erheblich, unabhängig von der Realität. "Die Vorstellung, daß sich durch bestimmte Rituale eine ,hypnotische Trance' induzieren läßt und daß diese ungewöhnliche Verhaltensweisen ermöglicht, ist irreführend", so Spanos. Der Vergleich der Hypnose mit dem Schlaf sei ein fehlgeleiteter Aberglauben aus dem 19. Jahrhundert: "Hypnose ist kein besonderer Bewußtseinszustand, sondern nur ein soziales Artefakt."