Der berühmteste Künstler der Welt
von Jakob Hein

Es war damals, in den frühen achtziger Jahren, eine Zeit der Entscheidungen für uns Jungs. Die Mädchen hatten es gut, so dachten wir. Sie waren direkt von der Spielzeugeisenbahn in den Schnellzug der Pubertät umgestiegen. Statt bunten Zöpfen hatten sie plötzlich Brüste, statt Puppen interessierten sie sich plötzlich für Männer aus höheren Klassenstufen. Aber wir waren noch zu jung für Alkohol und Diskotheken, schon zu alt für Ritterburgen und Piratenschiffe. Nacktbaden und Doktorspiele waren uns schon peinlich, aber Liebesfilme und Mädchen auch noch. Ratschläge von unseren Eltern wollten wir keine mehr, aber wie man eigene Ideen entwickelt, hatten wir auch noch nicht herausgefunden. Der Ausweg aus dieser vertrackten Lage würde uns lebenslang prägen, ohne dass wir eine Ahnung hatten, was lebenslang oder prägen überhaupt bedeuten sollten.

Zu unserem Glück gab es damals noch keine Computerspiele, die Lösungen anboten. Am Computer konnte man damals Tennis spielen oder Pelota, was das gleiche wie Tennis war, nur dass der Gegner aus einer Wand bestand. Es gab auch noch die Olympiade, wo man hundert Meter laufen musste, indem man die Pfeitasten links und rechts immer möglichst schnell hintereinander drückte. Über den Computer legten wir nach der Benutzung immer ein Laken, weil Staub der große Feind der Elektronik war. Viele lösten das Dilemma der Orientierungslosigkeit, indem sie sich in die männlich geschlechtslosen Welten der Abenteuerromane begaben. Ob in den Karl-May-Romanen oder den Geschichten aus Mittelerde von Herrn Tolkien, überall spielten Männer mit Waffen die Hauptrolle, waren Frauen nur bewundernde, asexuelle Kulisse für die Heldentaten der Männer.

Für mich lag eine andere Lösung näher, denn ich hatte einen großen Bruder. Dieser hörte, so oft er konnte, Musik, stellte für sich Kassetten zusammen, überspielte sich Platten mittels eines fünfpoligen Diodenkabels, mit dem man Plattenspieler und Kassettenrekorder verbinden konnte. Die Schlager der Woche, moderiert von Lord Knut, waren für ihn absolutes Pflichtprogramm, es war von entscheidender Bedeutung, ob ein Titel vier Plätze auf- oder abgestiegen war, mein Bruder führte da genau Buch. Seinerzeit gab es noch keine Charts für Politiker, Waschmaschinen und Nutztierrassen, diese Hitparaden würden das spätere Chartfieber erst in Gang setzen. Im Rahmen eines Imitationsverhaltens begab auch ich mich in die Welt der Musik und begann, endlich die record-Taste mit dem roten Kreis auf meinem quadratischen schwarzen Monokassettenrecorder zu benutzen, die man für eine Aufnahme gemeinsam mit der play-Taste drücken musste.

Wie ein Amateurfunker im zweiten Weltkrieg begann ich, in jeder freien Minute die Feindsender abzuhören. Damals tauchten die ersten Radiomoderatoren mit Namen und eigener erkennbarer Persönlichkeit im Äther auf. Neben Lord Knut gab es Dennis mit den lockeren Sprüchen und Burckhard Rausch, der als Autorität für gute Musik galt. Täglich strahlte der Rias zwei Stunden mit diesem Jugendprogramm ab, zwischen Hausfrauenratgebermagazinen und staubtrockenen Politsendungen über die gesamtpolitische Lage. Die Musik der Stunde hieß „Neue Deutsche Welle“, ohne dass mir der Name irgendetwas bedeutet hätte. Mein Bruder hörte Queen und Pink Floyd, und abgesehen davon, war für mich jede Musik neu. Dass es eine Vergangenheit der Musik gibt, war mir damals nicht klar. Die Bands hießen Extrabreit, Spider Murphy Gang, Trio und Grauzone. Die Musik, die mir so gefiel, würde man später minimalistisch nennen. Nach all dem Bombast-Rock, symphonischen Opern mit Elektrogitarren und Bands, die sich in der Anzahl der Trucks überboten, mit denen sie auf Tour waren (Queen hatten angeblich vierzig und Pink Floyd noch zwölf mehr), hörte man jetzt haus- und handgemachte Musik, und dabei kam es darauf an, dass es auf nichts ankam. Ein Witz in dieser Zeit ließ einen jungen Mann sich in einem Instrumentengeschäft wegen eines Erstkaufs beraten, da er am Abend noch ein Konzert geben müsse.

