SOBIBOR, 14 OCTOBRE 1943, 16 HEURES

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Inhalt
Ausgehend von einem Gespräch, das mir Yehuda Lerner 1979 gewährt hatte, als ich Shoah drehte, entstand der Film SOBIBOR, 14 OCTOBRE 1943, 16 HEURES - Ort, Tag, Monat, Jahr, Stunde des einzigen jemals gelungenen Aufstands in einem Vernichtungslager der Nationalsozialisten. In der Landschaft und an den Orten von heute, die immer noch dieselben wie damals sind, hat David, der nicht Gewalttätige, den ersten tödlichen Schlag geführt; er ist der Herold eines mythologischen Films und Meister einer sich steigernden Spannung bis zum letzten Bild, bis zu dem Augenblick, in dem die menschliche Ordnung wieder in Kraft tritt und wieder Freiheit herrscht. Claude Lanzmann

Der Regisseur über seinen Film
Sobibor ist in Shoah von entscheidender Bedeutung. Der Aufstand in dem Vernichtungslager wird im Film schon sehr bald von dem Polen Jan Piwonski erwähnt, der zu dieser Zeit Hilfs-Weichensteller am Bahnhof war. Piwonski war Zeuge der Errichtung des Lagers und der Ankunft des ersten Transports, der für die Gaskammern bestimmt war.
Aber anders als im Falle von Treblinka, Chelmno und Auschwitz-Birkenau gab es keine Aussage eines jüdischen Protagonisten über Sobibor.
Immerhin hatte ich lange mit Ada Lichtman und ihrem Mann gedreht, die dank des Aufstands fliehen konnten, und vor allem mit Yehuda Lerner, dem emblematischen Helden des Aufstands, einer erstaunlichen Figur, einem Menschen, wie man sehen wird, von unendlichem und unbezähmbaren Mut.
Der Aufstand von Sobibor konnte nicht nur eine Episode von Shoah sein. Er verdiente einen eigenen Film, verlangte, für sich allein behandelt zu werden. Der Aufstand ist tatsächlich ein paradigmatisches Beispiel für das, was ich in anderem Zusammenhang die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden genannt habe. Die Shoah war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sondern eben auch ein Massaker an Menschen ohne Verteidigung, die man während aller Etappen des Vernichtungsprozesses getäuscht hatte, bis an die Türen der Hinrichtungskammern. Es gilt eine zweifache Legende richtig zu stellen: die erste, die besagt, die Juden hätten sich ohne Vorahnung und ohne Misstrauen in die Gaskammern führen lassen, ihr Tod wäre 'sanft' gewesen, und die zweite, der zufolge sie ihren Henkern keinen Widerstand entgegengesetzt hätten. Abgesehen von den großen Aufständen wie dem im Warschauer Ghetto gab es auch in den Lagern und Ghettos zahlreiche Akte der Tapferkeit und der individuellen oder kollektiven Freiheit: Beschimpfungen, Verwünschungen, Selbstmorde, verzweifelte Angriffe. Es stimmt, dass eine tausendjährige Tradition des Exils und der Verfolgung die Mehrzahl der Juden auf die tatsächliche Ausübung von Gewalt nicht vorbereitet hatte, denn diese erfordert zwei untrennbare Voraussetzungen: eine psychologische Disposition und technisches Wissen, eine Vertrautheit im Umgang mit Waffen. Es war ein jüdischer Sowjetoffizier, Alexander Petscherski, ein Berufssoldat, der also mit Waffen vertraut war, der den Aufstand in einer Zeit von nicht einmal sechs Wochen plante, vorbereitete und organisierte. Petscherski, der Anfang September zusammen mit anderen Juden, ebenfalls Soldaten der Roten Armee, nach Sobibor deportiert wurde, hatte das Glück, nicht sofort in die Gaskammern geschickt zu werden wie seine übrigen Kameraden. Aus einer Menge von tausendzweihundert Personen, die diese Gruppe bildeten, selektierten die Deutschen ungefähr sechzig Männer, die sie für Schwerarbeit und Instandhaltungsmaßnahmen dringend brauchten. Sie sollten etwas später sterben, so wie die Schuster, Schneider, Goldsch miede, Wäscherinnen u nd auch einige Kinder, die seit Wochen oder Monaten in dem Teil des Lagers lebten, der 'Lager Nr.1' hieß (das 'Lager Nr. 2', wo sich die Gaskammern befanden, war das eigentliche Todeslager, es grenzte an das erste). Alle diese Arbeitskräfte, Sklavenarbeiter, die allein für die Nazis arbeiteten, wurden nach und nach liquidiert.
Alexander Petscherski ist nicht mehr unter uns. Andere Teilnehmer des Aufstandes leben noch verstreut an verschiedenen Orten der Welt.
Yehuda Lerner spricht hier für ihn und für die anderen, die Lebenden und die Toten.
Um diesen Film zu realisieren, wollte ich den Spuren Yehuda Lerners folgen. Ich bin also wieder nach Polen gefahren, nach Weißrussland, sogar nach Sobibor, wo ich seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gewesen war. Ich konnte sehen, wie viel Zeit vergangen war: Der Bahnhof ist noch heruntergekommener als früher. Ein einziger Zug fährt täglich zwischen Chelm und Wlodawa hin und her. Die Rampe, auf der mehr als zweihundertfünfzigtausend Juden entladen wurden, damals nur ein grasbewachsener Bahndamm, ist jetzt auf primitive Weise zementiert, um das Einladen von Holzstämmen zu ermöglichen. Immerhin hat die polnische Regierung vor fünf Jahren beschlossen, ein rührendes kleines Museum mit einem roten Dach zu errichten. Auch die Synagoge von Wlodawa, deren Hof noch 1978 als Parkplatz für Lastwagen benutzt wurde, ist heute ein Museum, umgeben von einem hübschen Park mit zartem Rasen.
Aber Museen und Gedenkstätten dienen dem Vergessen ebenso wie der Erinnerung. Hören wir die lebendige Stimme von Yehuda Lerner.

