Wir sahen, wie die islamische Welt sich den mongolischen Angreifern gleichsam als Beute dargeboten hatte. Anders als die Türken, die halb islamisiert und schon vor ihrem Aufstieg zur Macht keine Unbekannten mehr waren, erschienen die Mongolen in den Augen der Muslime wie der Christen des Orients als Fremde und völlige Barbaren. Gewiß, einige dieser Christen hatten sich zu ihren Knechten und Helfern gemacht, und moderne Historiker haben Europa mit falschem Bedauern vorgeworfen, daß es die zur Vernichtung des Islams sich bietende Chance nicht zu nutzen gewußt habe. Sie vergessen dabei eines, daß nämlich das Blutbad, welches die Mongolen unter den Christen im östlichen Europa anrichteten, dem in nichts nachstand, das sie den Muslimen in Vorderasien bereiteten. Die vom Mongolensturm verschonten, außerhalb ihres Staates lebenden Muslime konnten denen nicht verzeihen, die sich als Nachbarn oder Untertanen zu Helfeshelfern des Volkes gemacht hatten, durch welches der Islam samt seiner Kultur beinahe ausgelöscht worden wäre. Die Bereitschaft zur Koexistenz, die sich den syrischen Franken gegenüber eingestellt hatte, wich nun einer wilden Entschlossenheit, sie zum Meere zurückzuwerfen; ihre armenischen Verbündeten vo Kilikien, die keine Zufluchtsstätte hatten, wurden nach und nach ausgerottet, die eingeborenen Christen, sändigem Mißtrauen ausgesetzt, wurden von nun an gedemütigt, so wie manchmal, wenn auch aus anderen Gründen, die Juden.
Freilich vollzieht sich in allen Nationen eine konfessionelle
Verhärtung, und das Europa der Inquisition hat dem Islam nichts
vorzuwerfen. Auch nach der Schwächung der Mongolen blieb im Orient
infolge des europäischen Wachstums der Argwohn gegen die
Glaubensgenossen der Italiener, Katalanen und Provenzalen, die
nun die Herren des Mittelmeeres waren, erhalten. Aber wir werden
sehen, wie schon die mongolische Herrschaft selbst auf ihre Weise
zum Verfall der nichtislamischen Gemeinschaften beiträgt.
Am Ende des Mittelalters sind die nichtislamischen Religionen
- die europäischen Gebiete des Osmanischen Reiches natürlich
ausgenommen - teils verschwunden, teils zur Bedeutungslosigkeit
herabgesunken.
Der Mittelpunkt der islamischen Welt ist nun Ägypten, das
durch das Militärregime der Mamluken eine gewisse Stabilität
erreicht hat. Die christlichen Fürstentümer werden nun
nicht mehr geduldet.
Dennoch kann sich ihr Regime nur ein dreiviertel Jahrhundert halten.
Durch die Entdeckung Amerikas am Ende des 15. Jahrhunderts wrid der
direkte Seeweg zwischen Portugal und Indien aufgenommen, was die
Wirtschaft des Mamlukenstaates tödlich trifft.
Im Jahre 1516/17 fällt ihr Staat den Osmanen zu, deren Herrscher
zu dieser Zeit Selim ist.
Von Ägypten aus findet die Verbreitung des Islams rings um
den Indischen Ozean ihren Abschluß, während die nordindischen
Reiche ihm den Zugang zum Subkontinent öffnen.
Mit außerordentlicher Kraft und Schnelligkeit vermochte sich
der iranische Islam wiederaufzurichten, und er zeigte sich der
ägyptisch-arabischen Vitalität durchaus ebenbürtig.
Gegen 1260 wurde das von den Mongolen eroberte Imperium in vier
Königreiche aufgeteilt: das Reich der Ilchane (der Nachkommen
Hülegüs) in Iran und Mesopotamien, die Reiche der
Goldenen Horde in Rußland udn der Cagatayiden in Zentralasien,
die für uns weniger bedeutsam sind; und das Reich in China,
von dem hier nur zu sagen ist, daß zu seiner Zeit infolge
der innermongolischen Beziehungen der Islam nach China eindrang.
Durch den Einfluß der Mongolen enstanden Handelsbeziehungen
von einem Ende Asiens bis zum anderen. Einer der bekanntesten
italienischen Kaufleute aus dieser Zeit ist Marco Polo.
Für Europa wurde der Blick für China geöffnet.
Angesichts des niedrigen Kulturniveaus der Mongolen mußten
die Überlebenden wieder da ansetzen, wo die Entwicklung
des geistigen Lebens zuvor unterbrochen worden war.
Im Iran kennt inzwischen, von einigen Spezialisten abgesehen,
niemand mehr das Arabische. Alle Werke sind in Persisch geschrieben.
