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INTERIM -
Hilfe und Selbsthilfe
e.V.
"Hallo
Jungfrau, wie war Dein Tag?"
In einem Meditationszentrum in den Berner Alpen lernt man
Achtsamkeit, Beziehungen mit Bergen zu führen und wie man seine
Zunge reinigt
(von Till Hein)
Endlich
mal nicht nackt Eisklettern, auf einem Känguru durch die Rocky
Mountains reiten oder den Bodensee austrinken! Kein
Erlebnisferien-Terror, keine hippen Sonnenbrillen, keine
Trendsportarten: einfach nur zur Ruhe kommen. Wunderbare
Aussichten! Darum habe ich mich für diesen Lehrgang:
"Meditation - Yoga - Entspannung - Natur" im
buddhistischen Meditationszentrum Beatenberg in den Berner Alpen
angemeldet.
Doch auch hier ist Vorsicht geboten: "Wenn Ihr Euch vom Haus
entfernt", sagt die Kursleiterin Catherine Felder,
"dann bitte so normal wie möglich." Das Zentrum sei
auf die Akzeptanz durch die Dorfbevölkerung angewiesen und
gerade die traditionelle Gehmeditation könne leicht zu
Missverständnissen führen. Bei dieser Methode zur Selbstfindung
handelt es sich um ein extrem langsames Gehen, wobei man bewusst
auf den Kontakt zwischen Fuß und Boden achten soll. Auf
Außenstehende machen Gehmeditierer einen recht belämmerten
Eindruck.
Die Farben rosa, hellblau und türkis, die im Zentrum an den
Wänden vorherrschen, haben übrigens nichts mit Buddhismus zu
tun, erklärt Catherine (hier oben sind alle per Du). Früher
diente das Gebäude Schulklassen als Ferienheim, und welcher
Pädagoge die Idee mit den Pastellfarben hatte, ist in
Vergessenheit geraten. Die kleinen, bunten Wimpel am
Terrassengeländer aber stammen aus der Tradition des Tibetischen
Buddhismus, sagt Catherine. Es seien Gebetsfähnchen und
"wenn der Wind weht, werden durch sie die Worte Buddhas in
die Welt hinaus getragen".
Nach und nach treffen immer mehr Meditierer ein. Von blutigen
Anfängern bis zu alten Hasen alles dabei. Manch einer hat
durchaus schon ein heiliges Lächeln im Gesicht. Ob die wohl alle
an die Wiedergeburt glauben und sich gerade vorstellen, was für
ein Tier sie im nächsten Leben sein werden? Und wie sollte ich
mich am besten verhalten, als angehender Buddhist? "Den
Buddhismus gibt es nicht", stellt Fred von Allmen klar. Man
könne lediglich von unterschiedlichen Buddhismen sprechen. Grob
lassen sich da drei Strömungen unterscheiden, erklärt Fred: Zen
(Japan, Korea, Taiwan), Mahayana (Tibet) und schliesslich
Theravada (Thailand, Burma, Sri Lanka).
Hier im Meditationszentrum Beatenberg werde vor allem die
Vipassana-Meditation aus der Theravada-Tradition unterrichtet.
Eine relativ undogmatische, für den Westen geeignete Variante,
findet Fred. Er ist einer der Gründer des Meditationszentrums
und Autor des Buches "Die Freiheit entdecken".
Ursprünglich war er Fotograf. In den 60er Jahren wanderte er
dann für längere Zeit nach Südostasien aus, um sich der
Meditation zu widmen; und bereits seit 1978 bieten er und seine
Freunde in der Schweiz Vipassana- Kurse an.
Im vergangenen Winter hat die "Stiftung für Buddhistische
Meditation Beatenberg" nun dieses Zentrum erworben: 59
Betten gibt es hier und mehr als 30 verschiedene Meditationskurse
(Dauer: zwei bis 19 Tage) pro Jahr. Die Kurse heißen hier
"Retreats" und der von mir gebuchte Retreat ist
lockerer als die meisten anderen. "Sehr gut geeignet für
Anfänger", bestätigt Fred. Von 11 Uhr 45 bis 16 Uhr
dürfen wir zum Beispiel offiziell miteinander sprechen. Die
Schweigephasen am Vormittag und Abend sollen uns helfen, uns auf
den Augenblick zu konzentrieren, erklärt Fred.
Um 6 Uhr 30 ertönt der Gong. Raus aus den Federn.
Sitzmeditation. Als erstes: die Beine zum Schneidersitz
verschränken. Klappt schon mal super. Aber nun sollen wir auch
noch "die Knie ablegen" und "den
Körperschwerpunkt sinken lassen". Wie, zum Geier, schafft
Catherine das nur? Also doch besser die Anfängerstellung: auf
die Fersen setzen und zwei Meditationskissen unter den Hintern.
Sieht peinlich aus, ist aber bequemer.
Unfassbar schläfrig
Auf einem Tischchen sind frische Blumen rund um einen kleinen
Buddha arrangiert, sonst angenehm wenige Devotionalien. Durch die
große Fensterfront des Meditationsraums sieht man verschneite
Berge. Das stille Sitzen macht unfassbar schläfrig. Oder,
"man bemerkt seine Müdigkeit dadurch erst richtig",
wie die Fortgeschrittenen sagen. Aber, sobald die Müdigkeit für
einen Moment nachlässt, diese verflixte Unruhe: Kriege ich das
bescheuerte Interview mit Herrn Schwarzenegger vielleicht doch
noch?; dann Gedanken, dass man sich keine Gedanken über den Job
machen sollte, schon gar nicht jetzt. Und schließlich Gedanken,
dass es dumm ist, sich Gedanken darüber zu machen, dass man sich
keine Gedanken machen sollte und überhaupt ... . Doch ganz
selten auch kurze, schöne Momente der Stille. Lediglich der
Fluss des eigenen Atems, auf den wir uns ja schließlich
konzentrieren sollten. Dann wieder bleierne Schläfrigkeit. Und
wann spielt noch mal St. Pauli gegen ...? - Der Gong! Die
Erlösung! Erst mal etwas essen.