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Biofilmographie
Claude Lanzmann wurde am 27. November 1925 in Paris geboren. Er ist Medaillenträger der Resistance, Kommandeur des Ordre National du Merite, Ehrendoktor der Philosophie der Hebräischen Universität Jerusalem. Seit 1952 und seit seiner Begegnung mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir ist er ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift 'Les Temps Modernes', deren Direktor er heute ist.
Sein Film Shoah wird seit seiner Uraufführung 1985 als ein grundlegendes Werk und als großes kinematographisches Ereignis betrachtet. Er erhielt die höchsten Auszeichnungen und Preise auf zahlreichen Festivals.

Filme 1973: Pourquoi Israel. 1985: Shoah (Forum 1986). 1994: Tsahal (Forum 1995). 1997: Un vivant qui passe. 2001: SOBIBOR, 14 OCTOBRE 1943,16 HEURES.

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Credits

Land: Frankreich 2001. Produktion: Why Not Productions/Les Films Aleph/France 2 Cinema Production, mit Beteiligung von Canal + und France Television Images.

Regie, Buch: Claude Lanzmann.

Kamera: Caroline Champetier (2001), Dominique Chapuis (1979).
Schnitt: Chantal Hymans, Sabine Mamou. Ton: Bernard Aubouy.
Format: 35mm, 1:1.66, Farbe. Länge: 95 Minuten, 24 Bilder/Sek.
Sprachen: Hebräisch, Französisch.
Uraufführung: 13. Mai 2001, Internationales Filmfestival Cannes.
Verleih: Freunde der dt. Kinemathek, Berlin - www.fdk-berlin.de

 

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Druckfähige Fotos:

Foto 1 Yehuda Lerner

Foto 2

Foto 3

 

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Yehuda Lerner, die lebendige Stimme der Freiheit

