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The Halfmoon Files
The Halfmoon Files

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INHALTThe Halfmoon Files

„Es war einmal ein Mann. Er geriet in den europäischen Krieg.
Deutschland nahm diesen Mann gefangen. Er möchte nach Indien zu-
rückkehren. Wenn Gott gnädig ist, wird er bald Frieden machen. Dann
wird dieser Mann von hier fortgehen.“

Knisternd verklingen die Worte von Mall Singh, gesprochen in einen
Phonographentrichter am 11. Dezember 1916 in der Stadt Wünsdorf
bei Berlin. Neunzig Jahre später ist Mall Singh eine Nummer auf einer
alten Schellackplatte in einem Archiv, eine unter Hunderten von Stim-
men von Kolonialsoldaten des Ersten Weltkriegs.
    Die Aufnahmen entstanden in einer einmaligen Allianz aus Militär,
Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie. In seiner experimentellen
Spurensuche THE HALFMOON FILES folgt Regisseur Philip Scheffner
diesen Stimmen an den Ort ihrer Aufnahme. Wie in einem Memory-
Spiel, das bis zum Ende unvollständig bleibt, deckt er Bilder und Töne
auf, in denen die Geister der Vergangenheit zum Leben erwachen. Spi-
ralförmig schrauben sich die Worte seiner Protagonisten ineinander.
Diejenigen, die den Aufnahmeknopf drückten an ihren Phonographen,
an ihren Foto- und Filmkameras, haben die offizielle Geschichte ge-
schrieben.
    Mall Singh und die anderen Kriegsgefangenen aus dem Halbmond-
lager sind aus dieser Geschichte verschwunden. Ihre Geister scheinen
mit dem Filmemacher zu spielen, ihm aufzulauern. Sie folgen ihm
auf seinem Weg, die Stimmen in ihre Heimat zurückzubringen. Doch
die Handlung der Geschichte entgleitet dem Erzähler. Und die Geister
lassen sich nicht vertreiben.

„Wenn ein Mensch stirbt, irrt er umher und wird ein Geist. Es ist die
Seele, die umherschweift. Diese Seele ist wie ein Lufthauch. Der Geist
ist wie die Luft, die uns umgibt. Er kann überall hingehen.“
Bhawan Singh, Wünsdorf 1917/2007


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CreditsThe Halfmoon Files

Land: Deutschland 2007

Produktion: Pong, Berlin

Regie, Buch, Ton, Schnitt, Produzent: Philip Scheffner

Kamera: Philip Scheffner, Astrid Marschall

Übersetzungen: Rubaica Jaliwala

Recherche Indien: Manak Matyani

Farbabstimmung: Matthias Behrens

Mischung: Kai Hoffmann

Postproduktion: Wave-Line, Berlin

Format: DigiBeta PAL (gefilmt auf MiniDV), 16:9, Farbe

Länge: 87 Minuten. Originalsprachen: Deutsch, Englisch, Hindi, Punjabi, Gurkha. 

Uraufführung: 16. Februar 2007, Internationales Forum, Berlin. 

Produktionswebseite; www.halfmoonfiles.de

Die Recherche zum Film wurde gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds Berlin. Realisiert mit Unterstützung durch ein Produktionsstipendium der Werkleitz Gesellschaft Halle (Saale). In Kooperation mit dem Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin und derStiftung Deutsches Rundfunkarchiv.

Pressematerial - www.kinopresseservice.de

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Biografie Philip Scheffner

Biofilmografie
Philip Scheffner wurde am 28. Mai 1966 in Homburg/Saar geboren
und lebt seit 1986 in Berlin, wo er als Filmemacher, Video- und Sound-
Künstler arbeitet. Bis 1999 war er Mitglied der Berliner Autorengruppe
und Produktionsfirma ‘dogfilm‘ (Jörg Heitmann, Bettina Ellerkamp, Ed
van Megen, Merle Kröger). 2001 gründete er zusammen mit Merle
Kröger die Medien-Plattform und Produktionsfirma Pong und arbeitet
seitdem verstärkt im Bereich experimentelle Musik und Klangkunst.

