Simon Bonney

Vor zwölf Jahren verließ Simon Bonney Australien. Eine Weile verbrachte er in London, Berlin und Los Angeles. Jetzt bereist er die amerikanischen Staaten: "Travelin' On" ist sein Motto und das können wir ruhig wörtlich nehmen.

Seine Jugend verbrachte Bonney zum einen Teil in der Großstadt Sydney, zum anderen auf einer Farm, nahe der kleinen Bergstadt Deloraine, auf einer Insel südlich von Tasmanien. Ein abgelegener Ort, sein Ur-Ur-Urgroßvater entzog sich dort einer Gefängnisstrafe wegen Mordes. Simon Bonney verließ sein Elternhaus mit 14 Jahren. Später wollte er unbedingt in einer Band mitspielen, aber man ließ ihn nicht. Daraufhin gründete er seine eigene Gruppe: Crime & The City Solution nannte er sie. 1977, er war noch keine 18 und er sang im Stil von Lou Reed und David Bowie. Zu der Zeit lernte er die Geigerin Bronwyn Adams kennen. In einer zweiten Phase von Crime & The City Solution spielte sie dann mit und als seine Lebensgefährtin ist sie auch heute noch an seiner Seite. Mit seiner Band spielte er oft im Vorprogramm der Boys Next Door, der damaligen Band von Nick Cave. Als Nick Cave und seine Mannen nach London aufbrachen und dort die Formation The Birthday Party gründeten, da löste auch Bonney seine Gruppe auf. Er verfiel in manische Depression und längere Zeit befand er sich in ärztlicher Behandlung, allerdings sieht er die Sache heute als Fehldiagnose an.

1984 reiste Simon Bonney auf die Aufforderung von Mick Harvey, Nick Caves engem Musikerkollegen, nach London. Da sich The Birthday Party aufgelöst hatte, stand einer dritten Gründung von Crime & The City Solution nichts im Wege. Simon Bonney übernahm den Gesangspart, Epic Soundtrack setzte sich hinter das Schlagzeug, Mick Harvey bediente das Keyboard, Rowland S. Howard spielte Gitarre und dessen kleiner Bruder Harrry den Bass. Drei Platten spielte man gemeinsam ein, doch dann wanderte man gemeinsam nach Berlin aus und reformierte sich dort. Bonney und Harvey blieben der Gruppe treu, ihnen schlossen sich Alexander Hacke, Thomas Stern und Chrislo Haas an und ab dem Zeitpunkt kam auch Bronwyn Adams wieder zum Zuge. Von 1986 bis 1990 nahm man weitere drei Platten auf.

Bonney fühlte sich von jeher der einfachen, intimen Musik verbunden, die doch die Gegensätzlichkeiten des Lebens abdecken. So entdeckte er schließlich für sich die Country-Musik. Auf dem letzten Album von Crime & The City Solution Paradise Discotheque konnte die ZuhörerIn dies schon wahrnehmen. 1991 machten sich Bonney und Adams nach Amerika auf. Dort suchten sie vor Ort neue Musiker und mit diesen nahm Bonney sein erstes Solo-Album Forever auf. Es spielten z.B. Jon Dee Graham (ehemals True Believers) und J.D. Foster (Ex-Dwight Yoakam). Crime & The City Solution brachten noch ein Konzertalbum in die Plattenläden, aber de facto existierte die Band nicht mehr.

Nicht nur in seinen Songs beschwor Simon Bonney das Schicksal der Wanderer, dieses Leben lebte er auch. Nach Forever packte er alle seine Habseeligkeiten auf seinen Wagen und trat zusammen mit seiner schwangeren Frau und seiner kleinen Tochter die Reise über den amerikanischen Kontinent an. Everyman, das neue Album, in Amerika allerdings bereits vor zwei Jahren veröffentlicht, entstand auf den Highways. Es sind die Lieder der unermüdlichen Nomaden, die unterwegs sind und einen Platz für sich und Arbeit suchen, damit sie ihre Familien ernähren, dem Leben und den Dingen ein klein bisschen Sinn entquetschen können. Amerika ist voll von diesen Wanderern und nur für kurze Zeit rasten sie an einem Ort. Simon Bonney und seine Familie machte die Erfahrung, dass die Menschen miteinander auskommen wollen. Durch seine kleine Tochter hatte er auch einen ganz anderen Zugang zu seinen Mitmenschen. Diese sahen in ihm keineswegs einen Rockmusiker. Es ist doch etwas anderes, mit der Familie und allem Besitz in einem Auto unterwegs zu sein, als mit einer Band von Stadt zu Stadt zu reisen.

Everyman öffnet sich seiner ZuhörerIn nicht beim ersten Anhören. Den Country- und Blues-Einfluss hört man deutlich heraus, doch diesen Songs entnimmt man noch etwas ganz anderes: für Simon Bonney bedeutet die Wanderschaft und die Heimkehr ein und dasselbe. Everyman zieht sich in sechs Episoden durch das Album und rahmt die weiteren neun Stücke liebevoll ein. Jedes für sich erhellt das Wesen eines „everyman". Einen Song widmet Bonney Johnny Cash (A White Suit in Memphis), ferner enthält das Album zwei Coverversionen, von Willie Nelson und von Danny O´Keefe. Zwei weitere Stücke sind bereits veröffentlicht worden. Travellin´ On und All God´s Children befinden sich auf dem Soundtrack zu Wim Wenders Film In weiter Ferne so nah!.

en, Berlin

copyright: Queer View 1997

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