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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Erfahrungsbericht 2

Hallo

Vielen Dank für Eure Seite. Die Aufsätze unter „Psychologisches" haben mir sehr weitergeholfen.

Die Entdeckung Eurer Homepage fällt bei mir in eine Zeit, in der ich mich intensiv mit einem vergangenen Lebensabschnitt befasse, in dem  -so meine Vermutung- geistlicher Mißbrauch an mir stattgefunden hat. Umso mehr bin ich jetzt ermutigt, die Sache weiterzuverarbeiten, um einmal ganz von den Schmerzen freizuwerden.

Die Sache liegt fast 4 Jahre zurück. Ich habe bisher noch nie die Möglichkeit gehabt, die Sache einmal in Gegenwart verständnisvoller und kundiger Menschen vorzutragen. Doch jetzt tut sich was.

Als ein Mittel der Bewältigung habe ich einen Erfahrungsbericht geschrieben, den ich Ihnen in der Anlage zusende. ...

Herzliche Grüsse
Peter (Name geändert, Red.)


Meine Name ist Peter. Ich bin heute 36 Jahre alt. Ich nehme an, vor einigen Jahren unter dem Einfluß vieler einzelner Aspekte und Begebenheiten in einer christlichen Gemeinde (im folgenden GE genannt) geistlich und seelisch beeinträchtigt worden zu sein.

Die stärkste Kraft, die dort negativ auf mich wirkte, war die Autorität des Pastors (im folgenden TB genannt).

1993 kam ich als bereits bekehrter Christ, jedoch ohne jegliche Gemeindeerfahrung nach GE, wurde dort Mitglied und entwickelte schnell ein großes Vertrauen und große Offenheit für GE und TB.

Vieles war auch wirklich gut und kam von Gott und von Christenmenschen dort, welche in Gottes Sinne mit mir redeten und an mir handelten.

TB wurde mein Vorbild. Ich schenkte ihm großes Vertrauen, weil er der Pastor der Gemeinde war.

Ich bin überzeugt, daß TB als Pastor mit einer Autorität an mir handelte, die nicht die von Gott verliehene (Diener-) Autorität war, sondern eine menschliche, eben seine eigene. Diese TB-Autorität habe ich aber nicht als eine solche erkannt, sondern gutgläubig hielt ich sie fast pur „als von Gott kommend".

Heute aber bin ich ziemlich sicher: Bestandteil dieser Autorität war Kontrolle, Herrschen, unterschwellige Botschaften, Herausstellen des eigenen Vorzugs als Pastor, als Gemeinde und Gemeindebund. Hinzu kam das Ansehen der Person.


Im folgenden schildere ich einige meiner Erfahrungen von damals:

Die zwei Gemeinde-Ältesten der GE waren zerstritten und unternahmen nichts dagegen. Weder vertrugen sie sich, noch traten sie aus der Ältestenschaft aus, um der restlichen Gemeinde nicht zu schaden. 4 1/2 Jahre dauerte dieser Zustand an. Die ganze Zeit war ihr Zerstrittensein der Gemeinde bekannt und spielte sich vor den Augen der Gemeinde ab. TB unternahm nichts gegen diesen Zustand. Viele aus der Gemeinde litten darunter, daß soetwas fortdauernd ablaufen konnte. TB wußte, daß wir darunter zu leiden hatten, aber er wendete den Schaden nicht von uns ab. Ein eingeladener Prediger hat die Sache sogar vor der versammelten Gemeinde angesprochen (ein Mitchrist aus GE hatte ihn zuvor unter vier Augen davon informiert). Doch es änderte sich nichts. Ich litt unter der Passivität von TB, die ich nicht begreifen konnte.

Ich ging einmal zu TB in die Seelsorge. Ich glaubte aus den Worten eines eingeladenen Evangelisten mit prophetischer Begabung, der GE besuchte, für mich heraus zu hören, daß Gott mir den Wunsch erfüllen würde, mit einer, zu dem Zeitpunkt noch ungläubigen Frau, zusammenzukommen. Im Seelsorgegespräch bei TB äußerte ich meine Zweifel darüber. TB stellte sich im Hinblick auf den „geschätzten" Evangelisten zu dessen Worten und bestätigte sie mir als glaubwürdig. Mit diesem „Segen" ließ ich mich auf die Frau ein, wartete auf sie und hatte viel durchzumachen - bis ich nach Monaten selber einen Schlußstrich unter die Sache zog.