Unter den Turkmenen entwickelen sich zwei Gruppen, die sich
in der zweiten Hälfte des 14. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts
die Herrschaft im östlichen Kleinasien streitig machen:
die "Weißen Schafe" und die "Schwarzen Schafe".
Dazu kommen religiöse Gegensätze: die "Weißen
Schafe" sind Sunniten, die "Schwarzen Schafe" Schiiten.
Der Staat der Cagatayiden hat von einem der Söhne Cingis-Chan
seinen Namen. Obwohl die alten islamischen Gebiete Transoxaniens
zu seinem Herrschaftsgebiet gehörten, war dieser Staat der
schwächste und kulturell wie wirtschaftlich rückständigste.
Auch hier unterwarf mit der Zeit der Islam sein Besieger, allerdings
in einer besonders veräußerlichten und dabei starren Form.
Hier wurde Timur Leng ("der Hinkende") geboren,
unter dem Namen Tamerlan weltweit bekannt und berüchtigt.
Dieser Mann, der sich - grausamer noch als Cingis-Chan - den Ruf
des größten Menschenschlächters der Geschichte erwarb,
war ungebildet und brutal, aber ein großer Heerführer.
Indem er mongolische Tradition mit Tugenden seines islamischen
Glaubens vereinigte, wußte er eine anfangs kümmerliche,
jedoch fanatisiert Armee zur Eroberung der Welt und Vernichtung
der politischen und religiösen Feinde mitzureißen.
Während der letzten Jahre des 14. Jahrhunderts verbreitete er
vom Innern Rußlands bis nach Nordindien, von den Grenzen Chinas
bis nach Syrien und Kleinasien Entsetzen und Tod. Seine Taten
beschäftigten die Phantasie der Welt; überall sprach und
schrieb man von ihm. Nicht nur seine iranischen und arabischen
Bibliographen aus dem Osten, sondern auch der westliche Muslim
Ibn Chaldun und der Gesandte Clavijo aus dem
christlichen Spanien schilderten seine Taten. Dennoch kann sich
sein Werk nicht mit dem Cingis-Chans vergleichen. Auch die ersten
Mongolen richteten zwar ungeheuere Verwüstungen an, aber sie
schufen doch ein Reich, das seine positiven Seiten hatte und eine
gewisse Zeitlang von Bestand war. Timur hinterließ nichts als
Ruinen. Wohl fühlte er, daß er zur Verherrlichung seines
Ruhmes eine glanzvolle Hauptstadt brauchte, und so deportiert er
eine gewaltige Zahl von Handwerkern und Künstlern aus den
eroberten Ländern, um seine Residenz Samarqand ausbauen und
prächtig schmücken zu lassen. Aber es konnte nur
eine künstliche Schöpfung werden, deren Lebensdauer
hundert Jahre nicht überschritt und mit dem Blut und den
Tränen des halben Orients erkauft war. Allenthalben gab
die sinnlose Zerstörung des Landes und seiner Ordnungen dem
Nomadentum und dem Autonomiestreben turmenischer Stammesorganisationen
so starken Auftrieb, daß nach Timurs Tod (1405) die Macht der
Nachfolger bald zerfiel.
Das Byzantinische Reich wurde schließlich durch das
Fürstentums Osmans eingekreist. Durch eine Art "Knabenlese"
schaffte es das Osmanische Reich, seiner Armee die nötigen
Kräfte zuzuführen. Im Jahre 1453 wird Byzanz
(Konstantinopel) von Muhammad Fatih eingenommen. Dies war
das Ende des tausendjährigen Oströmischen Reiches.
Unter der osmanischen Führung wuchs Kleinasien langsam wieder
zu einer Einheit zusammen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gelang
es den Osmanen, sich zu Herren in ganz Mesopotamien zu machen, und
1517 bereitete Selim dem Staat der Mamluken ein Ende. Seinen Sieg
verdankte er nicht zuletzt den überlegenen Feuerwaffen seines
Heeres, wohingegen die Mamluken den Aufbau einer Artillerie
vernachlässigt hatten. Unter Selim (1512-1520) und
Sulaiman (1520-1566) gelangte das Reich auf den Gipfel seiner Macht.
Als die Osmanen bis zum Jemen und nach Algerien vordrangen, lag die
Herrschaft fast der gesamten arabisch sprechenden Welt in ihrer
Hand, und die Eroberung von Rhodos (1522), Zypern (1570) und
Kreta (1669) brachte auch die Seefahrt im Mittelmeer unter ihre
Kontrolle.
Im Jahre 1492 erlag das Königreich Granada und fiel zurück
an das christliche Europa. Der Islam gewann jedoch neuen Boden
bei den primitiven Kulturen im schwarzen Afrika und auch in
Südostasien.
Schlußbetrachtung
Die Geschichte des Islam