Filme (Auswahl) 
1995: Juristische Körper (Juristic Bodies; Co-Regie /co-directed by
Jörg Heitmann). 1996/97: Soap oder das Leben ist eine Seifenoper
(Life is a Soap Opera; Regie/directed by dogfilm). 1998/99: Plane-
ta Alemania (Regie/directed by dogfilm&companer@s). Mit fremder
Hilfe (Co-Regie/co-directed by Merle Kröger, Ed van Megen). 1999:
Workstation (Regie/directed by dogfilm). 2002: Scattered Frequencies
(Co-Regie/co-directed by Flor). 2003: a/c. ES Express (Co-Regie/co-
directed by Micz Flor, Merle Kröger). 2004: The Making of… My Brother
Nikhil (Co-Regie/co-directed by Merle Kröger). 2005: From Here To
Here (Co-Regie/co-directed by Madhusree Dutta). 2006: India in Mind
(Co-Regie/co-directed by Merle Kröger; Videoinstallation). 2007: THE
HALFMOON FILES.




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Über den FilmThe Halfmoon Files

Wenn es spukt
THE HALFMOON FILES ist ein Geschenk – ein großzügiges Geschenk und eine Einladung. Eine Einladung zum Reisen in ferne Länder, die dann doch ganz nah sind, zum Forschen nach etwas, was wir nicht erwartet haben, zum Hören auf die Geräusche einer alten Baracke oder einer Landschaft, die langsam aus dem Nebel auftaucht, und zum ganz genauen Betrachten der vielen möglichen Bilder einer Stimme.
Ein Film als Einladung, den Geistern zu folgen, und gleichzeitig eine
zurückhaltende und dennoch eindringliche Aufforderung zum Mitden-
ken. Anfangs zeigt sich alles ganz einfach und klar, aber bald werden
wir heimgesucht: von Geistern, von Stimmen, von vielen Geschichten
und schließlich von Strategien und der Macht der Geschichte. Am Ende
kommt alles ganz anders, und das ist auch gut so.
   Einerseits sind wir mitten im Ersten Weltkrieg und in Wünsdorf,
einer kleinen Stadt in der Nähe von Berlin. Hier befindet sich das
’Halbmond-Lager’, ein Sonderlager für feindliche Kolonialsoldaten. Wir
erfahren vom Ausruf des Djihad, des heiligen Krieges, als deutscher
Kriegsstrategie im Jahr 1914, und hören von kleinen und großen Ge-
schichten, die mit einer Postkarte beginnen. Diese Postkarte zeigt
eine Moschee, und sie hängt in der Kneipe ’Zum Zapfenstreich’ in
Wünsdorf, im Jahr 2006.
   2006 sind wir auch im Lautarchiv der Humboldt-Universität Berlin.
Aber zugleich befinden wir uns im Jahr 1914, in dem die Idee eines
Tonarchivs „sämtlicher Völker der Erde“ entsteht; bald darauf leitet
der Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen die ‘Königlich Preußische
Phonographische Kommission‘.
   Ab und zu sind wir auch in Indien. 1892 wird in dem nordindi-
schen Dorf Ranasukhi im Distrikt Ferozpur/Punjab der Sikh Mall Singh
geboren.
    „Am 11. Dezember 1916 um vier Uhr spricht Mall Singh einen
kurzen Text in seiner Muttersprache in einen Phonographentrichter.
Das Ganze dauert exakt eine Minute und zwanzig Sekunden.“ – Das
ist in Wünsdorf.
    Die Stimme des Filmemachers führt uns von Bildmaterial zu Ton-
material und lässt uns meist eine Zeitlang dabei verweilen. Diese
Stimme spricht nach dem ersten Anschein reduziert, faktisch, klar,
ohne Wertung. Nach einer Weile scheint das Gesagte jedoch Schwin-
gungen auszusenden und Spuren für den Zuhörer zu legen. Anhand
der Maßangaben der Innenarchitektur des Lautarchivs entwickelt man
ein Verständnis für die Tiefe und Fülle eines Archivs. Töne, Stimmen,
Knistern und Rascheln – neben, mit, hinter oder ohne Bild – eröffnen
Resonanzräume. Eine immer wiederkehrende Tonspur scheint schon
rein formal mit den Geistern in Verbindung zu stehen, denn auch hier
findet man gleichermaßen Latenz und Tiefe.
