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THEATERKRITIK
Olhos d´Agua und Black Berlin City Bus Tour. Performances von und mit Ismael Ivo, Tänzern seiner Compagnie u. a. im Rahmen des Programms Black Atlantic des Hauses der Kulturen der Welt. Premieren am 6. und 18. September 2004.
Black Berlin
Der Tänzer Ismael Ivo auf den Spuren der Kolonialgeschichte
von Michael Bienert
Wieviele Kontinente hat die Erde? Jedenfalls mehr, als die Erdkundelehrer kennen. Vor gut zehn Jahren hat der Soziologe Paul Gilroy in einem Buch den Black Atlantic beschrieben, einen negativen Kontinent, der durch die Verschleppung schwarzer Sklaven aus Afrika entstanden sei. Diese ethnische Kontinentalverschiebung hinterließ Spuren in vielen Ländern, es entstanden neue Mischvölker und Mischkulturen. Vor allem in der Musik wurde die Erfahrung der Farbigen mit Entwurzelung und Versklavung, mit Rassendiskrimierung und Widerstand aufbewahrt: Ohne sie gäbe es keinen Blues, keinen Jazz, keinen Rap.
Während die farbige Minderheit in den USA vehement dafür kämpft, dass die Sklaverei und ihre Folgen nicht in Vergessenheit geraten, interessierte der deutsche Kolonialismus bislang nur wenige Historiker. Nun hat der in Brasilien geborene Tänzer Ismael Ivo, der seit vielen Jahren in Deutschland arbeitet, den Faden aufgenommen. Als Vorspiel zum Herbstprogramm des Hauses der Kulturen der Welt, das ganz im Zeichen des Black Atlantic steht, inszenierte Ivo in Berlin eine choreographische Reise durch die Hauptstadt und Kolonialmetropole der Kaiserzeit.
Musikalisch begleitet von dem Jazzsaxophonisten Tilmann Dehnhard und der schwarzen Sängerin Twana Rhodes zuckelt das Publikum im Reisebus zuerst durchs alte Regierungsviertel, wo 1884 auf der Kongokonferenz die Kolonialmächte Afrika unter sich aufteilten - mit willkürlichen Grenzziehungen, die bis heute blutige Konflikte schüren. Bereits im 18. Jahrhundert hausten in der heutigen Mohrenstraße farbige Söldner des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I.. Zu ihren Pflichten gehörte es, in der Militärkapelle den Schellenbaum zu tragen. Dieses Motiv taucht in einem kurzen Tanzstück wieder auf, das sechs Tänzer aus Ivos Compagnie mit drei afrikanischen Trommlern vor der Freitreppe von Schinkels Schauspielhaus aufführen.
Eine dunkelhäutige Sklavin verwandelt sich in ein vornehmes Lustobjekt, um das ein hellhäutiger Narrenkönig herum scharwenzelt, während andere Schwarze vor ihr niederknien müssen. In der Unschuldspose einer Mutter Maria entblößt die Tänzerin lockend die schwarze Brust. Später hält der Bus am Kurfürstendamm, wo in den wilden Zwanzigern Josephine Baker im Bananenröckchen den weißen Männern den Kopf verdrehte. Zwei Tänzer bedienen auf der Straße das üble Klischee vom schwarzen Mann als lüsternem Halbaffen, mit so hinreißender Verve, dass man trotzdem darüber lachen muß. So zeichnet Ivos Choreographie in lebenden Bildern das komplexe Drama des schwarzen Körpers unter weißer Herrschaft nach. Höhepunkt ist eine Nachtwanderung auf den Garnisonfriedhof zum Hererostein - gewidmet den wenigen deutschen Soldaten, die beim systematischen Völkermord in Deutsch-Südafrika 1904 ihr Leben ließen. Im Kerzenlicht wälzen sich die Tänzer auf dem Kiesweg vor dem Denkmal, geplagt von Albträumen und Erinnerungen an die erzwungene Flucht in die Omaheke-Wüste, wo Zehntausende Hereros qualvoll verdursteten.
Weniger beeindruckend ist es, choreographischen Elementen der Busreise auf der großen Bühne des Hauses der Kulturen wiederzubegegnen. Was als Straßentheater fasziniert, wirkt in der Performance Olhos d´Água trotz der tollen Ausdruckstänzer oft beliebig und austauschbar. Dazu trägt leider auch die diffuse Klang- und Perkussionswolke von Steve Shehan bei, der die trockene Schärfe des afrikanischen Urklangs bei der Busreise fehlt. Unter der Regie von Maria Thaís Lima Santos ist der Tänzer Ismael Ivo fast ständig damit beschäftigt, rote Sitzhockerchen für drei imposante alte Damen auf die umständlichste Weise zwischen Bühne und Kulissenvorhang hin und her zu räumen.
Ehrfürchtig und zärtlich geleitet Ivo seine drei greisen Kronzeuginnen schwarzen Selbstbewußtseins auf die Bühne: Mae Beata, mit weißem Kopfputz und vielen Ketten beschwert, wird in Brasilien als Priesterin der menschenfreundlichen Candomblé-Religion verehrt und setzt sich für die Rechte schwarzer Frauen ein. Tereza Santos war kommunistische Kämpferin, sie gründete die erste schwarze Theaterkompagnie Brasiliens. Und Othella Dallas, 1925 in Memphis geboren, machte als Bluessängerin und Steptänzerin eine Weltkarriere. Zwischen den Tanzeinlagen erzählen die Drei exemplarische Episoden aus ihrer schwarzen Biographie. Man sieht, es fällt ihnen schwer, eineinhalb Stunden auf der Bühne zu sein, man hat Angst, Othella Dallas könnte plötzlich an der Hüfte einknicken - da beginnt die 80jährige plötzlich über die Bühne zu steppen wie ein junges Mädchen. Schwarze Urgewalten, Inkarnationen schwarzer Welterfahrung und schwarzen Selbstbehauptungswillens sind alle drei Frauen. Mag der Abend dramaturgisch noch so schwach sein, so bleibt man Ivo doch dankbar für die unvergeßliche Völkerschau.
Erstdruck: STUTTGARTER ZEITUNG vom 21. September 2004
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