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Hilfe und Selbsthilfe e.V.

 

Blinde Blindenführer ?

Immer wieder schildern ehemalige Mitglieder der verschiedensten Gemeinschaften, dass sie in der von ihnen verlassenen Gruppe von unfähigen, unsensiblen und manchmal sogar von arroganten Mitgliedern seelsorgerlich betreut oder angeleitet wurden. Dabei war es, so wird berichtet, oftmals entweder purer Zufall, an wen sie bei dieser Betreuung gerieten, oder aber diese Seelsorger/ Anleiter wurden ihnen "von oben" zugeteilt, unabhängig davon, ob "die Chemie" zwischen Seelsorger/ Anleiter und Hilfesuchendem stimmte oder nicht.

Hier stellt man sich immer wieder die Frage, wie es dazu kommen kann, dass Menschen, die echte Probleme oder Fragen haben, von Seelsorgern betreut oder angeleitet werden, die entweder nicht Willens oder nicht in der Lage sind, sensibel genug und fachlich kompetent auf den Hilfesuchenden einzugehen. Wie ist es möglich, dass mit dem wichtigsten "Kapital" einer Gemeinschaft, nämlich den Menschen, oftmals so unmenschlich umgegangen wird? Handelt es sich dabei um Unwissenheit oder um Fahrlässigkeit? Sind diese Erfahrungen Ausnahmeerscheinungen oder die Regel? Liegt der Fehler beim einzelnen oder im System?

Um es gleich vorweg zu nehmen, meines Erachtens liegt der Fehler, der Grund für solche Vorkommnisse, im System.1

Eine (die?) Ursache dafür, dass es in vielen Gemeinschaften (und damit sind nicht nur die sog. "Sekten" gemeint) in der Seelsorge oder der persönlichen Beratung und Betreuung zu Machtmißbrauch, zu Hörigkeiten, unangemessenen Disziplinierungsmaßnahmen, Kompetenzüberschreitungen und zu ungehöriger Einflußnahme auf intime Lebensbereiche kommt, ist vielleicht einfach in dem Umstand zu finden, dass Menschen Menschen führen oder begleiten, die dazu nicht begabt und nicht in der Lage sind. Manchmal sind die Betroffenen im Nachhinein von der Banalität der Anleitung oder Hilfeleistungen und der Unfähigkeit der Hilfeanbieter oder Seelsorger so erschüttert, dass sie nicht wissen, ob sie darüber lachen oder weinen sollen.

Betrachtet man den hierarchischen Aufbau und die "Karrieren" in so mancher Gruppe, stellt man leicht fest, dass nicht diejenigen im Ansehen und damit in der Hierarchie steigen (und das wollen viele, ob sie es zugeben oder nicht), die besonders demütig und bescheiden2, sensibel oder selbstkritisch3 sind. Nein, diese notwendigen Eigenschaften und Voraussetzung für die Arbeit mit Menschen sind es nicht, die für Leitungsaufgaben in diesen Gemeinschaften qualifizieren. Vielmehr steigen diejenigen Personen im Ansehen und damit in der Hierarchie, die, im Sinne der Gruppe oder des Leiters, am besten formbar und am leichtesten lenkbar sind, die die Leitung, die Gruppe, die Lehre nicht dauernd hinterfragen und zweifeln, sondern gehorsam und willig sind. Letztendlich also Personen, die an andere nur das weitergeben, was sie selbst von ihren Leitern empfangen haben. Nicht die persönliche und fachliche Qualifikation, sondern die Loyalität gegenüber der Gruppe/ der Leitung ist das Entscheidungskriterium für die Entwicklung in der Gemeinschaft.4

