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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

gelesen beim "Bruderdienst":

40 cm zu hoch - Verwechslung von Glauben und Wissen
(aus: Bruderdienst Heft 3/65)

Teil 2

WAS HEIßT DENN GLAUBE?

Viele haben sich an eine weit verbreitete, jahrhunderte alte Vorstellung gewöhnt, daß nämlich Glauben so etwas bedeutet wie das Bejahen einer Sammlung von Dogmen, das Für-wahr-halten einer bestimmten Lehrmeinung oder die Pflege biblischen Wissens. In diesem fatalen Mißverständnis sind sich sogar eine große Zahl von Katholiken und Protestanten mit den Anhängern mancher sogenannter Sekten einig. Nur in der Frage was denn nun das richtige Dogma sei, welche Lehrmeinung man für wahr halten müsse und was vom biblischen Wissen wirklich als "biblisch" zu gelten habe, - darüber streiten sich die Bekenner und werfen einander vor, sie hätten nicht "den richtigen Glauben".

Aus diesem hoffnungslosen Dogmenstreit befreit uns nur die erlösende Antwort des Evangeliums.

1. Neutestamentlicher Glaube ist Christus- Glaube

Niemals Dogmen - Glaube, niemals ein bloßes Für-wahr-halten gewisser Lehrmeinungen und die Pflege religiösen Wissens. "Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du gerettet werden", so bezeugten es die Apostel. "Wer an mich glaubt, hat das ewige Leben", sagt Jesus selbst (Apg. 16,31; Joh. 6,47). Treffend schreibt daher Hans-Hartwig von Goessel in "Der christliche Glaube": Wir glauben nicht an Dogmen, sondern an Jesus Christus! Glaube ist eine Beziehung zu einer Person und nicht zu einer Lehre ... Praktisch besteht die Möglichkeit, einen Glaubenssatz, ja sogar den ganzen Inhalt des christlichen Glaubens anzuerkennen, ohne doch persönlich davon betroffen zu sein. Wer das tut, errichtet einen ideologischen Überbau über ein Leben ohne Gott und nennt das ganze "Christentum" ... Wenn wir alles auswendig lernen und bejahen würden, wäre das noch immer kein Glaube, sondern bestenfalls ein Überzeugtsein von der Richtigkeit des Evangeliums - und das ist zu wenig".

2. Der Glaube ist kein ("auswendiges") Wissen, sondern eine (innere) Gewißheit

Das bezeugt uns Hebr.11,1. Pfäfflin übersetzt die Stelle: "Glauben haben heißt: was man erst hofft, schon so gut wie sicher haben, und auf das, was nicht von dieser Welt ist, sich wie auf Felsen gründen". Und wer dächte hier nicht auch an das Siegeslied der Glaubens-Gewißheit in Röm. 8,31-39, in dessen Mitte der Apostel Paulus die Worte spricht: "Denn ich bin gewiß ..."!

Kein geringerer als Martin Luther hat diesen Wesenszug des Glaubens sehr stark hervorgehoben:

"Glaube ist nicht der Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten ..., und machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: ich glaube.- Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich ..." (Aus der Vorrede im Römerbrief). "Der Glaube soll auch sein ein Stehfest des Herzens, der nicht wankt, wackelt, bebt, zappelt noch zweifelt, sondern fest steht und seiner Sache gewiß ist". Das ist doch viel mehr als ein Auswendig-Wissen. Es ist eine innere Gewißheit. Keine Kopfangelegenheit, sondern Sache des Herzens. Wer mit dem Herzen glaubt, der ist gerecht" (Röm. 10,10).

Der Kopfglaube sitzt 40 cm zu hoch. Er will Büschel Wahrheiten begreifen. Beim Glauben aber geht es nicht um Wahrheiten, sondern um die Wahrheit. Sie läßt sich nicht be-greifen; von ihr kann man sich nur er-greifen lassen! -

"Lasset euch versöhnen mit Gott!", bitten die Boten Christi ihre Hörer. (Nicht: Studiert die Lehre von der Versöhnung!). "Lasset euch erretten . . .!" (Nicht: Wißt Bescheid, wie es geschieht).

3. Glaube heißt V e r t r a u e n

Mancher sagt uns - mit einem Unterton, der nach Selbstrechtfertigung klingt-:"Wir ... (und dann kommt das Bekenntnis zu seiner "Richtung") glauben auch an Jesus Christus".

