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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

gelesen beim "Bruderdienst":

40 cm zu hoch - Verwechslung von Glauben und Wissen
(aus: Bruderdienst Heft 3/65)

Teil 3

Und wo bleibt die Lehre? – Eine Gegenfrage:

Baum oder Balken?

Vielleicht macht man uns auf Grund des Gelesenen den Vorwurf, daß wir alles, was die Bibel über das Festhalten an der gesunden Lehre sagt, nicht "stehen ließen".

O doch, meine Freunde, wir lassen alles stehen, aber eben da, wo es steht und hingehört: und das ist in diesem Fall nicht der erste Platz!

Das Erste zuerst! "Ich habe euch als erstes überliefert, was ich auch empfangen habe: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist …" (1. Kor. 15,3). Die wahren Zeugen Gottes und Christi predigten nicht die von den Heiden gewünschte Weisheitslehre und befriedigten nicht die jüdische Wundersucht, sie predigten den gekreuzigten Christus (1. Kor. 1,22.23.18). Und das in unerbittlicher Einseitigkeit, auch wenn sich heute wieder und heute noch die "Juden" dran ärgern und die Wissensakrobaten sich darüber lustig machen:

"Ich hielt nicht dafür, etwas unter euch zu wissen, als nur Jesum Christum, und ihn als gekreuzigt …" Die Begründung ist eindeutig: "…damit euer Glaube nicht beruhe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft " (1. Kor. 2,2-5).

Der Mann hatte recht, der an einen Prediger die Worte schrieb: "Predige er Christum, alles andere sind Narrenpossen". Wenn es wahr ist – und das haben wir an anderer Stelle bereits gezeigt –, daß lebendiger und zum ewigen Leben führender Glaube allein der Jesus - Glaube ist, dann müssen wir den Menschen diesen Jesus verkündigen . Oder aber wir machen uns schuldig, daß wir ihnen Steine gaben statt Lebensbrot.

Die J e s u s - Botschaft aber ist nicht zunächst Lehre, sondern – wie Paulus sagt – eine " d y n a m i s ", geballte Ladung, unermeßliche Gotteskraft (1. Kor. 2,5; 1,18; Röm. 1,16!). Wo immer sie in Vollmacht bezeugt wird, da geschieht etwas: Da werden Sünder von ihrer Schuld überführt und der Vergebung gewiß. Da geschieht Befreiung. Da werden die Ketten gesprengt. Da geschieht Heimkehr des verlorenen Sohnes ins Vaterhaus. Darum geht's. Daß dies unfaßbar große Geschehen an und mit d i r geschieht, daran hängt alles! Alles! Und keine noch so gut einstudierte Dogmensammlung – aus welcher "Richtung" sie auch kommen mag – kann dir dies allein Entscheidende ersetzen. Darum Schluß mit diesem Betrug und Selbstbetrug!

Und nun zur berechtigten Frage:

Wie kam es denn zur - L e h r e , zum D o g m a ?

1. Durch das Reden von Gott und vom Heil

Dies wunderbare Geschehen , diese ungemein lebendigen Vorgänge, diesen radikalen Anspruch Gottes auf dich, und zugleich diese große Chance für dich – das alles kann ich dir ja nur mitteilen, indem ich's denkerisch nachzuvollziehen suche, und indem ich davon rede, indem ich das schier Unnennbare zu nennen, das Unfaßliche doch in menschliches Denken und in menschliche Sprache zu fassen versuche. Und damit beginne ich – zu lehren . So begann auch die "Apostellehre", an die sich die erste Christengemeinde hielt (Apg. 2,42). Wir können nicht umhin, immer wieder die göttliche und geistliche Wahrheit (Wirklichkeit!) in das so unzulängliche Gefäß unserer menschlichen Sprache zu gießen, um sie weitergeben zu können. Lehre ist also Mittel zum Zweck. – Hier höre ich einen Einwand :

Steht das nicht im Widerspruch zum ersten Teil dieser Schrift?

Wodurch unterscheiden wir uns denn von den Dogmenreitern? Kommt nicht doch alles auf dasselbe hinaus? Nein! Der Irrtum jener ist, daß sie die Lehre für die Wirklichkeit und Wahrheit selbst halten. Sie sehen nicht, daß es nichts nützt, wenn ich nur von der Erlösung rede, aber nicht erlöst bin , – wenn ich über den Geist Gottes lehre, Ihn aber nicht habe, wenn ich über Christus alles Mögliche weiß, Ihm aber nicht vertraue , – wenn ich vom Beten Gescheites zu sagen weiß, aber nicht bete !