Je höher nun ein Mensch in der Anerkennung seiner Leiter und damit in der Hierarchie steigt, wodurch sich sein Einfluß- und Machtbereich in Bezug auf ihm wiederum untergeordnete Mitglieder der Gemeinschaft vergrößert, um so größer der mögliche Schaden, den er anrichten kann (im quantitativen Sinne). Je höher er in der Hierarchie steigt, desto mehr werden seine Meinungen zu Wahrheiten, seine Gedanken zur Stimme Gottes, seine Träume zu Visionen, sein Leben zum ultimativen Maßstab. Und jeder Mensch, der in der Gruppe eine angesehene Stellung inne hat, wird für andere zur gefragten Person, die "es" geschafft hat und damit zum Vorbild, zum Berater, zum Mitteilungskanal Gottes und damit eben auch zum Seelsorger.5

So kann es dazu kommen, dass Menschen mit Menschen seelsorgerlich (und damit im weitesten Sinne therapeutisch) "arbeiten", ohne dass sie dies jemals gelernt haben oder dass sie entsprechende persönliche Basisqualifikationen (ein gutes Maß an Einfühlungsvermögen, Lebenserfahrung, Zuhörenkönnen o.a.) mitbringen.

Ein "guter" Seelsorger ist in solchen Gemeinschaften derjenige, der die Doktrin der Gruppe für sich selbst, und dann auch bei anderen, auf alle Lebenslagen anzuwenden weiß. (Hier sei nur an christliche Seelsorger oder Jüngerschaftgruppenleiter erinnert, deren seelsorgerliche Arbeit hauptsächlich im Aufdecken von Sünden und dem Rezitieren von Bibelversen besteht.)

Leider, und das ist vielleicht das Hauptproblem, bekommt solch eine Person in Bezug auf ihr eigenes Handeln und Denken selten unabhängiges Feedback oder konstruktive Rückmeldungen.

Um in den Augen der Leiter "gut", "richtig" oder "gesalbt" zu sein (und darauf kommt es schließlich an), muß diese Person nur so sein, wie diese es für richtig halten. Sie muß die Erfahrungen gemacht haben, die von der Leitung als wichtig und notwendig betrachtet werden und sie muß sich ein- und anpassen können. Korrektur nimmt sie nur "von oben" an. Schließlich sind "die ja schon weiter" und viel erfahrener. Nie oder selten erhält diese Person Kritik von gleichgestellten, unabhängigen Außenstehenden oder untergeordneten Mitgliedern der Gruppe.6

Persönliche Ängste und Zweifel dürfen nicht zugelassen oder geäußert werden, wenn die eigene Stellung nicht gefährden werden soll. Verdrängungsmechanismen und Projektionen, persönliche Befindlichkeiten und Bedürfnisse können somit auch nicht oder nur verzerrt wahrgenommen, geschweige denn bearbeitet werden. Was in vielen sozialen Berufen zur Standardbegleitung gehört, nämlich so etwas wie Supervision, die unabhängige Kontrolle des eigenen Handelns von außen, mit dem Ziel, eigene Motive und vielleicht auch Mängel zu erkennen, fehlt in solchen Kreisen gänzlich.

Alles (oder vieles), was solch eine Person denkt und sagt, wird von ihr selbst und den anderen als göttlich, heilig, rein, die Wahrheit oder das Richtige betrachtet. Kritik an ihren Aussagen versteht sie als Kritik an Gott oder ihrer eigenen Person, mit der Position und Ansehen, und somit sie selbst, in Frage gestellt wird.

Um ihr eigenes positives Selbstbild aufrecht zu erhalten ("Ich bin richtig und meine Erfahrungen bestätigen mir und euch diese Tatsache."), muß sie alles, was dieses gefährdet, beseitigen oder rationalisieren.7

Dabei werden eigene Unzulänglichkeiten und Schwächen, die bei ihr selbst ja nicht vorhanden sein dürfen, in den anderen Menschen erkannt und bekämpft. So nimmt sie ihre Umwelt häufig nur noch sehr verzerrt wahr und überträgt alles Negative auf Menschen, die unter ihr in der Hierarchie oder außerhalb der Gruppe stehen.8

Die Logik, die dahinter steht, lautet: Wer das Wahrheitsmonopol hat, braucht und kann Kritik nicht dulden.

