Die einzige Reaktion, zu der sich das abbasidische Kalifat angesichts dieses gefährlichen Zerfalls aufraffte, geschah im Zuge der Neuorganisation der Grenzgebiete durch Harun ar-Rasid, der aus Tunesien und dem östlichen Teil des heutigen Algerien die Provinz Ifriqiya als selbständige Grenzmark schuf und Ibrahim ibn al-Aglab damit betraute. Die Dynastie der Aglabiden stellte zwar, vom Westen gesehen, die Verbindung zum Osten her und repräsentierte die Hoheit des abbasidischen Kalifats, dem sie theoretisch untergeordnet war, gelangte aber in Wirklichkeit zu völliger Autonomie. So entglitt etwa von 800 an der ganze Westen der politischen Führung Bagdads.
Im neunten Jahrhundert wurde dann Sizilien erobert. Die
aglabidische Epoche brachte wirtschaftlich einen Aufschwung
mit sich, wie ihn Nordafrika seit der römischen Herrschaft
nicht mehr gesehen hat.
Am Anfang des zehnten Jahrhunderts gelang es den Fatimiden, die
Aglabiden zu stürzen. Die Fatimiden verweigerten dem
abbasidischen Kalifat den Gehorsam und erklärten sich
selbst zu Kalifen, was die spanischen Umaiyaden veranlaßte,
den gleichen Anspruch zu erheben.
Die Fatimiden verlegten nun ihren Sitz vom Maghreb nach Ägypten
in die neugegründete Hauptstadt Kairo.
Nach schwierigen Anfängen wird nun das islamische Spanien zum
wichtigsten Land des westlichen Islams, eines der wichtigsten der
islamischen Welt überhaupt und in einem gewissen Grad ein
zweiter Pol seiner Kultur.
Obgleich Bagdad auf arabischem Boden lag, schloß es sich der Irak
in vieler Hinsicht, vor allem politisch, an Iran am engsten an.
Im äußersten Iran vollzog sich die Loslösung von der
Zentralregierung schrittweise.
Im Iran blühte die Kultur besonders stark auf, man denke
an geistige Größen wie den Philosoph und Arzt
Ibn Sina (Avicenna).
Die Geschichte Arabiens ist für die weitere Entwicklung
völlig nebensächlich geworden. Es ist nur noch wegen
der Pilgerreisen interessant.
Schon um der Handelsbeziehungen willen war eine gute Beziehung
zu Christen und Juden anderer Staaten notwendig. Das war aber kein
Problem, da die Fatimiden ihre eigenen christlichen und
jüdischen Untertanen außerordentlich entgegenkommend
behandelten.
Diese Atmosphäre der Toleranz wurde durch das Zwischenspiel
- mehr war es nicht - der Regierung al-Hakims (996 - 1021),
des dritten Fatimiden Ägyptens, grausam gestört.
Von Anfang an erregten sein befremdliches, unberechenbares
Verhalten, seine nächtlichen Wanderungen, später seine
extreme Askese, Betroffenheit und Unruhe bei seiner Umwelt.
Zur Reinigung der Sitten traf er drakonische Maßnahmen:
Verbot aller vergorenen Getränke und bestimmter Speisen,
Verbot öffentlicher Lustbarkeiten, Verfolgung der Astrologen,
ferner Moralvorschriften, die soweit gingen, daß er
Männern den nächtlichen Ausgang und Frauen sogar jeden
Ausgang verbot und die Herstellung von Frauenschuhen untersagte.
Alle Zuwiderhandlungen wurden mit der Todesstrafe bedroht.
Plötzlich aber, während der Lockerungen dieser Verbote,
begann er mit einer grausamen Verfolgung von Juden und Christen (1008).
Er verbot ihnen Wein und Schweinefleisch und führte die
diskriminierenden Kleidervorschriften wieder ein, nach denen
die Juden z.B. eine Glocke um den Hals tragen mußten.
Diese Verfolgung ging bis zum Jahre 1013.
Hakim untewarf sich nun allen Forderungen strengster Frömmigkeit,
nahm kein Interesse mehr an der Regierung, vervielfachte die Almosen
und ritt auf einem Esel umher. Zu diesem Zeitpunkt traten zwei
Perser auf, Hamza und ad-Darazi, und verkündeten die Lehre,
daß Hakim die göttliche Vernunft verkörpere,
die höchste Inkarnation Gottes außerhalb seines
unaussprechlichen Wesens. Hakim förderte die Verbreitung
dieser Lehre und nahm grausame Rache an Aufständischen,
die sich dagegen erhoben hatten. Doch fand sie bleibende Anhänger
nur bei einer Gruppe der libanesischen Bevölkerung, die wir
nach Darazi noch heute die Drusen (Duruz) nennen;
sie leben jetzt in Hauran. Für Hakims Verhalten gibt es,
wenn man ihn nicht einen Wahnsinnigen nennen will, keine
einleuchtende Erklärung. So blieb denn auch sein Tod von einem
ungeklärten Geheimnis umgeben: er ging eines Abends fort,
trennte sich von seinen Begleitern und verschwand - vielleicht
wurde er das Opfer eines Mordes. Die Drusen jedoch glauben,
er sei "verborgen" und werde eines Tages wiederkehren.
Iran, Zentralasien und Irak
Die Bedeutung der asiatischen Länder, Chorasan und der Nordosten
Irans mit einbegriffen, kann für den mittelalterlichen
Islam kaum genug hervorgehoben werden. Ihnen verdankten die Abbasiden
den Aufstieg zur Macht und in der Folgezeit die Hauptkraft ihrer
Armee, einen Teil ihrer Verwaltungsbeamten und eine hervorragende
Zahl von Schriftstellern und Gelehrten. Die tragenden
Bevölkerungsschichten hatten sich endgültig mit einer Zukunft
im Rahmen der neuen islamischen Kultur abgefunden und waren bereit,
daran mitzuwirken.
Das arabische Asien (ohne den Irak)
In der gleichen Epoche, in der sich die politische Befreiung
des westlichen Iran vollzieht, bilden sich unabhängige
arabische Dynastien im westlichen Asien. Dies mag zwar paradox
erscheinen, aber es hing mit dem Zusammenbruch des
zentralisierten abbasidischen Systems zusammen: jede Region
nahm ihre Geschicke wieder selbst in die Hand.
Ägypten
Ägypten wurde zur stärksten Macht der arabischen Welt.
Es hat seine alte, antike Organisation immer beibalten und so
in der von dem Islam unterworfenen Welt immer sein eigenes Gesicht
behalten. Im neunten Jahrhundert war die Mehrheit der Bevölkerung
noch christlich, vor allem koptischer Konfession.
Die Geschichte des Islam