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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Frommer als gläubig ?

aus: Hans-Joachim Eckstein: Du liebst mich, also bin ich

Du sprichst immer wieder von Deinem christlichen Gewissen und sagst, daß Du zu diesem verpflichtet bist und zu jenem von Gott angehalten wirst. Gott fordere doch von Dir, daß Du Dich aufopferst, kleinmachst und verausgabst. Du habest kein Recht darauf, erfüllt und glücklich zu leben. Nun fällt es nicht schwer, diese steilen Behauptungen anhand des Neuen Testaments zu widerlegen, so daß Du - bei der Last der Beweise und Argumente - schon oft zugeben mußtest: Christus möchte uns von unserem selbstzerstörerischen Leistungsdenken gerade befreien, er will weder unsere Anstrengungen noch unsere Opfer, sondern vielmehr uns selbst und unsere Liebe.

Genau an diesem Punkt geschieht nun das Unerwartete: Dein Kopf gibt sich dem Evangelium geschlagen - doch dein Herz und dein Bauch gehen ihre eigenen Wege. Vom Verstand her gibst Du der "Erfreulichen Nachricht" Gottes recht - aber alles andere in Dir sperrt sich gegen die entlarvende und befreiende Erkenntnis. So bist Du eher bereit, mit Deinem Leben Gott zu widersprechen, als deine vermeintlich christlichen Überzeugungen aufzugeben. Nicht willentlich, aber faktisch hängst Du mehr an Deinen frommen Vorurteilen als an Deinem Glauben an Christus.

Wenn das aber so ist, dann kommen wir bei allem rein theologischen Diskutieren an die eigentlichen Probleme noch nicht heran. Denn was Dich zutiefst umtreibt, wurzelt gar nicht in vernunftsmäßigen Überlegungen. Vielmehr scheinen Deine negativen und selbstzerstörerischen Gedanken ganz tief in Dir selbst zu gründen und in den scheinbar vernünftigen Argumenten ihren Ausdruck zu finden. Folglich ist auch nicht die Botschaft Christi die Grundlage für Deine Überzeugungen, sondern Deine Grundüberzeugung entscheidet darüber, was vom christlichen Glauben Du annimmst und wie du es interpretierst. Was Du für falsch und richtig hältst, wird gar nicht durch das Hören auf Gottes Wort entschieden, sondern Du hörst ausschließlich heraus, was sich mit den traurigen Botschaften in Dir irgendwie verbinden läßt. Auf diese Weise läßt Du Dir Deine negativen Haltung zu Dir selbst durch die biblische Botschaft sogar noch bestätigen.

Unter diesen Voraussetzungen aber ist es absolut geboten, "nicht einem jeglichen Geist zu glauben, sondern die Geister zu prüfen, ob sie von Gott sind" (1.Joh.4.1). Denn erst wenn wir die Stimme Jesu Christi unterscheiden lernen von den fremden (Joh.10.3f), können wir die destruktiven Stimmen meiden und demjenigen folgen, der unser Leben in ganz umfassenden Sinne fördern und bewahren will (Joh.10.5,10.27ff).

Konkret bedeutet das, sich ganz bewußt mit den vertrauten Grundbotschaften auseinanderzusetzen und sich jeweils zu fragen, wo sie ihren Ursprung haben. Damit beginnt sicherlich ein mühseliger und langwieriger Entwicklungsprozeß – aber jede Entdeckung wird uns neuen Lebensmut geben, und jede Entlarvung einer fremden Stimme läßt uns unserm wirklichen Herrn gegenüber mehr Vertrauen und Offenheit gewinnen.

Was ich mit diesen Grundbotschaften meine? Du hast z.B. einmal gesagt, es geschehe Dir alles ganz recht und Du habest es gar nicht anders verdient; es solle Dir überhaupt nicht gut gehen und das Leben brauche Dir auch keine Freude zu machen. Du seist für andere da, aber andere nicht für Dich – meinst Du – , Du müßtest alles Unrecht erleiden, dürftest aber selbst nicht einmal dein Recht beanspruchen. Du müßtest alles vollkommen richtig machen und dürftest keine Schwächen zeigen, es sei deine Pflicht, immer etwas Besonderes zu sein und zu leisten – sonst seist Du nicht akzeptabel ...

Wer spricht da aus Dir? Wer hat Dir diese fatalen Botschaften im Laufe deines Lebens eingetrichtert? Warum hältst Du an ihnen so leidenschaftlich fest? Was bedeuten und bringen sie Dir? Bist Du vielleicht mit der Rolle als Opfer und Verlierer schon so vertraut, daß Dir die Bestätigung und Aussicht auf Glück ganz fremd erscheinen – Dir am Ende sogar Angst machen? War für Dich die menschliche Zuneigung, die Du erfahren hast, so sehr an Bedingungen geknüpft, daß Du Dir gar nicht vorstellen kannst, was wirkliche und bedingungslose Liebe ist? Hast Du die größte menschliche Nähe etwa da erlebt, wo die Autoritäten deiner Kindheit sich Dir streng und strafend zugewandt haben, so daß Du fürchten mußtest, ohne Selbstabwertung und Leiden auch diese letzte Erfahrung der Zuwendung noch zu verlieren?

Du wirst erleben, wie unendlich befreiend es ist, die Stimme Christi von den Stimmen der Fremden in Dir unterscheiden zu lernen. Dich von einer falschen Frömmigkeit weg zu einem wirklich an Christus orientierten Glauben hin zu entwickeln, wird Dir vielleicht nur Schritt für Schritt gelingen – aber glaub mir, es lohnt sich immer und in jedem Fall, an Christus gläubig anstatt verkrampft fromm zu sein.