Aha, ihr meint also auch, an der Sache mit Jesus wäre wohl "etwas dran"? Ihr haltet auch dafür, daß er vor mehr als 1900 Jahren auf dieser Welt lebte usw.? Aber ist denn das der Glaube, den das Neue Testament meint, wenn es sagt: "Wir glauben in Christum Jesum" (Gal. 2,16)? Niemals! Das griechische Wort, das im NT für Glauben steht, nämlich pistis, bedeutet Treue, ein treues Festhalten, nachdem man sich von Gott ergreifen ließ. Das entsprechende alttestamentliche Wort hat den Sinn von: "sich auf etwas ganz Zuverlässiges verlassen", d.h. also: vertrauen. Daher übersetzt Hans Bruns an einigen Stellen Vertrauen statt Glauben: Gott "enthüllt jetzt seine Gerechtigkeit, indem er jeden für gerecht erklärt und auch gerecht macht, der sein Vertrauen auf Jesus setzt" (Röm. 3,26).

Auch Martin Luther nennt den Glauben gern eine "fiducia" - Vertrauen. Und alles andere wäre auch kein Glauben. Wir können mit dem Eifer der Zeloten und mit der Standhaftigkeit eines Märthyrers unsere Lehrsätze aufsagen,- wenn wir es nicht lernen, Gott zu vertrauen, uns ihm anzuvertrauen, komme was da mag, so wie ein Kind sich dem Vater anvertraut, so sind wie von dem, was die Bibel Glauben nennt, noch weit entfernt.

4. Glauben ist Gemeinschaft mit dem Vater durch den Sohn

Daß es beim Glauben um ein Hingelangen in eine persönliche Ich-Du-Beziehung, um Gemeinschaft geht, zeigt uns schon das bekannte Wort Jesu: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich". Darum spricht die Schrift mit solchem Nachdruck davon: "Wer den Sohn hat ... (1.Joh.5,12). Einen Bräutigam zu haben, ist etwas anderes, als etwas von einem Bräutigam zu wissen. Das "Haben" deutet auf Gemeinschaft. Und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus ..., auf daß eure Freude völlig sei" (Joh.1,3b).Christliches Wissen ohne diese lebendige Gemeinschaft ist ein elender, freudloser Glaubensersatz, mit dem man im Leben nicht froh wird und nicht im Frieden sterben kann.

Der Herr Jesus hat diese Gemeinschaft der Seinen mit Ihm, ihrem Herrn und Retter, auch mit dem in unserer Sprache kaum eindeutig wiederzugebenden Wort bezeichnet: "In mir". Solches habe ich mit euch geredet, auf daß ihr in mir Frieden habt" (Joh.16,33). Und dieses "In mir" nahmen die Apostel auf und sprachen in Bezug auf unser Christsein als von einem Sein "in dem Herrn", "in Christo", "in ihm". (Man hat mehr als 130 solcher Stellen im NT gezählt). Wird dadurch nicht restlos klar, daß Glauben nicht zunächst ein Wissen ist - auch kein Tun -, sondern ein Sein, eine neue Existenz in einem neuen Lebensraum, - "in Christus", in Gemeinschaft mit Ihm.

Schließlich wäre zu reden vom Glauben als "Gemeinschaft des Heiligen Geistes" (2.Kor.13,13). Gemeinschaft mit dem Vater durch den Sohn verwirklicht sich ja nur "im Heiligen Geist". Das Innewohnen des Vaters und des Sohnes im Glaubenden geschieht dadurch, daß der Heilige Geist in uns "wohnt" (1.Kor.3,16). Niemand kann Jesus auch "nur" als Herrn erkennen außer durch den Heiligen Geist (1.Kor.12,3). So müssen wir schließlich diesen heiligen Lebenszusammenhang mit Gott, den wir Glauben nennen, erfahren als eine Gemeinschaft mit dem Vater durch den Sohn im Heiligen Geist.

Lebst du schon im Glauben?

Die Bibel führt uns auf das gleiche Ziel mit einem anderen, viel mißbrauchten Wort: Erkennen.

 

Erkenntnis und "Erkenntnis" ist zweierlei !

Wir werden immer wieder gefragt, ob nicht durch einseitige Christus-Verkündigung die in der Bibel so stark betonte Erkenntnis vernachlässigt werde. Und man meint damit: das dogmatische Wissen. Als Antwort bringen wir eine Leseprobe aus dem Bruderdienst-Büchlein: "Und abermals freuet euch"1

Die Schrift meint mit Erkenntnis niemals das intellektuelle Wissen, das verstandesmäßige Beherrschen biblischer "Themen".