Dazu kamen ein paar Liedermacher, die nicht mehr weinerlich die Abwesenheit von Frieden und die Anwesenheit von Krieg bezupften, sondern die durchaus mit Humor und Wut diese Welt beschrieben. Es gab Georg Danzer, Marius Müller-Westernhagen und vielleicht noch Udo Lindenberg, der vieles getan hatte, diese Tür zu öffnen, dabei aber in der Tür selbst stehen geblieben zu sein schien. Seit dieser Zeit kenne ich Manfred Maurenbrecher. Dass er einen Künstlernamen hatte, war eine klare Sache. Erstens Manfred und zweitens Maurenbrecher für einen Berliner Künstler, das war kaum subtil. Er legte ein bisschen zu viel Wert auf Melodien und sang ein bisschen zu genau, aber dafür hatte er wenigstens diese kleine Besonderheit bei der Aussprache, die dann wieder passte. Manfred Maurenbrecher war großartig.

Freddie Mercury und Rio Reiser sind tot. Trio gibt es seit zwanzig Jahren nicht mehr. Udo Lindenberg malt Bleistiftzeichnungen von Pos. Extrabreit, Geier Sturzflug und die Spider Murphy Gang treten in Mehrzweckhallen mit ihren alten Schlagern auf. Nena und Pink Floyd haben ein Revival. Marius Müller-Westernhagen hat es endlich geschafft, die Straße zu vergessen, von der er so lange sang. Nur einer ist übriggeblieben: Manfred Maurenbrecher. Dieser nicht besonders große, nicht besonders schlanke Mann hat es geschafft, sein Boot mitten im Wind zu halten. Dabei wirkt er nicht angestrengt, freundlich und vielsagend lächelt er unter seinem breitkrempigen Hut hervor. Hunderte hat er schon untergehen sehen, zerschellen an den Klippen der verschiedenen Verführungen, die das Schicksal den Seeleuten aufbürdet. Nur er ist vorbeigesegelt an Scylla und Charybdis, an den Sirenen und Kalliope, an Teufel und Klabautermann. Regelmäßig schreibt er neue Lieder, die ganz zweifellos von ihm sind, ohne dass jemals die Gefahr bestanden hätte, dass Maurenbrecher sein eigener Folklorist geworden wäre. Vollkommen desinteressiert an dem, was angesagt ist, schreibt er über Liebe, als wäre er der erste, der sich mit diesem Thema im Lied auseinandersetzt. Absolut interessiert an dem, was um ihn herum passiert, schreibt er politische Lieder, obwohl das doch gar nicht angesagt ist.

Manfred Maurenbrecher ist ein Gigant. Lassen wir uns nicht ablenken von den Lautschreiern des Tages, denen bereits am Abend die Stimme abhanden gekommen sein wird. Vollkommen verfehlt wäre Mitleid über ausbleibende Hitparaden-Platzierungen und fehlende Erwähnung in den bunteren Gefilden der Presse. Das ist, als würde man den Fallschirmspringer bemitleiden für seinen langsameren Weg zum Ziel im Vergleich zum frei Fallenden. Wir reden hier von einem nicht übermäßig sportlichen Mann, der einen der weitesten Langstreckenläufe in der Geschichte des deutschen Liedes unternimmt, ohne dass ein Ende abzusehen wäre. Hinter der Ziellinie, wenn das Rennen vorbei ist, über die Jahre gerechnet, die glücklichen Herzen zusammengenommen, den Faktor Charakter gebührend hineingerechnet, ist Manfred Maurenbrecher bestimmt der berühmteste Künstler unserer Zeit. Vollkommen frappiert, gänzlich überwältigt und ehrfürchtig erstarrt stehen wir vor dem Liederberg, den dieser Mann mit achtlosen Händen in der Landschaft auftürmt.

Das neue Album Glück passt perfekt auf die Spitze dieses fortschreitenden Gesamtkunstwerkes. Wir lernen Herrn Rosenow aus Parchim kennen, dem sein Berater in aller Freundlichkeit empfiehlt, doch mal die Hosen herunterzulassen. Ein alter Westberliner, der gern mal Auberginen-farbige Anzüge trägt, bringt endlich ein bisschen Kultur in die „Pampa, 10 km nördlich vom nördlichen Berliner Ring“, und der Ich-Erzähler berichtet in „Dumm fickt gut“ von der Schattenseite der Hochbegabung. Maurenbrechers Lieder sind Geschichten von tragischen Helden, lächerlichen Menschen wie uns, die nie der Lächerlichkeit preisgegeben werden, von der großen Liebe jenseits des ersten Verliebtseins und von der verdammten und schönen Kunst des Seins.

Wie es Manfred Maurenbrecher immer wieder gelingt, mit seiner entspannten, fröhlichen Lebensart unserer scheinbar atemlos schnellen Zeit immer wieder voraus zu sein, ist bislang unbekannt. Zu vermuten ist, dass es mindestens zwei Manfred Maurenbrechers gibt, die ähnlich dem berühmten Igelpaar aus dem Märchen dem abgehetzt ankommenden Zeitgeist hinter ihrem Klavier immer wieder ein fröhliches „Ich bin allhier!“ entgegenschmettern. Zwei Manfred Maurenbrechers – es würde so vieles erklären. Und beide sind der vermutlich berühmteste Sänger der Welt, da soll man sich mal nichts vormachen lassen.



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