(...) Was für eine Geschichte! Unzählige Geschichten umkreisen diesen Moment, aber man muss 'Geschichte' im Singular schreiben, denn - hier liegt die Stärke des Films - alle diese Geschichten verschmelzen in einem einzigen Moment: 'Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr'.
Dieser Moment basiert auf einer Erzählung aus Mut und Angst, aus strategischer Intelligenz und Zufall - der Erzählung, die Lerner 1979 Lanzmann vortrug, als dieser Zeugnisse aufzeichnete für das, was sein Hauptwerk werden sollte: Shoah. Damals hatte Lanzmann diese Zeugenaussage nicht in seinen Film aufgenommen; Shoah ist die Filmspur der Vernichtung, während die Aussage von Lerner geprägt ist von vitaler Kraft und einem ununterdrückbaren Freiheitsdrang.
Und da ist nun Yehuda Lerner. Er ist unglaublich schön, er hat ein großartiges Gesicht, das an Burt Lancaster erinnert, Augen und Hände von erstaunlicher Ausdruckskraft. Er ist da, zweimal: einmal in den Bildern aus der Zeit vor etwas mehr als zwanzig Jahren, und in den Tatsachenberichten, die fast sechzig Jahre zurückliegen.
Aus diesem Abstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit erwächst die Beschwörungskraft von Shoah. Diesmal sind zwar die Konstruktionsmittel reduziert, aber ihre Funktion wird noch vielfältiger durch die Hinzufügung eines doppelten Abstands. Zunächst gibt es den Abstand zwischen Lerners Erzählung und dem Verstehen dieser Erzählung: Sie wird nicht untertitelt, sondern von einer Dolmetscherin aus dem Hebräischen übersetzt. Eine weibliche Stimme folgt auf die männliche Stimme, und in diesem Abstand gewinnt das Außerordentliche in Lerners Erzählung Ausdruck. Lanzmanns aus dem 'off' gesprochene Fragen drängen sie zur Konkretheit: "Wie sah das Beil aus?", "Wie sah der Nazi-Offizier aus, den sie getötet haben?", "Um wieviel Uhr?", "Wie viele Fluchtversuche unternahmen Sie in anderen Lagern, vor der Deportation nach Sobibor?" (Acht!) Der zweite Abstand liegt zwischen dem Moment der Aufnahme dieser Bilder und heute. Heute sehen wir dieses so viel sagende Gesicht aus den siebziger Jahren, und die Distanz verleiht der Erzählung eine neue Tiefe, ein noch nicht vernommenes Echo. Heute ist Lanzmann, begleitet von seiner Chefkamerafrau Caroline Champetier, wieder an die Orte zurückgekehrt, die die Stimme von 1979 im Zusammenhang der Ereignisse von 1942 bis 1943 evoziert. "Ja, das ist der Ort", sagte der erste Zeuge in Shoah, Simon Srebnik. Das sind die Orte: der Umschlagplatz in Warschau, von dem aus die Deportationszüge abfuhren, die Wälder in Polen und Weißrussland, Majdanek, Minsk, die Schienen, der Bahnhof von Sobibor. In der einen Hälfte des Films entwickelt sich aus den Bildern der Realität von heute, dem Klang der Stimme von vor zwanzig Jahren und den Tatsachen von vor sechzig Jahren die Arbeit der Erinnerung - eine Arbeit des Denkens und der Emotion mit einem äußersten Grad kritischer Intensität. Ein Schwarm schwarzer Raben, eine Herde weißer Gänse sind mehr als nur Symbol - sie sind eine mythische Gewalt.
'Heute' bedeutet auch: nach Shoah, nach der Neuerfindung des Kinos in der Begegnung mit den Todeskammern. SOBIBOR, 14 OCTOBRE 1943, 16 HEURES nimmt ohne Frage einen Platz unter den großen Filmwerken ein, neben Chaplins The Great Dictator und To Be or Not to Be von Lubitsch. An diese Filme erinnert die unglaubliche und notwendige Genauigkeit des Plans für den Aufstand: Die jüdischen Deportierten bestellten die Nazi-Offiziere auf die Minute genau, in ganz geringen Abständen, um sie zu töten.
Der Film besteht aus vier Teilen. Die beiden Hauptteile von gleicher Länge (jeder dauert etwas weniger als fünfundvierzig Minuten) bestehen zunächst im Wesentlichen aus Bildern, die heute als ein Echo auf Yehuda Lerners Off-Stimme gedreht wurden, und, nach dem Betreten des Lagers, aus Lerners Gesicht, der erzählt. Aber diese Bestandteile sind eingefügt zwischen zwei weitere Teile, die zwar kurz sind, aber nicht weniger bedeutungsvoll. Beide bestehen aus Texten, die über die Leinwand laufen und die von Lanzmann vorgelesen werden - im gleichen Moment, in dem sie projiziert werden. Der erste Teil ist ein Text, in dem die Bedingungen erklärt werden, unter denen das, was man gleich sehen wird, realisiert wurde; Lanzmann spricht über die Stellung dieses Films in seinem Gesamtwerk, er erklärt den Sinn jenes 'paradigmatischen Beispiels', der 'Wiederaneignung der Kraft und der Gewalt durch die Juden', und unter welchen Bedingungen eine solche Tat stattfinden konnte. So stellt er seinen Film auf klare Weise in eine lange historische Perspektive, die sich bis heute fortsetzt, und der sich sein Film Tsahal vor einiger Zeit auf andere Weise zu nähern versuchte. Aber - und das ist eine der konstanten und wesentlichen Qualitäten der Arbeit des Filmemachers Lanzmann - er schließt ihn niemals in eine eindeutige Beweisführung ein. Im Gegenteil, er setzt die Kraft der Zeichen frei.
Am Ende des Films erscheinen auf der Leinwand die Daten und die Herkunftsorte aller Transporte in die Gaskammern von Sobibor und, sofern diese Daten vorliegen, die Zahl der Personen, die dorthin transportiert wurden, um getötet zu werden. Die Gesamtzahl beträgt, soweit bekannt, mehr als zweihundertfünfzigtausend. Diese statistischen Angaben werden wie ein schmerzliches Totengebet gesprochen;
dieser Moment versetzt den Film sowohl in die Realität der Fakten wie in den Mythos - im Sinne einer Erzählung über die wesentlichen Dinge, die die Menschheit braucht, um die Welt zu bewohnen. Ausgehend von dem, was er 'die lebendige Stimme' Yehuda Lerners nennt, erschafft Lanzmann die lebendige Erinnerung.
Jean Michel Frodon, in: Le Monde, Paris, 17. Oktober 2001

