


Wenn man Dublin in nördlicher Richtung verlässt, gelangt man
nach einer
Stunde zu einer merkwürdigen Ansammlung grauer Zementhäuser; die Türen
sind bunt gestrichen, und am nahen Meer verrosten alte
Jahrmarktsattraktionen: Mosney wurde 1948 als Ferienlager
eröffnet, in dem irische Familien ihrem Alltag entfliehen und sich
erholen konnten.
Wenn man Mosney heute besucht, findet
man eine völlig andere Welt vor, die allerdings noch immer mit dem
Thema Entkommen zu tun hat: Der ehemalige Ferienort dient heute als
Aufnahmelager für Asylbewerber aus der ganzen Welt. Hier warten
Asylanten oft jahrelang auf den Bescheid über ihren Asylantrag. Wie
reagieren diese vertriebenen, traumatisierten Menschen auf die neue,
fremde Umgebung? Und wie wirkt sich das lange Festgehaltensein an
diesem Ort auf ihre Hoffnungen und Pläne, auf ihre psychische
Gesundheit aus?
Das tägliche Leben in diesem globalen Dorf ist von der ständig
drohenden Abschiebung überschattet – niemand weiß, was der nächste
Augenblick bringen wird. Ist dies wirklich die richtige Einrichtung, um
einen Heilungsprozess in Gang zu bringen, oder werden hier nur neue
Traumata verursacht? Und wie beeinflusst diese Form der ’Gastlichkeit’
das Lagerpersonal, von dem ein großer Teil hier schon seit vierzig
Jahren arbeitet?
Die Filmemacher haben drei Jahre lang in
Mosney gelebt und das Vertrauen der Bewohner gewonnen, die ihnen ihre
Lebensgeschichten erzählt haben.
Langjährige Angestellte führen uns durch
das Lager, durch riesige, verlassene Küchen und entlang verwahrloster
Einzäunungen. Der erste Eindruck von den Asylanten wird uns durch die
Bilder der Überwachungskameras vermittelt. Die Identität dieser
Menschen ist unklar – wer sind diese schweigenden Personen, die über
das Gelände wandern?
Den Filmemachern gelingen persönliche
Gespräche, in denen die tragischen Dimensionen in den Einzelschicksalen
der Asylanten ebenso thematisiert werden wie Alltäglichkeiten des
Lagerlebens. Menschen aus dem Kongo, aus Kurdistan, Somalia, Sri Lanka
berichten, wie sie gezwungen wurden, alles aufzugeben, wie sie ihre
Heimat verlassen mussten, um in ein Land zu reisen, in dem sie
niemanden kennen. Und wir erfahren mehr über ihr traumatisches Warten –
über die Angst, die sich in diesem bizarren Niemandsland entwickelt.

Land: Irland 2008. Produktion: Still Films, Dublin. Regie: Nicky Gogan, Paul Rowley. Kamera, Schnitt: Paul Rowley. Ton: Dumnac Goulet. Musik: Dennis McNulty. Produzenten: Maya Derrington, Nicky Gogan, Paul Rowley. Mitwirkende: Patrick Hanlon, Michael Hughes, Dickson Vey, Samuel Edwards, Samuel Osho, Solomon Osho, Claude Ilunga Mashinda, Patrick McKenna, Ntsikelelo Duma, Abdul Hayy Nasseri, Fahim Ahmadyar, Bahroz Wakashi, Razwan Ali Aziz, Ismael Khudhri, Vida Afifra Frimpong, Jason Amphonsah Addai, Dolores und die Kinder und Jugendlichen von Mosney. Format: 35mm, 1:1.85, Farbe. Länge: 82 Minuten, 24 Bilder/Sekunde. Originalsprachen: Englisch, Kurdisch.
Uraufführung:
13. Februar 2008, Internationales Forum, Berlin.
Weltvertrieb: Still
Films, 69 Dame Street, Dublin 2, Irland. www.stillfilms.org
Verleih:
arsenal-berlin
Pressematerial
- www.kinopresseservice.de

Nicky Gogan, geboren am 1. Dezember 1969, schloss 1993 ihre Ausbildung am National College of Art and Design in Dublin ab. Sie begann ihre Laufbahn mit einer Reihe von Videoarbeiten. 1997 war sie Mitbegründerin der Dubliner Produktionsfirma ‘Sink Digital Media‘. Sie gründete das erste irische Digitalfilmprogramm für Kurz-, Animationsund Dokumentarfilme, ‘Wildlight‘. 2002 produzierte sie Paul Rowleys ersten Spielfilm As Láthair. SEAVIEW ist ihr Regiedebüt.
Paul Rowley
hat als Filmemacher und visueller Künstler über fünfundzwanzig
Kurzfilme und Videoinstallationen kreiert. Zu seinen
Ausstellungen in Galerien und Museen zählen u. a.
Re:mote in der
Photographers’ Gallery, London, Videonale im Bonner Kunstmuseum,
Bambi im ICA, Philadelphia, und Gravity Loop in der Butler
Gallery in
Kilkenny Castle (Irland).
Filme (Auswahl) 1995: Roadkill (zus. mit David Kennedy, 4 Min.). 1997: Pacific (5 Min.). 1999: Geisterseher (zus. mit David Phillips, 32 Min.). 2000: Plein Air (6 Min.). 2002: As Láthair (72 Min.). 2004: Microfiche: Diamond Trade (5 Min.). Entanglement (5 Min.). Latent Heat (4 Min.). Security Fugue (4 Min.). Personal Effort series (drei Loops à 30 Sek.). 2005: Some Americans (mit John und Tim Blue, 28 Min.). New works for solo piano (Video, 50 Min.). 2006: Gravity Loop (Video). Sonatas and Interludes (60 Min.). Berlin Filter (mit Gun Holmström, 7 Min.). 2008: SEAVIEW

