- INTERIM -
Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Vom strafenden oder wohlwollenden Gott

Bei Kindern sei es auffällig, so Klosinski, Leiter der Tübinger Kinder- und Jugendpsychiatrie, dass ihr individuelles Gottesbild von der Art der Erziehung abhänge. Demnach entwickelten Kinder aus einem strengen, distanzierten Elternhaus das Bild eines strafenden Gottes, während Kinder, die von ihren Eltern Wärme und Verständnis vermittelt bekämen, eher einen wohlwollenden Gott vor Augen hätten. Es sei eine Gefahr, dass bei der religiösen Erziehung ein zu starkes Gewicht auf Strafe und Verdammung gelegt werde. Kinder, die unter dem Druck stünden, immer "gut" und niemals "böse" zu sein, liefen Gefahr, Verhaltensstörungen wie Angstneurosen oder Depressionen zu entwickeln und bei ihrer religiösen Entwicklung auf einer unteren Stufe stecken zu bleiben.

Klosinski stellte dabei die Bedeutung der Pubertät heraus. Im Alter von 14 Jahren begännen Kinder damit, gegen Werte und Normen der Eltern, die sie bis dahin nicht angezweifelt hätten, zu rebellieren. Diese Phase sei wichtig für die persönliche Glaubensfindung, so Klosinski, und sollte von den Erziehungsberechtigten begleitet und keinesfalls unterbunden werden. Es sei förderlich, den Jugendlichen Glaubensangebote zu machen, ohne ihnen jedoch die eigene religiöse Auffassung aufzudrängen.

Verständnis von elterlicher Seite sei in dieser Phase auch deshalb wichtig, weil Jugendliche besonders in der Identitätskrise der Pubertät empfänglich für religiöse Gruppen wie Sekten seien. Deren Anführer, so Klosinski, erschienen den Jugendlichen als "Retter", die ihnen das Erleben außergewöhnlicher und mystischer Zustände suggerierten. Klosinkis Resümee: "Das Gottesbild ist Teil des allgemeinen Weltbildes", das sich von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter ändere. Diesen Prozess als natürliche Entwicklung anzusehen, sei Aufgabe der religiösen Erziehung. Kindern gegenüber an starren religiösen Werten festzuhalten und ihnen einen einzig wahren Glauben zu propagieren, bewertete er hingegen als riskant. Klosinski appellierte an die Erziehungsberechtigten, Kindern gewisse Freiheiten bei der Wahl ihres religiösen Standpunktes zuzugestehen.

Andrea Haske
Quelle: Göttinger Tageblatt vom 17.12.01

http://www.goettinger-tageblatt.de/nachrichten/hochschule/101475.html