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Interviews - etc.

in der Taz im Falter

Arnaud Desplechin über den Film

(...) Der Film lebt im Kino. Ich möchte, dass er sich in den Zuschauern festsetzen kann, so wie in mir. Es ist ein fröhlicher Film und zugleich ein Film von unendlicher Traurigkeit, ein Film, der mir große Kraft gibt. Sie werden in ihm Landschaften sehen, die manchmal heiter sind, manchmal mit Frenesie gefilmt, und einen wunderbaren Mann. Eine Odyssee, und dann eine Ilias. Furcht erregende Vögel. Wenn man die poetische Kunst Lanzmanns beschreiben wollte, so braucht man nur an das Bild der Raben von Majdanek zu erinnern, an denen Lerner vorbeikommt; und, in Sobibor eingetroffen, an die Gänse, die ihnen antworten... Oder an die schneidende Hand, die sich erhebt, begleitet von einem Kameraschwenk. Dieser Beilhieb - was zerteilt er, was zertrennt er, und was spaltet er plötzlich in uns? Oder vermag er zu versöhnen, wieder zusammenzufügen, was unwiderruflich zerbrochen schien? Wollte man solche Bilder als ambivalent oder symbolisch bezeichnen, so würde man sich doppelt irren. Dies sind klare Filmeinstellungen, zugleich rätselhaft und durchsichtig. Die erhobene Hand, der Waldrand, an dem der noch kindliche Held einschläft - diese Einstellungen werden uns unser Leben lang begleiten. Auch werden Sie im Zentrum des Films das Photo eines fast verblichenen Gesichtes sehen, Alexander Petscherski... Ein kleiner Schneider, der sich in einen Krieger verwandelt. Ein Humor a la Lubitsch, und ein kontinuierlicher Terror a la Fritz Lang. Ein Photo von einem Begräbnis, diese berühmten Archivbilder, die man uns um die Ohren schlug! Sie werden das Photo von einem Friedhof sehen, und eine Liste von Namen, ein atheistischer Kaddisch. Eine Art musikalisches Grabmal, für die Opfer von Sobibor. (...) In einem Interview sagte Lanzmann: "Die Augen sein, um etwas zu sehen, das jenseits der Grenzen des Blicks liegt." Das ist die schönste Definition von Kino, die man geben kann. Auf jeden Fall ist das ein Handwerk, das ich ausüben möchte. Dieser Satz erinnert mich an den Ausspruch von Jean Douchet, der mir einmal sagte, dass das Besondere einer Einstellung, eines 'richtigen' oder 'gerechten Bildes' darin besteht, dass es einem ein anderes Bild 'verspricht'; dass im Innern eines Bildes, einer Einstellung immer das Versprechen eines anderen Bildes eingeschlossen sei. Jede Einstellung, die Lanzmann gefilmt hat, ist voller Versprechen. Einige sind schrecklich, andere trösten uns. Deshalb berührt er uns im innersten Herzen, und deshalb ist er unser Meister - für so viele Filmemacher. Arnaud Desplechin

 

 

 

 

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