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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Emotionalität und "Sekte"

Der folgende Artikel ist eine zwar sehr vereinfachte und verkürzt dargestellte Sichtweise zur Problematik: Warum schließen sich Menschen konfliktträchtigen Gruppen ("Sekten") an, doch dieser Artikel beansprucht auch weder Vollständigkeit noch "Wissenschaftlichkeit". Vielmehr soll er im Zusammenhang mit anderen Artikeln zur gleichen Problematik gelesen werden sowie dazu anregen, einmal über das subjektive emotionale Erleben eines Menschen beim Eintritt in und Austritt aus einer konfliktträchtigen Gruppe nachzudenken. Damit soll ein Verstehen, das einen ersten Schritt vom Unverständnis und der damit verbundenen Hilflosigkeit weg in Richtung Verständnis und damit verbundener Hilfe bedeutet, ermöglicht werden.

Außer den physiologischen Bedürfnissen wie z.B. Essen, Schlaf oder Sexualität, hat der Mensch noch andere Bedürfnisse, die leider oft weniger bewußt wahrgenommen werden. Diese Bedürfnisse werden auch "emotionale Grundbedürfnisse" genannt. Zu diesen emotionalen Grundbedürfnissen gehören z.B. das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit, das Bedürfnis nach Sicherheit, das Bedürfnis nach Sinn und das Bedürfnis nach Anerkennung.

Jeder Mensch trachtet, bewußt oder unbewußt, nach Befriedigung dieser Bedürfnisse.

Auch der Eintritt in eine sogenannte konfliktträchtige Gruppe soll dieser Bedürfnisbefriedigung dienen. So merkwürdig und unvorstellbar das auch für Nichtbetroffene klingen mag, die konfliktträchtige Gruppe tut vielen Menschen erst einmal (zu mindest subjektiv wird dies so erlebt) gut. Das Angenommensein von der Gruppe, die Aufmerksamkeit, die einem entgegengebracht wird, die Beziehungen, die sich entwickeln, all das gibt einem das Gefühl geliebt und geborgen zu sein. Die Regeln des Zusammenlebens und die "Lehren", die man erhält, geben eine Orientierung in einer Welt der Orientierungslosigkeit und (teilweise Schein-) Lösungsstrategien für aktuelle Probleme in die Hand, die vielleicht vorher nicht erkannt worden sind. Das gibt Sicherheit im Umgang mit den Mitgliedern der neuen Gruppe und im Leben außerhalb der Gruppe, auch wenn dies nun oft mit Konflikten einhergeht. Die neue "Lehre" erklärt, woher der Mensch als Art und/ oder Individuum kommt und wohin er geht. Endlich weiß er, wer er ist und wozu er existiert. Die Frage nach dem Sinn des Lebens kann nun beantwortet werden. Das Gefühl, zu einer Art Elite zu gehören, die, was Erkenntnis, Moralität, Freiheit oder Intelligenz betrifft, dem Gros der Masse überlegen ist, trägt ebenso dazu bei, dass man sich anerkannt fühlt, wie das Lob, wenn man etwas, nach Sicht der Gruppe, richtig gemacht hat.

Was also das subjektive emotionale Erleben des Mitglieds einer sogenannten "Sekte" betrifft, unterscheidet es sich (mindestens zu Beginn der Zugehörigkeit) nicht nennenswert von Mitgliedern vieler anderer säkularer, weltanschaulich - religiöser oder christlicher Gruppen.1

Warum also gehen Menschen ausgerechnet in "Sekten"?

