- INTERIM -
Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Erfahrungsbericht 1

Ich heiße Caroline (Name geändert, Red.). Vor drei Jahren bin ich aus einer randchristlichen Gemeinschaft teils freiwillig gegangen, teils geworfen worden. In den Augen der meisten Gemeindemitglieder war ich rebellisch und ließ mir nichts sagen. Fragen waren unerwünscht und ich (hinter-) fragte nun mal viel. Als ich die Gemeinschaft verließ, hieß es: "Selbst wenn du dich frei und glücklich fühlst, heißt es noch lange nicht, daß Gott mit dir ist."

Nach meinem "Austritt" wußte ich gar nicht, wie ich beten sollte, ob ich vor Gott gesündigt hatte durch meinen Weggang und was ich mit der vielen, nun freien Zeit, machen sollte. Das einzige Gebet, daß mir geblieben war, lautete: "Gott, du weißt, daß ich dich liebe, du weißt es doch!" Es fiel mir schwer, die Bibel zu lesen. Zu sehr waren Bibelworte und Gemeindeleben miteinander verwoben. Permanent kamen schmerzhafte Erinnerungen an diese Gemeinschaft hoch. Erst vor drei Woche habe ich den Entschluß fassen können, trotz allem die Bibel wieder mehr zu lesen, damit es wieder wird wie früher: Freude am Lesen. Aber trotzdem ich meine Schwierigkeiten mit dem Bibellesen hatte, fühlte ich Gottes Nähe. Ich bewunderte und genoß seine Schöpfung und erfuhr seine Güte und Treue.

Meine Freundin blieb in dieser Gemeinschaft. Sie teilte zwar viele Ansichten und Zweifel mit mir, doch konnte sie sich trotz allem nicht von der Gemeinschaft lösen, war doch ihre ganze Familie "da drin". Selbst als sie zwischenzeitlich aus beruflichen Gründen von der Gemeinschaft wegzog, fühlte sie sich innerlich mit den anderen der Gemeinschaft verbunden, so daß sie sogar bei räumlicher Distanz nach deren Sagen handelte.

Inzwischen hat sie für mich keine Zeit und kein Ohr mehr, Briefe bleiben unbeantwortet und am Telefon ist sie reserviert und kühl. Seit einem dreiviertel Jahr geht die Initiative zur Aufrechterhaltung der Beziehung nur von mir aus. Ich weiß zwar, daß ich auch "loslassen" können muß, doch ist dies für mich trotzdem sehr schmerzlich, schließlich waren wir 8 Jahre beinahe täglich zusammen und "dickste" Freundinnen. Oft sage ich mir: "Das hat doch alles keinen Zweck. Sie möchte doch gar keinen Kontakt mehr." Doch ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, daß Silvia (Name geändert, Red.) wieder anfängt, zu hinterfragen, was die Leitung fordert, und daß sie aus ihrer Einigelung rauskommt. Zur Zeit ist es nur ein "Geben" meinerseits. Nach Gesprächen mit ihr habe ich oft das Gefühl, total leer zu sein. Es tut weh, wenn man Liebe gibt und diese nicht erwidert wird.

Bisher dachte ich immer, daß ich den Kontakt zu ihr um jeden Preis aufrecht erhalten müßte. Schließlich wollte ich ihr ja signalisieren, daß es auch ein Leben "da draußen" gibt. Auch jetzt bin ich noch der Meinung, daß der Kontakt zu den Mitgliedern wichtig ist. Doch wenn ein Mensch Abstand zu einer Gruppe hatte, die Mechanismen kennt und trotzdem wieder hineingeht, ist es, trotz aller "Manipulation" durch die Gruppe, seine eigene Entscheidung. Vielleicht gibt ihm ja die Gruppe etwas, daß er "draußen" nicht findet (Anerkennung, Elitebewußtsein, Verantwortung abgeben können ...). Da ich dies bei meiner Freundin so sehe, werde ich den Kontakt nicht zwanghaft aufrecht erhalten. Zwar laß ich die Tür weiterhin offen, doch werde ich mich nicht aufdrängen.

Caroline (1998)