Jarmark Europa

[Inhalt] [Bioraphie] [Credits] [über den Film]

Inhalt
Der 'Jarmark Europa' im Stadion 'Dziesieciolecia' in Warschau ist einer der größten Basare in Osteuropa und Zentrum eines Kleinhandels, der in keiner Handelsbilanz auftaucht. Die Händler- Innen kommen aus den verschiedensten Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Sie transportieren ihre Waren in den berühmten Tragetaschen nach Warschau oder in andere Städte westlich der Grenzen der ehemaligen SU. Auf Russisch werden sie 'Tschelnoki' genannt. Das Wort 'Tschelnok' bedeutet Weberschiffchen und beschreibt anschaulich den unsteten Lebensstil der Händler- Innen. Meist haben sie ihre bürgerliche Existenz gegen ein Leben in ständiger Bewegung zwischen ihrem Heimatort und dem Basar eingetauscht. Viele von ihnen sind AkademikerInnen, die zu wenig verdienen, um davon leben zu können, andere sind arbeitslos oder in Rente. Die 'Tschelnoki' sind UnternehmerInnen der ersten Stunde in einer sich verändernden Gesellschaft. Es fällt auf, dass besonders viele Frauen auf diese Weise das Einkommen ihrer Familien sichern. Jarmark Europa erzählt von Kaleria Michajlowna, der ehemaligen Leiterin einer Poliklinik in ihrer Heimatstadt Penza, 700 km südöstlich von Moskau; sowie von Swetlana Anatoljewna, die aus Brest, der Grenzstadt zwischen Weißrussland und Polen kommt und früher eine angesehene Musiklehrerin war. Der Film begleitet Kaleria und Swetlana auf ihren Reisen, zu Hause und auf dem Basar und betrachtet die Auswirkungen der Osterweiterung der EU aus der Sicht jener, die draußen bleiben.

zurück nach oben


Bioraphie

Minze Tummescheit wurde am 7. Oktober 1967 in Lima, Peru, geboren. Sie studierte Experimentelle Filmgestaltung an der Hochschule der Künste Berlin und arbeitet heute als Filmemacherin, Kamerafrau und Cutterin. JARMARK EUROPA ist ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm.

zurück nach oben

 

Credits

Land: Deutschland 2004. Produktion: cinéma copains, Berlin. Regie, Buch, Schnitt: Minze Tummescheit. Kamera, Realisation: Minze Tummescheit, Arne Hector. Ton: Arne Hector, Johanna Olausson, Mirjam Junker. Dolmetscherin: Ina Kowaltschuk. Produzenten: Minze Tummescheit, Arne Hector, Benjamin Drechsel. Format: Digi Beta PAL (gedreht auf DVCam und 16mm), 1:1.37, Farbe. Länge: 124 Minuten, 25 Bilder/Sekunde. Sprachen: Russisch, Polnisch, Deutsch. Uraufführung: 12. Februar 2004, Internationales Forum, Berlin. Weltvertrieb: cinéma copains, Schönhauser Allee 58a, D-10437 Berlin.
Verleih: Freunde der dt. Kinemathek