Die Verdrängung des Natürlichen führt zur Unbarmherzigkeit

Wie in einem früheren Info- und Freundesbrief schon einmal erörtert, hat jeder Mensch sogenannte emotionale Grundbedürfnisse. Wo diese jedoch nicht wahrgenommen werden oder nicht wahrgenommen werden dürfen ("Verleugne dich!", "Kreuzige dein Ich!", "Versuche nicht alles zu verstehen, tue einfach, was man dir sagt!") und vielleicht unrealistische Idealvorstellungen als das Normale und für jeden Erreichbare proklamiert und verordnet werden ("Sei jetzt fröhlich!", "Sei jetzt erfolgreich!", "Sei jetzt gesund!", "Sei jetzt heilig!", "Sei jetzt gewiß!"9), können sie sich u.U. in destruktive Haltungen und Verhaltensweisen verwandeln.

Aus dem Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit wird Hörigkeit, Trennungsangst oder Ich-Schwäche, aus dem Bedürfnis nach Sicherheit wird Kontrolle und Normenrigidität, aus dem Bedürfnis nach Sinn wird Fanatismus und aus dem Bedürfnis nach Anerkennung wird Narzismus und erwachsen Allmachtsphantasien.

Besinnungsanregung

In unserer technisierten und automatisierten Zeit, in der vieles immer schneller und immer einfacher möglich ist, sollten wir uns immer wieder daran erinnern, dass wir alle nur Menschen sind, dass nicht alles in unserer Hand liegt und dass zwar vieles, aber eben nicht alles möglich und machbar ist.

Zwar haben wir bis zu einem gewissen Grad Einfluß auf unser Glück, unsere Gesundheit, Freude und Erfolg (entgegen einem passiven, apathischen Fatalismus), jedoch haben wir eben nicht auf alle Dinge Einfluß. Das Sich-der-eigenen-begrenztheit-bewußt-Sein bei noch so guten Methoden, Techniken oder einem noch so großen Glauben, ist der erste Schritt zur Barmherzigkeit im Umgang mit sich selbst und dann auch mit den anderen. Diese Barmherzigkeit ist Voraussetzung für einen konstruktiven und helfend begleitenden (nicht dogmatischen) Umgang mit Hilfesuchenden.

Kritik, auch andersdenkender und andersglaubender Menschen, kann konstruktiv und dabei hilfreich sein, eigene blinde Flecken zu erkennen. Erst dadurch wird oftmals ein bewußterer Umgang mit der eigenen Person und dem Nächsten ermöglicht.

Das bedeutet nicht, dass man keine Standpunkte und tiefen Glaubensüberzeugungen haben darf. Ganz im Gegenteil. Gerade wenn ich solche tiefen Überzeugungen habe, kann ich es mir auch leisten, mich und mein eigenes Denken und Handeln von anderen hinterfragen zu lassen. Kritik kann mir meine festgefahrenen Gedankengänge und Gewohnheiten aufzeigen und bei meiner Entwicklung helfen.

Für eine gute Seelsorge/ Anleitung ist diese Offenheit und Transparenz des eigenen Handelns und Denkens Voraussetzung. Nur wer sich seinen eigenen Befindlichkeiten stellen und Dinge auch mal aus einer anderen Perspektive sehen kann, ist fähig, sich in andere Menschen und ihre Welt hineinzuversetzen und ansatzweise zu verstehen. Nur so können auch eigene Projektionen und Verdrängungen erkannt und bearbeitet werden. In der Gesprächspsychotherapie nennt man solche Haltungen Echtheit und Empathie. Sie sind Voraussetzungen dafür, dass der Seelsorger/ Anleiter im Beratungsprozeß nicht nur ein Lehrer und Ermahner, sondern ein echter Begleiter und Tröster ist.