GE war Teil eines Gemeindebundes. Immer wenn dieser Bund Veranstaltungen machte, lud TB die Gemeindeglieder dazu mit Worten ein, die einem nahelegten, kommen zu müssen, weil es doch der Bund war. Ich weiß nicht, ob TB das sanktionierte, wenn jemand nicht kam, aber seine Art der Einladungsworte ließ mir keine Freiheit, Nein zu sagen. Ebenso wurden die verantwortlichen Personen des Bundes hochgestellt angesehen.

Das Herausstellen des Vorzugs der eigenen Glaubensrichtung, des Gemeindebundes nahm auch darin Gestalt an, daß TB und andere Leiter Bundes-fremde Gottesdiener in schlechtes Licht stellten:

Was wirklich geschehen war:
C. erzählte mir eines Tages telefonisch, ein Mitglied der Gemeindeleitung hätte ihm gesagt: „Du kannst ja überhaupt froh sein, daß Du hier (in der Gemeinde) sein darfst." Ich antwortete C: „Wenn sie so reden, dann sind sie arrogant." Monate später rief C mich wieder an: „Ich habe etwas Dummes getan. In einem Gespräch mit der Gemeindeleitung habe ich argumentiert, daß es noch jemanden gibt, der sagt, daß sie arrogant seien. Es ist mir rausgerutscht." Ich sage zu C, daß sei nicht so schlimm.

Natürlich machte ich mir Gedanken. Ich hatte das erste Telefonat mit dem Zustandekommen meiner Aussage völlig vergessen. Also entwickelte ich ein schlechtes Gewissen und kam zu dem Schluß, daß ich mich entschuldigen sollte, was vielleicht auch nicht ganz verkehrt war. Das tat ich dann, wie oben beschrieben, auf schriftlichem Wege.

Erst über 1 Jahr später fiel mir wieder ein, wie ich zu der Aussage gekommen war, daß sie arrogant seien.

FRAGE: Ist es nicht arrogant (anmaßend, eingebildet), einem Mitchristen zu sagen, er könne ja überhaupt froh sein, in die Gemeinde kommen zu dürfen? Ist an dieser Stelle nicht eine Grenze überschritten?

In ihrem Brief schrieben sie auch, daß sie es gut fänden, daß ich der inneren Mahnung gefolgt sei. (Was wissen sie, warum ich das gemacht habe? Was meinen sie mit innerer Mahnung. Können sie in mir Dinge in Gang setzen? Ich glaube, hier sagen sie eigentlich: „Du hast endlich unsere unterschwellige Botschaft verstanden.")

Nach meinem Austritt sah ich TB auf einer Hochzeit wieder. Er wollte wissen, aus welcher Gemeinde meine Verlobte komme. Ich beantwortete die Frage nicht. Da konnte ich beobachten, wie über sein Gesicht ein gequälter, wütender Ausdruck ging.

Insgesamt ging für mich etwa folgende unausgesprochene Botschaften von TB‘s Autoritätsgebahren aus:

Lehre
Einmal kam TB mit einer Lehre, die uns erschütterte: Prädestination. Als eine Schwester das verneinte, wies er sie schneidend zurecht und beharrte auf seiner Ansicht. Es fehlte vollkommen die Botschaft, daß Gott uns liebt.

TB´s Hauptbotschaft war Heiligung. (Zu) oft endete eine Predigt, dass wir geneigten Hauptes Buße taten über uns. Es war die Lehre des immer schlechten Menschen. Auch wenn man Jesus persönlich erfahren hatte und Heilsgewißheit hatte, durfte man sich doch nicht zuviel freuen.

Sehr auffällig war, daß TB sich niemals einbezog, wenn er über Schwächen, Fehler, Sünden von Menschen redetete. Es machte den Eindruck, als stünde er in seinen Augen noch ein Stück darüber.

Zu TB´s Geburtstag gratulierte ihm ein Ältester mit den Worten: „Dir kann man nichts entwidern." Er hatte wirklich in allem das letzte Wort. Soweit ich beochbachten konnte, gab es bei Mitgliedern nur wenig Eigeniniative bezüglich Lehre.

Persönlicher Umgang
TB hatte meiner Meinung nach kein echtes Herz von Gott für die Schafe im Sinne einer Liebe für Menschen, die er als Hirte doch haben sollte. Er hat wohl mehr verwaltet und zog sich auf sein Argument zurück, daß er mehr ein Lehrer sei.

