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Große Pläne schmiedete die Europäische Filmakademie (kurz EFA) noch zu Beginn des Jahres '96. Wunder erwartete man nicht, und auch der Presse machte man nicht Glauben, dass sich Träume so von heute auf morgen realisieren lassen könnten. Doch seit der Generalversammlung im Frühjahr hat die Akademie viel erreicht. Mehrere Workshops wurden gehalten, zuletzt fand in London, zeitgleich mit dem Londoner Filmfestival, ein Symposium unter dem Titel „Strategies For Survival - The Challenge of Independent Filmmaking" statt. Die Mitgliederanzahl der Akademie verdreifachte sich in einem Jahr, und indem die Veranstaltung zum großen Preis der EFA, dem Felix, auf die Fernsehbildschirme zurückkehrte, näherte man sich auch dem großen Publikum wieder. |
![]() Johnny Depp in Jim Jarmuschs Dead Man (Foto: Christine Parry, Deutscher Verleih: Pandora Film) |
Mariann Jean-Baptiste & Claire Rushbrook in Mike Leighs Secrets and Lies |
Ursprünglich sollte die Veranstaltung gleichzeitig in Paris und Berlin stattfinden. Sogar Budapest, als dritter Ausstragungsort, war im Gespräch. Budapest hatte das nötige Geld nicht. Berlin bekam die Zusage zu seiner finanziellen Absicherung erst im September. Paris zog sich zurück, bot jedoch seine Hilfe an. So wurde der Felix in gleichen Teilen von dem Stiftungsrat der Deutschen Kassenlotterie Berlin, der Berliner Filmförderungsanstalt und der Pariser Centre National de la Cinématographie bezahlt. Der deutsch-französische Fernsehsender ARTE stellte seine technische Ausrüstung zur Verfügung. Im Austausch zeichnete ARTE die Veranstaltung auf, und brachte am Abend einen ganzen Themenabend über das Europäische Kino, in dessen Rahmen sie auch eine Zusammenfassung der Preisverleihung zeigten. |
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Berlin, 8 Dezember 1996. Lützowplatz, ein blaues Zirkuszelt, kaum zu übersehen. Die Preisverleihung fand in den Morgenstunden statt. Eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung schlängelte sich eine kleine Gruppe Filmschaffender und JournalistInnen in das Zelt. AutogrammjägerInne gab es nur eine Hand voll. Das blaue Zelt war doppelt so groß wie das Spiegelzelt im letzten Jahr, doch da die Zahl der geladenen GästInnen weit über dem Doppelten lag, wurde es schon ziemlich eng. (Für JournalistInnen der schreibenden Zunft gab es dieses Jahr keine ausgewiesenen Plätze. Das hat seine Vor- und Nachteile. Nur der innere Kreis vor der Bühne war mit Reserviertschildern belegt.) |
Ivan Filas Lea |
Emily Watson in Lars von Triers Breaking the Waves (Deutscher Verleih: Pandora Film) |
Bis zum Ende dieses Jahres wird die Akademie 300 Mitglieder zählen. Der exklusive Club der 100 hat sich geöffnet (neue Mitglieder). Aufnahme in die Akademie erlangt ein FilmschaffendeR nur durch eine Einladung. Vorraussetzung ist sein Verdienst um den Europäischen Film. Die EFA hat sich jedoch auch einem weiterem Feld der Filmwirtschaft geöffnet. ProduzentInnen und VerleiherInnen fanden in letzter Zeit Aufnahme, auch wenn das breite Publikum ihre Namen nicht kennt, sind sie ein unverzichtbarer Teil der Filmindustrie. Demnächst wird man Filmarchive und Filminstitute einladen. |
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Wim Wenders dreht gerade in den USA und so eröffneten die Veranstaltung die Schauspielerin Rosana Pastor (nahm letztes Jahr den Hauptpreis für Ken Loachs Land and Freedom entgegen) und der Produzent Nik Powell (The Crying Game), der „offizielle Optimist der europäischen Filmwirtschaft". Als letzter Gast hatte Johnny Depp Platz genommen, umgeben von den Kameras. Johnny Depp, das Beste, was der Europäische Film zu bieten hat? Man sollte jedoch wissen, dass Depp in den USA nicht ganz so beliebt ist, wie in der Alten Welt, und dass auch der Schauspieler (der gerade seine erste Regiearbeit, The Brave, fertiggestellt hat) sich in Europa wohler fühlt. Auch dreht er lieber mit europäischen, bzw. aus Europa stammenden Filmemachern, z.B. mit Emir Kustorica (Arizona Dream), mit Jim Jarmusch (Dead Man) und demnächst wird er in einem Film von Volker Schlöndorff mitspielen. |