Damit, daß sie die Christus-Wirklichkeit und Heils-Wirklichkeit nicht mehr als das große, allem Glauben und aller Lehre Vorgegebene , also als das Primäre , als die "Hauptsache" erkennen (geschweige denn erleben?), rücken sie die Lehre mit fast zwingender Notwendigkeit an den ersten Platz. Sie wird Selbstzweck . Was das Heil in der Dürftigkeit und Unzulänglichkeit der menschlichen Sprache nur weitertragen soll, wird selbst zum Heilsfaktor. Man verwechselt das Gefäß mit dem Inhalt. Schlimmer noch: das Werkzeug mit dem Meister! Die Folge: der Heilige Geist macht nicht mehr mit. Aus christlicher Lehre wird eine L e e r e ohne Christus. Das geist-lose Dogmensystem wird nun mit religiösem Fanatismus wie ein Nibelungenschatz gehütet und mit einem Heiden - Palaver verteidigt. Gelöst von dem Christus-Geist ist die heilige Ehrfurcht vor Gott und allem Überirdischen weitgehend erstorben, und andererseits jedes Bewußtsein für die Unzulänglichkeit unseres Gefäßes Sprache verlorengegangen. Darum wird alles – aber auch alles – dogmatisiert und mit Genugtuung dem menschlichen Verstand unterworfen, verfügbar gemacht. Am Ende steht dann jener abgöttische Versuch, selbst Gott "unter die Füße" zu bekommen, von dem im ersten Teil dieses Heftes die Rede ist.

Etwas ganz anderes ist es, wenn ich feststelle: was zur Formulierung dessen geführt hat, was wir Lehre nennen, war die Notwendigkeit, um des Verkündigungsauftrages willen das Heilsgut und das Heilserleben – so gut es eben geht und trotz aller darin liegenden Gefahren, in unsere dürren Worte zu fassen. "Das können wir nicht leugnen: obwohl das Evangelium allein durch den Heiligen Geist gekommen ist und täglich kommt, so ist´s doch durch das Mittel der Sprachen gekommen und hat auch dadurch zugenommen, muß auch dadurch behalten werden." (Martin Luther).

Jeder Bibelübersetzer, aber auch der Verkündiger des Evangeliums, empfindet dies als – Not. Gottes Sein, Wesen, Heil und Wort in der Menschen Hände, in Menschenmund! Welche Herablassung Gottes! Und welche Verantwortung unsererseits! Das geht nicht ohne Not! Sobald wir lernen, müssen wir uns beugen. Da ist kein Raum für den Hochmut der Verfügenden. Wahre Lehre wurde nie im Übermut, sondern immer in Notsituationen geboren. Das gilt auch im Blick auf das Folgende:

2. Das Fragen der Gläubigen

Schon in den Tagen der Apostel brach in den Gemeinden der Glaubenden manche brennende und quälende Frage auf:

Was ist nun mit unseren Toten? Wenn nun der Herr wiederkommt, haben sie dann nicht der lebenden Gemeinde gegenüber einen Nachteil? Schon muß der Apostel die Antwort geben. Sie steht 1. Thess. 4,13-18. So entstand die Lehre von der Entrückung der Gesamtgemeinde bei Jesu Kommen.

Oder: es brach die Frage auf, ob man nicht als Christ gewisse Stücke des jüdischen Gesetzes halten müsse. Apg. 15 schildert eingehend, wie es auf Grund dieser Fragen und Meinungsunterschiede schließlich unter der Überwaltung des Heiligen Geistes zu der bekannten klaren, brüderlichen Weisung kam (15,20.28f.). Wer den Werdegang dieser Entscheidung nicht übersieht, vermag hier besonders gut zu spüren, wie das, was wir heute – etwas simpel – als Lehre ansehen, gar nicht aus einem lehrmäßigen, sondern aus einem sehr lebensnahen, praktischen und zugleich seelsorgerlichen Anliegen geboren wurde.

Oder: die Frage kam, was wird nun mit den Juden? Einige, die sich "klug dünkten", schienen alle alttestamentlichen Segensverheißungen nur noch für die Gemeinde zu buchen, die Gerichtsworte aber um so lieber den Juden zu überlassen. (Genau wie heute). Paulus antwortet mit Röm. 11,25ff.: "Ich will nicht, Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt sei, auf daß ihr nicht euch selbst klug dünket …", und entwickelt die Lehre von der schließlichen Errettung ganz Israels am Ende dieses Zeitalters.