Das wird am deutlichsten sichtbar in den Stellen, wo von Gottes Erkennen die Rede ist: "Nur euch habe ich von allen Geschlechtern der Erde erkannt", spricht Jahwe zu seinem Bundesvolk (Amos 3,2 Elb.Übers.). Erkennen von Gott aus, ist sein Erwählen. Daher übersetzt Menge auch Amos 3,2: "Euch allein habe ich mir ... erwählt". In ähnlicher Weise wird das Wort "erkennen" (von Gott aus) im Neuen Testament gebraucht: "Da ihr jetzt aber Gott erkannt habt oder vielmehr von Gott erkannt worden seid ..." (Gal.4,9). Ganz offensichtlich geht es bei diesem Erkennen um viel mehr als ein theoretisches "Begreifen". Es handelt sich beim Erkennen von Gott aus um das erwählende, barmherzige Zuneigen zum erwählten Volk oder Einzelmenschen (vgl. auch Psalm 1,6; Nah.1,7; 1.Kor.8,3; Joh.10,14; Tim.2,19), und es findet seine Entsprechung in unserem "Erkennen", das nichts anderes bedeutet, als durch das barmherzige, erwählende Herabneigen Gottes sich erfassen zu lassen, das heißt aber: sich von Gott selbst erwählen, annehmen, lieben zu lassen und Gott wiederzulieben (1.Chron.28,9; 1.Kor.8,3; 13,12; Gal.4,9). (Es ist zu beachten, daß in der Bibel selbst für die eheliche Liebe und Gemeinschaft das Wort "erkennen" gebraucht wird; 1.Mo.4,1; 4,17; Matth.1,25.) Nicht in allen Schriftstellen, in denen die Begriffe "erkennen" und "Erkenntnis" vorkommen, tritt der Sinn so offenkundig zutage, noch wird er immer diese Tiefe haben. Niemals aber ist ein theoretisch-verstandesmäßiges Begreifen gemeint, sondern ein viel tieferes, lebensmäßiges Erkennen. Erst wenn wir im Sinne des biblischen Wortes "erkennen", wird uns alle fälschlich sogenannte "Erkenntnis" fragwürdig (1.Kor.8,1-3).

Erst dann wird sich uns z.B. ein Wort wie Joh.17,3 recht erschließen: "Darin besteht aber das ewige Leben, daß sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen." Ein rein dogmatisches Begreifenwollen Gottes und Christi führt gerade nicht zum ewigen Leben, sondern es gilt, den Vater und den Herrn Jesus im Glauben anzunehmen, mit ihnen in Gemeinschaft zu treten, sie zu lieben. Alles das schwingt in dem inhaltsschweren biblischen "Erkennen" mit. Es erfaßt das Herz, nicht allein die Vernunft, und es will alle Höhen und Tiefen des Lebens durchdringen. Wenn also die von "Jehovas Zeugen" herausgegebene "Neue-Welt-Übersetzung" Joh.17,3 wie folgt wiedergibt: "Dies bedeutet ewiges Leben, daß sie fortgesetzt Erkenntnis in sich aufnehmen", so wird damit deutlich, daß die Übersetzer gerade am biblischen Sinn des Wortes "erkennen" vorbeigegangen sind. Ihre Neigung zu dieser schriftwidrigen Deutung, bei der sie "erkennen" gleichsetzen mit "begreifen", verstandesmäßig erfassen, geht zurück auf die heidnischen Philosophen (Gnosis, d.h. "Kenntnis"; vgl. 1.Tim.6,20 in der Elb. Übers.). Wo eine christliche Bewegung diesem Mißverständnis verfallen ist, hat das stets zu einer Überbetonung und -bewertung des Wissens, der bloßen Lehre geführt. Die fälschlich sogenannte "Erkenntnis" führt zur Aufgeblasenheit und zum Richtgeist. Echtes biblisches Erkennen dagegen wirkt Demut und Liebe.

Und diese wahrhaft biblische Erkenntnis möchten wir in der Tat nie vernachlässigen. Andererseits können und dürfen wir nicht aufhören, darauf hinzuweisen: Wer da sagt, er habe die Wahrheit erkannt, damit aber nur meint, daß er die Lehren der Bibel "intus" habe, der ist dem heidnischen Gnostiker viel näher als dem neutestamentlichen Christen.

Der Apostel Paulus hat den Unterschied zwischen Erkenntnis und "Erkenntnis" in einem treffenden Wortspiel deutlich gemacht:

"Ihr schreibt in eurem Brief: "Wir wissen, daß wir alle die nötige Erkenntnis haben". Nun: die "Erkenntnis" kann sehr stolz machen. Nur die Liebe erbaut. Wer sich etwas auf seine Erkenntnis einbildet, der hat ja keine rechte Erkenntnis. Wer aber den lebendigen Gott liebt, der ist von ihm erkannt". (1.Kor.8,1-3).


Fußnoten:

1) Der Philipperbrief, ausgelegt für das Glaubensgespräch
(zurück zum Text)

 

weiter mit Teil 3: Und wo bleibt die Lehre?

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