Anders als bei vielen Selbsterfahrungskursen aus der
Esoterik-Ecke, wo man Unsummen hinblättert, um unter
fachmännischer Anleitung zu hungern, gibt es hier beste
Verpflegung. Dass die ungewohnte Vollwerternährung einen Kollaps
der Verdauungsorgane auslösen kann, sei nur am Rande erwähnt.
Die Yoga- und Vipassana-Lehrerin Catherine verteilt an jeden von
uns nun ein Gerät aus Chromstahl, mit dem wir uns täglich die
Zunge reinigen sollen: "Einfach zwei Mal mit sanftem Druck
drüberfahren. Aber Achtung: Nicht die Geschmacksknospen
wegraspeln", erklärt sie. Die Methode stamme aus Indien.
Anschließend führt sie uns in die traditionelle
Nasendusch-Praxis der Yogi ein: Körperwarmes, leicht gesalzenes
Wasser wird zu diesem Zwecke nacheinander ins rechte und linke
Nasenloch hoch gezogen und schwungvoll wieder ausgeschnäuzt.
Wenn man seine Nase fachmännisch duscht, klingt das ähnlich wie
das Grunzen eines jungen Wildschweins und ein Großteil des
Salzwassers fließt über den Rachenraum durch den Mund ab.
"Nasenduschen hilft hervorragend zur Vorbeugung von
Erkältungen", sagt Catherine. Seit sie es macht, seien ihre
Nebenhöhlenentzündungen wie weggeblasen.
Die freie Zeit über Mittag könnten wir beispielsweise zur
Gehmeditation nutzen oder "um uns der Natur zu widmen",
schlägt Catherine vor. Sie empfiehlt, einen Baum auszuwählen
und zu diesem im Laufe der Woche "eine Beziehung
aufzubauen". Man solle dabei "nicht zu viel
wollen", betont die Yoga-Lehrerin. "Einfach nur
schauen: Wie ist es heute?" Auch Berggipfel eignen sich für
diese Praxis, sagt sie. Nach dem Motto: "Hallo Jungfrau, wie
war Dein Tag?" Berge sind zumindest weniger labil als wir
Menschen.
Von einer Beziehung sollte man ja generell nicht zu viel
erwarten, und bei gutem Wetter kann man von hier aus immerhin die
Gipfel der attraktiven Berge Eiger, Mönch und Jungfrau erkennen.
Wir sprechen selbstverständlich von platonischen Beziehungen: Zu
den "fünf ethischen Verhaltensregeln" zählt hier oben
nämlich - neben dem Verzicht aufs Stehlen, Lügen, Saufen und
Töten - auch das Unterlassen "sexueller Aktivitäten".
Empfehlenswert sei, während der Retreats zur Förderung der
Konzentration darüber hinaus auch aufs Telefonieren und
Schreiben zu verzichten, betont Catherine. Wie gerne würde man
da manchen Kollegen aus der Medienbranche lebenslänglich im
Meditationszentrum Beatenberg unterbringen.
Täglich steht hier "Karma Yoga" auf dem Programm.
Hinter dem geheimnisvoll klingenden Namen verbergen sich
praktische Tätigkeiten wie Kloputzen, Treppenhaus fegen und
Abwaschen. Auch die Bezeichnung "Arbeitsmeditation"
wird gern dafür verwendet.
Der Meditationskurs kostet alles oder nichts, und jeder
Teilnehmer darf das selbst entscheiden. "Eine Regelung aus
der buddhistischen Tradition", erklärt Fred. "Man kann
das Vermitteln spiritueller Erfahrungen ja eigentlich nicht in
Geld bemessen." Die Lehrerinnen und Lehrer erhalten daher
kein eigens ausgewiesenes Honorar für ihre Arbeit, sondern
freiwillige Spenden von den Teilnehmern. (Fixkosten für
Kursteilnehmer: 60 Schweizer Franken pro Tag für Essen und
Unterkunft.) Es sei anfangs nicht ganz leicht gewesen, dieses
System in Europa zu etablieren, erzählt Fred.
Yoga-Übungen. Gehmeditation. Sitzmeditation. Schweigen. Gong.
Vollwertkost. Karma Yoga. Leise reden. Jungfrau anschauen. Gong.
Nasendusche. Vollwertkost. Sitzmeditation. Gehmeditation.
Schweigen. Karma Yoga. Gong. Jungfrau anschauen. Yoga-Übungen.
Irgendwie schwer in Ordnung, dieser Readingsbums. Habe zumindest
schon lange nicht mehr an Herrn Schwarzenegger gedacht. Tja. Und
Ende der Woche bestelle ich mir unten im Tal dann ein
ordentliches Bier und eine dicke Bratwurst mit viel Senf!
Meditationszentrum Beatenberg, Waldegg, CH-3803 Beatenberg;
Telefonnummer: 00 41 / 33 / 841 21 31, weiter Informationen im
Internet unter: www.karuna.ch
(Quelle: Der Tagesspiegel vom 23.12.01)