Mathias Krase


Fußnoten:

1) Diese etwas pauschal klingende Behauptung scheint mir notwendig, um das Folgende zu verdeutlichen. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch andere Erfahrungen gibt. Diese positiven Erfahrungen sind aber nicht der Beweis für die Richtigkeit des Systems, sondern stehen vielmehr dafür, dass sich menschliche Fähigkeiten und Kompetenzen durchaus auch in sog. konfliktträchtigen Gemeinschaften behaupten und erhalten bleiben können.
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2) im Sinne, sich der eigenen Begrenztheit bewußt sein
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3) im Sinne der Fähigkeit, das eigene Handeln, Denken, Wollen und Fühlen kritisch und aufmerksam zu reflektieren und zu hinterfragen
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4) Natürlich braucht es Mitglieder und Mitarbeiter, die sich mit den Zielen und Vorstellungen der Gruppe identifizieren und die Leiterschaft akzeptieren. Hier soll nicht der ewigen Opposition zu Munde geredet werden. Aber es muß in einer Gemeinschaft auch möglich sein, z.B. im Meinungsbildungsprozeß andere Ansichten und Meinungen einzubringen, diese zu vertreten und gegebenenfalls auch beizubehalten und trotzdem verantwortlich mitarbeiten zu können.
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5) Im Ansehen kann man in bestimmten christlichen Gemeinschaften z.B. steigen, wenn man sehr gut Gitarre spielen oder singen kann. Diese Person wird dann zum Anbetungsleiter (derjenige, der im Gottesdienst für die Musik verantwortlich ist), der die Gemeinschaft durch die Musik in die Gegenwart Gottes führt. Da diese Person nun andere zu Gott führt, muß sie besonders begabt bzw. gesalbt sein, was zur Folge hat, dass sie auch andere leitende Positionen erhält (WG-Leiter, Bibelkreis-Leiter). Diese Logik bedeutet dann, dass ein guter Gitarrenspieler oder Sänger auch ein guter Leiter, Seelsorger und Theologe sein muß. Von gabenorientierter Aufgabenteilung fehlt hier jede Spur, im Gegensatz zum neutestamentlichen Gemeinde- und Gabenverständnis (siehe: Röm.12.6-8; 1.Kor.7.6; 12.4-31; 1.Petr.4.10).
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6) Diese Kritiker werden häufig nur als Nörgler oder Häretiker, als ungehorsam, rebellisch, ungeistlich, eifersüchtig oder einfach nur als Menschen mit einem Richtgeist betrachtet.
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7) Rationalisieren: Das eigene emotional verursachte Denken und Handeln mit Vernunftsgründen rechtfertigen. Bsp.: Ein Bibelgruppenleiter fühlt sich durch die Kritik eines Außenstehenden verunsichert und gekränkt und deutet diesen Umstand als Angriff des Teufels oder als Versuchung. Der Kritiker wird dann als Werkzeug des Teufels gesehen, es wird für den Kritiker gebetet (für Eleuchtung) oder der Kontakt zu ihm wird bei Nichterleuchtung abgebrochen. Auf diese Weise kann man sich dann auch leicht der sachlichen und fachlichen apologetischen Auseinandersetzung entziehen und dies vor sich selbst und den anderen rechtfertigen.
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8) Was sich u.a. in starken Schwarz-Weiß- und Freund-Feind- Bildern widerspiegelt. Geldliebe, Haß, Egoismus, sexuelle Perversionen und Unreinheit, Lauheit, Arroganz und Lieblosigkeit prägen die Welt der Außenstehenden. Liebe, Freude, Harmonie, Hingabe, Solidarität und Reinheit sind dagegen nur innerhalb der eigenen Gruppengrenzen zu finden. Schwachheiten und menschliche Unzulänglichkeiten, die bei sich persönlich und in der eigenen Gruppe wahrgenommen werden (keine Verdrängung funktioniert 100 %-ig), werden dann folgerichtig nur als Fehler ("Wir sind halt alle nicht vollkommen.") gesehen und entschuldigt. Bei den Außenstehenden und Untergebenen dagegen werden sie als Sünden und Gottlosigkeit angprangert und kritisiert.
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9) Für Christen sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es auch Schwache im Glauben (Kleinseelchen) gibt, die nicht ständig mit einem schlechten Gewissen beladen werden dürfen, sondern die getragen, anstatt verurteilt werden sollen (siehe: Röm.14.1; 15.1; 1.Kor.8.9; 1.Thess. 5.14).
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