Was Paulus in Röm. 13 über das Verhältnis des Christen zum Staat schreibt, dürfte durchaus auch auf diesbezügliche Fragen der Gemeinde zurückzuführen sein. Was damals aus einer konkreten (Not)-Situation heraus geboren wurde, ist für uns "Lehre".1

3. Die Abgrenzung gegen die Irrlehrer

Gottes Selbstbezeugung in Jesus Christus, Sein Heilshandeln an den Gläubigen und ihr Heilserleben sind und waren nie gegen die Gefahr des Mißverständnisses geschützt (zumal in dem erwähnten, recht unzureichenden "Gefäß" der menschlichen Sprache, durch die Gott den kostbaren Inhalt der Botschaft weitergeben ließ). Daher gab es von Anfang an Irrlehrer. Sie trugen falsche Gedankengänge in die Gemeinde und richteten Verwirrung an unter den Gläubigen. Eine Richtigstellung durch die Apostel wurde erforderlich.

Dabei mußten sie die von den Irrlehrern vorgetragenen Fragen aufgreifen und die rechte Antwort zu geben versuchen. So entstand erst durch die Abgrenzung gegen die falsche Lehre die Formulierung – und die Weisung zum Festhalten – der "gesunden Lehre".2

Sie war also niemals das glaubenweckende und -begründende Wort gewesen, schon gar nicht der Glaubensinhalt der Christen, sondern sie ist später hinzugekommen, – als Damm gegen die gemeindebedrohenden Fluten des Irrtums (der sich anscheinend sehr dogmatisch gebärdete, wie auch heute !).3

Der aufmerksame Bibelleser kann den Spuren dieser Entwicklung nachgehen: In Galatien bedrohten Irrlehrer das blühende Gemeindeleben durch ihr Gesetzeswesen: Antwort: der stark lehrhafte Galaterbrief.

Irrlehrer brachten Philosophie und gesetzliches Wesen nach Kolossä: im Kolosserbrief rechnet Paulus mit beiden ab.

Irrlehrer behaupteten, "die Auferstehung der Toten sei nichts, andere sagten, sie sei schon gewesen (wahrscheinlich nicht buchstäblich gemeint, – heute gibt's das ja auch wieder): im bekannten Auferstehungskapitel 1.Kor.15 gibt Paulus die Antwort.

Andere behaupten (auch diese haben wir heute wieder!): "Der Tag des Herrn sei schon da": Paulus schreibt als Antwort 2. Thess.2. So könnte man fortfahren. Auf diese Weise entstand Lehre in der ersten Christenheit.

Nicht aus Freude am Dogma, sondern aus der Not heraus, die zur Abgrenzung gegen die Irrlehrer zwang .

Diese Entwicklung nahm ihren Fortgang nach dem Ableben der Apostel. "In der Auseinandersetzung mit anderen Lehren ist die werdende Kirche in ständig steigendem Maße (!) genötigt worden, die eigene Lehre genau zu formulieren. Die Abgrenzung gegen falsche Lehre ist eine der entscheidenden Anlässe zur Dogmenbildung in der alten Kirche gewesen. So sind in der alten Kirche die großen Lehrbekenntnisse formuliert worden. Und in der Reformationszeit hat wiederum die Besinnung auf das NT und die Abgrenzung gegen falsche Lehren zur Bekenntnisbildung geführt". (Biblisch-Theologisches Handwörterbuch von Osterloh und Engelland).

Dogma und Gegendogma

Zu allen Zeiten fanden sich Menschen, die nun gerade in dieser fest formulierten Lehre "Haare in der Suppe" fanden. Und gerade das, was einst ein Damm gegen die Irrlehrer sein sollte, wurde oft genug zum Anlaß neuer Irrlehre, – vor allem dieser: das Dogma wurde zumeist nicht mit der Besinnung auf Christus, auf die Heils-Wirklichkeit in Ihm, also auf das Eigentliche und Wesentliche beantwortet, sondern mit dem Gegendogma! Auf so entstandene, neue Dogmen werden bis auf diesen Tag die Anhänger sogenannter Sekten verpflichtet. Von der Kenntnis und Anerkennung der neuen Dogmen ist nun für sie das Heil abhängig! Und dies unchristliche Denken geht ihnen derart in Fleisch und Blut über, daß auch selbst solche, die diesen Systemen entronnen sind, allzu oft noch im ausschließlich dogmatischen "Christentum" steckenblieben, ohne zu bemerken, daß sie damit letztlich selbst in Reinkultur praktizieren, was sie den Großkirchen vorwerfen (Röm. 2,1 ff.).