    Wer sind die Protagonisten des Films? Mall Singh, der als Soldat der
britischen Armee mit vierundzwanzig Jahren zum ersten Mal europäi-
schen Boden betritt? Bhawan Singh oder Motilal? Kaiser Wilhelm II.?
Wilhelm Doegen, der „Herr des Lautarchivs“? Frau Heyer, die auf dem
Areal des ehemaligen Gefangenenlagers lebt und nachts Geräusche
hört? Oder die schwarze Schellackplatte, die in der Sonne funkelt? Das
Weiß eines überbelichteten Dias, das 1995 in einer Holzkiste gefunden
wird? Oder die Peitsche aus dem Völkerkundemuseum, die nach den
Dreharbeiten zu einem Kolonialfilm verlorengeht? Das Wunderbare an
THE HALFMOON FILES ist, dass für alles Raum geschaffen wird.
    Durch die Individualisierung jedes einzelnen Bestandteils des Films
entstehen vielschichtige Denkräume. Alle Materialien sind gleichwerti-
ge Protagonisten beim Nachdenken über Fragen und beim Aufwerfen
neuer Fragen, alle sind Teil der Dramaturgie. Das Impliziertsein des
Filmemachers, der dadurch selbst zum Material wird, und die Übergabe
der Filmdramaturgie an das Material wird zur formalen Argumentation
gegen die Instrumentalisierung von indischen Soldaten als Statis-
ten im Kriegsprojekt. Das koloniale Vorhaben von Wissensproduktion
durch Vermessen, Nummerieren, Einordnen und Festschreiben sowie
das Zurschaustellen des Fremden wird unterlaufen – und zwar nicht
durch eine Gegendarstellung, sondern durch das Vorführen von Ge-
schichtlichkeit. Das filmische Reflektieren über mögliche Beziehun-
gen zum Archivmaterial führt so zu Erzählweisen, die unaufdringlich
und doch umso nachhaltiger unser Verhältnis zum Archiv und seiner
Geschichte beleben. Gleichzeitig wird hierdurch aus dem Blick auf
Indien eine Begegnung, bei der man sich auf halbem Wege entge-
genkommt.
    Dieses politische Moment: die Möglichkeit, gegenwärtiges Denken
mit Hilfe der Geister der Vergangenheit zu verändern, verbindet sich
hier mit dem politischen Potential des Kinos. THE HALFMOON FILES
nimmt das kinematografische Potential für unterschiedliche Zeitlich-
keiten an und erweitert es; Geschichte, Gegenwart und Zukunft kol-
labieren. Filmischer Mehrwert entfaltet sich aus der Herausforderung
an das Medium Film selbst. Die Suche auf dem Weg zum Film mindert
dabei nicht die jedem Medium eigenen inhaltlichen, materiellen und
sinnlichen Qualitäten, sondern lässt sie zu noch größerer Geltung
kommen. Eine mehr als neunzig Jahre alte knisternde Tonaufnahme
einer eindringlichen Stimme belebt ein Bild, das so schwarz ist wie
eine Schellackplatte. Eine Filmszene wird nacherzählt und spielt mit
unserer Erinnerung. Der zugleich handwerkliche und enigmatische Cha-
rakter einer Abfolge unbekannter Dias – Porträts indischer Soldaten
während des Ersten Weltkriegs – steht neben ruhigen Einstellungen
vom heutigen Wünsdorf. Ein fragmentarisches Erzählen, Erleben von
Geschichte und Betrachten des Lebens, das aber auch Verantwortlich-
keit beinhaltet: Kein Schnitt in diesem Film ist willkürlich.
   Daneben stellt THE HALFMOON FILES eine Herausforderung an das
Dokumentarfilm-Genre dar. Das dokumentarische Material animiert
uns zum Fabulieren, und unser Gefühl für das Reale wird bis an die
Grenzen des Vorstellbaren erweitert. Das Politische dieses Films liegt
gleichermaßen im Sehen, Hören, im sinnlichen Erfahren und im Den-
ken. Und auch ohne konkrete Vermerke über gegenwärtige politische
Strategien im Zuge von Geschichtsschreibungen merken wir sehr wohl,
dass es vielerorts spukt.
Nicole Wolf





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