Erlebten sie sich in der Zeit vor ihrem Beitritt nicht ausreichend geliebt? Sahen sie in ihrem Leben und Tun keinen befriedigenden Sinn? Gab es viele ungelöste Fragen und Probleme in ihrem Leben, seien sie familiärer, religiöser oder biographischer Natur? Erlebten sie sich als minderwertig bzw. nicht anerkannt genug? Wahrscheinlich spielen solche oder ähnliche Fragen eine mehr oder weniger entscheidende Rolle.2 Es sind oft dieselben Motive, Fragen und Probleme, die Menschen in christliche Gemeinden oder in Umweltschutz- oder Friedensbewegungen gehen lassen.3 Gunther Klosinskis Buch "Warum Baghwan?" trägt nicht zufälliger Weise den Untertitel "Auf der Suche nach Heimat, Liebe und Geborgenheit".

Es handelt sich oft schlichtweg um Zufall, von dieser oder jener Gemeinschaft, von einer "normalen" Gruppe oder einer sog. "Sekte" angeworben worden zu sein und sich gerade in einer persönlichen Situation befunden zu haben, die offen sein ließ für neue Wege und andere Sichtweisen der Welt.4

Die Zugehörigkeit zur neuen Gruppe gibt vielen nach den Wirren des Lebens und der Ruhelosigkeit emotionale Stabilität.


Was bedeutet das für das Leben eines (zukünftigen ?) "Ehemaligen"?

Aus dem genannten ergeben sich zwei wichtige Fragen:

"Was erwartet Menschen, die konfliktträchtige Gruppen verlassen wollen?" und "Wie kann man sie unterstützen?"

Der Austritt aus einem festen sozialen Gefüge, wie das bei einer konfliktträchtigen Gruppe der Fall ist, geht oft einher mit sozialer Isolation, Orientierungs- und Sinnlosigkeit, dem Verlust des positiven Selbstbildes und zwangsläufig der anerkannten Stellung innerhalb der Gruppe. Das heißt, das Verlassen (freiwillig oder gezwungenermaßen) stellt eine starke emotionale Belastung dar. Von daher erklärt sich auch das sogenannte "Floating" (Fließen - oft verglichen mit Entzugserscheinungen). Wider besseres verstandesmäßiges Wissen gehen Menschen nach Wochen oder gar Monaten zurück in ihre alte Gruppe. Dies ist zwar mit einer Art Eingeständnis der Schuld vor der Gruppe und teilweise enormen Demütigungen verbunden, doch der Lohn ist groß genug, um all das zu ertragen. Man lebt wieder in seinem vertrauten sozialen Milieu, die Regeln sind bekannt, man gehört wieder zur Elite und alle freuen sich und beglückwünschen einen, wieder in die Reihe der treuen und wahrhaftigen Jünger zurückgekehrt zu sein.

Daß diese durch das Zurückgehen wiedergewonnene emotionale Stabilität um des Preises der Selbstachtung und der Freiheit erlangt wird sowie einer persönlichen Reifeentwicklung und der Erlangung einer gesunden Konfliktfähigkeit entgegensteht und einer Regression5 gleichkommt (Vergleichbar dem Verhalten eines Mittzwanzigers, der, nachdem ihn seine Freundin verlassen hat, nun nichts mehr mit sich anzufangen weiß und, anstatt sich neu zu orientieren, in die elterliche Wohnung zurückkehrt und sich dort wieder versorgen und "lieben" läßt.), ist den Betroffenen oft nicht klar.

Nun gehören ja gerade die Konfliktfähigkeit und die Fähigkeit der selbständige Orientierung nicht zu den Eigenschaften, die man in sogenannten "Sekten" erlernen kann und soll. Diese sozialen Kompetenzen vertragen sich nämlich mit der Hörigkeit gegenüber der Leitung und der bedingungslosen Unterordnung unter die Führung und die Doktrin so gut wie Feuer und Wasser.

Diese sozialen Kompetenzen müssen für viele Ehemalige wieder neu entdeckt oder zum ersten Mal erlernt werden.

