Operative Phantasie am offenen Herzen

Unmittelbar, bloß und verwundbar präsentieren sich dem Betrachter die auf Leinwand gebannten Herzen der Berliner Künstlerin Jona Markgraf.

Als eine der fünf Wunden Christi steht das Herz für göttliche Liebe und die Herrschaft des Geistes über den Körper. In Bocaccios ,Decamerone' findet sich Ghismonda über das herausgerissene Herz ihres Geliebten trauernd. Und bis heute, ob in den Sand gezeichnet oder in Bäume geschnitzt, ist das Herz als Symbol des Sitzes der Seele allgegenwärtig. Medizinischer Forschung zum Trotz bleibt das den Menschen treibende Organ umgeben von Geheimnissen. Mysterien, die Jona Markgraf keine Ruhe lassen, die Inspiration und pulsierende Kraft aind für eine fortwährende malerische Erkundung des immer gleichen Objektes. Die Künstlerin spürt in ihren Arbeiten der Beziehung zwischen dem Herz und seinem Träger nach. So individuell wie die Menschen sind die Ergebnisse ihrer Suche. Die beharrliche Darstellung des Herzens in wechselndem Form- und Farbkanon gibt dem Betrachter unendlichen Raum, eigenen Gedanken und Empfindungen freien Lauf zu lassen.

Fühlt man sich nicht sofort an Jupiter erinnert, der sich im Liebeswahn in einen "Schwan" verwandelt, um seine angebetete Leda im Bade zu überraschen? Ist nicht "Grip" Ausdruck von beklemmendem Gefühl, Verkrampfung oder Angst? Und kommt nicht "Big Red" in seinem Blutrot mit einer unbändigen Kraft daher, die an die Konzentration von Energie oder die zerstörerische Gewalt des Feuers denken lässt?

Den Assoziationen sind keine Grenzen gesetzt, und doch bleibt Jona Markgraf in ihrer sachlichen, fast medizinischen Darstellung des Herzens stets so dicht am Objekt, daß seine Realität immer auch die Realität assoziierter Symbolik umfasst. Die dem gesunden Herzen immanente Gleichmäßigkeit des Pulsierens wird aufgebrochen durch die Textur des Farbauftrages. Furchiges Öl verweist auf Spuren gelebter Zeit, ein milchiges Blau besänftigt aufbrechende Kraft.

Die zielstrebige Konzentration auf den immer gleichen Gegenstand zeitigt in Jona Markgrafs Malerei nicht Oberflächlichkeit oder Abdriften ins Belangslose, sondern eine gedankentiefe und gefühlsstarke Auseinandersetzung mit dem Herzen als Motor unseres Seins.

Und in der bloßgelegten Verwundbarkeit des Herzens liegt auch unsere Kraft, denn "Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert." (Friedrich Nietzsche)

 
Text: U. Unfug für MedReview 9/02
 

"The heart is the seat of man's soul and of his emotions". In the contemporary age of heightened rationalism and technology, this Aristotelian vision of the significance of the human heart may seem far overhauled. And yet, despite all medical expertise, there still remains an unconquered mystery surrounding this queen of organs. For the heart's so central importance to life prevents it from being reduced to mere mechanics. What is it that makes each heart so different? What is it that makes a heart feel…?

The idea that there may be a correlation between a person's heart and the dynamics of his or her individuality has been a guiding source of inspiration for Jona Markgraf's (he)artistic explorations.

The originality of these hearts is that they are not symbolic representations; they are not idealized or formalized happy or broken hearts, but instead real in their organic, multi-textured complexity and individual radiance. These hearts do not merely stand for the unique emotional or psychological realities they may represent: they are inseparable from those realities; they are the emotions themselves.

Confirmed in her fascination for mythologies of the heart by her concrete observations in operating theatres and at the dissecting tables of medical school, Jona Markgraf depicts hearts whose individual energy, and frequency of being, radiates not only within the body but, beyond the surface of the canvas, out into the surrounding world.

 
Text: A. Laagay anläßlich der Ausstellung zum ESC-Kongtreß 2002