Pressematerial: www.kinopresseservice.de


zurück nach oben

Minze Tummescheit über ihren Film

Der  Jarmark Europa  im Stadion  DziesiÍciolecia  in Warschau ist einer der größten Basare in Osteuropa und Zentrum eines Kleinhandels, der in keiner Handelsbilanz auftaucht. Die HändlerInnen kommen aus den verschiedensten Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Sie transportieren ihre Waren in den berühmten Tragetaschen nach Warschau oder in andere Städte westlich der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion. Auf Russisch werden sie  Tschelnoki  genannt, womit ihre Bewegung beschrieben wird.  Tschelnok  bedeutet Weberschiffchen. Sie haben ihr meist bürgerliches Leben gegen ein Leben in ständiger Bewegung zwischen ihrem Heimatort und dem Basar eingetauscht. Viele von ihnen sind AkademikerInnen, die zu wenig verdienen, um davon leben zu können, sie sind arbeitslos oder in Rente. Die  Tschelnoki  sind UnternehmerInnen der ersten Stunde einer sich verändernden Gesellschaft. Es fällt auf, dass besonders viele Frauen als Händlerinnen das Einkommen ihrer Familien sichern.
Über zwei von ihnen erzählt der Film und über mich und wie dieser Film entstanden ist. Kaleria Michajlowna ist in ihrer Heimatstadt Penza, siebenhundert Kilometer südöstlich von Moskau, eine geachtete und bekannte Persönlichkeit. Sie war Leiterin der Poliklinik. In dieser Position gehörte sie zur politischen Elite ihrer Stadt. Für sie und ihre Generation wirkt der Schock des Zerfalls der Sowjetunion und des ganzen Systems noch nach. Die Intelligenzia, die innerhalb des Systems gearbeitet hat, hat von der Perestroika nicht profitiert, im Gegenteil. Jetzt ist Kaleria Rentnerin. Einmal alle zwei Monate reist sie mit ihrer Freundin Valentina nach Warschau. Dort verkauft sie gebrauchte Uhren, Päckchen mit Vanillin, Henna, Pfeffer, Kugellager, Putzschwämmchen - alles, was in Penza so gut wie nichts kostet und sich deshalb mit Gewinn in Polen verkaufen lässt.
Swetlana Anatoljewna kommt aus Brest, der Grenzstadt zwischen Weißrussland und Polen. Nachdem sie im Zuge der Perestroika ihre Stelle als Musiklehrerin verloren hatte, versuchte sie zunächst, wie so viele andere auch, mit dem grenzüberschreitenden Kleinhandel nach Polen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Um sich die Langeweile beim Warten auf Kundschaft zu vertreiben, hat sie gelesen. Langeweile macht einen großen Teil der Arbeit auf dem Basar aus. Die anderen Händler haben sich mehr für ihre Bücher interessiert, als die Polen für ihre Waren. Und so kam sie auf die Idee, aus ihrer Leidenschaft ein Geschäft zu machen, und eröffnete einen Kiosk auf dem  Jarmark Europa  mit einer großen Auswahl an russischer zeitgenössischer Literatur, Klassikern, Unterhaltungsromanen, russischer Musik und Videofilmen, die sie nicht nur verkauft, sondern auch verleiht. Ihre Bibliothek auf dem Basar hat sich zum lukrativen Dienstleistungsunternehmen für Tausende von russischsprachigen Händlern und Händlerinnen entwickelt, die von fünf Uhr morgens bis mittags um zwölf arbeiten und den Rest des Tages in engen Unterkünften die Zeit totschlagen müssen.
Der Film begleitet Kaleria und Swetlana auf ihren Reisen, zu Hause und auf dem Basar, und betrachtet die Auswirkungen der Osterweiterung der EU aus der Sicht der wirklich Betroffenen, nämlich derjenigen, die draußen bleiben. Während dieser Film entstand, gab es immer wieder Situationen, in denen ich keine Aufnahmen machen konnte: Zum Beispiel an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen. Was dort wirklich passiert, ist für die Kamera nicht sichtbar. In Russland selbst, in den Zügen, auf öffentlichen Plätzen, sind immer wieder ausgewählt höfliche Männer in Zivil an uns herangetreten, um uns zu fragen, was und warum wir da filmen. Auch die Leute auf der Straße sind misstrauisch, besonders wenn ich die Kamera auf ganz unspektakuläre Dinge richte. Wir haben Zeit und Geduld und vor allem die Vermittlungsfähigkeiten von unserer Übersetzerin Ina für die Aufnahmen an öffentlichen Orten gebraucht. Kaleria und Swetlana haben es vorgezogen, bestimmte Dinge vor der Kamera weder zu sagen noch zu zeigen, und ich habe nicht darauf bestanden. Ich bin an so viele Grenzen gestoßen, dass ich mich immer wieder fragen musste, wie wichtig es ist, in diesem bestimmten Moment Aufnahmen zu machen. Und es fiel mir schwer, den möglichen Bildern, immer die Priorität einzuräumen. Das ständige  'njet'  hat mich und das Projekt in Frage gestellt. Mich vor allem: eine Filmemacherin, die in den eigentlich spannenden Situationen lieber nicht filmt. Die Strategien von TV-Reportagen wie Verpixelung von Gesichtern, Nachstellen von Szenen oder Herzeigen von verschlossenen Türen offenbaren nur die Unbeholfenheit des Mediums, wenn etwas nicht gezeigt werden kann. Mit Geld oder dem Fernsehen im Rücken hätten sich vielleicht viele Türen geöffnet, aber Geld gab es nicht, und das Fernsehen wollte sich auch nicht engagieren.
Ich musste nach einer Form suchen, die mir und den (finanziellen) Möglichkeiten dieses Projekts entsprach. Neben den konkreten Bildern über den Weg der Waren in den Taschen meiner Protagonistinnen habe ich mich entschlossen, im Film offen zu legen, wo die Grenzen waren, und die nichtgemachten Bilder zu erzählen, und so die Entstehungsbedingungen des Films mit einzubeziehen. Daraus hat sich eine Arbeitsweise entwickelt und daraus letztlich die Form des Films. Eine Form, in der die nicht gemachten Bilder so wichtig sind wie die gemachten, in der Bilder durch Worte entstehen, während die Leinwand schwarz bleibt, oder der Text von etwas erzählt, von dem die Bilder nichts wissen.
"Diese nicht gemachten Bilder habe ich vor Augen, wenn ich mich erinnere. Was ich aufgenommen habe, ist gleichsam abgelegt und damit vergessen. Die Bilder, die ich nicht gemacht habe, sind leuchtender und kraftvoller als alles, was ich jemals hätte machen können." 
(Zitat aus dem Film).

zurück nach oben





 

 

zurück