Deshalb ist es nach dem Ausstieg aus einer konfliktträchtigen Gruppe für viele notwendig, ein tragendes soziales Milieu zu haben (Familie, Freunde, Selbsthilfegruppe), das einen geschützten Raum bietet für neue Erfahrungen und das Erlernen neuer oder Wiedererlangen verschütteter Kompetenzen. Es bedarf einer Gruppe von Menschen, bei denen man sich geborgen weiß, bei denen man zweifeln und klagen kann, die einem nicht mit dem erhobenen Zeigefinger oder diesem, teils mitleidigen, teils vorwurfsvollen Das-haben-wir-dir-doch-gleich-gesagt-Blick begegnen, der einem ständig das (vermeintliche) "Versagthaben" vor Augen führt. Es braucht Menschen, die verstehen können und sich Zeit nehmen, dabei aber genug Freiraum lassen, sich auch mal zurückzuziehen und allein in aller Ruhe über das Geschehene und das Zukünftige nachzudenken, um sich selbst und seine Gedanken und Emotionen zu ordnen.

Aus diesem Grunde versuchen wir auch in unseren Selbsthilfegesprächskreisen nicht nur über die Mechanismen der Manipulation in diesen Gruppen zu sprechen, sondern wir lernen und erfahren auch mehr über uns selbst, über unsere Emotionalität und unsere Beweggründe, einer Gruppe, die wir heute als "Sekte" oder konfliktträchtige Gruppe bezeichnen, beizutreten.

Dabei erkennen wir auch bei uns immer wieder die Tendenz, in undiffernzierten Freund-Feind-Bildern zu denken (Wie die Gruppe, aus der wir kommen. "Regression"). Diese sind zwar nach solch enttäuschenden Erfahrung mit Menschen und Gruppen verständlich und haben im Prozeß der "Gesundung" und Normalisierung des Lebens ihren Platz, sollen und dürfen jedoch nicht letztes Ziel oder Ergebnis unserer Gespräche sein, denn zur "Sekte" gehören (wie in jeder Beziehung) immer mindestens zwei Parteien. Die Partei, die manipuliert und "tolle" Dinge verspricht, und die Partei, die sich manipulieren läßt und diese Dinge haben möchte.

Aber so emotional schmerzhaft der Prozeß der äußeren und inneren Loslösung von der "Sekte" auch sein mag, wir dürfen und können guten Mutes daran festhalten:

Es gibt ein (emotional reifes und erfülltes) Leben nach der Sekte.

Und auch eines nach der Selbsthilfegruppe.

Mathias Krase


Fußnoten:

1) Unberücksichtigt bleibt hier das sogenannte Konfliktpotential einer Gruppe nach innen oder außen, also wie stark z.B. der Konformitätsdruck innerhalb der Gruppe ist, wie stark das Alltagsleben des einzelnen Mitglieds reglementiert wird oder wie weit die Gruppennormen von den gesellschaftlichen oder kirchlichen Normen abweichen oder ihnen sogar entgegenstehen. Weiterhin gilt es zu berücksichtigen, dass der Gruppendruck oder die Reglementierung des Alltags subjektiv erfahren werden. Was für den einen einer Entmündigung gleichkommt, ist für den anderen hilfreiche Orientierung.
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2) Für Menschen, die in sog. Sekten hineingeboren werden, gibt es natürlich keine Vorher- Erfahrugen.
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3) Die Frage des "Erwähltseins" von Gott, soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Für Außenstehende ist dieses Erwähltsein (wie viele andere Glaubensüberzeugungen auch) eine Frage der persönlichen Interpretation (vergl. Apg.2.13, 1.Kor.14.23).
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4) Natürlich sind für der Akkulturation (Beheimatung) in der Gruppe noch mehr Komponenten von Bedeutung (Übereinstimmung des Angebots der Gruppe mit den Bedürfnissen des zu Werbenden, Manipulation u.a.).
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5) Regression meint das Zurückgreifen auf frühere, dem aktuellen persönlichen (psychischen) Entwicklungsstand nicht entsprechende Verhaltensmuster und Handlungsstrategien, also das Zurückentwickeln auf bereits (scheinbar) überwundene Entwicklungsstufen.
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