TB ging verlorenen Schafen nicht nach.

Man mußte immer zu ihm kommen. Er unternahm nie den 1. Schritt. (Wir waren keine Riesengemeinde)

Die Bedeutung von Gefühlen war völlig unterbewertet. Gefühlsäußerung wurde als unangenehm, fast verpönt empfunden. Beispiel: Einmal habe ich im Gottesdienst laut gebetet, daß Gott meine Verletzungen heilen solle. Nachher sah ich als Reaktion eines älteren Gemeindemitgliedes Kopfschütteln mit dem verständnislosen Kommentar: „Was hat er denn nur?"

Über ein Jahr lang hatte ich einen wöchentlichen Gemeinde-Infostand in unserer Fußgängerzone gemacht. Doch am Ende der Zeit war ich über die Mißerfolge und Beschimpfungen so frustriert, daß ich beschloß, es nicht mehr weiter zu tun. Bei der nächsten Gelegenheit sagte ich TB, daß ich es nicht mehr mache. Er nickte nur. Er hat nie gefragt, warum ich aufgab.

Sonstiges
Nach meinem Austritt traf ich einmal eine ältere Schwester aus GE. Sie sagte zu mir (sinngemäß): „Du wirst ja wohl nichts Negatives über GE sagen können. Soetwas würde Gott strafend beantworten."

Versuch einer Deutung
GE war eine menschengesteuerte Gemeinde, die als System funktionierte. Es gab eine Gemeindenormalität (Dinge laufen ruhig). So hat niemand versucht, tiefer zu blicken. TB konnte Anerkennung für sich abschöpfen, weil er die Dinge im Griff hatte. Vielleicht hatte er auch ein gutes Gefühl vor Gott, weil es ganz gut lief. Die Atmosphäre in GE war letztendlich eher kalt als warm. Eine kaltes und hartes System, gespickt mit kontrolliert dargereichten Hoffnungsbrocken.

Für ein Mitglied (so auch für mich) stellen sich folgende Resultate heraus:

Ich hatte mich TB geöffnet mit der Erwartung, daß er wie ein Hirte an mir handelte. Dazu war er aber in vielen Bereichen unfähig. Ich habe etwas ganz anderes empfangen als ich erwartet hatte: Statt Brot einen Stein. Statt Göttliches allzu Menschliches.

Ich reagierte auch so, daß ich mich selbst anklagte. Wes ich mich anklagte, war gar nicht wirklich zu fassen. Ich litt unter der ganzen Angelegenheit, auch noch Jahre nach dem Austritt. Ich habe TB vergeben - das weiß ich - doch versetzte mich alles, was mich an ihn erinnerte, in innere Nöte und schlimme Beklemmungen, die immer wiederkehrten und mich nicht losließen.

Auch mein Körper zeigte Reaktionen
Der Austritt aus GE lag bereits 2 Jahre hinter mir. Da ging ich einmal in eine christliche Buchhandlung. Ich nahm einen Losungenkalender zur Hand und entdeckte, daß TB dabei mitgewirkt hatte. Ich verließ den Laden mit inneren Beben und rang nach Luft. Ich habe mich selbst darüber gewundert, hatte aber keine Erklärung dafür.

Ich hatte viele mögliche Methoden von Vergebung ausprobiert, doch nichts half mir, selbst vom Schmerz freizuwerden. Andere Verletzungen durch andere Menschen, die sich nachher ereigneten, waren nach ausgesprochener Vergebung längst ausgeheilt. Das zeigt mir, daß ich grundsätzlich vergeben konnte.

Die Wende
Einmal sagte ich nach einer gehörten Predigt über Vergebung zu Gott: „Herr, soll ich nun wieder etwas Neues ausprobieren? Ich weiß, daß ich vergeben habe. Und Du weißt es auch. Ich brauche Hilfe für meine konkrete Situation, mit Vergebung allein ist das nicht getan. Ich glaube, daß meine Hilfe von Dir kommen wird."

Zu der Zeit erkannte ich:

Jesaja 30, 18 sagt mir sehr viel: "Und darum wird der HERR darauf warten, euch gnädig zu sein, und darum wird er sich erheben, sich über euch zu erbarmen." Sicher konnte ich in den letzten Jahren manche Segnung Gottes nicht empfangen, weil ich durch die Sache blockiert war. Doch Gott wartet mit seiner Gnade auf mich. Ich sehne mich sehr danach.