Ian McKellen (mi) in Richard Longcraines Richard III |
Linda Henry & Ben Daniels in Hettie MacDonalds Beautiful Thing (Deutscher Verleih: MFA) |
Auch einen Preis für den besten Außer-Europäischen Film hat die EFA zu vergeben. Angesichts Johnny Depps war der Preisträger des Five-Continents-Awards keine Überraschung mehr. Jim Jarmusch´s Dead Man war der Gewinner. Jarmusch selbst konnte nicht kommen und so kamen seine beiden Hauptdarsteller, Johnny Depp und Gary Farmer (Nobody) nach Berlin. Damit war auch das Rätsel gelöst, warum sich auf einer Veranstaltung zum Europäischen Film eine Zeitung über die Aboriginies auf den Sitzen befand. Gary Farmer ist der Chefredakteur der Zeitschrift Aboriginal Voices und nutze die Chance, jeden geladenen Gast mit einem Exemplar zu beschenken. |
| Die nominierten Filme der diesjährigen Felix-Verleihung waren auch dieses Jahr wieder künstlerisch wertvoll, doch der Vorwurf nur schwer konsumierbare "Autorenfilme" aufzustellen, ist wieder einmal üble Nachrede und schlichtweg Quatsch. Jeder der sechs Nominierungen, drei in der Kategorie „Bester europäischer Film", bzw. „Bester junger europäischer Film" (bis auf eine Ausnahme) hat einen großen Verleih, ist bereits in den nationalen Kinos gestartet und mit Erfolg vom Publikum angenommen worden.In ersterer Kategorie hatten der Film von Mike Leigh Secrets and Lies und Lars Von Triers Breaking the Waves auch in Deutschland guten Zuspruch. Jan Sveraks Film Kolja ist in der Tschechei ein Publikumsrenner und wird demnächst in Sundance dem internationalen Publikum vorgestellt. Unter den Nominierungen des „besten jungen europäischen Filmes" befindet sich Beautiful Thing, der auf dem Gay and Lesbian Filmfestival den Hauptpreis eingeheimst hat. |
Jan Sveraks Kolja |
Terry Georges Some Mother's Son |
Auf dem Plakat des irischen Beitrages Some Mother´s Son von Terry George prankt bereits der Hinweis: „von den Machern von In the Name of the Father". Der Film ist in Deutschland noch nicht gestartet und auch in England hat ihn noch niemand gesehen, doch in Großbritannien erhitzten sich bereits die Gemüter um die Thematik. Der dritte Film auf der Liste heißt Lea von dem in Deutschland lebenden Tschechen Ivan Fila. Sein Film wurde bereits in Venedig, in Viareggio, auf den Hofer Filmtagen, auf den Festivals in Genf, Stockholm und Oslo gezeigt. Den ersten Preis der Veranstaltung ging an die beste europäische Schauspielerin. Die schwere Statue ging an die Britin Emily Watson für ihre Rolle der Bess in Breaking the Waves. Lars Von Trier hatte ihre Besetzung als ein Schicksalsakt genannt. Für Emily Watson, die vorher nur in einem TV-Film mitgespielt hatte, war die ihre erste Spielfilmrolle. Doch als Schauspielerin der Royal Shakespeare Company ist sie in Theaterkreisen keine Unbekannte. |
| Laut Protokoll wurden sodann der Preis für das beste Drehbuch vergeben. Diesen Preis teilten sich gleich drei: Arif Alev, Sergei Bodrov und Boris Giller für das Buch zu dem Film Kavkazskij Plennik - The Prisoner of the Mountains, ein russisch-kasachstanischer Film, Regie führte Sergei Bodrov. Der Fernsehsender ARTE stiftete den Europäischen Dokumentar-Filmpreis. Der ging an die zwei Polen Stanislaw Krzeminski und Jerzy Sladkowski. Die Zusammenarbeit der Dokumentarfilmer mit ARTE wird dann hoffentlich bald auf unseren Bildschirmen zu sehen sein. Eine wirkliche Überraschung war die Vergabe des Preises für ein Lebenswerk, dieser ging an Sir Alec Guiness (zuletzt zu sehen in Mute Witness). Dem älteren Publikum wird er seit dem Film The Bridge on the River Kwai, für den er auch einen Oscar erhielt, ein Begriff sein. Für das jüngere Publikum ist er Obi-Wan Kenobi in George Lucas Star Wars. Die Akademie zeigte den geladenen GästInnen jedoch zur Erinnerung einen Ausschnitt aus Kind Hearts and Coronets, in dem der Schauspieler gleich acht Rollen übernahm und die ModeratorInnen konnten sich einen Seitenhieb auf Eddie Murphys The Nutty Professor nicht verkneifen. Sir Alec Guiness konnte nicht nach Berlin reisen, so übernahm der britische Schauspieler Ben Kingsley die Auszeichnung in seinem Namen. |