Die Ungewissheit
des Lebens
Die Regisseure über den Film
Einfach ausgedrückt, versucht dieser Film Menschen eine Stimme zu
geben, die ansonsten nirgendwo gehört werden. Anfangs hatten wir einen
Spielfilm über Asylsuchende geplant. Unsere Recherchen führten uns nach
Mosney, wo wir im Hinblick auf die Entwicklung der Figuren und der
Handlung Asylsuchende interviewten. Nach kurzer Zeit wurde uns klar,
dass die eigentliche Geschichte in Mosney selbst zu finden ist: Dieser
Ort erwies sich als riesiger, surrealer Warteraum voller Menschen mit
unterschiedlichen Hoffnungen und Ängsten. Wir waren fasziniert von
diesem Ort, von seinem Wandel vom Ferienlager zum Asylantencamp.
Wir änderten unsere Planung und konzipierten den Film als
Dokumentarfilm, und zwar als Teil eines größeren Projekts. Wir
veranstalteten Videoworkshops mit Kindern und Erwachsenen in Mosney, in
denen die Grundlagen des Umgangs mit der Kamera und der Schnitttechnik
vermittelt wurden. Einige Passagen des Films wurden im Rahmen dieser
Workshops gedreht. Wir kümmerten uns darum, dass nicht mehr gebrauchte
Computer gespendet wurden, und installierten auf ihnen einfache
Schnittprogramme. Wir organisierten Konzerte für Rapper, die sich in
dem Lager zusammengefunden hatten, und unterstützten sie dabei, ihre
eigenen Musikvideos zu drehen. Wir leiteten ein gemeinschaftliches
Radioprojekt und haben inzwischen einige kontinuierlich stattfindende
Workshops installiert. Der Film ist gewissermaßen eine offene
Zusammenarbeit zwischen uns und den Bewohnern von Mosney und zugleich
ein Dokument der Zeit, die wir dort verbracht haben. Die ursprünglichen
Sujets unseres Films wurden im Verlauf der Zusammenarbeit zu aktiv
Mitwirkenden.
In dem Bemühen um einen kreativen und zugleich sozialkritischen Film
stützen wir uns auf unsere Erfahrung in den Bereichen Bildende Kunst,
Ausstellungen in Museen, Film- und Fernsehproduktion und Leitung von
Filmfestivals. Wir haben typische Talking-Head-Situationen
vermieden und stattdessen mit ausdrucksvollen Bildern und
atmosphärischem Sounddesign versucht, die Ängste der Asylsuchenden zu
vermitteln.
Große Teile des Films wurden mit einer Steadicam aufgenommen. Der
beständig umherschweifende Blick der Kamera nimmt uns mit in alle
Winkel des heruntergekommenen Lagers, zeigt uns die Wände, von denen
der Putz abblättert, und die fast verschwundenen
Jahrmarktreste, Erinnerungen an bessere Zeiten. Diese Bilder bilden
einen Gegensatz zu den Menschen, die wir in einiger Entfernung vom
Chalet zur Kantine und zurück laufen sehen, und zu dem eintönigen Auf
und Ab des Alltags in Mosney. Die Gegenüberstellung dieser visuell
reichen Sequenzen mit den sehr persönlichen Geschichten, die wir hören,
spiegelt die Isolation und die Ängste der Bewohner.
Elemente des Soundtracks sind in unterschiedlicher Weise miteinander
verbunden: Der Kameraton und der Originalton von den Drehorten und den
Workshops sind zu einem Soundtrack kombiniert, der sich fließend
zwischen den beiden Polen Musik und Originalton hin und
herbewegt. Die Schreie von Seemöwen gellen durch die leeren Hallen.
Der Wandel des ehemals grellen Ferienortes Mosney in ein Auffanglager
stellt einen unüberbrückbaren Gegensatz dar. Bis heute begegnet man der
Flüchtlingsbewegung weltweit mit großem Unverständnis.
Der Film dokumentiert die Ungewissheit des Lebens in diesem
Mikrokosmos, den Mosney darstellt, und findet darin Parallelen zum
weltweit aktuellen Thema der Massenmigration.
Paul Rowley, Nicky Gogan