WORT ZUM SONNTAG

Wöchentliche Satire
(C)2002 by Marvin C. Stahl

Wenn Katzen kratzen

Hallo Allemiteinander!

Es ist zwar schon einige Jahre her, aber auch ich war mal stolzer Besitzer eines völlig exzentrischen Stubentigers. Er wurde in der Nacht vom 31. April zum 1. Mai, der Walpurgisnacht, geboren, war rabenschwarz und hatte einen kleinen, dreieckigen weißen Fleck auf der Brust. Wegen dieser drei Merkmale taufte ich ihn Merlin und...

Nomen est omen! Er hatte wirklich etwas Magisches an sich. So war er in der Lage einen vollen Fressnapf durch wenige Kopfbewegungen in einen leeren Napf zu verwandeln, fand mit hellseherischer Gabe stets den Platz auf den ich es mir bequem machen wollte, um seinen fetten Hintern genau dort zu platzierte und jeder noch so große, böse Hund in unserem Haus flüchtete angsterfüllt, wenn er Merlin nur sah.

Oberflächlich betrachtet war er ein fetter, fauler Sack... doch dieser Eindruck täuschte. Kaum hörte er die Kühlschranktuer, stand er schnurrend neben mir und sah mich mit seinem unnachahmlichen 'Ich- bin-eine-total-verhungerte-Katze'-Blick an. Die Geschwindigkeit, mit der er, trotz seines massigen Körpers, in dieser Situation die Wohnung durchquerte, ließ mich stark vermuten, dass 'Beamen' oder Teleportation ebenfalls zu seinen geheimnisvollen Fähigkeiten gehörten.

Während unseres Zusammenlebens lernte ich, dass es Wesen gibt, die noch sturer und fauler sein können als ich. Merlin fraß NUR eine Sorte Katzenfutter... mit Huhn. Jedes andere Katzenfutter lehnte er kategorisch ab. Sein Rekord lag bei neun Tagen hungern, dann gab ICH auf und kaufte ihm sein Futter. Jede andere Form von Fressen, solange es kein Katzenfutter war, fand jedoch stets sein Gefallen. Er fraß Gummibärchen, was ihm fast das Leben kostete, denn die sind MEIN Lieblingsessen, Erdbeerkuchen, Pfefferminzdrops, schimmelige Wurstzipfel und soff heimlich Coca Cola aus herumstehenden Gläsern, bis er kotzend zur Seite fiel.

Ähnlich wie beim Katzenfutter, erging es mir beim Kratzbaum. Ich hatte zwei verschiedene Ausführungen gekauft und eine dritte selbst gebaut. Vergebene Liebesmüh! Seine 'Majestät' beliebte nur, an einer Stelle des Teppichs und an meinem Lieblingssessel zu kratzen. Der Rat eines Freundes, ihn bei seinen Untaten mit Wasser zu bespritzen, war völlig wirkungslos. Im Gegensatz zu allen anderen Katzen dieser Welt LIEBTE Merlin natürlich Wasser! Vielleicht hätte ich meine Wasserpistole mit Weihwasser aus Rom füllen oder mit Kruzifixen werfen sollen! So fügte ich mich letztendlich in mein Schicksal und war froh, dass es 'nur' der Sessel und die eine Stelle im Teppich war.

Eine andere Unsitte brachte mir peinliche Fragen meiner Mutter ein, denn einige Male die Woche über- schüttete er mich mit so brachialen 'Liebesbeweisen', dass meine Bauchdecke aussah, als hätte mich meine damalige Freundin mit Messern und Peitschen bearbeitet. Wonniglich trampelte er dann immer genüsslich schnurrend auf meiner Bauchdecke herum und knetete mich mit seinen Rasiermesser scharfen Krallen, dass ich vor Schmerzen fast bewusstlos wurde. In dieser Situation schaute er mich dann immer mit einem völlig verständnislosen Blick an, nachdem er aus der langen, tiefen Bewusstlosigkeit erwachte, in die ihn mein gezielter Faustschlag versetzt hatte.

Unsere gesamte Beziehung war ein ständiges Geben und Nehmen. Ich gab und er nahm. Sein Abgang war so spektakulär, wie sein Leben mit mir. Eines Tages lief er wieder mal auf dem Außensims meines Fensters entlang und schaute auf die Menschen, die drei Stockwerke tiefer herumliefen. Dies war etwas, was er durchaus häufig tat, so das ich ihm keine besondere Beachtung schenkte. Doch plötzlich fauchte er wie weiland Bruce Lee, schaute mich kurz an und sprang nach unten. Nach einigen Schrecksekunden sprang ich auf und sah in die Tiefe... nix. Ich rannte die drei Treppen schnaufend hinunter und suchte die Pflanzenbecken auf der Strasse ab. Wieder nix. Magie!?

Zwei Monate später tauchten in unserer Gegend kleine, schwarze Katzen, mit einem weißen, dreieckigen Fleck auf der Brust auf und ich wusste, dass der fette, geile Sack den Sprung überlebt hatte. Aus dieser Erfahrung habe ich jedoch gelernt und Rocky, meinem verfressenen Kampfdackel, die 'Glocken kappen' lassen. Wäre ja noch schöner, wenn der vor lauter Geilheit aus dem Fenster springt und Monate später Unmengen kleiner, schwarzer Katzen mit weißen Flecken und kurzen, krummen Beinen herumlaufen würden!

Ich wünsche euch ein geruhsames, Katzen freies Wochenende!

Marvin

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