Lily Taylor in Mary Harrons I Shot Andy Warhol |
Ken Loachs Gewinner des Hauptpreises 1995, Land and Freedom |
Der Preis für den besten Schauspieler wurden dem Briten Ian McKellen, seit 1991 auch Sir Ian McKellen, überreicht. Er erhielt diese Auszeichnung für seine Rolle des Richard III. McKellen wies darauf hin, daß Schauspieler immer auf gute Drehbücher angewiesen sind und er in einer ungleich vorteilhaften Position gewesen sei, stamme doch sein Text aus der Feder William Shakespeares. Das mag richtig sein, doch seine Interpretation des schurkischen Intriganten benötigte mehr Phantasie und Können als was die Vorgabe des Buches hergeben konnte. Den Preis für den besten jungen Europäischen Film wurde von niemand Geringerem übergeben, als Samuel Goldwyn Jr., der trotz seines fortgeschrittenen Alters stets ein waches Auge auf die jungen FilmemacherInnen hat und mit Neugierde und Spannung auf die Filme der Zukunft wartet. Am Abend vor der Preisverleihung hatte der Prodzent aus Hollywood der Akademie einen Vortag gehalten. Goldwyn Jr. produzierte und/oder vertieb in den USA Filme wie Stranger Than Paradise, Longtime Companion, The Wedding Banquet, Angels and Insects und I Shot Andy Warhol. Der Preis ging auf der Felix-Zeremonie 1996 an den irischen Beitrag Some Mother´s Son von Terry George. |
Die Stimme der Kritik sei ebenso wichtig, „was wäre der Film ohne die Kritiker?" fragte der Präsentator Klaus Eder. Aus dem Publikum kam natürlich keine Antwort, doch den Preis der internationen Vereinigung der KritikerInnen, den FIPRESCI-Preis, nimmt jede RegisseurIn, ProduzentIn gerne in Empfang. Der diesmalige Gewinner hieß Breaking the Waves, und, auch das war keine wirkliche Überraschung, der Hauptpreis der Akademie ging an Lars Von Triers Film.
Das nächste Jahr wird weitere Änderungen bringen. Nik Powell bekräftigte, dass auch der Academy Award namens Oscar gut 50-60 Jahre brauchte, um seinen Namen zu etablieren. Mit dem Felix könnte man dies in rund zehn Jahren schaffen. Das Ziel ist also gesteckt. Notwenig ist es, der Verleihung einen festlicheren Rahmen zu geben. Die Akademie ist dieser Aufgabe nicht gewachsen. Darum sucht man jetzt eine ProduzentIn, die die Verleihung veranstaltet, bzw. Partner aus dem TV-Bereich, die die Verleihung übertragen. Zu deutsch, der Felix wird privatisiert. Über die Ergebnisse werden wir dann 1997 berichten.
en, Berlin
copyroght: Queer View 1996
201-116 Spadina Avenue, Toronto M5V 2K6, Kanada.
In der Ausgabe Okt-Dez 1996 befindet sich ein Porträt über die Blues-Sängerin Jani Lauzon, ein Feature über die Maori Designerin Vicky Stark, über den Künstler Leland Bell, ein Artikel über die Yaqui Nation, ein Porträt über Robbie Robertson, eine Reportage über Nepal, bzw. Butan und diverse Rezensionen.
Stanislaw Krzeminski ist Produzent. Zusammen mit Jerzy Sladkowski arbeitete er an den Filmen: Tag für Tag (1974), Abiturienten (1975), Leben auf dem Dorf (1976), Morgen sind Ferien (1978), 24 Stunden im Leben (1979), Aral - der verschwindende See (1991), Dreieck des Todes (1990), Wildes Sibirien (1993-94) und Vendetta (1995). Für ARTE produziert er in Kürze den Film Tango und Wilder Osten, für das ZDF den Dreiteiler Herrscher des Ostens.
Jerzy Sladkowski wurde 1945 in Polen geboren. Seit 1982 lebt er in Schweden. Er studierte klassische Fhilologie, bzw. Journalismus mit dem Spezialgebiet Fotographie, Film und Fernsehen. In Polen arbeitete er als Reporter für das Fernsehen, und er drehte bzw. produzierte Reportagen und Dokumentarfilme. Seit 1983 arbeitet er für das schwedische Filminstitut, für das finnische, norwegische und dänische Fernsehen, seit 1993 auch für ARTE und das ZDF. Filmographie (Auswahl): Der Dirigent (1983), Der das Kreuz trägt (1986), Die ewigen Steine (1987), Das Gold aus Sierra Pelada (1987), Dreieck des Todes (1990), Der Lappe (1992), Vendetta (1995).