Wie nötig ist da für uns alle eine gründliche Neubesinnung: es geht ja gar nicht in erster Linie um das, was man vermessenerweise "reine Lehre" zu nennen wagt, sondern um das Heil. Es geht nicht um deine Ansichten, sondern um deine Erlösung! Was du brauchst, sind nicht bereinigte Lehrsätze und richtige Meinungen, sondern du brauchst das Leben aus Gott. Und die anderen auch! Sie sollen durch Jesus einen gnädigen Gott finden und in dir einen gnädigen Nächsten!

Das ist das Entscheidende, das Eigentliche!

So wahr es sein wird, daß auch falsche Lehren das Leben einer Gemeinde zerfressen und verderben können, – wo das Leben aus Gott durch Jesus Christus fehlt, da ist die ganze "reine Lehre" nur eine reine L e e r e . Ein kalter Ofen, an dem sich niemand erwärmen kann.

Ihre Verfechter gleichen jenem Mädel, das ein Buch über die Ehe hatte und darum meinte, sie wäre nun verheiratet. Was hast du, den himmlischen "Bräutigam", Jesus, den lebendigen Herrn und Retter? Oder nur "das Buch über die Ehe", ein totes Wissen?

Höre Gottes Wort: "Wer den Sohn hat, hat das L e b e n ; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht" (1. Joh. 5,12). Daran entscheidet sich alles!

H. Obendieck warnt daher mit Recht: "Nun lauert die Versuchung auf uns, daß das Wissen systematisch- dogmatischer Art uns um den Glauben bringt, indem das Wort durch den Begriff, das Zeugnis durch die Formel und Jesus Christus selbst durch die »doctrina« ersetzt wird". Wie viele Christen begnügen sich heute mit diesem Ersatz?

Wo das eingetreten ist, soll man sich ja nicht vermessen, sich auf die Lehr-Aussagen des Neuen Testaments zu berufen. Das ist doch etwas ganz anderes. Der Unterschied läßt sich vielleicht vergleichen mit dem Gegensatz von Baum und Balken:

Biblisches Christentum – bis hin zur Lehre – gleicht einem Baum, gepflanzt auf dem Boden göttlicher Offenbarung, aus kleinen Anfängen nach und nach gewachsen, unter den Stürmen der Zeit und Welt stark und fest, aber auch (für die Lehrexperten, die ja "Zollstock" und "Wasserwaage" anlegen) knorrig und unsymmetrisch geworden. Aber voller Saft und Kraft!

Und nun kommen die Dogmatiker daher und zeigen uns, was sie zu bieten haben: Ihr Lehrsystem, – einen zwar sauber bearbeiteten, wohl behobelten, aber toten Balken. Sie sind überzeugt, es sei der Baum. Das ist ihr ganz großer Irrtum. Ihr Balken ist tot.

Uns fällt die Aufgabe zu, ihnen zu sagen, wo sie das Leben finden.

 

Wir danken dem Bruderdienst für die freundliche Genehmigung, den Artikel: "Vierzig Zentimeter zu hoch" abdrucken zu dürfen.


1) Versäumen wir daher nicht etwas, wenn wir einfach Bibelstellen zitieren, ohne hinter sie zurück zu fragen, was zu ihrer Formulierung geführt hat? (z. B. Apg. 15, 20.28 f.!). Näheres in einem späteren Heft dieser Reihe.
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2) 1. Tim. 1, 3ff.; 1, 10; 4, 1; 6, 3; 2. Tim. 2, 14ff.; Tit. 1, 9ff.; 3, 4ff. Auch die B r u d e r d i e n s t - M i s s i o n muß um der klaren Abgrenzung willen gegen die zuerstörenden und verwirrenden Irrlehren unserer Zeit immer wieder Lehrfragen behandeln. Es ist aber unser Anliegen und Gebet, daß dies stets im Bewußtsein des in diesem Heft Ausgeführten geschieht.
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3) Spätere Jahrhunderte machten dann aus der Not eine Tugend und sahen in der Lehre das Eigentliche und Wesentliche des christlichen Glaubens. Und dieser Trugschluß wuchert heute noch weiter.
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