Mein Bahnhof Jamlitz

Der Bahnhof Jamlitz war für mich immer ein Ort voller Leben. Dort wohnten nicht nur Bedienstete mit ihren Familien, dort waren oft Gleisarbeiter und andere Bahnhofsangestellte, aber auch viele sowjetische Soldaten zu sehen. Verwandte und Bekannte arbeiteten dort.

Man traf an Sonntagabenden stets frühere Mitschüler und Freunde an den Gleisen, die irgendwohin zur Lehre, zum Studium oder zum Armeedienst abfuhren. Auf den Rückfahrten war es ähnlich. Busse brachten ankommende Reisende nach Lieberose, manchmal war es auch ein Taxi. Kam man nachts an, ging man oft zu Fuß bis Lieberose.

Der Bahnhof war überaus sauber und ordentlich. Die diensthabenden Vorsteher achteten darauf, daß man nicht zu früh den Bahnsteig betrat. Zeitweilig mußte man sogar hinter einem Zaun mit Pforte warten, bis der Zug eingefahren war. Es gab sogar eine Gaststätte. Gegenüber den Gleisen war ein kleiner Hain mit dem Reichsbahn-Emblem, gestaltet aus farblich abgestimmten Blumen.

Neben dem Bahnhof entluden Sowjetsoldaten mit bloßen Händen Eisenbahnwaggons voller Braunkohlebriketts in bereitstehende LKWs. Sie entluden auch Militärgerät, LKWs und Panzer. In der Nähe befand sich als Sperrgebiet ein sowjetischer Truppenübungsplatz. Den spezifischen Geruch des Benzins, der Lederstiefel und der verschwitzten Soldaten vergesse ich nicht. Nur wenige Jahre nach dem Abzug der Sowjetarmee aus Jamlitz fuhren von dort auch keine Züge mehr nach Cottbus und Frankfurt (Oder).

Ich weiß nicht wann das war, aber in meiner Kindheit sagte einmal jemand im Bus kurz vor dem Bahnhof das Wort „Lager“ und wies mit dem Finger hinter die Fensterscheibe. Mein Blick sah nichts. Seitdem vermißte ich etwas, wenn ich dort vorbeifuhr, aus dem Fenster sah und nichts erkannte.

Ich erfuhr erst als Erwachsener, daß der Bahnhof in Jamlitz früher „Staatsbahnhof Lieberose“ hieß.

So hieß er auch in der nationalsozialistischen Zeit. Zu dieser Zeit wurde ebenfalls Militärgerät entladen in Jamlitz auf dem Bahnhof, auch Barackenteile und Baumaterialien. SS-Chef Heinrich Himmler bestimmte das Dorf Jamlitz zum Mittelpunkt des größten SS-Truppenübungsplatzes des sogenannten Dritten Reiches. Er reichte von Jamlitz bis Guben und in Nord-Süd-Richtung vom Schlaubetal bis an die Stadt Peitz.
Seit Sommer 1944 war der „Bahnhof Lieberose“ doppelt mit dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verbunden. Tausende jüdische Männer und Jugendliche aus ganz Europa wurden als Arbeitssklaven nach der Ermordung ihrer Familien in Güterwaggons nach Jamlitz in das KZ-Außenlager Lieberose gebracht, dem größten jüdischen Häftlingslager im Raum Berlin-Brandenburg. Seit August transportierte die SS die nicht mehr zur Arbeit fähigen erschöpften Häftlinge in Waggons zu den Gaskammern nach Auschwitz-Birkenau zurück und ermordete sie. Von den Rücktransporten nach Auschwitz erfuhren die Bahnmitarbeiter in Jamlitz. Der Bahnhof wurde durch riesige Entladerampen erweitert, wo Hunderte Häftlinge arbeiteten. Es gab eine besondere SS-Bahnhofskommandantur. Der umliegende Wald und die Fischerei in Jamlitz wurden von der SS mit KZ-Häftlingen bewirtschaftet.
Das Dorf wurde zu einem Ort der Shoa Mitten in Deutschland. Hunderte Häftlinge starben infolge der Arbeit. Durch ein Massaker an mehr als 1300 kranken Häftlingen Anfang Februar 1945 wurde das Lager aufgelöst. Einige Hundert Häftlinge transportierte die SS noch in offenen Güterwaggons vom Bahnhof Jamlitz in unbekannter Richtung ab, die anderen trieb sie auf einen Marsch nach Sachsenhausen, dem Hauptlager. Von den Massengräbern ist bisher nur eines 1971 mit ungefähr 600 Gebeinen in der Nähe von Jamlitz gefunden worden.

Kurz danach wurde das Dorf mit dem Lager zunächst Sammelpunkt für versprengte SS-Angehörige und nach der Befreiung für wenige Monate zum Auffanglager für geflüchtete und vertriebene deutsche Zivilisten aus dem Osten.

Das Lager wurde von Sommer 1945 bis Mai 1947 noch ein zweites Mal genutzt, als Speziallager der sowjetischen Besatzungsmacht für Deutsche ohne Verurteilung, die als Verantwortliche für den Nationalsozialismus angesehen wurden oder es tatsächlich waren. In dieser Zeit kamen ebenfalls Tausende Menschen als Gefangene in Güterwaggons am Bahnhof in Jamlitz an, aus den Speziallagern Bautzen und Fürstenwalde, oder sie wurden in die Lager Mühlberg oder Buchenwald gebracht. Jeder dritte starb im Lager. Die Massengräber mit mehr als 3000 Toten befinden sich in der Nähe des Bahnhofs.

Als Kind glaubte ich, das KZ-Lager habe sich in Lieberose befunden, dort wo noch heute das 1973 errichtete Mahnmal steht. Verwirrt war ich, als meine Mutter einmal sagte, einer ihrer Schulkameraden sei im Lager Jamlitz umgekommen. Damit war das sowjetische Speziallager gemeint. Nachgefragt habe ich nicht, um den Widerspruch aufzuklären.

13. März 2008

Andreas Weigelt lebt in Jamlitz- Lieberose ist Historiker und unterstützt das
KARUNA-Vorhaben „Jugendbildungs-und Begegnungsstätte Jamlitz-Lieberose“